Zwischen Wahn und Sinn

»Elena, wo willst du mit meiner Orchidee hin?«
»Esmeralda braucht sie.«
Priska legt einen beherzten Sprint ein, doch das Kind ist bereits durch die Tür entschwunden. Den Blumentopf mit der hochsensiblen Miltonia moreliana unterm Arm. Die Pflanze war ein Geschenk gewesen. Prikas Qualitäten als Blumenflüsterin sind nur rudimentär ausgeprägt. Dennoch hatte sie sich sofort in die Orchidee mit den zart lila Blüten und dem anspruchsvollen Pflegebedürfnis verliebt. Tatsächlich schaffte es die fragile Schönheit, in Priskas Obhut zu überleben und zu sogar zu blühen. Bis jetzt.

Kaum hat Priska die Tür erreicht, fällt diese mit Schwung ins Schloss. In der Luft schwebt ein glockenhelles Kinderlachen. Ein leichter Luftzug streift kühl ihre Wange. Sie verschränkt fröstelnd die Arme. Wie hatte sie bloß Elenas glucksendes Gekicher mit dem Lachen des Geistermädchens verwechseln können. Nur scheinbar schwerelos ist es. Weht aus einem anderen Jahrhundert zu ihr hinüber und trägt des Todes Odem mit sich. Weitaus verstörender als das wächserne Gesicht auf der Fotografie.

»Ja, dieses Bild wurde eindeutig post mortem aufgenommen.« Die wachen Augen über der Lesebrille hatten interessiert dreingeblickt. Nicht ängstlich. In jenem Moment beneidete Priska Hans um seine wissenschaftliche Distanz. »Wenn ihr genau hinseht, könnt ihr erkennen, dass die Augen auf die geschlossenen Lider aufgemalt wurden.« Luis beugte sich prompt über das vergilbte Foto. Priska hingegen war schon mit ihrem Kopfkino mehr als ausreichend bedient. Der Kloß in ihrem Hals drückte ihr fast die Luft ab. Hans musterte sie nachdenklich über den Brillenrand hinweg. Dann fuhr er fort: »Im 19. Jahrhundert war es durchaus üblich, Kinder kurz nach ihrem Tod zu fotografieren. Oft sogar im Kreise der Familie. Die finanziellen Mittel reichten meist nicht aus, um die Angehörigen zu Lebzeiten abzulichten. Solche Totenbilder waren immerhin ein kleines Andenken an den geliebten Menschen. Daher waren wohl Aufnahmen, welche die Verstorbenen lebendig wirken ließen, besonders beliebt. Auf dem Foto hier wollte man die Lebendigkeit durch die scheinbar offenen Augen vortäuschen.«

Priska hatte das Gefühl, jemand würde ihr mit einer heißen Klinge in die Eingeweide schneiden. Sie konnte sich keinen größeren Schmerz vorstellen als den, das eigene Kind zu verlieren. Aber wie sollte jenes makabre Ritual dabei geholfen haben, die Wunden zu schließen und die Trauer zu verarbeiten? Hatte der Blick auf dieses starre, maskenhafte Antlitz den Eltern tatsächlich Trost gespendet? Ja, der tote Körper saß dort auf dem Stuhl, aber die Seele hatte ihn längst verlassen. Was war Eleonores Geist? Ein Nachhall ihres irdischen Lebens? Eine Art energetischer Fingerabdruck? Oder wahrhaftig ihre ruhelose Seele auf der Suche nach Erlösung? In Priskas Kopf türmten sich die Fragen, in ihrem Hals und Bauch Klumpen aus Angst und Mitgefühl.
»Also, stammte dieses Mädchen aus eher ärmlichen Verhältnissen? Hast Du eine Vorstellung davon, wann und wo das Bild entstanden ist?« Luis, Pragmatiker durch und durch, setzte andere Prioritäten im Hinblick auf die Fragen, mit welchen er seinen ehemaligen Professor für neuere Geschichte bombardierte.
»Nun, reich war die Familie wohl nicht. Die Kleidung erinnert an eine bäuerliche Tracht.« Hans rückte die Brille auf seiner Nase zurecht und studierte das Foto mit gerunzelter Stirn. »Scheint eine Art Dirndl zu sein. Sie trägt eine Schürze. Spontan würde ich auf die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts tippen. Vor allem die dunklen Töne und der hochgeschlossene Kragen sprechen dafür. Zum Ort kann ich leider nichts sagen.«
»Auf der Rückseite sind ein paar handschriftliche Zeilen vermerkt«, schaltete sich Priska in das Gespräch ein. Hans drehte das Bild um und Priska tippte auf den verblassten Text unten rechts. »Siehst Du? Das da sieht nach einem Datum und einer Ortsangabe aus: Leider sind die Worte viel zu verblichen, um sie zu entziffern.«
Hans hielt das Foto ans Licht. »Es gibt Verfahren, mit deren Hilfe die Schrift vielleicht wieder lesbar wird. Ich kenne ein Labor, das Erfahrung damit hat. Wenn es euch recht ist, reiche ich das Foto zur Analyse dort ein.«

Seit ein paar Tagen sitzt Priska nun auf glühenden Kohlen. Noch steht das Ergebnis aus. Während sie an der Haustüre rüttelt, versucht sie, das unheimliche Foto aus ihren Gedanken zu verbannen. Hier und jetzt hat sie es nicht mit der leblosen, körperlichen Hülle des Mädchens zu tun, sondern mit dem, was einst in ihr wohnte. Davon ist sie inzwischen überzeugt. Die Präsenz des Gespensterkindes ist deutlich zu spüren. Im Haus dürfte es um die einundzwanzig Grad haben. Trotzdem hat Priska klamme Finger und ihr Atem kondensiert an der Luft. Das Windspiel bewegt sich. Dabei hat sie die Tür noch nicht einmal einen Spalt weit aufbekommen. Sachte schlagen die silbernen Klangstäbe aneinander. Sie spielen eine eigenartige Melodie.
»Eleonore, bitte lass mich hinaus in den Garten!« Obwohl sie sich seltsam vorkommt, spricht sie das Geisterkind zum ersten Mal direkt an. Dabei bemüht sich um einen sanften und zugleich bestimmten Tonfall. Immerhin ist das Mädchen bei ihr und nicht in der Nähe ihrer Tochter, die wahrscheinlich gerade die Orchidee opfert, in der Hoffnung, Esmeralda zu beschwören. Elena hält sich häufig allein im Garten auf. Trotzdem drängt alles in Priska danach, zu ihrem Kind zu eilen. Unmittelbar neben Priska ertönt erneut das jenseitige Kinderlachen. Sie zuckt zusammen. »Das bilde ich mir doch nicht ein«, denkt sie. Luis Reaktion auf die Schilderung dieser bizarren Begebenheit kann sie sich lebhaft ausmalen. Besser, sie sagt gar nichts mehr dazu. Ihr Mann hat ohnehin eine besondere Begabung, in solchen Situationen mit Abwesenheit zu glänzen. Vielleicht lauern die Spukerscheinungen aber auch nur darauf, dass sie allein im Haus ist.
»Kannst du nicht mal zur Abwechslung Luis erschrecken?«, ruft sie über die Schulter, während sie sich mit ihrem gesamten Gewicht an die Türklinke hängt. Ihr ist bewusst, dass sie sich kindisch verhält, aber es ist nicht das erste Mal, dass sie versucht, ihre Ängste mit beißendem Humor zu bekämpfen. Eleonore scheint nicht viel übrig zu haben für diese Art von Witz. Ihr eisiger Atem bläst Priska in den Nacken und verhöhnt sie. Priska fährt herum. Jede physische Konfrontation mit dem Geisterwesen fühlt sich an wie ein Stromschlag, der mit Lichtgeschwindigkeit durch ihren Körper jagt. Sie zittert so sehr, dass sie die Türklinke loslassen muss. Doch sie denkt nicht daran, sich von einem kleinen Mädchen schikanieren lassen.Ob tot oder lebendig.
»Jetzt mach endlich die verdammte Türe auf«, herrscht sie ihr unsichtbares Gegenüber an.
»Nein!«
Priska vernimmt nicht die Worte selbst, nur deren Echo, doch das ist deutlich genug. Es hüllt sie in eine bedrohliche Wolke aus negativer Energie. Erfordern trotzende Geisterkinder den gleichen Umgang wie jene aus Fleisch und Blut? Sie merkt, wie die Luft um sie herum zu wirbeln beginnt. Kleine, trappelnde Füße kreisen sie ein. Eleonore ist ihr nicht wohlgesonnen. Das spürt Priska deutlich. In Ranieris Gegenwart empfindet sie anders. Die Energie, welche von ihm ausgeht, ist nicht destruktiv. Die Aura, die Eleonore umgibt, hingegen schon. Diese Feststellung ängstigt Priska. Schließlich folgt Eleonore ihrem eigenen Kind wie ein Schatten. Wo ist Ranieri überhaupt? Sie könnte seine Unterstützung jetzt gut gebrauchen.
»Hier und doch weit fort.« Ein vertrautes, kaum hörbares Flüstern neben ihrem Ohr. »Ich kann nicht zu Euch gelangen. Ich stehe hinter dem Wasserfall und Ihr davor. Tosendes Rauschen übertönt Eure Worte und Gedanken und der dichte Vorhang verschleiert Euer Handeln.«
»Was heißt das? Bist Du in einer anderen Dimension? In einer anderen Dimension als Eleonore? Wie kann das sein? Ich habe doch gesehen, wie sie in Deine Arme gestürzt ist?« Kaum hat sie den letzten Satz ausgesprochen, fällt ihr ein, dass sie diese Beobachtung lediglich im Traum gemacht hat. Wobei das offensichtlich keine Rolle spielt. Seit Ranieri auf dem Plan erschienen ist, lösen sich die Grenzen zwischen Traum und Realität mehr und mehr auf. »Und was bedeutet, dass unsere Gedanken übertönt werden? Hast Du also doch telepathische Fähigkeiten?« Für einen Augenblick wird Priska sich gewahr, wie die Szenerie auf Außenstehende wirken muss. Wild gestikulierend führt sie abstruse Selbstgespräche. Manch einer würde sie wahrscheinlich sogar für schizophren halten. Du meine Güte, Priska hört Stimmen. Ab in die Klapse. Was würde wohl die Psychologin dazu sagen? Obwohl ihr nicht danach zumute ist, entfährt Priska ein heiseres Lachen. Die tapsenden Kinderfüße stehen still. Eleonore hält inne und lauscht. So scheint es.
»Du musst aufpassen, Priska. Sie sammelt Energie.« Ohne auf ihre Fragen einzugehen, die er offenbar nicht gehört hat, fährt er fort: »Du wirst sie bald sehen können. Sie manifestiert sich.«
»Ist sie bösartig?« Priska schämt sich beinahe, eine solche Frage im Zusammenhang mit einem kleinen Mädchen zu stellen, das zudem jedes ihrer Worte zu hören kann. Hinter ihr konzentriert sich die wirbelnde Luft. Ballt sich zusammen wie eine Windböe, die ihr in den Rücken drückt. Sie stemmt sich dagegen, um nicht über ihre eigenen Füße zu fallen. Dabei versucht sie, zu verdrängen, dass es eine Spukerscheinung ist, mit der sie in diesem Augenblick auf Tuchfühlung geht. Der gespenstische Wind gewinnt nochmals an Stärke und bäumt sich ein letztes Mal auf, bevor er plötzlich abebbt. Von einer Sekunde auf die nächste. Priska kann das Gleichgewicht nicht halten. Obwohl sie genau dies verhindern wollte, stürzt sie zu Boden. Ihre Hüfte quittiert den Aufprall mit einem schmerzhaften Stich.
»Nein. Nur eifersüchtig.« Ranieris Stimme ist nur mehr ein leises Vibrieren. »Konzentrier Dich auf die Tür, nicht auf sie.« Priska ist nicht sicher, ob sie ihn verstanden hat.
»Eifersüchtig? Worauf denn? Wie meinst Du das mit der Tür?« Sie horcht angespannt in die trügerische Stille hinein, doch Ranieri ist fort. In Priskas Kopf fahren die Gedanken Achterbahn inklusive Fünferlooping. Und Elena ist noch immer allein im Garten. Wobei es dort vermutlich gerade sicherer ist als im Haus. Die Vorstellung ist beängstigend. Für Priska ist der Ausspruch »My home is my castle« mehr als nur eine Redewendung. Ihr zu Hause war bisher der einzige, verlässliche Rückzugsort. Es fühlt sich an, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Wie soll sie hier weiter leben, in dem Wissen, dass permanent ein unleidlicher Geist um sie herumschleicht. Eine perfidere Psychofolter gibt es kaum.

In diesem Moment hört sie Elena schreien. Panik durchflutet sie. »Elena, was ist passiert?« Brüllend hämmert sie gegen die Tür. »Ich bin gleich bei Dir, mein Schatz!« Dann fällt ihr ein, dass sie sich völlig irrational verhält. Die Terrassentür. Wieso hat sie nicht gleich an diesen Ausgang gedacht? Stolpernd hechtet sie ins Esszimmer. Elenas Schreie klingen inzwischen schrill. Priska will den Griff der Glastüre, die in den Garten führt, nach oben ziehen. Doch der bewegt sich keinen Millimeter. »Bitte, bitte«, fleht sie aufgelöst. Fast kann sie Eleonores triumphierendes Lächeln spüren. Verzweifelt schluckt sie die Panik hinunter. Sie denkt an Ranieris Worte: »Konzentrier Dich auf die Tür, nicht auf sie.« Sie hat keinen Schimmer, was er ihr damit sagen wollte. Doch sie wird ihm beim Wort nehmen. Weder Lärmen, Betteln noch Gewalt haben ihr geholfen. Nur wenige Meter von ihr entfernt – lediglich die Hausmauer trennt sie, brüllt sich Elena die Seele aus dem Leib. »Mama!!!« Priska versucht, ihre Angst, die sie eher lähmt als antreibt, niederzukämpfen. »Ich komme, mein Schatz!« Beschwörend wiederholt sie ihre Worte. Spricht sich Mut zu: »Ich komme!« Sie starrt auf den silbern glänzenden Türgriff in ihrer Hand und bündelt ihre Gedanken, bis sie sich nur noch auf ein Ziel richten: Die Türe zu öffnen. Mit aller Kraft stellt sie sich vor, wie sie den Griff hochdrückt und die Türe mühelos aufstößt. Ihr Geist trifft sogleich auf einen Widerstand. Es ist Eleonore, welche sich ihr mit ihrer bisher gesammelten Energie entgegengestellt und versucht, sie mit aller Macht zurück zu drängen. Doch Priskas psychische Kräfte übersteigen ihre physischen bei Weitem. Erstaunt bemerkt sie, dass sie Eleonore mittels mentaler Waffen eine ebenbürtige Gegnerin sein kann. Diese Erkenntnis mobilisiert zusätzlich Reserven. Alles um sie herum verschwindet in einer Art Nebel. Am Rande von Priskas Bewusstseins reißen Elenas Schreie schmerzhafte Wunden in die milchige Kuppel, die sich über sie wölbt. Allein der silberne Türgriff ist noch klar und deutlich zu erkennen. Er scheint durch eine Art Tunnel auf sie zuzurasen. Schließlich ist er so nahe, dass ihr Geist ihn zu umfassen vermag und ihn mit Gewalt um hundertachzig Grad nach oben drückt.

Sekunden später steht sie auf den Terrassendielen. Der Nebel löst sich auf und die Kuppel gibt sie frei. Mit weichen Knien wirft sie einen Blick hinter sich. Das Holz am Türrahmen und am Griff ist gesplittert. Doch sie hat keine Zeit, um sich ihrer Überraschung und Grübeleien hinzugeben. Stattdessen folgt sie den Schreien ihrer Tochter. Rennt so schnell sie ihre Beine tragen. Um Haaresbreite verfehlt sie den brunnenartigen Schacht direkt zu ihren Füßen. Elena steht am Boden des auszementierten Loches. Auf einem Bett aus lila Orchideenblüten. Mit Tränen in den Augen sieht sie zu ihrer Mutter auf: »Mama, hol mich hier raus!« Priska fackelt nicht lange. Sie legt sich bäuchlings vor den Schacht und streckt ihrem weinenden Kind die rechte Hand entgegen. Mit der Linken umschlingt sie den schlanken Stamm der Zierkirsche neben sich. Allzu tief ist der stillgelegte Abwasserschacht zum Glück nicht. Hastig ergreift Elena die Hand ihrer Mutter und Priska zieht sie nach oben. Elena fällt ihr schluchzend um den Hals. Priska drückt das bebende Kind an sich. Eine Welle der Erleichterung erfasst sie. Umspült die spitzen Felsen des Psychoterrors, die sich langsam, aber stetig in ihr Herz bohren. »Geht es Dir gut, mein Schatz? Hast Du Dir wehgetan?«
»Nein.« Elena schüttelt ihren Kopf und bedenkt ihre Mutter mit einem Sprühregen aus Erdklümpchen, die aus ihren zerzausten Locken fallen. »Ich bin nur erschrocken. Und ich bin einfach nicht mehr hochgekommen. Die Wände sind zu glatt.« Priska betrachtet den schweren Gullideckel, der einen halben Meter weiter im Gras liegt.
»Wie hast Du es nur geschafft, den Deckel anzuheben? Und warum?« Unwillkürlich fragt sich Priska, was Luis jetzt wohl für eine rationale Erklärung parat hätte.
»Der Brunnen war schon offen«, antwortet Elena. »Eleonore hat mir gesagt, dass ich Esmeralda dort finde.« Ein eisiger Blizzard fegt die letzten Reste von Erleichterung hinfort. Priska umarmt ihre Tochter so fest, dass es wehtun muss. Das Kinderherz hüpft und flattert wie ein aufgeregtes Vögelchen. «Ich habe ein paar Blütenblätter hineingestreut und Esmeralda gerufen. Und dann hat sich unten etwas bewegt. Da bin ich in das Loch hineingeklettert. Ich habe mich am Rand festgehalten und dann hinunterplumpsen lassen.« Elena holt tief Luft. »Ich weiß, dass das blöd von mir war. Aber ich war so sicher, dass es Esmeralda ist. Und sie hätte mir bestimmt geholfen, wieder rauszukommen.« Elena löst sich ein wenig aus Priskas Umklammerung und zeigt in den Schacht. »Aber das war nicht Esmeralda, sondern ein Babyfrosch.« Priska versucht, sich ihre Verblüffung nicht anmerken zu lassen. Dann sieht sie ebenfalls nach unten. Tatsächlich: Halb verdeckt von den Orchideenblättern kauert am Rand des Schachtes eine hellbraune Kröte. »Können wir sie retten, Mama?«
Priska nickt: »Zumindest können wir sie da herausholen.«

Mit ihrer Tochter an der Hand schnappt sie sich den Kescher aus der Garage. Damit ist es ein Leichtes, das Tier nach oben zu befördern. Elena setzt die kleine Kröte unter einen Laubhaufen. Danach gehen sie gemeinsam zurück ins Haus, obwohl sich in Priska alles dagegen sträubt, erneut mit Eleonore konfrontiert zu werden. Dass sie vorhin einen kleinen Sieg gegenüber dem unberechenbaren Geisterkind erringen konnte, verleiht ihr jedoch die nötige Zuversicht. Wäre doch gelacht, wenn sie sich von einem Gespenst aus dem eigenen Haus vertreiben ließen! Sie bugsiert die noch immer etwas verwirrte und sichtlich mitgenommene Elena auf die Küchenbank und legt ihr eine Fleecedecke um die Schultern. Auch in diesem Raum herrscht eine eigenartige Kälte. Dabei arbeitet die Heizung auf Hochtouren. Priska hofft inständig, dass die frostigen Temperaturen nichts mit Eleonore zu tun haben, obwohl sie es eigentlich besser weiß. Sie setzt Milch für einen heißen Kakao auf, lässt ihre Tochter dabei aber nicht aus den Augen. Doch Elena wirkt ganz in sich selbst versunken. Gedankenverloren rührt sie mit dem Kaffeelöffel in ihrer noch leeren Lieblingstasse mit dem Regenbogen. Wahrscheinlich verarbeitet sie gerade das unschöne Erlebnis von eben.

Als die Milch zu kochen anfängt, wird es allmählich wärmer in der Küche. Vielleicht ist es nur die Hitze des Ofens, welche die Raumtemperatur nach oben treibt. Gleichwohl fühlt sich Priska sofort behaglicher. Während sie das Kakaopulver in den Topf rührt, merkt sie, wie die Anspannung von ihr abfällt. Draußen klappt lautstark eine Autotür und im selben Moment ertönt neben Priska ein Rauschen. Es ist das Babyphone. Sie hat am Morgen vergessen, es auszuschalten. Gut, dass Luis nicht da ist. Auf seinen Vortrag in Sachen Stromverschwendung verzichtet sie gerne. Helles Tageslicht durchflutet Elenas Kinderzimmer. Im Gegensatz zu den dunklen Farben in der Nacht dominieren nun warme Gelb- und Rottöne. Priskas Finger liegt bereits auf dem Ausschalter. Aber sie schafft es nicht mehr, ihn zu betätigen. Ihre Horrorvision wird Wirklichkeit. Ein Gesicht schiebt sich direkt vor die Kamera. Das Antlitz ist verschwommen. Doch es besteht kein Zweifel: Es ist Eleonore, die da unverwandt in die Kamera blickt. Zumindest scheint es so. Ihre Augen flackern nicht weiß wie die von Elena in der Nachtsichtfunktion. Vielmehr gleichen sie zwei tiefschwarze Höhle, die Priska dennoch direkt in die Seele stieren. Die Gesichtszüge des Geistermädchens flimmern und die verschwommenen Konturen verleihen Eleonores Gesicht etwas Maskenhaftes. Lächelt sie oder öffnet sie ihren Mund zu einem lautlosen Schrei? Pfeifend entweicht der Atem aus Priskas Brust. Der Schock hat sie die Luft anhalten lassen. Unmöglich, dass Elena ihre Gespensterfreundin in eben dieser furchterregenden Gestalt wahrnimmt. Eine solche Erscheinung würde sie zutiefst traumatisieren. «Was willst Du?«, flüstert sie der Gestalt auf dem Display zu, ohne die Gesprächstaste zu drücken.
»Mama? Mit wem redest Du?« Elena klingt alarmiert. Priska spürt ihre Blicke im Rücken. Sie ist nicht in der Lage zu antworten. Zitternd presst sie ihren Finger auf den Ausschaltknopf, ohne auf eine Antwort zu warten. Die gespenstische Fratze verschwindet und der Bildschirm wird dunkel.
»Kannst Du Dich bitte umdrehen, Mama? Manchmal träume ich, dass Du am Herd stehst. Du hast Deine Lieblingsjeans an und Deinen blauen Pulli. Aber dann drehst Du Dich um und Du bist jemand anderes. Eine böse Frau, die mir wehtun will.« Elena schluchzt. Priska eilt zu ihr und nimmt Elenas Kopf in beide Hände: »Sieh mich an, mein Schatz. Ich bin es. Warum hast Du mir nie von diesen Träumen erzählt?« Die Ereignisse überschlagen sich. und alle Zuversicht ist dahin. Priska kann keine Nacht länger in diesem Haus bleiben.
»Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich hatte Angst, dass es wahr wird, wenn ich es erzähle.« Elena lehnt ihre heiße Stirn an die ihrer Mutter. So verharren sie einige Sekunden. Bis Priska der Geruch verbrannter Milch in die Nase steigt.
»Ohje, der Kakao!« Beinahe ist sie froh, dass die Banalitäten des Alltags sie einholen. Sie springt auf und schnappt sich Elenas Tasse. Bevor sie diese mit der heißen Schokolade füllt, entfernt sie sorgfältig die Milchhaut, die sich an der Oberfläche gebildet hat. Dann greift sie nach der Küchenrolle und wischt mechanisch die übergelaufene Milch weg. Gleichzeitig fragt sie sich, wie sie sich in diesem Moment auf solche Kleinigkeiten konzentrieren kann. Um sie herum stürzt eine Welt ein. Reißt Priskas vertraute Festung mit sich und begräbt sie unter den Trümmern. Doch das gewohnte Ritual gibt ihr Halt. Sie reicht Elena den dampfenden Kakao und atmet tief durch. Elena bläst ihre Backen auf und pustet dann mit Inbrunst über ihre geliebte Regenbogentasse. Priska muss unwillkürlich lächeln angesichts dieser entwaffnend unschuldigen Geste. Elena schmunzelt ebenfalls. Vorsichtig nippt sie an dem noch immer heißen Getränk. »Eleonore würde am liebsten auch einen Kakao trinken.« Mit der Tasse am Mund klingt Elena etwas undeutlich. Priska braucht einen Moment, bis sie ihre Worte erfasst. Dann trifft sie die Erkenntnis wie ein dumpfer Schlag in die Magengrube. »Ist sie hier?« Priskas Stimme bebt.
»Kannst Du sie nicht sehen? Sie steht direkt neben Dir.« Priska möchte ihrem ersten Impuls folgen und Hand in Hand mit ihrer Tochter aus dem Haus stürmen und diesen ganzen Wahnsinn hinter sich lassen. Kurz denkt sie an ihren Traum vom Antermoiasee und an die Worte der Gana. Mühsam unterdrückt sie ihren Fluchtreflex. Mit klopfendem Herzen wendet sie den Kopf zuerst nach rechts, dann nach links. Niemand ist zu sehen. Doch sie weiß, dass Elena recht hat. Die jenseitige Kälte kriecht bereits unaufhaltsam über ihre Extremitäten und bis unter die Haarwurzeln. Aus dem Augenwinkel registriert sie eine Bewegung auf Höhe der Durchgangstür, die ins Wohnzimmer führt. Obwohl ihr Instinkt sie eindringlich warnt, richtet sie ihren Blick auf den Glaseinsatz. Zuerst nimmt sie nur ihr eigenes Spiegelbild wahr. Doch dann sieht sie den kleinen Schatten, der eine Handbreit von ihr entfernt steht. Trotz der riffeligen Oberflächenstruktur ist Eleonore nun viel deutlicher zu erkennen als vorhin auf dem Display des Babyphones. In diesem Moment erinnert sie sich an Ranieris Worte: »Sie manifestiert sich.«

Zwar wirkt die Mädchengestalt noch immer durchscheinend, aber statt schwarzer Löcher besitzt Eleonore nun Augen, die Priska aus dem provisorischen Spiegel heraus beobachten. Mit der grässlichen Fratze von eben hat dieses arglose Kindergesicht nichts mehr gemein. Die dunklen Haare werden von einer roten Schleife zusammengefasst. Das gerüschte Kleid und die Riemchensandalen leuchten im selben Farbton. Sie trägt andere Sachen als auf dem Foto, stellt Priska fest. Im Arm hält Eleonore die Puppe, welche Priska noch aus ihrem Traum in Erinnerung hat. Alles ist so unwirklich. Die Erscheinung überlagert Priskas gewohnte visuelle Wahrnehmung wie ein Störbild. Das Kind bewegt die Lippen, doch Priska kann es nicht hören.
»Sie wollte Dich nicht erschrecken«, übersetzt Elena in einem seltsam monotonen Singsang. »Aber sie braucht unsere Hilfe. Und sie wird mit uns gehen.«
»Wohin will sie mitkommen?« Priska fragt sich verzweifelt, wann die Hiobsbotschaften endlich ein Ende haben.
»Nach Hause.« Elena schlürft die lezten Kakaoreste aus ihrer Tasse. Dieses Geräusch klingt derart absurd und fehl am Platz, dass Priska zuerst zusammenzuckt und anschließend hysterisch kichert. Elena lässt sich nicht beirren: »Sie sucht ihre Mutter.«
Das Mädchen im Glas streckt Priskas Spiegelbild eine kleine weiße Hand entgegen. Der Platz neben der Priska aus Fleisch und Blut scheint nach wie vor leer zu sein. Doch als beide Abbilder sich berühren, spürt Priska einen elektrischen Schlag. Sie muss daran denken, wie sie im Traum versucht hat, Ranieris Hand zu ergreifen. Es hat sich ähnlich angefühlt. Wenn auch weniger beängstigend. Aber das hier ist kein Traum, oder?
Sie wagt es nicht, ihre Hand zurückzuziehen. Außerdem ist sie starr vor Schreck. »Warum hast Du mich nicht in den Garten gelassen?«, fragt sie das Kind im Spiegel. Als Eleonore diesmal den Mund öffnet, vernimmt Priska ein leises Rauschen. Doch sie versteht nach wie vor nicht, was die Erscheinung ihr mitteilen will. Wieder muss Elena als Dolmetscherin einspringen:
»Sie wollte, dass ich erst Esmeralda finde.«

Trotz ihrer Aufregung versucht Priska, sich die Situation von vorhin nochmal vor Augen zu führen. Überdeutlich erinnert sie sich an die negativen Schwingungen. Sie kann sich Eleonore beim besten Willen nicht als liebevollen Schutzengel vorstellen. Und ihr ist unwohl dabei, dass sie ihrer Tochter so nahe ist. Der Geist in der Glastür ist unheimlich und verstörend. Doch er löst keine Todesangst aus. Anders als die alptraumhafte Fratze im Babyphone. Sieht ihre Tochter Eleonore in der jetzigen Gestalt? War die Erscheinung im Kinderzimmer einfach noch nicht ausreichend manifestiert? Hat sie deshalb ausgesehen, als sei sie soeben einem indizierten Horrorfilm entstiegen? Priska hat keine Ahnung, was Eleonore im Schilde führt. Forschend blickt sie dem Gespensterkind in das blasse Gesichtchen. Eleonore zieht ihre Mundwinkel nach oben. Ihre Mimik hat etwas Künstliches, Puppenhaftes. Und das Lächeln wirkt tückisch. Oder täuschen Priska ihre überspannten Sinne? Das Kribbeln in ihrer Rechten, auf der Eleonores blasse Finger liegen, wird unangenehm. Abrupt schüttelt Priska die Geisterhand ab.

In diesem Moment durchbricht das Klingeln des Telefons die unheilvolle Stille. Es liegt auf der Anrichte. Priska greift danach wie nach einem Rettungsanker.
»Hallo?«, flüstert sie atemlos.
»Priska? Das Ergebnis der Analyse liegt vor.« Es ist Hans.
»Ja?«
Hans macht eine kurze Pause, bevor er antwortet. Vielleicht ist er irritiert von Priskas Einsilbigkeit. Dann räuspert er sich und fährt fort: »Der Text lautet: »Im Gedenken an meine geliebte Tochter Eleonore, die mir viel zu früh genommen wurde.« Jetzt folgt ein Satz, den das Labor nicht wiederherstellen konnte. Weiter geht es mit: »Mein Herz ist schwer. Ich bete dafür, dass Du nun an einem glücklicheren Ort weilst. In ewiger Liebe, Deine Mutter. Waidbruck, 1. November 1875.« Waidbruck – das ist doch in Südtirol?
»Ja, im Eisacktal. In der Nähe der Trostburg.« Priska merkt selbst, wie gepresst ihre Stimme klingt.
»Priska? Ist alles in Ordnung mit Dir?«
»Hans, ich muss jetzt auflegen. Vielen Dank für Deine Unterstützung und mach Dir keine Sorgen! Es geht uns gut. Bis bald!« Priska legt auf, ohne seine Antwort abzuwarten. Was hätte es für ein Sinn, sich in eine Diskussion mit ihm zu verstricken? Noch dazu in dieser Gesellschaft? Priskas Blick wandert von ihrer Tochter zum Abbild des Geistermädchens. Eleonore hat sich nicht vom Fleck bewegt. Noch immer lächelt sie wie eine Sphinx. So penetrant kann keine Einbildung sein. Doch jetzt weiß Priska, was zu tun ist.
»Komm, Elena. Wir müssen packen.«

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