Wir schreiben das Jahr 1853 und ich bin auf der Suche nach der Wahrheit. Ich, das ist Kapitän Mathew Forell. Etwas quält mich und ich kann oft nicht schlafen –  bin nur am Grübeln aber das Schlimmste ist diese innere Unruhe und die Frage: Gab es ihn oder war alles nur ein Produkt seiner Fantasie? Es ist mir egal, ich muss dem einfach nachgehen. Am Geld liegt es nicht, davon habe ich genug und so entschließe ich mich, genauso vorzugehen wie er es beschrieben hat.

                                                                       *  
Ich sitze in einer anrüchigen schmutzigen Spelunke auf einer Insel vor der Ostküste der USA, zwischen Cape Cod und  Martha Vineyard.  Das diffuse Licht hat den Vorteil, dass ich das schmutzige Glas und den gepantschten Fusel den mir der Wirt hier vorsetzt nicht auf den ersten Blick erkenne.

Der Hausherr, selbst ein listiges, lichtscheues Element tut hinter der Bar sehr geschäftig, wobei er Augen und Ohren offen hält, damit ihm auch ja nichts entgeht, woraus er vielleicht Kapital schlagen könnte. Mit mir sitzen noch sieben weitere Personen im Raum, dem Aussehen nach alles Seeleute.
An der Wand gegenüber der Theke hängt ein prächtiger Blue Marlin, seine Körperlänge liegt meiner Schätzung nach bei weit über drei Meter, einer der längsten der mir bisher unter die Augen gekommen ist. Hat garantiert seine vierhundert bis vierhundertfünfzig Kilo - und sein Speer, sowie seine mächtige Rückenflosse, sind ein wahrer Augenschmaus, so meine Gedanken.
Doch das ist nicht die Art Beute, die mich hinter dem Ofen hervor lockt –  für mich ist diese Art Fisch nicht groß genug.
Mein Schiff, die weiße Lady, liegt im Hafen mit einer fast vollzähligen Mannschaft. Ich sitze hier an meinem Tisch und hoffe, dass der Kontakt den ich an der Pier geknüpft habe noch rechtzeitig seine Früchte trägt. Morgen früh will ich in See stechen, denn es wird Zeit, die Herbststürme stehen vor der Tür.
Nachdem ich jetzt über eine Stunde hier rumsitze und den verwässerten Rum dieses halsabschneiderischen Wirts in mich hinein kippe, kommen mir langsam Zweifel an dem Gelingen meines Vorhabens.
Ich schütte den Rest des widerlichen Gesöffs herunter und will mich erheben als ein Mann an meinen Tisch tritt.

»Kapitän Forell?« Zwei Augen, schwarz wie der Abgrund einer verkommenen Seele, starren mich fragend an.

»Sie haben ihn gefunden«, antworte ich knapp und blicke ihm, ohne mit der Wimper zu zucken, in sein pockenvernarbtes Gesicht.

»Mein Name ist Morten Pinto-Klaas, ich bin Harpunier und ich habe noch zwei Freunde, Niklas Likkmaan und Harkon Mokkas beide geschickte Flenser, die ebenfalls an Ihrem Vorhaben interessiert sind. Unten im Hafen spricht man davon, dass sie noch Leute suchen«, sagt er, während er mir immer noch unverhohlen in die Augen schaut.
»Das ist richtig. Freie Verpflegung, inclusive Rum und 2% Gewinnbeteiligung sind meine Bedingungen, wenn Sie damit klar kommen, können Sie und ihre Freunde sich noch heute Abend an Bord der “weißen Lady“ melden. Morgen früh laufen wir aus«, erwidere ich und halte seinem Blick stand.

»Geht klar, wir seh‘n uns«, antwortet er knapp und lässt mich allein.

Noch bevor die morgendlichen Nebel den Blick auf die kleine Insel im Nordatlantik freigeben, erteilt Kapitän Forell den Befehl: »Klar, Vorn und Achtern«, und unsere Fahrt ins Ungewisse geht los.

Günstig am Wind liegend und mit aufschäumender Bugwelle durchpflügt die weiße Lady die kalten nordamerikanischen Küstengewässer in Richtung Azoren. Unsere ständigen Begleiter sind Tümmler, eine Art Delphin, die munter neben her oder pfeilschnell vor dem Bug kreuzen. Mal zähle ich nur zwei, drei aber oftmals sind es ganze Schulen von bis zu zwanzig und mehr Tiere.

Ich lasse die Mannschaft antreten und erkläre, ohne ihnen meine Gründe zu nennen, dass diese Fahrt Teil eines Experiments ist. Den meisten ist es egal, doch einige scheinen gar nicht mit zu bekommen worum es mir geht. Ihnen geht es nur um ihre Heuer, den Rum den ich an Bord zu bestimmten Zeiten ausgeben lasse oder das bevorstehende Abenteuer. Was ich denke und vorhabe ist für die nebensächlich.

Nach knapp fünf Wochen und verhältnismäßig gutem Wetter erreichen wir die Azoren, auch als Wetter-Inseln bekannt. Ein südlich des 40. Breitengrades aus neun Inseln bestehender Archipel vulkanischen Ursprungs. Tags zuvor haben wir schon einige Möwen an Bord begrüßen können. Die Hauptinsel São Miguel ist unser erstes Ziel bei der Überquerung des Atlantiks. Vorbei an Flores, Faial und Pico, die wir –  an Backbord liegend – passieren, machen wir im Hafen von Ponta Delgada, der Hauptstadt der Insel São Miguel fest und bunkern Frischwasser, Kartoffeln, Gemüse, ein paar Kisten Zitrusfrüchte, sowie Kabeljau und Seelachs als Stockfisch für unseren weiteren Törn. Zwei Tage später segele ich erneut, mit einer entschlossenen Mannschaft unserem Abenteuer entgegen.

An der an Steuerbord liegenden Insel Santa Maria und den Formigas, eine unbewohnte Inselgruppe vorbei, lenkt Steuermann Moss Barrel den weißen Segler auf die portugiesische Küste zu. Entlang der Straße von Gibraltar fahren wir die nächsten Wochen auf der von mir vorgegebenen Route, direkt auf die kanarischen Inseln zu. Wieder decken wir uns mit frischem Proviant ein, bevor wir geradewegs in Sichtweite der afrikanischen Küste weiter südlich fahren. Momentan sind nicht nur Tümmler unsere Begleiter, die ersten Wale tauchen an Steuerbord auf aber sie sind nicht unsere Zielgruppe.  Wir halten geradewegs auf das Kap der Guten Hoffnung zu. Ein, wegen seiner ins Meer hinein ragenden Klippen, gefürchtetes, heimtückisches Riff, nahe der Südspitze Afrikas.
Der entlang der Westküste Afrikas fließende Benguela Strom ist eine aus den antarktischen Gewässern gespeiste kalte Meeresströmung, die mit ihren ablandigen südwestlichen Windströmung mitverantwortlich für die Entstehung der Namib Wüste ist. Dem entgegen steht der an der Südostküste fließende Agulhas Strom, der enorme Mengen Wärme und Salz transportiert. Das Zusammentreffen dieser beiden Ströme und der Kontinentalabfall des Meeresbodens von bis zu 4000 m Tiefe ist der hauptsächliche Grund für die an diesem Ort entstehende Wildheit des Meeres mit den dazugehörigen Stürmen.
Wir bekommen sie aber schon viel früher zu spüren, diese Wildheit des Meeres mit den dazugehörigen Stürmen.
Wir kreuzen kurz vor Namibia. Die weiße Lady fährt in Sichtweite der Baia dos Tigres, einer kleinen Insel vor der Südküste Angolas, als der Wind mächtig auffrischt.
Er bläht die Segel. Der erste und zweite Steuermann haben alle Hände voll zu tun das Schiff auf Kurs zu halten. Kalte, feuchte Nebel ziehen auf, eine immer stärker werdende Brandung und die unberechenbare Strömung des Benguela Stroms reißen das Schiff hin und her. Ich versuche die Segel zu retten, lasse sie einholen, was nicht vollständig gelingt! Immer wieder greifen mächtige Sturmböen nach uns. Der seitliche Druck wird stärker und stärker – zwei, drei bedenkliche Schlagseiten haben wir bereits überstanden, doch momentan sieht es ziemlich bedrohlich aus. Mit aller Macht hängen sich die beiden Steuermänner ans Ruder und drehen die weiße Lady in den Wind. Die Antwort ist eine zirka zwölf Meter große Welle, von der wir fast erschlagen werden. Der Bug mit dem gesamten Vorschiff versinkt in den Fluten, die schäumende Gischt nimmt uns die Sicht. Das Wasser dringt vor bis in die Lagerräume, wir haben keine trockene Faser mehr am Leib. Das folgende Wellental ist tief, tiefer als mir lieb ist. Kaum dass wir es überwunden haben und wieder die schwärze des Horizonts erblicken, drischt der nächste Brecher auf uns ein. Wir versuchen es mit einer Wende, dabei wird das Schiff wird fast gänzlich unter Wasser gedrückt, uns bleibt nicht einmal die Zeit zum Beten. Meine schlimmsten Befürchtungen scheinen gerade wahr zu werden, dabei war diese Wende unsere einzige Chance nicht zu kentern oder auf die küstennahen Klippen gedrückt zu werden. Eine neue, eine noch gigantischere Welle erfasst uns, schleudert die weiße Lady regelrecht fort. Ich glaube schon nicht mehr an Rettung als es um uns herum plötzlich ruhiger wird. Also nicht ruhig im Sinne von Ruhe, sondern das Meer war mit einem Mal nicht mehr so wild und zügellos. Ich versuche mich zu orientieren, sehe mich um und stelle fest, dass uns die letzte Welle aus dem zerstörerischen Zentrum des Sturms regelrecht herausgeworfen hat. Das nenne ich Glück im Unglück, doch es ist noch nicht überstanden. Durch weiß aufschäumende Gischt, im Kern Türkis leuchtend und nach außen wieder tiefschwarz, wie das Meer um uns herum stampft meine weiße Lady durch die immer noch brausenden Wogen. Mit drei Verletzten im Bauch des Schiffes, so kämpfen wir uns durch die brüllende See. Die Schleusen des Himmels sind weit geöffnet, es schüttet wie aus Kübeln und das immer noch donnernde Meeresrauschen zwingt uns weiterhin zum Schreien, zusätzlich nimmt uns Nebel die Sicht. Wir fahren, auf gut Glück unserem Schicksal entgegen. Der Herrgott scheint uns wahrhaft gnädig zu sein – wir landen nicht als Skelett am Strand. Zum Abend legt sich auch noch der restliche Sturm und wir können mit den Reparaturarbeiten beginnen.  
Wir kreuzen weiterhin vor der Skeleton Coast, der berühmt, berüchtigten Skelettküste. Ein wahrer Schiffsfriedhof von an der Küste zerschellten oder gestrandeten Wracks. Nicht nur die am Strand liegenden Schiffsskelette dekorieren diesen viele Kilometer langen Küstenabschnitt auch die echten Skelette der Gestrandeten und Schiffbrüchigen findet man hier. An diesem unbesiedelten, extrem trockenen Ort hat keiner, der bei einem Schiffsunglück mit dem Leben davon gekommen ist eine Chance zu Überleben – er muss unweigerlich verdursten. Nicht umsonst nennen die Buschmänner dieses Teilstück „das Land, das Gott im Zorn erschuf“, und auch die Portugiesen, ein erfahrenes Seefahrervolk, bezeichnen diese Gegend als „Tor der Hölle“.
Klüver und Focksegel der weißen Lady haben im Sturm beträchtlich gelitten und müssen genäht werden. Der Zimmermann ist mit Tischlerarbeiten beschäftigt und der Storekeeper geht dem Bootsmann beim Spleißen der Taue  und Trossen zur Hand. Selbst der Smutje wirbelte in seiner Kombüse um die ständig hungrigen Mäuler zu stopfen.  
Ich sitze indes in meiner Kajüte, kümmere mich um das Logbuch. Eine Arbeit, die normalerweise dem Steuermann vorbehalten ist. Ich halte jedoch nichts von dieser Tradition, ich führe dieses für mich wertvolle Dokument lieber selbst. Im Übrigen besitze ich eine dieser noch immer seltenen Seekarten, welche die United States Navy 1851 erstellt und herausgeben hat. Darin enthalten sind Informationen und Einblicke aus Logbüchern über Winde und Strömungen der verschiedensten Gegenden. Ich befasse mich mit den Ereignissen der letzten turbulenten Stunden und trage sie ein.
Immer wieder erwische ich mich bei den aberwitzigsten Gedanken: Ich jage einem Hirngespinst hinterher oder meine Mannschaft ist langsam misstrauisch, weil ich mir ein so weit entferntes Fanggebiet ausgesucht habe, dessen Route um die halbe Welt führt. Warum, sagen sich bestimmt einige, sind wir nicht die amerikanische Ostküste Richtung Tierra del Fuego und dann ums Kap Horn oder durch die Magellan Straße gefahren? Ich glaube, einige denken sogar, ich wäre nicht ganz richtig im Kopf. Bestimmt hat man schon Wetten auf mich abgeschlossen und sich ausgemalt, was sie mit mir anstellen, falls mir das Geld ausgeht und sie ihre Heuer nicht kriegen. Ich schüttle den Kopf und die Gedanken heraus, schließlich habe ich ihnen anfangs zu erklären versucht, dass ich meine Gründe habe. Ich schlage das Logbuch zu, schließe es wieder ein und gehe an Deck.
Unsere nächste zu lösende Aufgabe stellt das Kap der Guten Hoffnung dar, wo es noch einmal richtig zur Sache gehen könnte.
Nachdem wir Cape Town an Backbord haben liegen lassen, wurde es wirklich noch einmal recht turbulent. Hier wo Benguela und Agulhas, die beiden Hauptströme aufeinandertreffen, muss man auf alles gefasst sein. Zu unserer Überraschung kamen wir durch seefahrerisches Können und geschicktes Manövrieren mit einem blauen Auge davon, nur zwei Außenklüver und das Bramsegel hatten gelitten. Kurz hinter Port Elizabeth war der ganze Spuk schon wieder vorbei und Steuermann Moss Barrel fuhr in die Straße von Mosambik.
Frisches Obst und Gemüse fehlt uns schon ein paar Tage, das Trinkwasser fängt bereits an zu brodeln und die restlichen Kartoffeln bekommen langsam Junge.
Nachdem wir jetzt fast ein Jahr unterwegs sind, lautet mein Befehl, Mahajanga anzulaufen, eine im Nordwesten der Insel Madagaskars liegende Bucht. Aus dem Madagassischen kommend bedeutet „maha janga“, „das, was gesund macht“. Na, wenn das so ist – das wollen wir auch haben.
Ich habe Glück, es ist gerade Markttag. Mit dem Koch und zwei Matrosen, die ich mir geschnappt habe, bin ich dabei den halben Markt aufzukaufen. Gut – der halbe Markt ist wohl etwas übertrieben aber die Freundlichkeit der Menschen verleitet doch dazu mehr zu kaufen als üblich. Ich will die Mannschaft schließlich auch bei Stimmung halten, da ist ein kleines Extra mitunter ganz dienlich, denke ich mir. Letztlich bringt uns ein Einheimischer den Einkauf mit einem Handkarren zur weißen Lady. Nach einem angemessenen Trinkgeld bedankt er sich überschwänglich und sucht das Weite – vielleicht aus Angst, ich könnte es ihm wieder wegnehmen. Mein Lächeln begleitet ihn, bis er außer Sichtweite ist.

Ich habe beschlossen ein paar Tage festen Boden unter den Füssen zu genießen. Meiner Mannschaft musste ich das nicht zweimal sagen, gibt es doch  auf dieser Insel eine reichliche Auswahl an Getränken, exotischem Essen und den schönsten Mädchen. Nach vier Tagen Auszeit stechen wir gegen Abend wieder in See.

Glutrot versinkt die Sonne im Meer. Der Schatten den die weiße Lady wirft wird lang und länger, während sich vor uns die unendliche Weite des Indischen Ozeans erschließt. Mein Blick geht hinauf zum dunkler werdenden Himmel, den nach und nach die Sterne erobern. Mit aufgebähten Segeln und stolzer Eleganz durchpflügt meine weiße Lady das von den nahenden Schatten der Nacht sich schwärzende Wasser, nur die weißschäumende Gischt des vom Schiff verdrängten Meeres wird vom silbrigen Glanz des Mondes zum Leuchten gebracht.

Ich verlasse das Deck und geh hinunter in meine Kabine, doch Ruhe kann ich nicht finden. Meine Gedanken sind schon wieder bei ihm, bei Herman und seinen Beschreibungen des bis ins Mark getroffenen Kapitäns und der von ihm so maßlos gehassten Bestie. Erneut überfällt mich diese innere Unruhe, die Unruhe die mich hierher hinaus aufs Meer getrieben hat. Zwischenzeitlich ist es Mitternacht. Ich verlasse meine Koje, es ist stickig, trotz offenem Bulleye – mir ist es hier zu eng. Ich brauche Luft und geh wieder an Deck.

Die Wachen, sowie der Steuermann haben gewechselt und während ich tief einatme, lasse ich meinen Blick übers Meer schweifen. Die Nacht ist klar, kein Wölkchen trübt den Himmel, kein künstlicher Lichteinfluss stört meinen Blick, nur der Horizont gibt dem Himmel eine Grenze. Die Lichtreflexe des Mondes tanzen elfengleich über das Wasser und von Horizont zu Horizont dekorieren Millionen und aber Millionen Sterne den Himmel. Mutter Natur zeigt mir mal wieder was sie drauf  hat. Jetzt geht es mir besser, ich fühle mich irgendwie befreit. Mein Ziel sind die klassischen Fanggebiete Japans im Südpazifik und so haben wir noch  einen weiten Weg vor uns … falls „er“ mir nicht schon vorher begegnet.
Die Wochen plätschern dahin bis eines frühen Morgens der Mann im Krähennest, der umgebauten Plattform am Mast Topp, auf einmal Alarm schlägt.
»Waaaal, dort bläst er … Steuerbord voraus!«, ruft er aufgeregt.
Die Mannschaft stürmt an Deck und jetzt sehen es alle: Eine Gruppe von sechs Pottwalen schwimmt Richtung Süden  mit Kurs auf die kalten Gewässer der Antarktis.
Augenblicklich, so geht es mir gerade durch den Kopf, verwandelt sich meine Lady in einen lebenden Ameisenhaufen. Ich nenn es einfach mal … geordnetes Chaos.
Es ist jedoch ein Chaos, bei dem jeder genau weiß, was seine Aufgabe ist und während die Fangboote klar gemacht werden, beginnt die Jagd. Annähernd fünf Stunden dauert die Hatz, bis der erste Wal mit einer schweren Eisenkette längsseits und mit dem Kopf nach Achtern Außenbords festgemacht ist. Im Anschluss daran wird das Flensstelling heruntergefiert und über dem Wal in Stellung gebracht. Nun gehen die Flenser auf diesem Gerüst in Position um den Speck abzuflensen, was sie mit bis zu sechs Meter lange Speckmessern, Fischhaken, Piken, Speckhaken und Speckgabeln erledigen. Mein Schiff macht auf Grund geminderter Segel nur leichte Fahrt, was eine gewollte Strömung verursacht, die den Wal ganz dicht an die Bordwand drückt.
Der zahnbesetzte Unterkiefer wird abgetrennt, der Wal auf den Rücken gedreht und das Rückgrat durchtrennt. Sie lassen das Stück nach hinten sacken bis die Flenser ihre Arbeit getan haben. Nachdem der Kopf abgetrennt ist, wird er an Deck gehievt um den so genannten Walrat abzuschöpfen. Walrat ist im lebenden Tier bei Körpertemperatur eine flüssige, klare Substanz, die sich im abgekühlten Zustand zu einer weißlich, wachsartigen Konsistenz verfestigt. Im chemischen Sinn ist es ein Gemisch aus verschiedenen Glyceriden und Wachsen, eine mit Fettsäure veresterte einwertige Alkoholverbindung. Primär verwendet man es als Schmierstoff, ist Bestandteil von Tinten, Reinigungsmitteln, Kosmetika und Gerbstoffen oder in der pharmazeutischen Zubereitung als Kühlsalbe.
Nachdem die Flenser das letzte Deckstück abgeflenst haben, suchen sie im Verdauungstrakt des Pottwals nach Ambra, einer sehr seltenen grauen, wachsartigen Substanz, die von der Parfümherstellung sehr geschätzt, um nicht zu sagen in Gold aufzuwiegen ist.
Die Deckstücke werden in feine Vinken zerteilt. Das sind sehr dünne Scheiben, so genannte Bibelblätter, die in den angeheizten Trankesseln besonders schnell schmelzen.
Das Ergebnis ist eine Ausbeute von zirka 5000 Fässern Öl, beim ersten Wal. Wir haben noch drei weitere Tiere erlegt, müssen aber auf weitere Fänge verzichten, da unser Proviant wieder einmal zur Neige geht und so gebe ich Befehl auf die indonesischen Inseln zuzuhalten.
In Jakarta habe ich mit ein wenig Glück die Fässer mit Waltran verkauft, den Männern eine zusätzliche Prämie ausgezahlt und wir haben neuen Proviant gebunkert.
Unter vollen Segeln fahren wir zwei Tage später entlang dem Javasee in Richtung Papua Neuguinea, an Backbord liegt Malaysia und Sulawesi, an Steuerbord Java, sowie Bali.
Ich habe eines dieser neumodischen Thermometer vom Danziger Physiker Daniel Fahrenheit an Bord und staune nicht schlecht über fast 115 Grad Fahrenheit (45°C). Wir sind nassgeschwitzt bis auf die Haut. Der heiße Atem der subtropischen Zone nimmt uns voll in Beschlag. Es herrschen Sauna ähnliche Temperaturen, und eine beklemmende Schwüle erschwert uns das Atmen. Weitere Wochen ziehen ins Land und als wir endlich die Salomonen, Fidschi und Tonga hinter uns haben, sagt mir ein Blick in das Logbuch dass wir schon über 2 Jahre unterwegs sind. Hier im Südpazifik muss es sich jetzt entscheiden – oder nie.
Kaum, dass wir vierzehn Tage in der Südsee kreuzen, sichten wir auch schon die erste Gruppe Wale. Die Jagd beginnt erneut.
Drei Monate treiben wir uns jetzt schon zwischen den chilenischen Küsten und  den arktischen Gewässern herum und mein Glaube an ihn schwindet von Woche zu Woche. Am Morgen des achthundertneunundzwanzigsten Tages soll meine Suche doch noch ein glückliches Ende finden.
Die morgendlichen Nebel geben langsam den Blick auf Patagoniens Küste frei, wo sich, um die Berggruppe der Cordillera del Paine, schemenhaft die drei beinahe 3000 m hohen nadelartigen Granitberge des Nationalparks „Torres del Paine“ in majestätischer Würde erhoben, als unweit von mir ein mächtiger Koloss aus den fast spiegelglatten Wassern des Meeres auftaucht. Eine gewaltige Fontäne steigt empor und ich kann ganz deutlich seine weiße Haut erkennen. Ruhig und ohne Eile schwimmt der rund siebzehn Meter lange Gigant des Meeres gut eine halbe Seemeile voraus, bevor er wieder abtaucht und mir mit seiner riesigen Schwanzflosse scheinbar zuwinkt. Kurze Zeit später hievt er erneut seine mindestens sechzig Tonnen Lebendgewicht aus den Fluten. Ganz deutlich kann ich die große weiße Narbe auf seinem Kopf erkennen und auch sonst zeichnen sich die vielen, von den Walfangjägern verursachten Kampfspuren an seinem Körper ab. Ohne Zweifel, das ist er … Mocha Dick, der Wal den der Schriftsteller Herman Melville als Moby Dick berühmt gemacht hat. Fasziniert stehe ich an Deck und sehe dem Riesen bei seinen eleganten Schwimmbewegungen zu. Mehr als zwei Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet, jetzt da er real ist, soll die ganze Welt erfahren, dass Moby Dick kein Hirngespinst, kein Fantasiegebilde ist, sondern wahrhaftig existiert. Vier meiner Männer wollen Alarm geben aber ich halte sie zurück.
»Ihr könnt jeden Wal erlegen, aber nicht diesen«, sage ich. Ich habe keine Ahnung ob sie mich verstehen, doch keiner rührt sich – sie schauen nur zu wie er schwimmt.
»Hol Lenny«, sage ich zu Norman, dem Schiffsjungen. Lenny Colebright, ist ein begnadeter Zeichner. Er soll mir ein paar Zeichnungen von diesem legendären weißen Wal anfertigen.
Drei Tage nach dieser Begegnung gebe ich Befehl zur Heimfahrt. Richtung Cap Horn und anschließend die amerikanische Ostküste hinauf  bis nach Hause.
Das Schicksal hat jedoch seinen eigenen Plan und kaum dass wir in die kalten Wasser der Drake Passage eintauchen, verfinstert sich der Himmel und ein gewaltiger Sturm braut sich zusammen. Das Unwetter kommt so schnell, dass wir keine Gelegenheit haben Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Der Westwinddrift ist in der Überlagerung durch die eisige Polarfront zu einem unberechenbaren Tiefdruckgebiet mit ungeahnten Ausmaßen gewachsen und so sind wir immer noch voll aufgetakelt ein Spielball der Elemente. Ohne jegliche Chance auf Gegenwehr macht das Meer, mit uns was es will. Das ganze Spektakel dauert nur wenige Stunden, erst knickt der Sturm die oberen Spieren der Rahsegel wie Streichhölzer im Wind, damit nicht genug reißt er die Groß, Innen- und Außenklüver, sowie das Vorbramsegel weg. Schutzlos sind wir den seitlich heranrollenden Wellen ausgeliefert, die uns immer wieder in eine bedrohliche Seitenlage drängen. Ein gewaltiger Brecher nimmt uns schließlich den Hauptmast der im tosenden Sturm fast mühelos wegbricht und drei Matrosen mit sich reißt. Tief im Inneren ahne ich, dass wir hier nicht mehr mit heiler Haut heraus kommen und denke, jetzt wird wohl niemand mehr erfahren, dass es Moby Dick wirklich gibt. Ein Stück Holz trifft mich am Kopf und ich verliere die Besinnung, merke nicht wie die See meine weiße Lady packt, auf die Seite wirft und unter Wasser drückt. Es dauert nicht lange – nur wenige Minuten – dann ist von mir, meinem Schiff und der Mannschaft nichts mehr zu sehen.  
Erst in späteren Jahren, nämlich im Jahre 1859, erfährt ein kleiner Kreis von Eingeweihten, dass ein schwedischer Walfänger einen Wal namens Mocha Dick … auch Moby Dick genannt angeblich erlegt hat.


 

 

 

 

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