Zweite Chance

Alex Goodwin

Was für ein Tag!, denke ich, während ich den Kopf des Arztes gegen die Wand schlage und seine Zugangskarte an mich nehme. Dieses Mal möchte ich unauffälliger als letztes Mal vorgehen und mich auf Schleichen und Täuschung besinnen. Meine goldene Digital-Armbanduhr zeigt einen Countdown von genau 4 Minuten und 32 Sekunden an, als ich sie anlege. Was es mit dieser Uhr auf sich hat, werde ich wohl später herausfinden müssen. Jetzt ist dafür keine Zeit!, beschließe ich wie schon beim ersten Mal und ziehe den Kittel aus dem OP-Vorbereitungsraum an. Statt zu rennen, gehe ich - mit dem Versuch, gelassen oder gar gelangweilt auszusehen - den Flur entlang. Claras Schrei hallt durch den Gang und ich betrete erneut den OP-Saal, in dem sie gefangen gehalten wird.

Die Ärzte versuchen sie zu beschwichtigen und einer von ihnen hält eine gefüllte Spritze in der Hand. Als sie sehen, dass ich den Raum betrete, sagt derjenige mit der Spritze: "Gott sei Dank kommt jemand zur Unterstützung! Wären Sie so freundlich und würden der Patientin dieses Narkosemittel verabreichen? Sie ist mitten in der OP aufgewacht und kämpft nun gegen die Schmerzen, wobei sie uns nicht an sich heranlässt". Ich versuche den Brechreiz zu unterdrücken, das mich beim Anblick des halb geöffneten Brustkorbs überkommt und greife nach der Spritze.

Doch statt sie meiner Freundin Clara zu verabreichen, ramme ich sie in den Oberschenkel des Arztes, der sie mir gegeben hat und leere sie. "Was haben Sie...?", murmelt dieser und sackt in sich zusammen. "Haben Sie völlig den Verstand verloren?! Was zur Hölle soll das?", fragt sein Kollege entrüstet. Ich schnappe mir das Skalpell vom OP-Tisch und gehe damit auf ihn zu. Erschrocken weicht er zurück und starrt mich an, als ich sage: "Sie werden jetzt diese Wunde säuberlich nähen. Wenn gleich die Kollegen vom Sicherheitsdienst kommen, werden Sie so tun, als wäre alles in Ordnung! Haben Sie das verstanden?".

Eifrig nickt er und nimmt Nadel und Fraden zur Hand. "Und geben Sie ihr etwas gegen die Schmerzen sowie eine Adrenalinspritze, damit sie wieder zu Kräften kommt. Wenn Sie Mätzchen machen, sind Sie schneller tot, als Sie nach Hilfe rufen können!", drohe ich ihm aus Angst, dass meiner geliebten Clara etwas passieren könnte. "Alles wird gut! Ich bin jetzt hier! Danke für die zweite Chance!", rede ich ihr zu und sehe, dass meine Worte ihr einen gewissen Trost schenken und die Schmerzmittel beginnen zu wirken, die der Arzt ihr gerade verabreicht hat.

Meine Uhr gibt das Signal, dass der Countdown abgelaufen ist und ich frage mich, was es mit dieser Uhr auf sich hat, die zu erkennen scheint, wann ich sie anziehe. Ich inspiziere die Uhr genauer und erkenne, dass der Countdown nun bei zehn Minuten fortgesetzt wird und eine Beschriftung "Level 2" darüber erschienen ist, wo vorher nichts gestanden hat.

"Ist alles in Ordnung bei Ihnen?", fragt plötzlich eine Stimme hinter uns und lässt mich ein wenig zusammenzucken. In normalem Tempo werfe ich einen gespielt gelangweilten Blick über die Schulter zu den bereits erwarteten zwei Soldaten, die in der Tür stehen und uns argwöhnisch betrachten. - "Ja, es ist nur so, dass diese Patientin zu früh aus der Narkose aufgewacht ist. Wir haben die Lage aber wieder im Griff! Vielen Dank!", antworte ich ihm und tue so, als würde ich Claras EKG überprüfen und etwas auf dem Klemmbrett notieren, das ich mir eben zur Hand genommen habe.

Ich kann nur hoffen, dass sie das bewusstlose und gefesselte Personal ein paar Räume weiter nicht entdecken, sonst ist meine Tarnung unter Umständen dahin. Der Soldat starrt - scheinbar in Gedanken vertieft oder vielleicht von Claras nacktem Oberkörper fasziniert - auf den OP-Tisch, bis ich ihn verärgert unterbreche: "Sie entschuldigen uns? Wir haben noch eine Operation zu beenden und Sie sind nicht gerade steril gekleidet". - "Oh ja, selbstverständlich! Entschuldigen Sie bitte!", antwortet der Soldat sichtlich beschämt und verschwindet mit seinem Kameraden durch die Tür.

Puh, das war knapp!, denke ich erleichtert und schaue den Arzt an, der sich tatsächlich nichts anmerken gelassen und sich in seine Arbeit vertieft hat. Trotz seiner Angst, die fast schon greifbar ist, zittern seine Hände keineswegs und so kommt er - sichtlich routiniert - zum Ende der sauber ausgeführten Naht. "Gute Arbeit, Doktor! Wenn Sie mir jetzt noch sagen würden, wie wir hier sicher herauskommen, dann lasse ich Sie unbehelligt gehen. Gefesselt und geknebelt natürlich, aber ohne Ihnen auch nur ein Haar zu krümmen!", spreche ich ihm zu und hoffe, dass ich vertrauenswürdig klinge. Ich habe keine Lust dazu, ihn ausknocken und dadurch noch mehr Personen verletzen zu müssen.

"Also: Sie gehen den Korridor entlang und dann nach rechts. Im Grunde brauchen Sie nur den Notausgang-Schildern zu folgen und dann mit einer Sicherheitskarte in Richtung Sektion 2 zu gehen. Doch wie Sie es durch die Sicherheitskontrolle beim Ausgang von Sektion 1 schaffen wollen, weiß ich auch nicht", rätselt der Arzt und hält mir resigniert die Hände hin, um ihn zu fesseln. Vielleicht weiß Clara ja einen Weg, hoffe ich, Immerhin ist sie die Begabtere von uns beiden. "Wie geht es dir?", frage ich meine mittlerweile zu Sinnen kommende Freundin.

Mit etwas schwacher Stimme antwortet sie: "Ich habe wahnsinnige Schmerzen! Das Gegenmittel gegen das Narkosemittel hat zu spät gewirkt, weil ich es mir offenbar zu früh vor unserer Gefangennahme gespritzt habe. Kannst Du Dich mittlerweile wieder an alles erinnern?". Kopfschüttelnd verneine ich und helfe ihr, sich aufzurichten. Bevor ich den Arzt nun auch kneble, frage ich ihn noch, was uns an der Sicherheitskontrolle erwartet. "Thermovision und Scanner für organisches Gewebe, die auch Anomalien erkennen. Darüber hinaus Metalldetektoren und mindestens zwei bewaffnete Soldaten, die zu jeder Tageszeit am Eingang postiert sind". Freundlich bedanke ich mich bei ihm für seine Hilfe und entschuldige mich dafür, dass ich ihn so heftig bedroht habe. Mein sichtbar schlechtes Gewissen beschwichtigt ihn offensichtlich, da er mir zunickt.

Nachdem ich Clara geholfen habe, in ihre Kleidung und den Kittel des anderen, bewusstlosen Arztes zu schlüpfen, gehen wir den vorgeschlagenen Weg. "Ich weiß nicht, woran du dich erinnerst, daher erzähle ich Dir auf dem Weg nach draußen in Kurzform alles, was du wissen musst. Also: Wir sind hier, weil wir die Zeit manipulieren können, wie du sicher schon bemerkt hast. Je länger du Deine Fähigkeiten nicht nutzt, desto stärker ist der Effekt deiner Fähigkeit. Die erste Stufe ist eine Verlangsamung der Zeit. Stufe zwei umfasst...", erklärt mir Clara und verstummt mitten im Satz, als uns eine Patrouille entgegenkommt. Die beiden Soldaten nicken uns nur zu und wir gehen unbehelligt weiter.

Die Zugangskarte gewährt uns Zutritt zum Innenhof des weitläufigen Geländes. Wegweiser zeigen uns den Weg zur genannten Sektion 2 mit dem Namen "Experimentelle Quantentechnologie" unter der wir uns nichts vorstellen können. Mitarbeiter säumen den gesamten Weg, weshalb wir unsere Unterhaltung nicht fortsetzen können. Plötzlich geht ein schriller Alarm los, der alle Mitarbeiter dazu veranlasst, den Platz zu räumen. Wir tun es ihnen gleich und laufen zum Innenhofeingang der Sektion 2. Die Zugangskarte erweist uns dieses Mal nicht mehr ihren Dienst, doch wir haben Glück, dass ein Flüchtender die Tür für uns öffnet.

Zügig verlassen wir den Platz, während eine Reihe von Soldaten in Laufschritt an uns vorbeikommen und sich auf Sektion 4 zubewegen, aus der wir gerade kamen. "Sie haben mit Sicherheit die Ärzte gefunden, die ich gefesselt habe und diese Zugangskarte gesperrt", flüstere ich Clara zu. - "Jetzt müssen wir zusehen, dass wir in dem Chaos untertauchen und verschwinden, bevor sie uns entdecken! Lass uns die Kittel ausziehen und verstecken. Sie werden sicher bald nach einem Mann und einer Frau suchen, die sich als Ärzte verkleidet haben", antwortet sie und ich stimme nickend zu.

Die Räumlichkeiten vor uns scheinen vollständig geräumt worden zu sein, denn wir begegnen keinem einzigen Mitarbeiter. Das nächste, was wir hören, lässt uns kalte Schauer über den Rücken laufen - Eine Durchsage: "Achtung, Achtung! Dies ist keine Übung! Verlassen Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit den Komplex und versammeln Sie sich im Sicherheitsbereich der Sektion 1. Bitte bewahren Sie Ruhe und melden Sie jede verdächtige Person ohne Ausweis. Wir suchen nach zwei flüchtigen Patienten aus Sektion 4. Sie sind bewaffnet und sehr gefährlich! Achtung, Achtung...".

Das Geräusch von laufenden Stiefeln auf Linoleum warnen uns vor einer weiteren Gruppe von Soldaten. Gerade noch rechtzeitig stürzen wir in einen Raum, der sich auf den ersten Blick als Labor entpuppt und laufen geradewegs in einen Mann mit einem Kittel hinein. Der Laborant blickt von meinem Oberkörper zu Claras und ein deutlicher Ausdruck des Erkennens liegt in seinen Augen. Clara wird so kreidebleich, wie ich mich fühle und beschwichtigend heben wir unsere Hände und reden gleichzeitig auf ihn ein: "Bitte, hören Sie! Wir wollen niemandem etwas tun! Bitte rufen Sie nicht das Sicherheitspersonal! Sie müssen uns helfen".

Der Mann scheint kurz abzuwägen und nickt, bevor er zum Telefon neben der Tür geht und meldet: "Sicherheitsdienst? Ich habe die Flüchtigen auf dem Innenhof gesehen. Sie laufen in Richtung Sektion 3... Ja... Mache ich!". Anschließend legt er auf und sagt zu uns: "Ich weiß, wer Sie sind! Und ich kenne Ihre Geschichte! Wir haben alle drei Glück, dass Sie in mich hineingelaufen sind, denn ich wollte mich eigentlich gerade auf die Suche nach Ihnen begeben". Verdutzt erwidere ich: "Jetzt verstehe ich gar nichts mehr! Wer sind Sie und warum helfen Sie uns? Und was genau wissen Sie?".

"Erst müssen wir hier weg! Es ist hier nicht sicher für uns. Wenn wir zusammen gesehen werden, sind wir tot! Fürs Erste reicht es, dass Sie wissen, dass ich auf Ihrer Seite bin! Und jetzt: Folgen Sie mir!", bittet er uns und geht auf eine Tür im Labor zu, wo er einen langen Sicherheitscode eintippt. Die Tür summt und er öffnet sie. Was wir dahinter sehen, fasziniert uns mehr als alles, was wir je gesehen haben: Ein Raum voller... Ja, was sind das eigentlich?, frage ich mich. Ich kann es nur beschreiben als Löcher an allen Wänden. Mit verschwommenen Rändern bieten sie Aussicht auf alle möglichen Szenerien. Man könnte fast meinen, die Physik macht sich einen Spaß daraus, uns in die Irre zu führen. Denn statt in weitere Räume des Labors oder der Sektion 2 zu führen, sind dort Wälder, Wüsten, Gebirge und die Seitengasse einer Stadt zu sehen.

Der Labormitarbeiter stellt sich an einen Computer und gibt etwas ein. Staunend stehen wir dort und ich frage mich, was passiert, wenn ich diese Löcher berühre. Langsam gehe ich auf eines zu, das einen Wald zeigt. Als ich mich nähere, kann ich den zarten Duft von Tannennadeln und feuchtem Moos riechen. Fassungslos strecke ich die Hand aus und rechne damit, dass ich eine Art Oberfläche oder Bildschirm berühre. Stattdessen fasse ich ins Leere und berühre mit den Fingerspitzen die Blätter eines nahe liegenden Gebüsches. "Wir haben dafür keine Zeit!", ruft unser unerwarteter Retter und meine Hand zuckt zurück. "Kommen Sie! Wir gehen durch dieses Portal!", sagt er und drückt auf eine Taste, woraufhin sich eines der Löcher rasch verkleinert, bis es verschwunden ist und nackten Beton zeigt und mit einem leichten Rauschen ein neues aus dem Nichts erscheint, das den Weg zum Innenraum einer kleinen Hütte freigibt.

Als jemand an der Tür rüttelt und lautstark dagegen schlägt und unverständliche Befehle bellt, laufen wir auf das 'Portal' zu, wie der Laborant es genannt hat. Einen Moment lang bleiben Clara und ich davor stehen und sehen uns an. Können wir diesem Mann vertrauen?, überlege ich und sehe die gleiche Frage in den Augen meiner Freundin. Ich atme tief durch, nehme Claras Hand und schreite durch das Portal.

Kommentare

  • Author Portrait

    ACHTUNG, SPOILER. Wow... wow, was für ein wirklich eindrucksvoller Plottwist! Auch wenn man am Anfang des Kapitels vollkommen verwirrt ist, aber diesmal findet es sich ganz wunderbar in der Spannung des Kapitels ein. Die allermeisten Unstimmigkeiten vom letzten Kapitel klären sich auf eine spannende Weise. Auch die neu vorgestellte Regel: Je weniger man seine Fähigkeiten benutzt, desto Mächtiger wirken sie, bietet extrem viel Spannungspotential, ist mal was völlig anderes als die üblichen Superkräfte und deshalb sehr interessant! Wieder wunderbar geschrieben und spannend von Anfang bis zum Schluss - ich habe wirklich nichts auszusetzen!

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