Zurück zur Küste

Die Tage im Sommerlager der Inokté waren für Nashoba und seine Begleiter gezählt. Solinacea, die Heilerin und Hohepriesterin aus Dakoros, hatte sich nun vollkommen von den Unbilden der gefährlichen Seereise nach Ipioca erholt.  Nashoba, den Minági,  drängte es in die Grenzregionen zu Tahatan, Chaska und dem Rudel und Onatah, die alte Heilerin des Stammes, zog es nach Hause an die Küste in die Langhäuser des Dorfes.
Wieder einmal saßen sie abends gemeinsam um ein wärmendes Lagerfeuer und während die trockenen Hölzer langsam niederbrannten, nahmen ihre Pläne für die nahe Zukunft Gestalt an. Nashoba wollte zunächst mit Onatah ins Dorf zurückkehren. Dort angekommen, würde er mit Solinacea die Reise in die Grenzregionen vorbereiten. Die Heilerin wollte so schnell wie möglich mehr vom Land der Inokté kennenlernen und insbesondere wollte sie die Wolfsmagier an der Grenze dafür interessieren, ihre Heilkräfte zu nutzen. 
Sie gedachte Nashoba auf seiner Reise an die Grenze zu begleiten, um Tahatan und Chaska näher kennen zu lernen. Insgeheim, aber davon würde sie jetzt noch nicht sprechen können, drängte es sie, in Nashobas Nähe zu sein. Die faszinierende Aura, die Stärke und Ruhe des Minági beeindruckten sie zutiefst und sie gestand sich schließlich vor sich selber ein, dass sie sich von ihm angezogen fühlte.
So brachen sie am folgenden Morgen in der aufgehenden Sonne bedächtig auf. Den Ponys waren Travois angehangen worden, welche die Habseligkeiten der drei und die Vorräte des Jagdlagers sicher bargen. Sie kamen nur langsam voran, doch im Schein der aufgehenden Sonne mit ihrer zunehmenden Wärme und Behaglichkeit, drängte es sie nicht zur Eile.  Bis zum Küstendorf der Inokté, Tsiigehtchic,  sollten sie mit den Lastponys zwei Tagesreisen benötigen.
Wäre Nashoba allein unterwegs gewesen, hätte er die Strecke in wenigen Stunden zurücklegen können. Auch Onatah hatte reitend nur eine Tagesreise benötigt. Zu Fuß jedoch mussten sie eine Übernachtung im Freien in Kauf nehmen. Als sich der Abend langsam mit der beginnenden Dämmerung ankündigte, rasteten sie auf einer Lichtung, die der des Jagdlagers nicht unähnlich war.
Allerdings  hatten sie die Höhenregionen des Gebirges bereits hinter sich gelassen und die herbstlichen Abendtemperaturen waren weniger kühl als am Vorabend. Sie wollten im Freien übernachten und so richteten sie sich aus Decken und Fellen ein provisorisches Lager her.

Das Land versank in der heraufziehenden Dämmerung und Onatah, die von den Anstrengungen des Tages und vom Alter erschöpft war, legte sich früh zur Ruhe. Nashoba brach auf, um ein letztes Mal die Sicherheit des Lagers vor Einbruch der Nacht zu prüfen. Er verließ die Lichtung und als er die ersten Bäume hinter sich gebracht hatte, verwandelte er sich in den großen, schwarzbraunen Wolf, der seine eigentliche magische Gestalt war. Als Wolf konnte er seine Sinne zielgerichteter einsetzen.
Er hörte deutlicher die Geräusche des Waldes, das Leben und Atmen der Geschöpfe in seiner Umgebung und  hatte ein besseres Gespür für Gefahren und Unregelmäßigkeiten im Muster der Natur.  Der Minági umrundete das Lager in einiger Entfernung. Bald war er sich sicher, dass für diese Nacht keine Gefahr drohte und so wandte er sich schließlich wieder in menschlicher Gestalt dem Lager zu.
Als er die Lichtung betrat, sah er sie erst nicht. Sie war ein Stück beiseite gegangen und hatte sich am Waldrand unter den Bäumen niedergelassen. Ihre von dem Amulett gedämpfte Aura umgab sie wie ein feiner Dunst im Dämmerlicht und sie sah gedankenverloren in den Himmel über den dunklen Baumwipfeln. Groß und weißgolden ging dort der Mond auf. Langsam trat Nashoba zu ihr und setzte sich schließlich vorsichtig neben sie. Sie wandte sich ihm lächelnd zu.
„Der Mond geht über Dakoros genauso auf wie hier“, flüsterte sie. „Dabei sind die Inseln so weit entfernt.“
Nashoba glaubte Heimweh in ihrer Stimme zu hören.
„Der Himmel zeigt uns die wahre Größe dieses Landes. Dakoros und Ipioca  lägen sicher ganz nahe beieinander, wenn man sie vom Mond aus betrachten könnte. Wir selber wären so klein, dass man uns nicht erkennen würde und doch verändern wir alles durch unser Tun…“
Sie schwiegen eine Weile, aber das Schweigen war nicht unangenehm. Es vermittelte eher Einverständnis und Wärme. Irgendwann erhob sich Nashoba und holte Decken aus dem Lager. Er legte Solinacea eine davon um die Schultern und dann begann er leise, ihr Geschichten und Märchen der Inokté zu erzählen.
So saßen sie lange in dieser Nacht, während er ihr sein Volk nahe brachte und ihre Gedanken an Dakoros und ihr Heimweh  verblassten, als sie ihm lauschte. In dieser Nacht erkannte sie, wie stark er sich seinem Volk verpflichtet fühlte und mit wie viel Liebe und Feingefühl er allen Wesen seines Stammes diente. Dafür achtete sie ihn noch mehr, denn gerade die Zuwendung zu den einfachen Menschen war es, die ihr auf Dakoros gefehlt hatte und die letzten Endes ein Beweggrund ihrer Reise nach Ipioca war.
Irgendwann schlief sie in ihrer warmen Decke ein und der Morgen fand beide schlafend vor, einen großen schwarzbraunen Wolf und an dessen Seite ruhend und seiner Wärme zugewandt die junge Magierin von Dakoros.

Nashoba erwachte vom Schnauben der Pferde und den ersten Sonnenstrahlen, die seinen Wolfspelz erwärmten. Wenn er im Freien lagerte, schlief er immer in seiner Wolfsgestalt, da die Sinne des Wolfs auch im Schlaf noch schneller eine Gefahr erkennen würden. Außerdem war es ihm so besser möglich, mentale Rufe seiner Wolfsbrüder zu hören und mit ihnen in Kontakt zu treten, wenn es nötig sein sollte. Diese Nacht war ruhig gewesen und er wollte gerade seine menschliche Gestalt wieder heraufbeschwören und sich erheben, als er  sich an den gestrigen Abend erinnerte.
Solinacea war irgendwann einfach eingeschlafen und er hatte sie nicht zum Feuer tragen können, weil er sie nach dem anstrengenden Tag nicht noch einmal wecken wollte. So war er auch nach seiner Verwandlung in ihrer Nähe geblieben und später in der Nacht hatte sie sich wohl enger an die Wärmequelle angeschmiegt, so dass sie jetzt dicht an seiner Seite lag und eine Hand in seinen Nacken vergraben hatte. Nashoba verharrte. Was konnte er jetzt tun?
Sie würde sich zutiefst erschrecken, wenn sie so dicht neben einem riesigen Wolf erwachte. Wenn er sich aber verwandelte, so wäre sie sicher von seiner Annäherung ebenso betroffen. Er betrachtete sie eine Weile und fragte sich, welches der beiden Übel er in dieser Situation wählen sollte, als er ihre tastende Hand über sein Nackenfell streichen fühlte. Er erstarrte. Für eine Verwandlung war es nun definitiv zu spät.  So versuchte er seiner Haltung einen friedlichen Ausdruck zu geben und erwartete das Schlimmste.

Solinacea erwachte und fühlte ein warmes weiches Fell unter ihrer tastenden rechten Hand. Im ersten Moment konnte sie diese Empfindung nicht zuordnen. Hatte sie nicht mit Nashoba zusammengesessen und er hatte ihr die uralten, wunderschönen Märchen der Inokté erzählt?  War sie wirklich einfach am Waldrand eingeschlafen? So etwas sollte ihr in der Wildnis besser nicht noch einmal passieren, wenn sie sich in diesem freien Leben bewähren wollte.
Sie öffnete vorsichtig die Augen und blickte direkt in das Gesicht eines riesigen dunklen Wolfs. Sein Blick war ruhig und erwartungsvoll und sie brauchte nur einen Moment um sicher zu sein, wen sie da vor sich hatte. Der Minági hatte die Nacht in seiner Tiergestalt verbracht, um auf sie aufzupassen. Sachte und ein wenig verlegen zog sie ihre Hand aus dem dichten Wolfspelz zurück.
„Nashoba!“, flüsterte sie ihm zu. „Was für eine beeindruckende Verwandlung…“
Es verging nicht mehr Zeit als ein Augenzwinkern, bis er seine menschliche Gestalt zurückerlangt hatte.  Dann brach er in ein erleichtertes Gelächter aus, wie es der Wald Ipiocas von ihm noch nicht gehört hatte.
„Das ist einfach unglaublich! Ich mache mir die schlimmsten Sorgen, dass du mich in meiner Wolfsgestalt überraschst und schreiend davon läufst und du bewunderst die Verwandlung…. Es ist nicht zu fassen!“
Solinacea schaute ihn ungläubig an.
„Was glaubst du, wen du vor dir hast? Mit fast hundertfünfzig Jahren Zaubereierfahrung habe ich schon einiges an Magie gesehen, meinst du, ein Wolf kann mich da aus der Fassung bringen?“, scherzte sie.
Beide lachten nun fröhlich und Onatah, die soeben am Feuer erwacht war, ließ sich von ihrer heiteren Stimmung anstecken.  

Später am Tag sollte Solinacea Onatah von diesem morgendlichen Erlebnis mehr erzählen, wie sicher sie sich in Nashobas Nähe gefühlt hatte, wie strahlend seine Augen auch als Wolf noch gewesen waren, wie sehr sie von der Verwandlung beeindruckt gewesen sei. Onatah betrachtete sie still, dachte sich das Ungesagte zu dem Gehörten hinzu und wünschte dem Minági, dass er genauso empfinden möge.
Mit dieser Frau an seiner Seite wäre er sicher ein glücklicher Mann und da sie beide Magier waren, würde auch die Zeit sie nicht trennen. Sie wusste, dass der frühe Tod der Menschen Nashoba von einer wahren Bindung mit einer der Stammesfrauen abgehalten hatte. Er wollte sich nicht verlieben, um dann nach kürzester Zeit loslassen zu müssen. Bei dieser Frau brauchte er solche Vorbehalte nicht zu haben…
Onatah wechselte schließlich das Thema, indem sie Solinacea von den Bewohnern ihres Dorfes erzählte, von ihrer Lebensweise,  ihren Ritualen und den Regeln ihres Zusammenlebens. Gewitzt flocht sie ein, dass der Minági allein lebte und sein Haus und Tipi von der Familie Tahatans  bestellt würden und sie war sich sicher, dass die Dakoranerin das nicht ungern hörte. Aber sie verweilte nicht dabei, sondern begann schließlich eine lange und ernsthafte Diskussion mit ihr über Heilmethoden von Wunden und Knochenbrüchen.
Das hatte zur Folge, dass sie für den größten Teil des Tages in einer Fachsimpelei der Heilkunst versanken, von der sie beide profitierten. Sie beschlossen, den Winter dazu zu nutzen, ihr Wissen weiter auszutauschen und alles Neue schriftlich festzuhalten, so dass Solinacea ihren Plan der Verbreitung der Heilkunst schneller und einfacher würde umsetzen können, indem sie die Bücher weiterreichte.
So überraschte es die beiden Frauen fast, als sie am späten Nachmittag Nashobas Dorf Tsiigehtchic erreichten. Der Minági selber war sehr zufrieden, dass sich die beiden Heilerinnen zusammengefunden hatten. Onatah war eine der besten Medizinfrauen seines Stammes und wenn sie ihr Wissen mit Solinacea austauschte, konnte sich nur Gutes daraus entwickeln.  Im Gegenzug konnte Onatah sicher auch Solinaceas Kenntnisse am besten einschätzen und nutzen. Der Winter versprach für die Heilerinnen interessant zu werden.

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Kommentare

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    Ich mag es soo sehr, dieses Verquicken von Magie, Zauberei und Realität!

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