Zurück zu den Wurzeln

Bewegungslos stand ich im Vorgarten. Knöchelhoch war der Schnee, welcher noch immer nicht geschmolzen war. Angestrengt dachte ich darüber nach, wo ich als Nächstes hingehen und was ich tun sollte. Sicher war, dass ich alleine sein wollte und Zeit zum Nachdenken brauchte.
Plötzlich traf es mich wie ein Blitz. Am Besten wäre ich jetzt Zuhause aufgehoben. Ein glückliches, aber auch sehnsüchtiges Lächeln umspielte meine Lippen.
Bevor ich mich jedoch auf den Weg machte, ging ich zu den Büschen herüber, die vor dem Zaun wuchsen. Gezielt fasste ich in einen ganz bestimmten Busch und zog meine Waffe hervor, die ich vor einigen Wochen Holly zuliebe dort versteckt hatte. Schnell steckte ich sie in meinen Hosenbund und ließ meine Jacke darüber fallen. Zumindest war ich jetzt besser gegen einen Angriff von meinen Ex-Kollegen gewappnet.
Anschließend verließ ich mit einem unbeschreiblich guten Gefühl das Grundstück, denn bald würde ich mein Zuhause wiedersehen.
Es regnete wie aus Kübeln, doch das interessierte mich nicht im Geringsten. Meine Aufmerksamkeit galt einzig und allein dem kleinen Haus auf der anderen Straßenseite. Es hatte sich sehr verändert, seitdem ich das letzte Mal hier gewesen war. Kein Wunder, schließlich waren bereits elf Jahre vergangen.
Früher war die Fassade beige und das Spitzdach schwarz gewesen. Jetzt war das Haus im rustikalen Stil umgebaut worden.
Im Vorgarten stand eine alte Eiche, an deren dickstem Ast einst eine rote Schaukel gehangen hatte. Meine Schaukel, auf der ich als kleines Kind die meiste Zeit verbracht hatte, weil ich es geliebt hatte, den Wind auf meinem Gesicht zu spüren. Es war das Tollste gewesen immer höher zu schaukeln und sich von der Erde zu entfernen. Ich hatte das Gefühl gehabt, fliegen zu können. Auf der Schaukel war ich stets überglücklich gewesen, vor allem, wenn mein Dad mich angeschubst hatte.
Ich musste hart schlucken, als die Erinnerungsfetzen meiner Kindheit in mir hochkamen. Hastig wischte ich mir die Tränen weg, die unkontrolliert in meine Augen schossen. Meine Emotionalität war ungewohnt und alles andere, als angenehm für mich. Ich hasste das Gefühl weinen zu müssen.
Tief atmete ich ein und aus. Dann vergrub ich meine Hände in den Hosentaschen und schaute hoch zur obersten Etage. Hinter dem großen Fenster auf der rechten Seite lag mein früheres Zimmer.
Wie es ausgesehen hatte, wusste ich leider nicht mehr. Durch den Verlust meiner Eltern, den jahrelangen Aufenthalt in einem Waisenhaus und meiner Adoption waren viele meiner Erinnerungen einfach verloren gegangen. Damals war viel zu viel passiert. Mit sieben Jahren hatte sich mein Leben radikal verändert. Zu früh für ein Kind.
Das Hochgefühl, das mich beherrscht hatte, als ich mein altes Zuhause sah, war mit einem Schlag dahin. Denn mir wurde ein weiteres Mal bewusst, wie verkorkst und unnormal mein Leben nach dem Tod meiner Eltern verlaufen war.
Meine Adoptiveltern hatten mir zwar jeden Wunsch erfüllt, den ich geäußert hatte, aber meine geliebten Eltern hatten sie nie ersetzen können. Dabei hatte ich zu Grace, meiner Adoptivmutter, schnell ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Daher war es ein Schock für mich gewesen, als sie eines Nachts plötzlich an einer Hirnblutung gestorben war. Wieder hatte ich einen Menschen verloren, der mir wichtig gewesen war; der mir etwas bedeutet hatte.  
Bereits zwei Wochen nach ihrer Beerdigung war mein Adoptivvater William dazu übergegangen mich auf mein Dasein als Auftragskiller vorzubereiten. Er hatte mir alles beigebracht, was man in diesem Beruf beherrschen musste: den Umgang mit Schusswaffen, Kampftechniken, ja selbst wie man sein Mitleid und Gewissen ausschaltete.
Ohne Widerworte hatte ich das getan, was er von mir verlangte, schließlich war er damals der Einzige gewesen, den ich noch gehabt hatte. Also hatte ich bei seinen Trainingseinheiten gut aufgepasst und für ihn getötet, weil ich ihn nicht enttäuschen; weil ich ihn stolz machen wollte. Und dann, vier Jahre später, nachdem er mich zu einem seelenlosen, kaltblütigen Killer gemacht hatte, war er ebenfalls gestorben.  
Es schien, als habe der Tod mich die letzten Jahre begleitet. Sei es, dass ich geliebte Menschen verloren oder ich selbst unzählige Leben genommen hatte. Der Tod war mein Schicksal, von Anfang an. Daher hatte immer das Gefühl gehabt, dass ich nicht dazu bestimmt war ein normales Leben zu führen, geschweige denn glücklich zu sein. Zumindest bis zu dem Tag, an dem ich Holly begegnet war. Sie hatte mir die Hoffnung auf ein geregeltes und normales Leben zurückgegeben. Ein Leben, das ich zuletzt als Kind gehabt hatte.  
Ich senkte meinen Blick und seufzte. Mein altes Zuhause war das Symbol meiner schmerzhaften Vergangenheit. Die Erkenntnis, dass ich die Zeit nicht einfach zurückdrehen und von neu anfangen konnte, tat weh.
Es war unmöglich meine Vergangenheit zu vergessen, denn sie hatte mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute war. Egal, wie sehr die Liebe zu Holly mich auch beeinflusst hatte, völlig verändert hatte sie mich nicht. Das würde sich auch niemals ändern. Diese Tatsache stand bis heute zwischen Holly und mir, wie der Streit am Morgen erneut bewies. Wir kamen nun mal aus zwei verschiedenen Welten.
Ich legte meine Stirn in Falten. In meinem Kopf schwirrten unzählige Gedanken herum, die mich überforderten. Wie war ich nur auf die hirnrissige Idee gekommen zu meinem alten Haus zu gehen? Ich gab mir selbst eine Antwort, indem ich mit den Schultern zuckte. Ich hatte keine Ahnung. Vielleicht hatte ich unterbewusst die Hoffnung gehegt, dass meine Kindheitserinnerungen meine Stimmung heben würden. Tja, da hatte ich falsch gedacht.
Statt mich besser zu fühlen, bedrückten mich die Ereignisse aus meiner Vergangenheit. Das hätte mir eigentlich klar sein müssen, da die letzten Jahre meines Lebens durch Schmerz, Trauer und Gewalt geprägt gewesen waren. Ich hatte es bei dem Anblick meines alten Hauses nur einfach nicht wahr haben wollen. Ich hatte mir etwas vormacht.
An die glücklichste Zeit meines Lebens und zwar an die Zeit, in der meine Eltern noch gelebt hatten, konnte ich mich kaum erinnern. Dafür waren meine vergangenen Verbrechen für mich präsent, wie am ersten Tag.
Die Gesichter meiner Opfer zogen an meinem inneren Auge vorbei: Frauen. Männer. Jung. Alt. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Als Auftragskiller machte man eben keine Unterschiede. Man durfte keine Unterschiede machen, eine der vielen Regeln, die mir beigebracht worden waren. Regeln, die man auf keinen Fall brechen durfte, denn sonst wurde man bestraft. Schlimmstenfalls mit dem Tod.
Ich wusste, wovon ich sprach, schließlich waren meine Ex-Kollegen hinter mir her, weil ich mich verliebt hatte. Ich hatte meiner Freundin von meinem Beruf erzählt und somit die Killer, ihrer Meinung nach, in Gefahr gebracht.
Damit hatte ich zwei Regeln missachtet. Dass ich mich verliebt hatte, war dabei der schlimmste Regelverstoß, denn einen verliebten Auftragskiller konnte man nicht gebrauchen. Sowohl mein Adoptivvater, als auch Jericho hatten mir eingetrichtert, dass man sich keinerlei Gefühle erlauben durfte, wenn man ein Killer war.
Tatsächlich hatte ich es geschafft keinerlei Gefühle zuzulassen, obwohl es anfangs eine Qual für mich gewesen war. Doch im Laufe der Zeit war ich abgestumpft. Es war kein Platz mehr für Mitleid, Erbarmen oder Schuld gewesen. Dieser Beruf hatte mich unmenschlich gemacht.
Ich war zu einem blutrünstigen Monster geworden, das jeden Auftrag emotionslos ausgeführt hatte. Darum grenzte es für mich an ein Wunder, dass ich mich in Holly verliebt hatte.
Dies war meiner Meinung aber auch nur möglich gewesen, weil ich mich nicht in meinem abscheulichsten und brutalsten Lebensabschnitt befunden hatte, als sie mir begegnet war.
Ich hatte einen Sinneswandel hinter mir, den ich mir niemals hätte vorstellen können. Wenn mir vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mich in eine Frau verlieben, eine Beziehung führen und meinen Beruf aufgeben würde, dann hätte ich ihn für geisteskrank erklärt. Denn ich hätte nie gedacht, dass Liebe meiner übernatürlich starken Begierde und Besessenheit nach Blut etwas entgegenzusetzen hätte.  
Aber ich war eines Besseren belehrt worden.
Das Schicksal hatte mich in die dunkle Gasse geführt, in der ich Holly über den Weg gelaufen war. Nachdem ich einen Menschen getötet hatte, hatte ich die Liebe meines Lebens getroffen. Der gnadenlose Auftragskiller James Matthew Roddick hatte sich verliebt.
Was für eine Ironie. Bei diesem Gedanken huschte ein flüchtiges Lächeln über meine Lippen. Mit einem Mal verschwanden die Bilder meiner Gräueltaten und wurden durch Bilder von Holly ersetzt. Ich sah ihre azurblauen Augen, ihre schwarzen Haare, ihre kleinen Sommersprossen, ihre vor Verlegenheit errötenden Wangen und ihre grazilen, elfengleiche Bewegungen, wenn sie tanzte.
Langsam, aber sicher, besserte sich meine Laune, denn Holly trug mich aus meiner Depression heraus. Sie rettete mich. Sie heilte meine kaputte Seele. Sie hatte mir meine menschliche Seite zurückgegeben und mir gezeigt, dass ich nicht für immer verloren war. Dafür würde ich ihr ewig dankbar sein.
Wenn ich also schon auf der Todesliste meiner Ex-Kollegen stand, dann für eine Frau, für die ich alles tun würde und die mir alles auf dieser Welt bedeutete. Holly war es wert, dass ich meinen Beruf aufgegeben, meine Ex-Kollegen verraten und dadurch mein Leben in Gefahr gebracht hatte. Holly war das alles wert.

Der Regen prasselte noch auf mich nieder, als ich das Friedhofstor passierte. Als ich den Blick nach oben wandern ließ, sah ich, dass dichte, trübe und dunkelgraue Wolken den Himmel bedeckten. Der starke, eiskalte Wind pfiff mir um die Ohren und verursachte bei mir eine Gänsehaut. Das Wetter frustrierte mich, jedoch nicht so sehr, wie in den Monaten, in denen ich draußen übernachtet hatte.  
Bei jedem Schritt, den ich auf dem matschigen, durchweichten Gras machte, entstand ein schmatzendes Geräusch. Absichtlich nutze ich nicht die befestigten Wege, denn querfeldein war ich eindeutig schneller. Zwar war ich lange nicht mehr hier gewesen, doch mein Gefühl; mein Instinkt lenkte mich. Etwas sagte mir, dass ich auf dem richtigen Weg war.
Je näher ich meinem Ziel kam, desto nervöser wurde ich. Meine Kehle schnürte sich zu und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Zum gefühlten hundertsten Mal, seit ich mich entschlossen hatte zum städtischen Friedhof zu gehen, fragte ich mich, ob es eine gute Idee von mir gewesen war hierher zu kommen.
Mein Besuch bei meinem alten Zuhause war ja auch nicht gerade eine meiner glorreichsten Einfälle gewesen, aber ich musste zum Grab meiner Eltern. Nicht nur, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, weil ich seit meinen Anfängen als Auftragskiller ihr Grab nicht mehr besucht hatte, sondern auch, weil ich hoffte, dass vielleicht ein paar Erinnerungen an die guten Zeiten in meinem Leben zurückkommen würden. Gekonnt verdrängte ich den aufkommenden Verdacht, dass ich durch den erheblichen Schock, den ich erlitten hatte, als ich die blutüberströmten Leichen meiner Eltern gesehen hatte, meine Erinnerungen an sie für immer verloren hatte.
Ich klammerte mich an den Gedanken, dass meine Erinnerungen schon wiederkommen würden. Das musste einfach funktionieren, denn ich sah keine andere Möglichkeit.
Ohne es kontrollieren zu können, bäumte sich in mir plötzlich ein flammender Zorn auf, der mein Blut zum Kochen und mein Herz zum Rasen brachte. Ich dachte an den Mörder meiner Eltern. Sogleich trieben mich diese Gedanken in den Wahnsinn und brachten mich um den Verstand.
Damals und auch heute dachte ich über den Mann nach, der mein Leben zerstört; der einem Kind die Eltern genommen hatte. Zu meinem Leidwesen verfolgte er mich sogar bis in meine Träume.
Als Kind war er für mich ein Monster; der Teufel höchstpersönlich gewesen.
Es ärgerte mich bis heute, dass ich nicht wusste, wie er aussah. Wenn ich zumindest irgendwelche Informationen über ihn gehabt hätte, dann hätte ich nach ihm suchen können. Vielleicht hätte ich ihn irgendwann gefunden und mein Wunsch nach Rache, der mich bereits seit Jahren beherrschte, hätte sich erfüllt.
Die Tatsache, dass er frei herumlief und nie eine Strafe erhalten hatte, regte mich dabei nur noch mehr auf. Aber im gleichen Moment bereute ich diesen Gedanken auch schon, denn die Angehörigen der Menschen, die ich getötet hatte, dachten sicherlich dasselbe. Auch ich war niemals wegen meiner Morde bestraft worden.
Ich war angefüllt mit Hass, Wut, Trauer und Schuld. Mein Körper bebte und mein Schädel dröhnte, als ich plötzlich stehenblieb. Ich hatte mein Ziel erreicht.
Vor mir sah ich einen breiten Grabstein aus Graphit, in dem die Namen Douglas und Anne Roddick eingraviert waren. Das Grab sah ungepflegt aus, wofür ich mich schämte. Wie hatte ich es nur so weit kommen lassen? Wieso hatte ich mich jahrelang davor gedrückt, hierher zu kommen?
Die Antwort auf meine Fragen gab ich mir sofort. Der Einfluss meines Adoptivvaters auf mich war einfach zu stark gewesen. Ich war froh gewesen, dass er sich um mich gekümmert und Zeit mit mir verbracht hatte.
Mir war erst sehr viel später bewusst geworden, dass er mich nur für seine Zwecke missbraucht hatte. Ich glaubte sogar, dass er mich adoptiert hatte, weil er einen neuen jungen Auftragskiller gebraucht hatte und ein Waisenkind war für sein Vorhaben perfekt gewesen.
Mir stellte sich die Frage, inwieweit meine Adoptivmutter von der ganzen Sache gewusst hatte. Ich hoffte, dass zumindest sie mich aus den richtigen Gründen adoptiert hatte.
Mir schnürte sich die Kehle zu und erneut spürte ich, wie mir heiße Tränen in die Augen stiegen.
„NEIN!!!“, brüllte ich. Der Wind trug meine laute Stimme über den verlassenen Friedhof. Zornig rieb ich mir über die Augen, bevor die Gefahr bestand, dass ich tatsächlich in Tränen ausbrach.
„Ich werde nicht weinen. Ich werde nicht weinen. Ich werde nicht weinen“, murmelte ich wiederholt vor mich hin.
Tief atmete ich ein, um wieder die Kontrolle über meine Gefühle zurückzugewinnen. Dann setzte ich mich in den Schnee. Ich legte meine Arme auf den Knien ab und starrte wie hypnotisiert auf das Grab. Eine unheimliche Stille umgab mich, in der ich nichts weiter hörte, als meinen eigenen überreizten Herzschlag. Das schlechte Gefühl, das mich seit Stunden verfolgte, wollte mich auch jetzt nicht loslassen. Wie bereits befürchtet erinnerte ich mich an gar nichts. Egal, wie sehr ich mich auch konzentrierte, die Erinnerungen an meine Eltern blieben für mich weiterhin verschlossen und dieser Zustand würde zweifellos für den Rest meines Lebens bestehen, weil ich keine Fotos zur Hilfe hatte.
Meine ganzen Erinnerungsstücke, die ich von ihnen hatte, waren Gegenstände oder Kleidungsstücke, die sie am Körper getragen hatten, als sie gestorben waren. Nach der Obduktion hatten mir die Ärzte diese Dinge ausgehändigt. Die Fotos aus unserem Haus hatte ich seit dem Todestag meiner Eltern nie mehr wiedergesehen. Was mit ihnen passiert war, konnte ich nicht sagen.
Verzweiflung und Depression befielen mich, als ich daran dachte, wie wenig mir von meinem alten Leben geblieben war. Kein Wunder, denn mein neues Leben als Killer hatte alles eingenommen: mein Herz, meine Seele, meinen Verstand. Ich war ein anderer Mensch geworden, nachdem ich meine Eltern verloren hatte. Die Jahre im Waisenhaus, die Gewöhnung an meine Adoptiveltern und meine Ausbildung zum Killer hatten mich verändert. Wenn meine Eltern mich jetzt sehen würden, dann würden sie ihren Sohn James Roddick nicht wiedererkennen. Würden sie sich für mich schämen oder mich sogar hassen, für all die schrecklichen Taten, die ich begangen hatte?
Bei diesem Gedanken wirkte der Grabstein auf einmal riesengroß und bedrohlich. Ein Schatten legte sich auf mein Gesicht und nach meinem Gefühl wurden es zehn Grad kälter. Augenblicklich wich ich ein großes Stück zurück; weg von dem Grabstein, der mir fürchterliche Angst einjagte.
Was war los? Wieso fühlte es sich so an, als würden meine Eingeweide brutal zusammengedrückt?
Als mein Blick auf die Namen meiner Eltern fiel, wurden die Wolken tiefschwarz und der Himmel ließ ein verhängnisvolles Grollen verlauten. Plötzlich wusste ich, was vor sich ging. Die Natur gab mir das unverkennbare Zeichen, dass ich verschwinden sollte; dass es ein großer Fehler gewesen war hierher zu kommen. Es kam mir vor, als wollten meine Eltern nicht, dass ich an ihrem Grab saß, weil ich nicht mehr ihr Sohn war; weil ich nicht mehr zu ihnen gehörte. Augenblicklich wich mir die Farbe aus dem Gesicht und mir wurde speiübel. Ich fühlte mich verloren und allein.
Ein alles verschlingendes und beängstigendes schwarzes Loch tat sich vor mir auf. Trotz des Gefühls, dass mir dieses „Nichts“ das Leben aus dem Körper saugte und ich am Liebsten geflüchtet wäre, faszinierte mich die unendliche Leere und zog mich in ihren Bann. Ein Teufelskreis.
Ich konnte weder atmen, noch mich bewegen. Mir wurde aufs Schmerzlichste bewusst, dass ich zu niemandem gehörte, da ich keine Familie und keine Freunde hatte. In meinem Zustand bezweifelte ich sogar, dass Holly und ich zusammengehörten. Ein langer, qualvoller Seufzer kam über meine Lippen. Welcher normale Mensch konnte und wollte denn schon sein Leben mit einem Auftragskiller verbringen?
„Niemand“, zischte ich und ballte meine Hände zu Fäusten. Ich hatte meine Eltern beschämt, war gesellschaftsunfähig und meine Freundin hielt mich unverändert für ein Monster.
Was für eine Bilanz, dachte ich frustriert und biss meine Zähne aufeinander. In mir brodelte eine unkontrollierbare Wut auf meine Vergangenheit und mich selbst. Ein Knurren, das mich wie ein wildes Tier klingen ließ, entfuhr meiner Kehle. Ich schnaubte und versuchte mich zusammenzureißen; meine Wut mit aller Macht im Zaum zu halten.
Nach einigen Minuten hatte ich es tatsächlich geschafft mich halbwegs zu beruhigen, doch ich fühlte mich kraftlos. Gegen meinen Zorn anzukämpfen hatte mich angestrengt und mir die letzten Kräfte geraubt. Ich wollte nicht länger hier bleiben. Die bedrückende Atmosphäre konnte ich nicht weiter ertragen.
Als ein greller Blitz den Himmel durchzuckte und der grollende Donner immer ohrenbetäubender wurde, erhob ich mich und machte mich auf den Weg zu Hollys Haus. Ob ich jemals zum Grab meiner Eltern zurückkehren würde, wusste ich nicht.

Regungslos stand ich auf der Veranda und stierte auf die Tür. Seit ich das Haus verlassen hatte waren dreieinhalb Stunden vergangen. Mir kam es so vor, als sei ich bloß lächerliche zwanzig Minuten weg gewesen.
Laut atmete ich ein und aus und versuchte herauszufinden, ob ich noch irgendein Fünkchen Wut in mir spürte. Bevor ich klingelte und mit Holly redete, wollte ich sicher sein, dass ich nicht sofort ausflippte. Ich wollte meine schlechte Laune nicht an meiner Freundin auslassen. Es ärgerte mich, dass ich mich noch mieser fühlte, als nach dem Streit mit Holly. Eigentlich war ich selbst Schuld, aber ich hätte ja nicht ahnen können, dass meine Erinnerungen mich derart frustrieren würden.
„Verdammt“, murmelte ich. Heute war einer dieser Tage, die einem bereits zum Hals raus hingen, obwohl sie nicht einmal richtig angefangen hatten. Wie ich diese Tage hasste.
Dann hatte ich keine Zeit mehr mich aufzuregen, denn plötzlich wurde die Tür geöffnet.
„Warum stehst du denn hier draußen?“, fragte mich eine völlig verwirrte Holly. Ihr Tonfall klang vorwurfsvoll und besorgt zugleich. Ich vermutete, dass sie in der Küche gesessen und durch das Fenster einen guten Blick auf mich gehabt hatte.
Innerlich seufzte ich. Ohne ihr zu antworten, drängte ich mich an ihr vorbei und betrat das Haus. Wenn es etwas gab, wofür ich momentan absolut keine Nerven hatte, dann war es ein weiterer Streit mit meiner Freundin. Als ich die ersten Stufen der Treppe hinaufstieg, hörte ich, wie Holly hinter mir die Haustür schloss. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass sie mir folgte. Etwas anderes hätte ich von ihr auch nicht erwartet. Leider, denn nun war es unmöglich einer Diskussion mit ihr aus dem Weg zu gehen.
Und kaum hatte ich einen Fuß in Hollys Zimmer gesetzt, da ging es schon richtig los.
„Würdest du mir vielleicht mal meine Frage beantworten, James?“ Ich wirbelte herum. Mit den Händen in den Hüften stand sie vor mir und funkelte mich böse an.
„Nein“, entgegnete ich entnervt. Ich wollte ihr deutlich zeigen, dass ich nicht an einer Unterhaltung mit ihr interessiert war. Nicht jetzt.
„Was ist los mit dir? Und wo bist du überhaupt gewesen?“, wollte sie aufgebracht von mir wissen.
Nein. Nein. Nein, dachte ich, als sich die Wut, die ich auf dem Friedhof erfolgreich verdrängt hatte, erneut an die Oberfläche kämpfte. Meine gesamten Muskeln spannten sich an und wurden hart. Mein Atem ging nur noch stoßweise. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich es noch schaffen würde, mich zu beherrschen und nicht durchzudrehen.
„REDE MIT MIR!“, brüllte Holly mich ungehalten an. Sie baute sich vor mir auf und sah mich herausfordernd an. Wieso konnte sie mich nicht einfach in Ruhe lassen?
„Holly, bitte…“, fing ich an, doch sie ließ mich nicht ausreden.
„Redest du nicht mit mir, weil du wegen des Streits von heute Morgen noch sauer bist?“ Wie mechanisch schüttelte ich den Kopf. Von Minute zu Minute erhöhte sich mein Puls. Mein Herz pochte schnell und laut gegen meine Brust und ich konnte das Rauschen meines Blutes hören. Dieses Geräusch machte mich fast wahnsinnig.
„Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe. Ich hätte niemals sagen sollen, dass du dich nicht geändert hast“, sagte sie in einem milderen Ton, aber es war zu spät. Ich konnte meinen Zorn nicht mehr zurückhalten und es kam, wie es kommen musste: ich flippte aus.
„Entschuldige dich nicht bei mir, wenn du es nicht ernst meinst!!!“, schnauzte ich sie an. Entsetzt riss sie ihre Augen auf. Ihre erschrockene Miene wurde jedoch blitzschnell wutentbrannt.
„Du unterstellst mir, dass ich lüge?“, fragte Holly hysterisch und machte einen Schritt auf mich zu. Sogleich fühlte ich mich von ihr provoziert. Ich packte sie grob an den Handgelenken und zog sie an mich.
Selbst die Angst in ihren Augen weckte in mir kein Mitleid. Der gefühllose und unberechenbare Teil, vor dem sie sich fürchtete, hatte von mir Besitz ergriffen, doch das interessierte mich nicht. Es interessierte mich nicht, dass ich mich wie früher aufführte, bevor ich sie kennengelernt hatte. Ich war sauer auf sie, weil sie keine Veränderung bei mir sah. Dass ich aber gerade diese Aussage bestätigte, drang einfach nicht zu mir durch. Nichts veranlasste mich dazu aufzuhören.
„Lass mich los, James. Bitte“, flehte Holly mich verzweifelt an. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt und tränenüberströmt.
Ihre Worte waren für mich bloß ein nervtötendes Hintergrundgeräusch und berührten mich nicht. Gnadenlos drückte ich immer fest zu, bis ich ihre Knochen unter meinen Händen spüren konnte. Holly schrie auf. Selbst ihre Schmerzen und Schreie brachten mich nicht zur Vernunft.
„Hör auf! Du tust mir weh“, jammerte sie und wand sich in meinem Griff. Sie versuchte sich zu befeien, aber es war aussichtslos. Sie hatte keine Chance gegen mich.
„James…beruhige dich doch…“, presste sie atemlos hervor. Wieso redete sie mit mir? Glaubte sie etwa, dass sie mich dadurch besänftigen konnte? Dieser Gedanke zauberte mir ein süffisantes Grinsen auf die Lippen. Nichts und niemand konnte mich aufhalten. Nichts und niemand stoppte James Roddick.
„Du hälst mich für einen schlechten; für einen abgrundtief bösen Menschen, ja?“, zischte ich.
„Vielleicht sollte ich dir mal zeigen, wie böse ich wirklich sein kann“, drohte ich und kam mit meinem Gesicht ihrem ganz nahe. Die azurblauen Augen, in die ich so oft gesehen und die mich stets um den Verstand gebracht hatten, regten in mir in diesem Augenblick nur noch Hass und Abscheu. Dass ich diese Gefühle von mir auf Holly projizierte, wollte ich nicht wahrhaben. Ich wollte nur meine Wut an Jemandem auslassen. Und dieser Jemand war meine Freundin.
„Lass mich los. Du machst mir Angst“, flüsterte sie mit zittriger Stimme. Dennoch erwiderte sie mutig meinen Blick. Mir war es völlig gleichgültig, was sie sagte. Der Rausch, in dem ich gefangen war, war unglaublich stark. Seit langer Zeit hatte ich nicht mehr dieses mir wohlbekannte Machtgefühl verspürt. Mein Verlangen nach Blut stieg allmählich an. Und vor diesem Verlangen war niemand sicher.
Ich ließ ihr rechtes Handgelenk los und fasste an ihre Kehle. Holly röchelte, als meine Finger sich in ihren Hals bohrten.
Zu meiner großen Überraschung rammte mir Holly jedoch unerwartet ihr Knie in den Bauch. Ich krümmte mich, als sie mir zuerst mit voller Wucht gegen mein linkes Schienbein und anschließend gegen mein Knie trat.
„AAHHHHH!!!“ Mein Bein knickte ein. Ungewollt lockerte ich meinen Griff und Holly riss sich los. Dann machte sie eine Faust und schlug mir ins Gesicht.
Ich heulte auf und schlug meine Hände vors Gesicht. Ein stechender Schmerz schoss durch meine Nase und warmes Blut rann durch meine Finger und tropfte auf den Boden.
Dieser Schlag brachte mich wieder zur Vernunft. Mein Verstand wurde klarer und erst jetzt wurde mir bewusst, was ich getan; zu was mich meine Wut getrieben hatte. Holly hatte eine der Techniken, die ich ihr zur Selbstverteidigung beigebracht hatte, angewandt, aber nicht gegen die Killer, sondern gegen mich. Ich war eine Gefahr für sie, genau wie meine Ex-Kollegen. Statt sie zu beschützen, griff ich sie an. Gerne hätte ich mich entschuldigt, aber ich bekam kein Wort heraus.
Als ich nach oben schaute und Holly ansah, wandte diese sich ab und verließ das Zimmer, aber nur, um zwei Minuten später mit einem Handtuch in der Hand wiederzukommen.
Schweigend warf sie mir das Handtuch zu, das ich mit Leichtigkeit auffing. Danach lehnte sie sich schwer atmend an die Tür und beobachtete mich. Ihre Handgelenke und der Hals waren mit feuerroten Flecken übersäht.
Hart schluckte ich, als ich mich aufs Bett setzte und mir das Handtuch gegen die Nase drückte. Beschämt ließ ich meinen Blick nach unten schweifen, da ich mir nicht länger ansehen konnte, was ich Holly angetan hatte.
Beinahe lautlos seufzte ich.
Ich hatte falsch gelegen, als ich geglaubt hatte, dass die Liebe zu Holly es schaffen würde meine Begierde nach Blut und meine Leidenschaft fürs Töten zu bekämpfen.
Meine Freundin hatte Recht: ich hatte mich nicht geändert. Oberflächlich machte es vielleicht den Anschein, doch in mir sah es anders aus. Ich hatte es nur nicht zugeben wollen und so hatte ich Holly und auch mich selbst belogen.
„Willst du mir jetzt verraten, wo du gewesen bist, James?“ Ihr Tonfall war ernst und sachlich. Ich legte meine Stirn in Falten.
„Wieso möchtest du das wissen?“, fragte ich verwirrt und sah zu ihr herüber.
„Weil ich mir Sorgen um dich gemacht habe. Außerdem wirkst du seit deiner Rückkehr etwas gereizt“, entgegnete Holly emotionslos, während sie ihre Handgelenke betrachtete. Ihr Mund war bloß ein schmaler Strich.
Auf mich machte sie keinen ängstlichen Eindruck mehr. Es waren keine Tränen mehr zu sehen, die verraten hätten, dass sie vor kurzem noch geweint hatte. Sie wirkte gefasst, ja beinahe schon gelassen, obwohl ihr Freund sie verletzt hatte.
„Ich…ich bin zu meinem alten Haus gegangen. Das Haus, in dem ich mit meinen Eltern vor ihrem Tod gelebt habe“, gab ich verunsichert zu.
„Dann habe ich nach langer Zeit das Grab meiner Eltern besucht.“ Aufmerksam studierte ich ihre Miene, in der Hoffnung, ihre Gedanken lesen zu können.
„Ist irgendetwas passiert? Irgendetwas, das dich dazu gebracht hat dermaßen auszurasten?“
Holly verschränkte die Arme vor der Brust.
Mir war klar, dass sie versuchte eine Erklärung für mein Verhalten zu finden, dennoch fühlte ich mich wie bei einem Kreuzverhör.
„Ich habe über einiges nachgedacht, Holly“, war meine knappe Antwort. Mehr wollte ich nicht dazu sagen, weil ich befürchtete, dass die Wut dann erneut von mir Besitz ergriff.
„Geht das etwas genauer?“ Sie stieß sich von der Tür ab und kam auf mich zu. Direkt vor mir blieb sie stehen und schaute auf mich herunter.
„Nein.“
„Und wieso nicht?“
„Weil du mich nicht verstehen würdest“, meinte ich.
„Vor wenigen Minuten hast du mich gepackt, mir die Luft abgedrückt und mich bedroht, also habe ich wohl das Recht zu erfahren, warum du das getan hast“, blaffte Holly mich an.
„Weil ich nirgendwo hingehöre!“, brach es aus mir heraus. „Ich bin allein, Holly.“ Verärgert und frustriert nahm ich das blutbeschmierte Handtuch von meiner Nase und schmiss es in die nächste Ecke.
Auf einmal kniete sich Holly vor mich und nahm mein Gesicht in ihre Hände.
„Was redest du denn da?“ Eindringlich starrte sie mich an. „Wir beide gehören zusammen, James. Du bist nicht allein.“
„Wie kannst du noch mit mir reden und sagen, dass wir zusammengehören, nachdem, was gerade passiert ist?“, wollte ich von ihr wissen.
„Ich hatte mich nicht unter Kontrolle. Ich war derselbe Mensch, der ich war, ehe ich dir begegnet bin“, gab ich offen vor ihr zu. „Du hast Recht, Holly. Ich habe mich nicht geändert und ich fürchte, dass ich es niemals schaffen werde meine böse Seite zu unterdrücken.“
„Ich weiß genau, dass du das schaffen wirst. Du…“
„Nein, Holly“, fiel ich ihr ins Wort. „Ich kann nicht sagen, was ich noch getan hätte, wenn du mich nicht gestoppt hättest. Vielleicht hätte ich dich sogar getötet. Ich…“ Meine Stimme brach ab. Ich war nicht in der Lage weiterzusprechen.
„Du würdest mich nicht töten, James. Niemals, da bin ich mir absolut sicher.“ Sie legte ihre Stirn gegen meine.
„Eben hast du mir Angst gemacht und mir wehgetan. Deshalb habe ich mich gewehrt, so, wie du es mir gezeigt hast. Mir ist bewusst, dass du eine gefährliche Seite an dir hast. Das weiß ich, seit du mir damals erzählt hast, dass du ein Auftragskiller bist, aber ich wäre nicht bei dir geblieben, wenn ich mich nicht sicher bei dir fühlen und dich lieben würde, James. Wir gehören zusammen und das für immer.“

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