Zephyr - Teil I

„Hervorragende Arbeit, Zephyr. Ich bin begeistert.“, lächelnd betrachtete der bärtige Mann die goldene Kette in seinen Händen. Sie wog schwer und hatte eingefasste Saphire mit einem Rubin in der Mitte als Krönung. „Es ist mir immer wieder ein Vergnügen eine Arbeit für den König zu erledigen.“, erwiderte der angesprochene Zephyr und seine blauen Augen strahlten. Eigentlich war er Forscher und fertigte Reiseberichte an, doch beschäftigte er sich ebenso als Erfinder und Schmied, wie es sein Vater und sein Großvater vor ihm waren.
Der König blickte auf und schmunzelte. Er war hochgewachsen und sein langes dunkles Haar wetteiferte sich mit einem dichten Bart, der bereits ein paar graue Strähnen aufwies. „Lassen wir doch die Förmlichkeiten. Meine Königin ist eine Cousine von dir und nur weil sie mich geheiratet hat, bin ich noch kein König.“, meinte er ruhig und legte die Kette in die samtene Schatulle zurück. „Ihr, du, bist dennoch der König des Landes. Auch wenn der Weiße Thron offiziell nur von einer Frau bestiegen werden kann.“, Zephyr zuckte mit den Schultern, „Sie mag eine Verwandte von mir sein, jedoch über ein paar Ecken.“ „Gehen wir wieder?“, mischte sich eine dritte, kindliche Stimme in die Unterhaltung. Zephyrs Blick wanderte zur Tür, wo der Urheber der Frage stand. Ein junges Mädchen mit einem Zopf aus blauem Haar, gekleidet in das Gewand einer Priesteranwärterin und einem Stab, der eine Mondsichel trug. Ihre dunkelblauen Augen blickten ungeduldig und ihr Gesicht wirkte hart, obgleich es von Sommersprossen geziert war. Zephyrs Blick ging zurück zum König: „Darf ich fragen, wer deine Begleitung ist? Sie kommt mir bekannt vor.“ „Das ist Odins Mündel Ladira. Sie und ihre Schwester sind die letzten Erben des Grauen Thrones.“, erklärte dieser und meinte an Ladira gewandt, „Bald gehen wir. Sei nicht so ungeduldig. Lehrt dich dein Meister denn nicht Geduld zu wahren?“ „Schon, aber das ist langweilig. Ich verstehe auch nicht, warum ich so viel lernen soll. Pyrofera muss ja auch nicht so viel machen.“, folgte eine trotzige Antwort.
Zephyr lachte und fuhr mit der einen Hand durch sein kurzes rotbraunes Haar: „Gefällt mir, das Mädchen“ Der König warf Ladira einen mahnenden Blick zu, worauf diese ihm den Rücken zuwandte und auf die Straße hinaus blickte. „Du wolltest mich aber nicht nur wegen der Kette sprechen, nicht wahr?“, versuchte der Schmied das Thema zu wechseln. „Ja.“, der König raffte seinen purpurnen Mantel und durchmaß den Raum, um sich auf dem einzigen freien Stuhl niederzulassen. Wie konnte man hier nur arbeiten?, fragte er sich und ließ seinen Blick durch den Raum wandern. An den Wänden lehnten hohe Regale gefüllt mit Büchern, Schriftrollen, Glasern mit Tinkturen, Töpfen und Kästchen. Der Boden war bedeckt mit einer Mischung aus Stroh, Staub, weiteren Büchern, Papierstücken mit Skizzen, die wohl vom Tisch heruntergefallen waren. Ferner gab es an einem Ort des Raumes eine große Feuerstelle, die sich zum Schmieden eignete. Entsprechende Werkzeuge waren daneben an der Wand befestigt und es gab kleinere Tische voll seltsamer Apparaturen. Zephyr selbst räumte gerade einen zweiten Stuhl frei, der unter einem Haufen Leder und einer Kiste mit Halbedelsteinen verborgen gewesen war. Der König grinste. Man konnte wirklich schwer glauben, dass seine pingelige Gemahlin mit dem Haus- und Hofschmied verwandt war. Er hatte Zephyr die Kette in Auftrag gegeben, um ihre Laune etwas zu bessern, denn letzte Woche hat sie ein Kind geboren. Erneut ein Junge. Keine Erbin für den Thron. Er wusste, dass sie jedes ihrer drei Kinder von Herzen liebte und sich gut um jene kümmerte, doch langsam wurde sie mürbe, denn das Land brauchte einen Erben.
„Also, worum geht es?“, riss Zephyrs Stimme ihn aus seinen Gedanken. Er räusperte sich kurz, ehe er anhob: „Nun, es geht um eine Reise in die Außenwelt. Ich habe gehört, dass in dem heißen Land, das sie Ägypten nennen, ein neuer Herrscher den Thron bestiegen hat. Ein gewisser Amenophis III. hat die Regierung angetreten und sein Bestreben ist es offenbar den dort verbreiteten Amun-Kult einzudämmen.“ „Du willst, dass ich hingehe und mir ein Bild davon mache, was da vor sich geht, nicht wahr?“ „Es wäre wünschenswert, wenn wir mit ihm unsere diplomatischen Beziehungen am Laufen halten können. Unser Land ist abgeschottet genug und es kommt niemand rein, der nicht elensarisches Blut in sich trägt oder als Gast mitgenommen wird. Dennoch sollten wir uns nicht völlig von der Außenwelt abgrenzen.“, der König zuckte mit den Schultern, „Noch glaubt die Außenwelt an Götter und Magie. Odin meinte, dass dies bald enden würde.“ „Bald ist relativ. Wir rechnen die Zeit anders, weil wir anders altern.“, Zephyr lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und stieß einen Seufzer aus, „Na schön. Wann soll ich aufbrechen?“

Die Antwort lautete: sofort. Zephyr stand, nachdem der König und seine Begleitung gegangen waren, noch eine Weile in seiner Tür und blickte hinaus auf die Straße und auf die Stadt, in der er lebte. Es würde der letzte Abend sein, an dem er sie sah. Jedenfalls für eine längere Zeit, denn Ägypten lag ein gutes Stück weit weg von dem Ort, an dem er rauskommen würde, wenn er Elensar durch die Gänge verließ. Er fragte sich ja manchmal, ob er für diese Arbeit noch geeignet war. Er war nicht mehr so jung wie früher und wünschte sich langsam wirklich sesshaft zu werden. Zephyr schüttelte den Kopf leicht. Was die königliche Familie befahl, wurde durchgeführt und er wusste selbst genau, dass er einer der Besten war, die sie schicken konnten. Auch, wenn er aufpassen musste. Das letzte Mal, als er dort war, hatten die Leute gedacht, er wäre ein Windgott aus den Bergen.
Er schloss die Tür hinter sich und begann im Schein der Apparaturen, die mit leuchtenden Substanzen gefüllt waren, seine Tasche zu packen. Er nahm nie viel mit. Das Wichtigste war ein wenig Gold oder ähnlich Wertvolles, um zu handeln und um die eine oder andere warme Mahlzeit zu bezahlen. Somit war die lederne Umhängetasche rasch gefüllt. Er hängt seine Schmiedschürze an den Hacken und tauschte sie gegen Reisemantel und Hut. Um den Hals hängte er ein Amulett mit seinem Familienwappen: einem blauen Auge gefasst in Gold. Der Anhänger war von Generation zu Generation weitergegeben worden und war anders als das Wappen der königlichen Hälfte seiner Familie, die einen Baum als Zeichen trugen.
Ein letztes Mal noch sah er sich in seinem Zuhause um. Da war die Werkstatt als größter Teil des Hauses und der kleinere Anbau, wo er seine größeren Maschinen lagerte. Die Strickleiter, die in die oberen Räume führte, wo sein Bett stand, wo eine Kochstelle war, die kaum genutzt wurde, da er das meiste direkt über dem Schmiedefeuer zubereitete und wo zahlreiche Sachen ungeordnet herum lagen.
Etwas wehmütig, kehrte er dem allen den Rücken zu und trat durch die Tür hinaus, verschloss diese hinter sich. Nun lag der Weg vor ihm. Ein Weg, der endlos lang erschien. Seine Schritte führten ihn hinaus aus der kleinen Stadt und einen Bach entlang, der in die entgegengesetzte Richtung floss. Die Nacht brach herein und die Sterne zogen übers Firmament. Der Mond war noch nicht aufgegangen und es herrschte eine unheimliche Stille auf den Feldern, die er durchquerte. Allein der Wind sang sein einsames Lied und ließ die Blätter des Waldes am Hang des Gebirges tanzen. Es war dunkel und drehte er sich um, erblickte er in der Ferne die Lichter der Städte seiner Heimat. Noch weiter weg den hohen Turm der weißen Burg, der hell erleuchtet war, wie es jede Nacht üblich war, eine Woche lang, nachdem ein neues Königskind geboren worden war. Vor ihm jedoch war alles in Finsternis getaucht, die ihn zu verschlucken schien, als er schließlich den dichten Wald erreichte. Es führte kein Weg dran vorbei und sein Ziel lag dahinter, direkt an der Stelle, wo Wald und Erde in Fels überging. Eine der vielen hohen Felswände, die Elensar umgaben und schützten, Teile des Gebirges des Vergessens und Ort, wo einst Tunnel in den Stein getrieben wurden, um sich mit der Außenwelt zu verbinden.
Der nächtliche Wind war kühl und die Bäume hoch und bedrohlich mit ihren schweren belaubten Ästen. Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen und jeder andere, hätte wohl schmerzliche Erfahrung mit den Ästen oder den tükischen Wurzeln am Boden gemacht, doch Zephyr brauchte keine Lampe, keine Laterne, keine Fackel, um seinen Weg zu finden.

„Und was passierte dann?“, Sessys’ Stimme klang schrill an seine Ohren. Schrill und unerwartet. Er zuckte erschrocken zusammen. Die Erinnerung hatte ihn überkommen und nun war er wieder hier. Hier in seinem Wohnzimmer vor dem Feuer des Kamins und sah in die tiefblauen Augen seiner fünfjährigen Tochter. Augen, die ihn erwartungsvoll ansahen und er wusste, die Stunde war schon weit fortgeschritten, doch würde er keine von beiden ins Bett bekommen, denn auch seine zweite Tochter saß vor ihm am Boden und hatte ihn mit starrem Blick fixiert, als könne sie ihm so die Worte schneller entlocken. „Papa, was ist dann passiert?“, diesmal klang die Frage fordernder und er schmunzelte nur, beugte sich vor und zog seine Kinder näher zu sich. Die eine links, die andere rechts an seine Seite.
„Nun ja, meine kleinen Schätze, dann bin ich zum Portal gekommen, von dem ich euch schon mal erzählt habe.“, setzte er an und wurde je durch Sassy unterbrochen, die fragte, ob es den langen Tunnel vorm Portal auch wirklich gab, von dem er ihnen mal erzählt hatte. Der Tunnel, dessen Wände von Fackeln erhellt wurden und der golden glänzte...

Zephyr legte sein Amulett in die Mulde der steinernen Tür, die höher als ein lebender Mann in den Fels gearbeitet war. Sie war mit den Schriften verschiedener Sprachen verziert und den Zeichen der drei Königsfamilien Elensars in einem Wappen ganz oben. In der Mitte der Tür war der Baum des Lebens, auf dessen weitgespannten Ästen sich Schriften befanden und in seinem Stamm eine Mulde, in die Zephyrs Amulett perfekt passe. Mit einem Knarren begann sich die Tür nach unten zu schieben, tief in die Erde hinein. Sandiger Staub rieselte auf Zephyr hinab, denn er stand dicht davor und konnte es kaum abwarten, den Tunnel zu sehen. Es war nur einer von vielen, doch gehörte er zu den Schönsten, die Elensar hatte. Seine Hände waren schweißnass vor Aufregung und Faszination. Er lebte nun schon so viele Sommer und noch immer hatte er keine Antwort gefunden, wie das, was vor ihm lag, entstanden war.
Als die Tür sich vollends gesenkt hatte, gab sie den Weg frei auf einen finsteren, breiten Gang, wo ein Pferdekarren bequem hindurchpassen konnte. Ein Gang, der sich durch das Gebirge zog und im Augenblick so düster und unwirtlich schien, dass man am liebsten umkehren mochte. Zephyr trat mit klopfendem Herzen ein. Es war für keinen Elensarian leicht, in diesen zu treten, denn er war alt, sehr alt und die Geister aus vergangenen Tagen waren deutlich zu spüren. Er wartete auf der anderen Seite der Schwelle, bis die Tür sich wieder nach oben bewegte und den Eingang versiegelte, denn erst dann konnte er weitergehen, so wollte es das alte Gesetz, dessen Urheber keiner mehr beim Namen kannte.
Ein Krachen war zu vernehmen, da die Steintür einrastete und den Ort versiegelte. Es gab kein Zurück mehr, nur ein Vorwärts. Zephyr legte sich das Amulett wieder um und sah gespannt zu, wie der Tunnel immer heller wurde, bis er schließlich hell erleuchtet war durch Fackeln, die an den Seiten befestigt waren und golden glänzte. Die Wände waren so glatt und der Weg auf dem er ging bestand aus Platten mit einer leichten Sandschicht darüber. Jene war ebenso glatt wie die Wand. Es gab kein Anzeichen darauf, das jemals ein Wesen durch diesen Tunnel gewandert war. Alle Spuren, die er hinterließ, verschwanden hinter ihm. Faszination stand in seinen Augen, da er die Decke begutachtete. Sie war prachtvoll gestaltet. Er wusste mittlerweile, das es kein echtes Gold war, das dort in den Fugen zwischen eingelassenen Steinen schimmerte, doch noch immer verzauberte es ihn so sehr wie am ersten Tag als er den Tunnel betreten hatte. Damals noch zusammen mit seinem Vater. Die Steine in den Farben eines Regenbogens glänzten im Schein der Fackeln. Sie waren da, um ihn auf seinem langen Weg nicht vergessen zu lassen, dass die Welt bunt war.
Er wusste nie, wie viele Stunden oder gar Tage er wirklich an diesem Ort verbrachte. Er wusste nur, dass er einzig und allein das Knistern der Fackeln und das Geräusch seiner eigenen Schritte vernahm, egal, wie weit er bereits gegangen war. Müdigkeit, Hunger und Durst waren an diesem Ort fremd. Es lag ein uralter Zauber in der Luft, der einen weitergehen ließ ohne Halt zu machen.
Zephyr wusste auch, dass er irgendwann das andere Ende erreicht hatte, denn plötzlich stand er vor einer kahlen Mauer. Eine Sackgasse nach einem langen Marsch. Er streckte die Hand aus und legte diese sacht an den kühlen Fels. Sogleich spürte er wie die Wand unter seinen Fingern zitterte und sich in Bewegung setzte. Ein scharfes, kühler Wind schoss an ihm vorbei, zerzauste sein Haar und blies in den Tunnel zurück, löschte alles Licht darin aus. Keiner hatte ihm je sagen können, woher der Wind kam. Einen Augenblick noch stand er im Dunkeln, ehe er auf die andere Seite gehen konnte und sich, statt in seiner Heimat, am Fuße eines Berges wiederfand. Die Sonne ging gerade auf und Zephyr blickte hinab ins noch ferne Tal mit seinen dornigen Büschen, Feldern, Flüssen und Bächen.
Hinter ihm war die Tür verschwunden als wäre sie nie dagewesen.

Das Feuer im Kamin prasselte und Zephyr lehnte sich zurück, strich mit der Hand über seinen Bart. Draußen vor dem Fenster war die Nacht hereingebrochen und der Mond ging als blasse Sichel auf. Die kalte Luft draußen und das Geräusch eines aufkommenden Windes, der den Sand der Wüste aufwirbelt. Er liebte dieses Land mit seinen brennend heißen Tagen und den eisigen Nächten. Hier hatte er sie gefunden und hier hatte er ihr ein Haus gebaut, in dem sie ihm seine beiden Töchter schenkte, die zu beiden Seiten an ihn gekuschelt lagen. Die großen blauen Augen, blau wie die seinen, blickten noch immer ohne eine Spur von Müdigkeit zu ihm auf, gefesselt von seiner Erzählung. Sein Blick wanderte zu der Person ihm gegenüber. Da saß sie und arbeitete unermüdlichen an einem Webstuhl. Sie schien seinen Blick zu spüren, denn sie drehte sich zu ihm um und schenkte ihm eines ihrer bezaubernden Lächeln. „Sherine, Liebste, wie kann ich diesen großen Augen widerstehen? Sie sollten längst zu Bett.“, fragte er sie hilflos, „Die Nacht schreitet unermüdlich voran und ebenso wach wie der silbere Mond scheinen unsere Kinder zu sein.“ „Und? Sie sind so wach wie ich damals, als du mir von deiner Heimat erzähltest.“, erwiderte sie mit ihrer warmen Stimme und bat ihn dann fortzufahren.

Der Weg ins Tal hinunter war lang und hart gewesen und als er endlich die nächste Stadt antraf, waren seine Vorräte längst aufgebraucht. Er stillte seinen Durst an einem Brunnen und machte sich danach auf den Weg einen alten Bekannten zu treffen, der sich hier niedergelassen hatte.
Leander war ein geborener Elensarian und genau wie Zephyr hatte er einst die Welt außerhalb bereist und den Kontakt erhalten. Dabei hatte er sich jedoch in das griechische Land verliebt mit seinen Leuten. Als begabter Goldschmied hatte er schnell eine größere Stellung erhalten und konnte in Mykene am Hof des dort ansässigen Wanax arbeiten.
Die Kultur in diesen Landen war an einen Höhepunkt gelangt und Zephyr war jedes Mal erstaunt über die gewaltigen Mauern, die Mykene umschlossen. Er konnte kaum fassen, dass sie von Menschenhand erbaut worden waren. Von Menschen, die anders als in Elensar noch sehr primitive Hilfsmittels hatten.
Nachdem er sich am Tor der Wache vorgestellt hatte, machte er sich auf den verschlungenen Weg weiter ins Herz der Festung. Er kam an den großen Gräberrunden vorbei, die bei seinem letzten Besuch erst in der Entstehung waren. Leander hatte damals gemeint, dass dies vermutlich die blühendste Zeit der Stadt gewesen sein würde und Zephyr wusste, dass er durchaus Recht behalten konnte. Leander hatte eine Begabung für die Weissagung und sich damit einst sein Geld verdient bevor er eine Vision hatte, dass er an einem Ort wie diesen hier sein Glück finden würde.
Zephyr klopfte an die hölzerne Tür des kleinen Hauses. Er hörte laute Schritte, bevor die Tür geöffnet wurde und eine Frau in der Tracht des Landes ihm öffnete.
„Mein Name ist Zephyr. Ich suche Leander den Schmied.“, stellte er sich in der Sprache des Landes, jedoch mit starkem Akzent, vor.
„Er ist hinten bei der Arbeit.“, antwortete sie ihm und trat beiseite, damit er eintreten konnte. Sie führte ihn durch das kleine Haus auf die andere Seite in einen Hinterhof, wo der Schmied seine Werkstatt hatte.
Zephyr fand Leander mit von Russ geschwärztem Gesicht, unter einem Sonnendach. Er arbeitete gerade an einem filigranem Schmuckstück und bemerkte den Gast zuerst gar nicht.
Erst als Zephyr sich räusperte, blickte er auf und sogleich verzogen sich seine Lippen zu einem strahlenden Lächeln. Sie waren einst Freunde und Kollegen gewesen, denn Leander war ein Schüler seines Vaters. „Zephyr!“, rief er in der Sprache Elensars, erhob sich und umarmte den alten Freund. „Es ist wundervoll dich mal wiederzusehen. Wie erging es dir auf deiner Reise und wohin führt dich dein Weg dieses Mal? Hast du bereits gefunden, was ich dir prophezeit habe? So wie du aussiehst noch nicht. Hast du bereits meine Frau kennengelernt? Helen ist ein wahrer Schatz. Wertvoller als Gold, glaub es mir und kochen kann sie, da könnt ich tagelang nur Essen.“
Zephyr lachte und versuchte gar nicht erst den Redefluss seines Freundes zu bremsen. Er musterte ihn stattdessen eingehend. Leander versteckte sein Gesicht unter einem dicht gewachsenem Bart, der ihn älter wirken ließ, doch auch ein paar Falten verrieten, dass er langsam alterte. Zephyr wusste, dass es das Schwerste war für einen Elensarian, der sich in der Außenwelt niederließ, sich anzupassen, denn sie alterten anders als Menschen, doch je länger sie dort lebten, desto eher passten sie sich an und dies geschah nun auch mit Leander wie er sah. Es konnte nur ein gutes Zeichen sein, denn Zephyr erinnerte sich, wie er früher davon geschwärmt hatte, ein einfaches Mädchen zu heiraten und mit ihr alt zu werden, doch oft überlebten die Elensarian ihren Partner, wenn dieser von außerhalb war.
Darum hatte er für sich selbst entschieden, sich nie auf eine Frau einzulassen und sich schon gar nicht erst zu verlieben.
„Aber du bist sicher erschöpft vom langen Weg. Komm und iss mit uns zu Abend!“, endete Leander endlich.
„Ich dachte schon, deine Worte müssen mir genug Nahrung sein.“, grinste Zephyr und folgte seinem Gastgeber zurück ins Haus, wo sie sich an einem Tisch niederließen.
Helen servierte ihnen kurz darauf Suppe und später zwei gebratene Vögel. Dazu Wein, der nach Landesbrauch mit Wasser vermischt wurde. Leander zeigte ihm stolz den großen Krater, in dem der Wein gemischt wurde, und dessen Bemalung.
Sie redeten lange bis in die Nacht hinein. Teils in der Landessprache, teils in der Elensars und vieles, was sie sich erzählten, brachte sie zum Lachen, zum Weinen und auch Helen stimmte mit ein. Leander erzählte, dass er ihr versucht hatte Livolisch beizubringen, eine der Sprachen Elensars, mit der er aufgewachsen war. Sie hatte sprechen gelernt, aber nicht schreiben. Zephyr erfuhr auch, dass Leander einer der wenigen war, die schreiben konnten. Darum war er mittlerweile nicht mehr nur als Schmied tätig, sondern fertigte auch Korrespondenzen für den Wanax an, wenn dieser Außenbeziehungen hielt. Alles andere, so Leander, seien sowieso nur lange Listen von Vorräten, Werken und Leuten. Es wurde auf ungebrannten Tontafeln geschrieben, die ein Jahr lang aufgehoben wurden.
Draußen war es finster und das einzige Licht kam nur mehr vom Schein einer Kerze. Helen hatte sich zurückgezogen und Leander angewiesen, sie nicht mehr lange warten zu lassen.
„Zephyr, meine Frau hat Recht, ich muss bald zu ihr, sonst schimpft sie mich wieder, dass ich zu wenig Zeit für sie habe und wie du siehst, muss ich bald noch mehr Zeit haben, denn wir erwarten unseren ersten Nachwuchs.“, erklärte Leander und lehnte sich sichtlich stolz zurück, „Kommen wir also gleich zum Punkt und sag mir, wohin du musst.“
„Erstmal herzlichen Glückwunsch, möge euer Kind gesund zur Welt kommen. Ich muss nach Ägypten weiter. Unterhält Mykene noch immer Beziehungen dorthin?“, fragte Zephyr und strich sich über den wachsenden Bart.
„Ja über Kreta.“, antwortete sein Gegenüber und schien einen Moment zu überlegen, „Morgen sollen zwei Boten aufbrechen, die nach Kreta reisen. Vielleicht kannst du dich ihnen anschließen und von da an nach Ägypten. Ich würde mir zwar wünschen, du würdest länger bleiben, doch du sagtest, dass unser König dich schicken würde.“
„Das klingt nach einem guten Plan. Ja, ich würde auch gern länger bleiben, um mit dir über alte Zeiten zu plaudern, aber wie du schon sagst, der König schickt mich und was er befiehlt, muss schnell erledigt werden.“, er zwinkerte seinem Freund zu und bald darauf richtete er sich auf seinem Nachtlager ein.
Leander war bereits in die anschließende Schlafkammer verschwunden. Es ist schon ein anderes Land, als Zephyr es gewohnt war. Mit den dicken Mauern ringsum, wo nicht mal Leander ihm Antwort geben konnte, weshalb diese gebaut worden waren und nur wusste, dass sie immer wieder erneuert und verstärkt wurden.
Als er endlich lag, überkam ihn die Müdigkeit der letzten Tage. Am nächsten Morgen würde früh auf müssen, um sich den Boten offiziell anzuschließen. Es würden noch viele Tage vergehen bis sie nach Kreta kamen und dann weiter nach Ägypten.
Er lächelte mit geschlossenen Augen, ehe der Schlaf ihn übermannte und er ihm erlag.

„Aufwachen!“, rief eine Stimme. Zephyr blinzelte und das Licht der Sonne blendete ihn.
Welcher Tag war heute?, fragte er sich still und richtete sich langsam auf. Die grobe Decke rutschte von ihm und er nahm dankend einen Becher mit Wasser an, der ihm gereicht wurde. Langsam kehrten Erinnerungen wieder und er begann sich zu orientieren, während er trank. Der Boden unter ihm schwankte leicht und Zephyr wusste, dass er sich auf einem Schiff befand. Einem Schiff, das auf schnellstem Wege nach Ägypten fuhr.
„Hier.“, der Mann vor ihm reichte ihm etwas Brot und schenkte Wasser nach, „Iss und Trink und dann komm und hilf uns mit den Rudern. Der Wind will nicht wehen. Es ist ärgerlich.“ Zephyr nahm das Essen entgegen und blickte zu dem Seeman vor sich auf. Dieser war einer, der wahrlich die Bezeichnung Seemann verdiente, denn er war ein Kreter und kaum zum Mann erwachsen an Bord eines Schiffes gekommen. Seine Haut war wettergegerbt und seine Hände rau von den Schwielen, die er sich durch langes Rudern und die Taue der Segel zugezogen hatte.
Zephyr beeilte sich wach zu werden und schlang das Brot hinunter, bevor er sich aufraffte und zu den Rudern eilte. Jeder an Bord musste anpacken, wenn der Wind nicht blasen wollte und die Sonne unbarmherzig schien.
Er konnte noch immer nicht glauben, dass er schon so weit gekommen war. Gerade noch wähnte er sich auf dem Nachtlager in Leanders aus, das er nur ungern verlassen hatte.
„Komm“, hatte sein Freund gesagt, „Komm steh auf und eil dich. Wir müssen schnell sein, wenn wir den Basileus noch sprechen wollen, damit du mitgehen darfst.“ „Jaja.“, hatte er geantwortet und das Rollen der braunen Augen seines Freundes ignoriert. Dieser wusste doch zu gut, dass Zephyr gerne trödelte und hatte ihn im nächsten Moment gepackt. Die Zeit hatte gerade noch dazu gereicht, sich Wasser ins Gesicht zu spritzen und sich von Helen zu verabschieden, ehe Leander ihn auf die Straße hinaus stieß und mit sich den Weg weiter hinauf zog. Er erinnerte sich kaum daran, was Leander mit dem Basileus besprochen hatte. Lediglich daran, dass er den anderen Boten vorgestellt wurde und wenige Stunden darauf auch schon unterwegs war.
Die Überfahrt nach Kreta hatte er so gut es ging verdrängt, denn sie war scheusslich gewesen. Er war kein Mann des Salzwassers und auf Booten wurde ihm oft übel, doch wenn die See ruhig war konnte er es aushalten. Leider war auf der Reise nach Kreta das Gegenteil der Fall gewesen. Ein starker Wind hatte die Wellen aufgepeitscht und das Schiff ordentlich durchgeschüttelt. Er wusste nicht mehr, wann ihm zuletzt so schlecht war, wie an diesen Tagen. Sie hatten Glück gehabt und erfahrene Seeleute gehabt, die das Schiff zu steuern wussten. Bei solchen Fahrten konnte ein Unglück nämlich schnell geschehen und die Scherze der Männer, dass alles harmlos sei, solang kein Seeungeheuer auftauchte, machten die Sache nicht besser.
Nun saß er da an einem Ruder und war dankbar, dass er genug Kraft in den Oberarmen hatte durch seine Arbeit mit dem Schmiedehammer.
Die Luft roch herrlich salzig und er lauschte dem Rauschen der Wellen und dem Rufen des Mannes, der dafür sorgte, dass ihm Gleichtakt gerudert wurde.
Die Stunden verrinnen und er spürte, wie seine Arme mehr und mehr brannten vor der Anstrengung, aber auch von der Sonne, die zur Mittagszeit am höchsten Stand und am heißesten brannte.
Ab und an kam ein Mann durch und schenkte jedem Wasser in den Becher ein. Zu Mittag wurden kleine Brotlaibe verteilt und es wurde neben dem Rudern gegessen, damit die Arbeit nicht zu lang ruhte.
Zephyr begann es mehr und mehr zu hassen. Der Schmerz in seinen Armen nahm zu. Schmied sein war doch eine andere Sache als Rudern, dachte er und zog das Holz zu sich. Es war eine eintönige Arbeit, die seinen Kopf zwar frei machte von jeglichen Gedanken, da sie keinen erlaubte, doch langweilig war sie auch.
Als hätten die Götter Mitleid mit den Rudernden, erhob sich am Nachmittag der Wind und blies stark genug, dass man die Segel nutzen konnte. Zephyr stimmte freudig und erleichtert in das Jubeln der anderen ein.
„Endlich!“, rief er voll Freude und streckte die Arme und Beine, als er aufgestanden war. Das lange Sitzen war er nicht gewohnt und er konnte nicht sagen, dass die Holzbalken allzu gemütlich waren. Er wünschte sich nur, dass er nie wieder rudern musste auf dieser Fahrt, als er in der einbrechenden Nacht Wasser aus dem Meer schöpfte, um seine wehen Hände zu kühlen.
Sein Wunsch wurde wohl erhört, denn die nächsten zwei Tage und Nächte blies der Wind unermüdlich und die Fahrt ging schneller voran als gedacht. Schon bald sah man das Delta des Nils in der Ferne und es rückte immer näher. Das Ziel war zum Greifen nah und Zephyr wartete mit wachsender Ungeduld darauf, endlich anzulegen und von Bord gehen zu dürfen.
Die Fahrt ins Delta gestaltete sich als schwierig, doch wurde auch dies gemeistert. Leider hörte Zephyr dabei auch den unliebsamen Ruf „An die Ruder!“ erneut und starrte seufzend auf das Ruderholz vor sich. Aber es half nichts. Wer den Nil stromaufwärts fahren wollte, musste auch mal zum Ruder greifen. Memphis befand sich ja an der Mündung des Nildeltas. Eine wichtige strategische Position und für Zephyr hieß es das Ziel seiner Reise.
So konnte er konnte sein Glück kaum fassen, als er die Stadt erblickte, in der der Pharao seinen Sitz hatte. Mit Begeisterung half er das Schiff am Landungssteg festzumachen.
Seine Beine fühlten sich wacklig an, als er die Planke hinunter ging und festen Boden unter den Füßen vorfand. Nach so langer Zeit auf See, drehte sich nun alles an Land und es gab wohl keinen, der danach noch elegant gehen konnte.
Die Boten ließen nicht lang auf sich warten. Auch sie waren froh endlich von Bord zu sein. Sie unterhielten sich kurz und schnell und fragten dann einen Ägypter, wie sie am Besten zum Palast des Pharao kamen.
Zephyr beachtete sie kaum mehr. Er war bereits voran gegangen, denn er hatte nicht vor mit den mykenischen Boten zugleich den Pharao aufzusuchen. Lieber ließ er sich vom Treiben der Stadt verschlingen. Memphis war gewachsen und sein Hunger trieb ihn an etwas Anderes zu finden als altes Brot und Wasser. Außerdem musste er sich nach einer Unterkunft umsehen und er hatte vor ein wenig seines Goldes gegen neue Kleidung einzutauschen. Seine eigene war dreckig und zerschlissen. Er kam sich darin wie ein Bettler vor und als er sein Gesicht in einem Spiegel aus klarem Wasser gesehen hatte, wusste er, dass er sich auch waschen sollte, bevor er zum Pharao ging. Sein Bart war mittlerweile struppig und auch sein Haar länger als an dem Tag, wo er seine Reise angetreten hatte.
„Ihr? Ihr seid es doch, nicht wahr?“, hörte er auf einmal eine Stimme hinter sich und gleich darauf das Geräusch hastiger Schritte. Zephyr wandte sich, aus Gedanken gerissen, um und prallte zurück, als er in die dunklen Augen einer jungen Frau blickte, die sich in seine blauen bohrten. „Ihr seid es, auch wenn Ihr noch so verdreckt seit, aber Ihr seid der, der früher mit meinem Vater und Großvater gearbeitet hat.“, fuhr sie fort, „Ihr seht noch genauso aus wie damals, obwohl schon Jahre vergangen sind. Ihr habt damals gemeint, Ihr kommt nicht mehr.“
Zephyr hörte sie kaum noch. Ihre Worte drangen in sein Ohr, doch er nahm sie nicht wahr. Er war verzaubert vom Klang ihrer Stimme und noch viel mehr von ihrem Gesicht, das große braune Augen, die dunkel geschminkt waren, aufwies. Sein Herz hatte begonnen schneller zu schlagen, in der Sekunde, da ihr Blick ihn traf und seine Hände fühlten sich auf einmal verschwitzt an. Sein Mund hingegen so trocken wie die Wüste. Ein letzter Aufschrei seiner Vernunft hallte durch seinen Kopf: „Nein! Lass das nicht passieren. Du wirst sie verlieren. Lass das nicht zu!“ Doch es war zu spät. Er ertrank förmlich in ihrem Anblick. Die Augen, die ihn noch immer ansahen, die zierliche Nase, die vollen roten Lippen, das schwarze lange Haar. Tief in seinem Inneren wusste er, dass sich Leanders Weissagung nun bewahrheitete. Er wusste, er würde dieser Frau bis ans Ende der Welt folgen, nur um bei ihr zu sein, nur um sie zu beeindrucken und für sich zu gewinnen.

Kommentare

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    Ich fand es sehr unterhaltsam ne spaß es war sehr gut und anregen :) immer weiter so :)

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    Ja!! Endlich gelesen!!^^ Und es hat sich gelohnt! Ich hoffe doch stark, dass es eine Fortsetzung geben wird ;) Hehe...Mykene hat mich an Iphigenie auf Tauris erinnert xD

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    FORTSETZUNG WO BIST DU? Bitte schreib weiter, es ist eine große Freude. :)

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    Wie gut, dass "Teil 1" im Titel steht. Das heißt wir werden noch erfahren wie's mit den Beiden weitergeht? Freue mich echt schon auf die Fortsetzung :D

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    "Er war hochgewachsen und sein langes dunkles Haar wetteiferte sich mit einem dichten Bart, der bereits ein paar graue Strähnen aufwies." Klingt für mich etwas unrund, als ob was fehlen würde. Auch wenn es nicht so ist, dieses wetteifern alleine macht das bei mir. Ich hätte da noch irgendein wetteifern beschschrieben. Zum Beispiel wetteifern um die Länge oder dichte der Haare. "Lehrt dich dein Meister denn nicht Geduld zu wahren?“" Ich hätte lehrte geschrieben. Auch wenn sie noch bei diesem Meister sein sollte. Einfach um zu unterstreichen, dass sie schon viel weiter hätte sein sollen. Formell, würde ich bei beginnnder wörtlicher Rede eine neue Zeile beginnen (wenn der Redner wechselt, bei "....heldenhaft.", sagte er und verstummte nur um Sekunden um fortzufahren: "Wahr deine Tat nun wirklich nicht."" oder ähnlichen Gefügen muss es nicht sein, dient nur der Übersichtlichkeit. Bei Gedanken, du hattest: "Wie konnte man hier nur arbeiten?, fragte er sich und ließ seinen Blick durch den Raum wandern." würde ich den Gedanken kursiv schreiben um deutlich zu machen, dass wir uns gerade in der Innensicht befinden. Ist aber beides kein muss. - spielt in der realen Weltzeitrechnung um 1388 bis um 1351 v. Chr. interessant. :). Fands sehr gut und würde gerne weiter lesen. :)

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