Welche Verantwortung hat ein Autor gegenüber den Personen, die er erschafft?
Diese Frage habe ich mir heute mal in einer ruhigen Minute gestellt. Bisher habe ich noch nie darüber nachgedacht, obwohl ich mittlerweile schon etwa anderthalb Jahre schreibe und so schon über ein Dutzend fiktive Personen erschaffen habe. Mir geht es so, dass ich meinen Figuren generell nicht schaden möchte. Und am Ende des Textes ist ihre Gesamtsituation besser, als sie es zu Beginn gewesen ist. Doch spätestens seit dem Gedicht "Die Frau in Weiß" ist das etwas anders. Dort stirbt tatsächlich zum ersten Mal in einem meiner Texte eine Figur - und das auch noch ohne guten und ersichtlichen Grund.
Ich könnte jetzt behaupten, dass man sie nicht wirklich gekannt hat und nur ihr Aussehen, nicht aber sie selbst und ihr Charakter, beschrieben wurde. Doch sie ist jetzt tot. Ich könnte jetzt sagen, dass sie eine fiktive Person ist und somit keinen Einfluss auf uns hat und mir schon gar nicht böse deshalb sein kann. Trotzdem ist sie jetzt tot. Hätte ich sie nicht sterben lassen dürfen?
Eigentlich - so war mein Ansinnen - wollte ich mit den Themen spielen. Erotik und Tod sind ziemlich gegensätzlich. Ich wollte die beiden Genres so zusammenführen, dass es zunächst nicht eindeutig ist, wie die wirkliche Situation aussieht. Deshalb wollte ich den Leser erst glauben lassen, es handle sich um ein erotisches Gedicht. Die verwendeten Worte sind aber so gewählt, dass es sich auch von Anfang um eine sterbende Frau handeln kann. Doch nun genug zur Erläuterung meiner Intention.
Aus dieser Absicht, dem Spielen mit beiden Themen, wird deutlich, dass es sich bei der Frau eigentlich nur um ein "Spielzeug" gehandelt haben kann. Nur als letzte Konsequenz und als Entscheidung für ein Thema stirbt die Frau am Ende. Aus dieser Perspektive ist der Tod der Frau also nicht wirklich gerechtfertigt. Und dennoch wird es vielleicht einige Leser geben, die ihren Tod nicht für umsonst halten. Manche haben vielleicht weiter gedacht, nachgedacht und haben dadurch interessante Gedanken fassen können. Dann, so ist meine Meinung, war der Tod der Frau nicht umsonst.
Man kann diesen Problemfall auch noch aus einer anderen Perspektive betrachten. Denn eigentlich sind alle Figuren, die ich erschaffe, mein (geistiges) Eigentum. Somit kann ich mit ihnen machen und sie handeln lassen, was ich möchte.  Erst wenn ich sie als Menschen und (reelle) Personen betrachte, können moralische Einwände erhoben werden. Bisher, so denke ich, sind alle von mir geschaffenen fiktiven Personen ein Produkt meiner Fantasie. Und so lange es bei dieser Ansicht bleibt, werden die Protagonisten nach meinem Willen handeln.
Doch auch wenn ich die Macht habe, über das Handeln meiner Figuren zu bestimmen: Ich möchte ihre Geschichten auch weiterhin so oft es geht zum Guten wenden. Und so werden in meinen Texten auch zukünftig mehr lebende Personen handeln als tote.

Comments

  • Author Portrait

    Hmmmm interessanter Gedankengang, da ich Krimis und Fantasygeschichten mit teils Kampf/Schlachtpassagen schreibe habe ich sicher einige Leben auf dem Gewissen. Ich versuche natürlich immer bestmöglich ein Leben vieler zu garantieren, dauerhafte Statisten/Massentode wären ja auch nix. ..................................................................................................................................................................................................................................... *Fällt in Denkerstarre* 5/5 Sterne

  • Author Portrait

    Interessanter Gedankengang! Ich denke, er ist es wert, sich einmal damit zu befassen. In meiner Story "Skandal" sterben Einige, auch Unschuldige. Habe ich sie verheizt für den Effekt? Ich glaube nein! Eine Geschichte lebt nun mal von den in ihr befindlichen Ereignissen, oder? 5/5 für eine gute Anregung...

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