Zwei Herzen, die schlagen

Zwei Herzen, die schlagen

Kira

»Was heißt, du hast ihn verloren?« Wills Augen hatten sich in Eisberge verwandelt und so bizarr diese Situation auch erscheinen mochte, ein amüsiertes Lächeln lag auf meinen Lippen.
»Er ist fort«, sagte ich wieder. »Einfach.. weg, verstehst du? Als ich aufgewacht bin, war er verschwunden.«
Der Halbengel musterte mich mit zusammengezogenen Augenbrauen. Sein Blick war ernst und sein Gesicht eine starre Maske aus Verwirrung und Unverständnis. Wie konnte er auch, wenn ich selbst nicht in der Lage war zu verstehen, was mir vergangene Nacht widerfahren war? Oder die davor.
Aber er schrie nicht herum, er tobte nicht und er verzog keine Miene. Sein schulterlanges, mischblondes Haar umrahmte glatt sein schönes Gesicht. Seine Kleidung war lässig; er trug Jeans und ein weiß-grün kariertes Hemd, das ihn menschlich erscheinen ließ - zu menschlich.
Engel sollten nicht wie Menschen aussehen, nicht wie solche sprechen und schon gar nicht denken, wie ein Sterblicher. Aber William lebte unter uns. Er gehörte zu uns und war irgendwann, im Laufe der Jahrhunderte, ein halber Mensch geworden. Und auch dafür liebte ich ihn.
»Hat er dich verletzt?«, fragte er leise und streckte beide Hände nach mir aus.
»Hast du mir nicht zugehört? Ich sagte doch, dass er mich gerettet hat, nachdem der Wagen von der Straße abgekommen ist. Er hat mich in sein Heim gebracht, mich ins Bett gelegt und meine Wunden geheilt. Und als ich am nächsten Morgen zu mir kam, war das Zimmer leer, er war verschwunden und meine Wunden waren fast vollständig verheilt.«
»Hast du versucht, ihn ausfindig zu machen?«
»Ich kann ihn nicht mehr spüren«, entgegnete ich trocken. »Entweder, er ist nicht mehr hier oder aber, er versteckt sich. In diesem Fall werde ich ihn auch nicht finden können. Er war sehr stark, Will.«
»Starke Dämonen hinterlassen immer Spuren.«
Ich versuchte nicht, ihm nochmal zu erklären, dass Varek mir das Leben gerettet hatte und im Augenblick mit Sicherheit keine Gefahr darstellte. Bisher hatte ich zweimal angedeutet, dass Varek in Kadra verliebt war und sie für immer verlieren würde, wenn ich zu Schaden kam, doch für einen dritten Anlauf fehlte mir einfach die Kraft.
»Er hat mir versprochen, dass er die Stadt verlassen wird. Vielleicht ist er schon fort.«
»Niemand garantiert uns, dann er nicht wiederkommt.«
Ich rollte mit den Augen. »Er schien mir, als wäre er auf der Durchreise. Er ist fort, Will. Beruhige dich endlich.«
Kurz darauf begriff William scheinbar, wie leid ich dieses Gespräch geworden war, und kam leicht geduckt zum Sofa gelaufen. Er ließ sich in die Kissen sinken und schlang einen Arm um meine Schultern. Seine Berührung wirkte entschlossen und doch distanziert. So wie immer. »Versprich mir, dass du niemals mehr einen Dämon befreist, den du nicht kennst.«
»Versprochen«, entgegnete ich langsam und schmiegte mich an seinen warmen Körper. Dass er nach alledem zu mir hielt, bedeutete mir wieder einmal, wie wichtig wir einander waren. Selbst wenn ich eines Tages alt werden und sterben musste, genoss er meine Nähe, solange sie ihm blieb. Und nach mir würde er sich eine neue Gefährtin nehmen. Selbst wenn mir dieser Gedanke nicht gefiel, stimmte er mich dennoch friedlich, denn ich hatte Unsterbliche kennen gelernt, die am Verlust eines Gefährten zerbrochen waren. »Auch wenn es nicht wirklich meine Schuld war.«
Meine Eigenständigkeit würde Will eines Tages helfen, mein Ableben zu verschmerzen. Und in ein paar Jahrhunderten würde er gar nicht mehr an mich denken.
Ich verwarf die mürrischen Gedanken und genoss für einen Augenblick die Wärme, die von seinem Körper in meinen strömte. Wir waren nicht das beste Team, unsere Liebe war nicht die größte Kraft auf Erden, aber wir vertrauten und brauchten einander. Die Zeit, die wir gemeinsam, verbrachten, heilte unsere Wunden und sühnte uns ein wenig aus.
»Ich glaube, ich sollte heute Nacht zuhause bleiben«, murmelte ich an seiner Schulter und wusste genau, dass ihm diese Aussage genauso wenig gefiel wie mir seine Bevormundung. »Immerhin hat mich Varek vor einem Dämon gewarnt und ich will mein Glück nicht zu sehr auf die Probe stellen.«
Zu meiner Verwunderung jedoch nickte der Halbengel lediglich. »In der Zwischenzeit werde ich schauen, ob ich etwas über deinen neuen Freund in Erfahrung bringen kann. Mich würde wirklich interessieren, wem du da begegnet bist. Ich werde ein paar Freunde fragen und ein paar Bücher durchblättern. Langweiliges Zeug. Und ich wäre lieber hier und würde deine Hand halten.«
Er strich mit dem Handrücken über mein Gesicht, und gerade, als ich mich in seiner Liebkosung fallenlassen wollte, zog er sich abrupt zurück. Seine, in Pastelltönen leuchtende Aura schimmerte wie sonnenbeschienenes Meerwasser. Sie zeichnete Muster auf sein Gesicht und mir gefiel, wie schnell er zur Ruhe kam. Doch diesmal machte sich Unruhe in ihm breit.
Seit Will an meiner Seite war, fühlte sich jeder Schritt richtiger an, jeder Weg unbeschwert. Seine Gegenwart nahm mir die Angst und ich fühlte mich wie ein Mensch, denn Kadra zeigte sich selten in seiner Nähe. Sie mochte weder seine Nähe noch seine Stimme und zog sich tief in meine Seele zurück, sobald er auftauchte. Mich kümmerten ihre Reaktionen wenig, denn je tiefer sie in mir schlummerte, desto menschlicher durfte ich mich fühlen und, wie ich bereits erwähnte, ich gehöre zu den Guten. Und hin und wieder möchte ich mich auch wie einer von ihnen fühlen.
»Hast du das Gefühl, ihm ist Kadras Nähe wichtig?«
»Er hat sie geliebt. Vielleicht tut er es immer noch.«
»Er kann dir gefährlich werden, Kira.. Du musst auf der Hut sein. Wenn er es auf ihre Präsenz abgesehen hat, dann-«
»Nein«, entgegnete ich kopfschüttelnd. »Er hat gesagt, er hat eine neue Gefährtin.«
Verwirrt hob Will eine Augenbraue. »Er hat sie Jahrhunderte lang gesucht und geliebt und nimmt sich einfach so eine neue Gefährtin?«
»Vielleicht hat er insgeheim gespürt, dass sie tot ist«, wehrte ich achselzuckend ab. Wenn dieses Thema aufkam, wirkte Varek stets seltsam verschlossen. »Ich denke nicht, dass er es auf Kadra abgesehen hat. Ich hatte viel mehr das Gefühl, er will sie aus der Ferne beschützen.. Wissen, wo sie ist. Ihr nahe sein.«
Will seufzte. »Hoffentlich hast du Recht. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken.«
»Mir auch nicht.« Deshalb entschied ich, Will nichts von den vielen wirren Emotionen zu erzählen, die Vareks Blicke zeichneten, wenn er von Kadra und ihrer Beziehung sprach. Ich wollte ihn nicht unnötig in Aufruhr versetzen. Schlimm genug, dass meine eigenen Gedanken immerzu um den geheimnisvollen Fremdling kreisten. »Mach dir keine Sorgen. Ich denke, wenn er mir etwas hätte antun wollen, wäre es längst geschehen.«
Langsam spähte ich zur Seite und fühlte, wie sich mein Herzschlag dem des Engels anzunähern versuchte. Uns trennten hunderte von Illusionen und die schlimmste von ihnen war, die Hoffnung, eines Tages ein normales Leben führen zu können. Aber auch das blieb letztendlich nur eine Illusion. Empfand Varek in Kadras Nähe ähnlich? War er ihr endlich nahe und doch so distanziert, als wären sie Fremde?
»Ich muss los«, sagte Will nach einer Weile und als ich nicht reagierte, stand er wortlos auf entzog sich meiner Nähe. »Bitte bleib zuhause und sei vorsichtig. Morgen plane ich mehr Zeit für uns beide ein. Ich verspreche es.«
Er verschwand so lautlos wie ein Schatten. Engelsschritte waren selbst für Dämonen vollkommen lautlos.
Mit geschlossenen Augen rollte ich mich auf dem Sofa zusammen. Mein Kopf schmerzte, so viele Gedanken wirbelten in ihm durcheinander. Ich wusste zwar, dass Varek mir keinen Anlass gegeben hatte, ihm zu misstrauen, doch insgeheim hegten Will und ich die gleichen Zweifel. Varek war ein sehr, sehr alter, übermächtiger Krieger, der leicht zur Gefahr werden konnte. Und sollte er sich gegen mich wenden, hatte ich kein Geschöpf verfügbar, das mir im Kampf gegen ihn helfen konnte. Nicht einmal Kadra.
Mit einem Seufzen ließ ich mich zurücksinken. Die Schmerzen waren vergangen, doch die Erinnerung an jede unserer Begegnungen hellwach. War es Zufall, dass Varek und Kadra nach all den Jahren noch einmal aufeinandertrafen? Wie lange hatte Varek wohl nach ihr gesucht? Wie vielen Gefahren mochte er getrotzt haben, nur um sie zu finden?
›Was für ein verrückter Tag‹, raunte ich Kadra zu, als diese sich nach Wills Verschwinden erstmals zeigte.
Mit einem Mal erschien mir die kleine zerbrechliche Traumwelt, in der Will und ich uns bewegten, wie ein Aquarium. Die Freiheit lag überall um uns herum, aber wir waren in unseren Leben gefangen. Verdammt dazu, einander zu liegen, aber niemals genug. Und doch zu sehr, um voneinander zu lassen. Wir waren Feuer uns Eis. Und wenn wir aufeinandertrafen, fühlte es sich gut und richtig an, doch je länger es dauerte, desto mehr wussten wir, dass es falsch und gefährlich war.
Ich versuchte mir die Welt vorzustellen, die Varek gesehen haben mochte. Die Geheimnisse, die vielen Epochen, die stumm vorübergingen, die vielen Gesichter, die vielen ersten und letzten Male, doch im Grunde wusste ich nicht, wovon ich da träumte.
Und in diesem Moment klingelte das Telefon auf dem Wohnzimmertisch. Langsam setzte ich mich auf und warf einen Blick auf das leuchtende Display. Eine Nummer, die ich nicht kannte.
›Geh ran‹, sagte Kadra. ›Du weißt, wer es ist.‹
Varek.
Mein Herz setzte einen Schlag lang aus. Ich streckte die Hand aus, griff nach dem abnehmbare Hörer. »Ja?«, fragte ich angespannt.
Am anderen Ende der Leitung seufzte der Dämon erleichtert auf. »Wie geht es dir?«, fragte er sanft.
Blind spürte ich seine Anspannung.
»Besser. Du hast gelogen. Wo warst du, als ich aufgewacht bin?«
»Nicht weit genug entfernt«, entschied er schroff. Aber ich hörte nun das kleine, erleichterte Lächeln in seiner Stimme. Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie sich seine Mundwinkel hoben, und spürte ein kleines, verheißungsvolles Kribbeln in den Schläfen. »Es tut mir leid. Ich wollte mich fernhalten von dir und deinem Leben.«
»Und wieso rufst du mich jetzt an?«
Eine finstere Ahnung veranlasste mich dazu, mich aufzusetzen. Alle Muskeln spannten sich plötzlich.
»Du erinnerst dich an den Dämon, der dich töten wollte?«
»Ja.« Angespannt kaute ich auf meiner Unterlippe herum.
»Er ist keine Gefahr mehr. Aber ich muss dich sprechen. Persönlich. Komm nach Sonnenuntergang dorthin, wo wir das erste Mal begegnet sind.«
»Ich-«
Die Leitung knisterte und war tot. Kälte ließ das Blut in meinen Adern zu Eis gefrieren.
»Woher hat er meine Nummer?«, seufzte ich, während das Telefon neben mir in die Kissen sackte.
›Weil er ein kluges Kerlchen ist. Du stehst im Telefonbuch. Nur weil er alt ist, müssen seine Methoden nicht verstaubt sein.‹
Grollend griff ich mir eines der Kissen und drückte mein Gesicht hinein. Sie hatte recht.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media