Überdosis an Mördern und hinterhältigen Verrätern

Hinter mir vernahm ich ein wütendes Schnauben. Mich überkam eine gewisse Befriedigung, die meine Stimmung wieder hob. Ich öffnete die Glastür und ging schnurstracks zu einem der drei Aufzüge, die sich im Eingangsbereich befanden. An den Wänden hingen schwarz-weiß Fotos, die Luftaufnahmen der Stadt zeigten. Der dunkelgraue und schmuddlige Teppich federte meine Schritte ab.
Ich drückte auf einen der Knöpfe, der sogleich hell leuchtete. Die Anzeige über dem schmalen Aufzug zeigte seinen Weg nach unten. Er kam aus dem dritten Stock. Mir war egal, ob Mickey rechtzeitig kommen und den Aufzug erwischen würde.
Ein leises Pling ertönte und die massiven Türen des Aufzuges glitten sanft auseinander. Mit einem großen Schritt trat ich in die Kabine. Es roch muffig und die Luft war stickig.
Ich drückte auf den metallenen Knopf mit der Nummer neun. Quietschend setzte sich der Aufzug in Bewegung.
Die Kabine war rundum mit Spiegeln verkleidet, welche Sprünge und schmutzige Schliere aufwiesen.
Mein Gesicht war bleich. Die dunklen Haare waren feucht vom Regen und gaben einige Wassertropfen ab, welche auf meine Schultern tropften und meinen Nacken und Rücken hinab glitten. Mich überkam ein Frösteln. Zwei- dreimal fuhr ich mir hastig durch die Haare, damit ich einigermaßen ordentlich aussah. Gegen meine kränkliche Gesichtsfarbe konnte ich nichts tun. Damit aber jeder meine Verletzungen, die mir Mickeys Leichtsinn eingebracht hatte, sehen konnte, krempelte ich die Ärmel meines schwarzen Hemdes demonstrativ nach oben.
Der Aufzug blieb im neunten Stock mit einem Ruckeln stehen. Ich verließ die warme Kabine und trat in einen zugigen Flur. Es brannte kein Licht, aber dafür brach die Sonne durch die Wolken hindurch und strahlte durch die wenigen Fenster. Innerlich bereitete ich mich auf das kommende Treffen mit meinem Boss und vermutlich einigen anderen Kollegen von mir vor, als ich dem Büro mit der Nummer 28 immer näher kam.
Das Wichtigste war Ruhe zu bewahren und gelassen zu wirken. Dies ging nur, wenn ich nicht an Holly dachte. Es würde ein schwieriges Unterfangen werden, denn es war nicht einfach sie aus meinen Gedanken zu vertreiben. Eigentlich war es schier unmöglich.
An einer weißen Tür blieb ich stehen. Mit der rechten Hand umschloss ich den eisernen Türknauf. Ich atmete tief durch die Nase ein, ehe ich den Knauf entschlossen drehte und die Tür öffnete.
Der graue Teppich war ebenfalls im Büro verlegt worden. Der Raum war zwar groß, doch er war vollgestopft mit schwarzen Tischen, auf denen umgedrehte Stühle platziert waren, sowie mit bordeauxfarbenen Metallschränken und einer Menge Aktenordnern. Der Witz dabei war, dass dieses Zeug schon da gewesen war, als Jericho diesen Raum als sein Büro auserkoren hatte.
Kein einziges Möbelstück und kein einziges Blatt in den Aktenordnern gehörten ihm. Nicht einmal der massive Schreibtisch und der abgenutzte verstellbare Bürostuhl aus Leder waren sein Besitz und dabei saß er unablässig auf ihm, als ob er daran festgewachsen wäre. Der Mann verdiente Unmengen Geld und er war tatsächlich so geizig, dass er sich keine neue Büroeinrichtung leistete.
Ich schob es einerseits auf seinen Geiz und andererseits auf die Panik, dass die Polizei sein Versteck entdecken könnte, wenn er dämliche Möbel hierher liefern ließ. Es schien paranoid, doch Jericho war nun mal so: ein gestörter, nerviger Mann.
Dieser saß wie üblich am Schreibtisch und telefonierte angeregt mit schweißnasser Stirn. Sein viereckiges Gesicht beherbergte einen Mund mit schwulstigen Lippen, eine lange Nase und Schweinsäuglein. Die Haut war gespickt mit kleinen Fältchen und die Wangen waren eingefallen. Als seine braunen Augen mich fokussierten, winkte er mich mit zwei Fingern zu sich. Verärgert verzog ich das Gesicht. Ständig hielt er sich für etwas Besseres und behandelte mich wie einen Diener.
So gesehen war ich das auch, schließlich machte ich die Drecksarbeit für ihn, während er faul seinen Hintern auf dem Schreibtischstuhl platt saß.
Früher war mein Adoptivvater der Boss hier gewesen und Jericho hatte für ihn gearbeitet.
Nach seinem Tod sollte ich eigentlich das Geschäft übernehmen, aber ich war noch zu jung und zu unerfahren gewesen. Also hatte es mir nichts ausgemacht, dass Jericho den Platz meines Adoptivvaters eingenommen hatte.
Es hatte eine Zeit gegeben, in der ich eifersüchtig auf ihn gewesen war und mich verflucht hatte, weil ich ihm das Feld so einfach überlassen hatte, doch heute dachte ich anders über meine Entscheidung. Ich war froh nicht ständig den Tod um mich zu haben. Außerdem musste ich mich nicht mit den anderen Killern auseinandersetzen.
Genervt schlurfte ich zu ihm herüber und blieb mit verschränkten Armen vor dem Schreibtisch stehen. Ungeniert telefonierte er weiter und kümmerte sich nicht um meine Anwesenheit. Hasserfüllt beobachtete ich ihn während des Telefonats.
„Ja, natürlich. Ich habe genau den richtigen Mann dafür.“ Jerichos dumpfe Stimme drang an meine Ohren. Seine Miene war erfüllt von Begeisterung. Aufgeregt leckte er sich über die trockenen Lippen und ähnelte einer listigen Schlange. Wild nickte er.
„Gut, ich rufe sie morgen noch mal an, dann können wir die genauen Details besprechen. Aufwiederhören.“
Er pfefferte den Hörer auf die Gabel und klatschte enthusiastisch in die Hände. Sein Gesicht zierte ein strahlendes Lächeln, das eine Reihe blitzender Zähne entblößte.
„Hast du einen neuen Auftrag an Land gezogen?“, brummte ich. Dabei bemühte ich mich nicht einmal begeistert oder fröhlich zu klingen.
„Und was für Einen. Uns winken 20.000 $.“ Mit der rechten Hand haute er auf den Tisch und lachte tief aus seiner Kehle.
Nicht uns winken die 20.000 $, sondern dir, korrigierte ich ihn innerlich.
„Super.“ Ich war angespannt.
„Ein bisschen mehr Begeisterung, bit…“. Er brach ab. Interessiert und überrascht zugleich musterte er meine Unterarme.
„Was ist denn mit dir passiert?“
„Das ist Mickeys Werk“, grummelte ich. Skeptisch zog Jericho eine Augenbraue in die Höhe.
„Und wie ist das passiert?“ Er reckte seinen Hals und suchte den Raum mit seinen Augen ab.
„Wo ist Mickey überhaupt?“ Ich zuckte mit den Achseln.
„Vermutlich hängt er an seinem verdammten Wagen, aber das ist mir auch völlig egal.“
„Was war los?“ Gelangweilt lehnte er sich in seinem Stuhl zurück. Er kannte die Streitereien zwischen seinen Angestellten, also warum forderte er immer wieder welche heraus, indem er uns zusammen arbeiten ließ?
„Suffert hat mich auf dem Weg zu unserem Auftrag mit seinem Porsche erwischt. Während ich auf der Straße lag, hat der Mistkerl sich aus dem Staub gemacht.“ In mir brodelte es. Wütend biss ich die Zähne aufeinander.
In diesem Moment riss jemand die Tür auf. Mickey kam reingestürmt und funkelte mich böse von der Seite an. Schnaufend rang er nach Luft, als er vor Jerichos Schreibtisch Halt machte.
„Und was willst du zur Geschichte beitragen?“ Unser Boss drehte seinen Stuhl zu Mickey. Desinteressiert betrachtete er seine klobigen Hände.
„Was hat denn unser lieber Jimmy erzählt?“ Spott schwang in seiner Stimme mit. Stinksauer knurrte ich ihn an. Wenn mich wirklich etwas bis aufs Äußerste reizte, dann war es mein verhasster Spitzname, den meine Kollegen nur allzu gerne benutzten.
„Er hat mir gesagt, dass du ihn mit deinem Wagen erwischt hast und er deshalb diese Verletzungen hat“, ratterte Jericho herunter. Mit aufgeblähten Nasenflügeln riskierte Mickey einen kurzen Blick auf meine Abschürfungen.
„Na gut, ich geb ja zu, dass ich ihn angefahren habe, aber ich hab mich entschuldigt.“
„Lügner“, raunte ich.
„Du hast mich liegen gelassen und als du dich nach einer halben Ewigkeit dazu durchringen konntest, zurückzukommen, hast du sogar noch behauptet, dass du von dem Zusammenstoß nichts mitbekommen hättest.“
„Halt dein Maul, Roddick“, blaffte er mich an. Sein Gesicht war merkwürdig verzerrt und ähnelte einer grotesken Maske. Ich wollte gerade ansetzen, um zurückzuschlagen, als Jericho eine Hand hob.
„Hat diese nette Geschichte auch ein Ende? Ihr verschwendet meine kostbare Zeit mit eurem albernen Zwist.“ Er schaute zwischen uns hin und her.
„Ich will mit dem Typen nie wieder arbeiten.“ Mit zittriger Hand deutete Mickey auf mich.
„Der ist verrückt geworden.“ Was war das denn für eine Taktik?
„Mal sehen, ob ich deinen Wunsch berücksichtige.“ Seinem Ton nach zu schließen würde er nicht einen Gedanken daran verschwenden.
„Jetzt habe ich mal eine Frage an euch: wieso seid ihr eineinhalb Stunden zu spät?“ Jerichos Stimme war Wort für Wort lauter geworden. Mit hochrotem Kopf lehnte er sich zurück.
„Jimmy ist schon vor Beginn des Auftrags zu spät gekommen, dann war mein Missgeschick mit dem Porsche“, es war nicht mehr als ein Flüstern, „und in der Kirche gab es einige Komplikationen.“ Vorwurfsvoll starrte er mich an. Jetzt kam der unangenehme Teil. Mir war klar gewesen, dass er mein Zögern ansprechen würde.
Augenblicklich wurde ich nervös. Meine Augenlider flatterten. Ich schaute auf den fleckigen Boden, um meine Unsicherheit, die an die Oberfläche gebrochen war, zu verbergen.
„Und was hat das wieder zu bedeuten?“ Er klang immer gereizter.
„Jimmy hat rumgezickt. Er hat ständig wegen seinen mickrigen Verletzungen gejammert. Irgendwann, als ich mich unserem Auftrag gewidmet hatte, wie es auch sein sollte, ist er einfach abgehauen.“ Ich konnte den fragenden Blick meines Bosses auf mir spüren.
„Aber das Beste kommt ja noch.“ Unverschämt grinste Mickey mich an.
Ich hatte ein schlechtes Gefühl in der Magengegend. Er blieb einige Zeit still, wahrscheinlich, um die Spannung zu erhöhen.
„Er hat die Dinge, die ich Jonathan King angetan habe, als Irrsinn bezeichnet.“ Sein Grinsen wurde triumphal. Liebend gerne hätte ich ihm ohne Umschweife alle Zähne rausgeschlagen. Meine Augen waren unablässig auf den Teppich gerichtet. Ich zeigte großes Interesse an einem ovalen Fleck, der sich direkt vor meinen Füßen befand. Ich fragte mich, welche Flüssigkeit ihn wohl verursacht hatte.
„Könntest du mir erklären, warum du den Auftrag behindert hast?“ Ich konnte hören, wie mein Boss von seinem Stuhl aufsprang. Meine Muskeln verkrampften sich. Stocksteif blieb ich stehen, dabei wollte ich doch gelassen wirken.
„Ich war sauer auf Suffert und nach dem Unfall ging es mir nun mal nicht gut.“ Ich drang mich doch dazu durch Jericho anzusehen. Seine Miene verriet seine Stimmung nicht.
„Verlangst du Mitleid von mir?“
„Nein, ich wollte bloß meine Beweggründe darstellen“, krächzte ich. Meine Kehle war staubtrocken. Er fixierte mich mit seinen kleinen Augen, die er sie zu Schlitzen zusammenkniff.
„Jetzt hör mir genau zu, James. Ich sag es dir nur einmal: wenn du noch ein einziges Mal auf die Idee kommen solltest, dich vor einem Auftrag zu drücken, aus welchen Gründen auch immer und deinen Kollegen, den ich dir zugeteilt habe, die Arbeit alleine erledigen lässt, dann brauchst du hier nie wieder anzutanzen, verstehst du? Du weißt, was das für dich bedeuten würde.“ An der Schläfe zuckte eine lange Ader. Es war ein widerlicher Anblick, trotzdem konnte ich nicht wegsehen.
„Ich will eine Antwort!“, spuckte er mir entgegen. Sein Körper bebte.
Ich bekam ein Nicken zu Stande.
Er brauchte mich nicht an die Konsequenzen zu erinnern, die mich erwarteten, falls ich seinem Befehl nicht nachkommen sollte. Nichts anderes, als der Tod würde mir bevorstehen. Seine Gleichgültigkeit mir gegenüber war keine Überraschung für mich.
„Die Aufträge sind das Wichtigste. Sie bringen uns Geld“, setzte Jericho eindringlich nach. Ich versuchte interessiert und konzentriert auszusehen. Neben mir machte Mickey ein unzufriedenes Gesicht. Er hatte sich eine schlimmere Bestrafung für mich gewünscht, als eine Verwarnung. Vermutlich fühlte er sich ungerecht behandelt, da er schließlich die ganze Arbeit hatte alleine machen müssen.
Er sollte sich nicht so anstellen. Ihm hatten die Schmerzen und Qualen des Reverends sichtlich Freude bereitet. Er hatte bekommen, was er wollte.
Jericho pflanzte sich wieder auf seinen gemütlichen Stuhl und drehte sich zum Fenster. Durch die hohe Lehne und seine kleine Körpergröße konnte ich ihn nicht mehr sehen. Draußen war der Himmel wolkenlos und das Sonnenlicht zeigte seine volle Pracht. Erste Lichtstrahlen bahnten sich durch das Fenster, fielen auf meine Haut und wärmten mich. Der rothaarige Kopf von Mickey schnellte zu mir, nachdem er sich sicher sein konnte, dass Jericho uns nicht mehr im Blick hatte.
„Das zahle ich dir heim. Ich weiß zwar noch nicht wann, wo und wie, aber irgendwann, da kannst du dir sicher sein, Roddick“, zischte er. Mit ihm war nicht zu spaßen, deswegen nahm ich seine Drohung ernst. Feindselig stierte ich ihn an.
„Dazu musst du mich aber erstmal erwischen.“ Unsere Augen trafen sich. Grün gegen Grau.
Keiner wagte es den Blickkontakt vorzeitig zu unterbrechen, aus Angst, dass der Gegenüber es als Schwäche wertete. Ich legte so viel Hass, wie möglich, in meinen Blick und bohrte mich tief in seine Augen. Man konnte die reizbare Spannung zwischen uns spüren. Sie war regelrecht greifbar. Automatisch ballten sich meine Hände zu Fäusten.
Ich konnte nichts dagegen tun. Es war wie eine Kraft, die von meinem Gehirn durch meine Arme zu meinen Händen schoss und mich dazu zwang die Finger zu meinen Handflächen zu bewegen. Die plötzlichen Schritte auf dem Flur hörte ich wie im Traum. Die Geräusche waren ganz weit weg und waren bloß ein leises Dröhnen in meinen Ohren.
Die Tür wurde einen spaltbreit geöffnet. Aus den Augenwinkeln sah ich einen Kopf, der durch den Spalt ins Büro lugte. Das Gesicht konnte ich nicht erkennen, da ich zu sehr auf Mickey konzentriert war.
„Was geht denn hier vor?“, flötete eine hohe und melodische Stimme. Meine Glieder versteiften sich. Sie hatte mir gerade noch gefehlt.
Diese verführerische Sopranstimme gehörte Ophelia Monroe, eine Kollegin der besonderen Art. Es war Glück für mich, dass Mickey eine offensichtliche Schwäche für sie hatte. Seine Augen wanderten zur Tür und wurden glasig. Das Gesicht bekam einen verträumten, ja sogar hypnotischen Ausdruck. Ich konnte guten Gewissens meine überstrapazierten Augen abwenden.
Mich überkam ein Hochgefühl. Ich hatte gewonnen. Ich hatte Mickey Suffert besiegt. Meinen Erfolg wollte ich ihm genüsslich unter die Nase reiben, doch er schaute noch immer zur Tür. Ihm schien gar nicht bewusst zu sein, dass er verloren hatte. In dem Moment, als Ophelia den Raum betrat, war ihm alles andere egal. Ich folgte seinem Blick, nur war ich im Gegensatz zu ihm noch klar bei Verstand und weniger begeistert von ihrer Anwesenheit.
Ophelia Monroe war 22 Jahre alt und machte seit sechs Jahren diesen Job. Sie war 1,75m groß, schlank und besaß schwindelerregend lange Beine. Ihre dunkelbraunen Haare fielen ihr in leichten Wellen bis zur Taille. Die großen blau-grünen Augen wurden geziert von pechschwarzen langen Wimpern und bei jedem Lächeln zeigten sich kleine Grübchen in ihren Wangen. Ihr elfenbeinfarbener Teint erinnerte an Porzellan.
Für mich gehörte sie eher auf den Laufsteg zwischen Models, anstatt in ein muffiges Büro zwischen Killern, aber irgendwie hatte sie Fähigkeiten und Vorraussetzungen um beides ausüben zu können. Nur hatte sie sich für die böse Seite entschieden.
Vermutlich, weil sie durch ihren Charakter hier am Besten aufgehoben war, denn sie gehörte eindeutig zu der Kategorie durchgeknallt. Sie kam spontan auf die riskantesten und blutrünstigsten Ideen. Ich hatte keine Ahnung, aus welchen verwinkelten Hinterstübchen ihres kranken Gehirns sie immer wieder ihre Grausamkeiten hervorkramte.
„Streitet ihr euch etwa?“
Mit ihren hohen schwarzen Peep-Toes, in denen zierliche und gut gepflegte Füße steckten, tänzelte sie durch den Raum zu Mickey und mir. Ophelia wusste von ihrer Wirkung auf Männer und spielte gerne mit ihren Reizen. Für viele war sie eine Traumfrau, doch in meinen Augen war sie nicht annähernd so atemberaubend schön, wie Holly. Hollys Schönheit kam von Innen. Sie besaß einen bemerkenswerten und guten Charakter. Ich konnte mir keinen besseren Menschen vorstellen, als sie. Die Gedanken an sie zauberten mir ein Lächeln aufs Gesicht.
Derweil hatte sich Ophelia dreist zwischen uns gedrängt. Das Gesicht hatte sie zu Mickey gewandt, da sie genau wusste, dass sie alle Informationen, die sie haben wollte, ohne viel Mühe von ihm bekommen würde. Ihre Neugierde war unerträglich.
„Willst du mir nicht erzählen, was zwischen Jimmy und dir vorgefallen ist?“ Ihre Stimme war wie flüssiges Gold. Als sie meinen Namen aussprach, zuckte ihr Kopf kurz zu mir.
In ihren Augen lag etwas Geheimnisvolles, das ich nicht zu entschlüsseln vermochte. Sofort wandte sie mir wieder ihren Rücken zu.
Ihren schlanken, wohlgeformten Körper hatte sie in enge dunkle Jeans und in ein rosenrotes Bandeautop aus purer Seide gehüllt. Sie stand mindestens einen halben Meter von mir entfernt, so strömte der charakteristische Kirschduft, den ihre Haut verströmte, in meine Nase. Mickey hatte seinen Mund leicht geöffnet. Ihr Einfluss auf Männer zeigte seine Wirkung und berauschte die Sinne meines Kollegen.
„Jimmy hat mich bei unserem gemeinsamen Auftrag hängen lassen. Nur, weil ich mit meinem Porsche sein Motorrad leicht gerammt habe, meint er sich über seine Verletzungen beschweren zu müssen. Irgendwann ist er abgehauen und hat mich alles alleine machen lassen.“
In mir brodelte es vor Wut. Ständig versuchte er meinen Unfall herunterzuspielen, damit er gut da stand. Außerdem hörte er nicht auf mich Jimmy zu nennen.
„Tja, somit wollte er dich wohl wegen des Unfalls bestrafen.“ Mit ihren langen dünnen Fingern fuhr sie Mickey durch die roten Haare. Laut schluckte er und rang nach Atem. Er war nicht dazu fähig seinen Blick von ihr abzuwenden. Auch nicht, als sie kehrt machte und mich, statt seiner ansah.
Ihre Augen wanderten über mein Gesicht, meinen Oberkörper entlang, bis zu meinen entblößten Unterarmen. Blitzschnell weiteten sich ihre Augen, als sie die Abschürfungen erblickte. Von unten sah Ophelia mich an. Bei diesem Blick wäre wohl jeder Mann schwach geworden, aber ich konnte nichts mit ihr anfangen.
Mit ihrer zarten Hand strich sie mir vorsichtig, regelrecht behutsam über meine brennenden Wunden. Nebenbei krallte sie ihre andere Hand in meinen Hemdkragen und zog mich ganz nah an ihr Gesicht. Ich konnte das wilde Funkeln in ihren Augen sehen. Angewidert zog ich den Arm von ihr weg, versteckte ihn hinter meinem Rücken und machte einen Schritt nach hinten. Ihre Gesichtszüge entgleisten.
„Dann eben nicht“, fauchte sie. Auf ihrem sonst so makellosen Gesicht, mit den hohen Wangenknochen, legte sich ein dunkler Schatten, welcher ihren wahren Charakter offenbarte. Ihre Augen blitzten dämonisch. Ophelia kam nicht gut mit Ablehnung klar und wenn ich nicht ihr Kollege gewesen wäre, dann hätte sie mich eiskalt umgelegt. Schnaubend ging sie an mir vorbei.
Sie durchquerte den Raum und setzte sich auf einen der umstehenden Tische. Galant überschlug sie ihre Beine und beobachtete uns aus einiger Entfernung. Sobald Ophelia sich entfernt hatte, wurde Mickeys Blick wieder klar. Er erwachte aus seiner Trance und blickte sich suchend um.
Als er sie in der dunklen Ecke sitzen sah, lächelte er erleichtert und ein zufriedener Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. Sein Lächeln fror jedoch ein, als er mich wieder ansah. Jericho hatte unbemerkt seinen Stuhl wieder umgedreht.
„Können wir die Geschichte jetzt langsam abharken? Ich habe nämlich keine Lust weiter zu diskutieren, wer hier Schuld hat und wer nicht.“ An seinem linken Auge zuckte ein Fältchen. Seinem Blick nach zu urteilen, meinte er es todernst.
Mickey nickte zwar, doch er funkelte mich weiterhin böse an. Mir konnte es recht sein. Ich war heilfroh, dass wir die heutige Nacht so schnell abschließen konnten. Eigentlich war es Jerichos überstrapazierten Nerven zu verdanken. Ich hatte damit gerechnet, dass er mir den Kopf wegen meines aufmüpfigen Verhaltens abreißen würde, doch stattdessen war ich mit einer einfachen Verwarnung davongekommen.
„Und wo hast du Brolin gelassen?“ Jericho klang genervt. Mit gefalteten Händen schaute er an Mickey vorbei.
Brolin Delaney war ein großer muskelbepackter Mann, der nach Lust und Laune handelte, ohne an die Konsequenzen zu denken. Jericho schickte ihn selten, um jemanden zu töten. Er war besser dazu geeignet die Leute, die Jericho Geld schuldeten, mit seiner starken Statur einzuschüchtern. Dazu kam, dass er ziemlich dämlich war.
Ophelia hatte sich unterdessen eine Zigarette der Marke Treasurer angezündet. Zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand eingeklemmt, glühte die Spitze der Zigarette und verströmte den typischen Tabakgeruch. Der rote Funke ähnelte einem kleinen Insekt, das durch die Luft flog. Sie war eine schlimme Kettenraucherin. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr rauchte sie zweieinhalb Schachteln pro Tag. Durch ihre Sucht hatte sie ihren einzigen Makel: ihre Fingernägel hatten sich gelblich verfärbt. Ich hatte es einmal zufällig gesehen, denn sonst hatte sie immer Nagellack auf ihren Fingernägeln. Heute waren sie, passend zu ihrem Outfit, knallrot.
Gleichgültig zuckte sie mit den Achseln. Selbst diese alltägliche und einfache Bewegung sah übernatürlich elegant aus.
„Keine Ahnung“, äußerte sie belanglos und machte einen tiefen Zug. Mit gespitzten Lippen blies sie den Rauch in die saubere Luft.
„Warum ist er nicht bei dir? Ich habe euch nicht zusammen den Auftrag erledigen lassen, damit einer von euch hierher kommt und der Andere sich nicht blicken lässt. Was ist denn mit euch allen los?“
Sein Zorn war diesmal ausschließlich gegen Ophelia gerichtet. Seine Halsschlagader pochte ungesund schnell. Ich konnte mir vorstellen, dass er das Gefühl hatte die Kontrolle zu verlieren und dass konnte er gar nicht ausstehen.
„Beruhig dich erstmal, Jericho. Du hast keinen Grund mich anzuschreien. Brolin und ich haben den Auftrag ausgeführt. Wir haben uns dann direkt auf den Weg gemacht, doch unterwegs wollte Brolin, dass ich ihn rauslasse. Ich hab mir nicht die Mühe gemacht zu fragen, wo er hin wollte. Es war mir auch egal, also schlage ich vor, dass du ihn fragst, anstatt mich.“
Sie war die Ruhe selbst. Als ob nichts gewesen wäre, blickte sie zur Decke und schenkte ihrem Boss keinerlei Aufmerksamkeit. Man konnte regelrecht sehen, wie Jericho versuchte seinen Zorn im Zaum zu halten.
Für ihn war ihre freche Antwort wie ein Schlag ins Gesicht. Ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Ich mochte Ophelia zwar nicht, doch es war jedes Mal unterhaltsam mit ihr.
„Ruf ihn an und sag ihm, dass er gefälligst seinen Hintern hierher bewegen soll und zwar sofort.“
Er versuchte wieder die Kontrolle zu übernehmen. Er hatte wohl Angst, dass wir auf die Idee kommen würden ihm auf der Nase herumzutanzen, weil Ophelia es uns vormachte.
Als ob wir irgendwelche Hündchen wären, die nach ihrer Pfeife tanzten. Okay, bei Mickey konnte ich mir das gut vorstellen.
„Ruf ihn doch selber an.“ Sie sah ihn nicht einmal an. Pure Respektlosigkeit. Ein tiefes Grollen kam aus Jerichos Kehle.
„Du arbeitest für mich. Ich bezahle dich, also verlange ich, dass du meine Befehle ausführst.“ Sie prustete los. Es dauerte einige Minuten, bis sie sich beruhigt hatte und antwortete.
„Jetzt gebe ich dir kostenlos zwei wertvolle Tipps, aber nur, weil du es bist.“ Ophelias sinnliche Lippen zeigten ihr zuckersüßestes Lächeln.
„Erstens“, sie streckte den Zeigefinger ihrer linken Hand nach oben „wenn du deine Angestellten besser bezahlen würdest, dann würden sie eher auf dich hören.“ Ich musste schmunzeln.
„Und zweitens“, sie streckte den Mittelfinger ebenfalls in die Höhe, „würde ich dir wärmstens empfehlen uns niemals wieder in Zweierteams einzuteilen. Wie du siehst funktioniert das nicht. Ich hoffe, dass du dir meine Tipps, die ich dir liebend gerne gegeben habe, zu Herzen nimmst.“
Damit war ihre Ansprache beendet. Amüsiert hatte ich den Schlagabtausch verfolgt. Mickey, der sich an eine kahle Wand gelehnt hatte, grinste von einem Ohr zum Anderen. Derweil zuckte Jerichos Körper hinter dem Schreibtisch, als ob er einen Boogie tanzte. Er würde jede Sekunde wie eine Bombe explodieren. Das Lächeln zierte noch immer Ophelias Lippen. Jerichos Anblick war ein wahrer Genuss für ihr Ego. Dabei war ihr bewusst, dass sie eine Grenze überschritten hatte.
„Raus hier. Verschwinde“, sagte er kurz angebunden. Während dieser Worte sprühten Speicheltropfen aus seinem Mund und landeten auf der Tischplatte. Sein Kopf war rot wie eine Tomate. Zu meiner Überraschung hüpfte Ophelia vom Tisch. Mit einer fließenden Bewegung warf sie sich die Haare über die Schultern. Dann verließ sie ohne ein weiteres Wort das Büro.
„Undankbares Weib“, murmelte er und massierte seine Schläfen. Sie war vielleicht unverschämt, aber nicht undankbar. Außerdem hatte sie mit ihren Tipps durchaus Recht, nur wäre mir nie im Traum eingefallen, dass Jericho vor den Kopf zu knallen. Ich wollte schließlich nicht auffallen.
Mickey starrte in Richtung Tür, aus der Ophelia verschwunden war. Seine Augen schienen jedoch keinen wirklichen Punkt zu fixieren. Er wirkte orientierungslos. Es gab keinen Zweifel: Mickey war scharf auf Ophelia Monroe. Vermutlich machte er sich bei ihr große Hoffnungen, doch ich bezweifelte stark, dass sie auf einen Typen abfuhr, der genau so groß war wie sie. Mit High Heels überragte sie ihn sogar.
Jericho sortierte einen Haufen Papiere, die sich auf seinem Tisch stapelten. Weder er, noch Mickey achteten auf mich. Warum war ich also noch hier? Ich könnte bereits auf dem Weg nach Hause sein. Dort könnte ich mich endlich ausruhen und schlafen…Stopp.
Gedanklich machte ich zwei Schritte zurück. Wie sollte ich denn in meine Wohnung kommen? Meine Suzuki stand eingedellt und zerkratzt hinter einem Gebüsch in irgendeiner Straße. Es gab nur zwei Möglichkeiten hier weg zu kommen: entweder ging ich zu Fuß oder ich bat Mickey mich zu fahren. Beides reizte mich absolut nicht. Zu Fuß würde ich ewig brauchen und nach der Drohung meines Kollegen konnte ich mir was Besseres vorstellen, als erneut mit ihm in einem Auto zu sitzen. Es war nicht so, dass ich Angst vor ihm hatte, ich wollte mich bloß nicht weiter mit ihm herumplagen und noch mehr Verletzungen davontragen. Ich hatte eindeutig genug für heute.
Mein Schädel pochte schmerzhaft und die Übelkeit kam schlagartig zurück. Diesmal war es schlimmer, als zuvor. Der ganze Stress setzte mir zu und hatte schlechte Auswirkungen auf meinen angeschlagenen Körper. Vor meinen Augen verschwamm das Mobiliar des Büros mitsamt meinem Kollegen. Schnell sog ich soviel Luft, wie möglich, ein.
Aber danach ging es mir noch miserabler. Die Luft war stickig und von Ophelias verdammter Zigarette verqualmt. Ich sah nichts weiter, als dunkle feine Umrisse vor meinen Augen. Verzweifelt klammerte ich mich an das erstbeste Möbelstück, das ich zu fassen bekam, falls ich zusammenklappen sollte. Meine Wahl fiel auf Jerichos Schreibtisch.
„Was ist mit dir?“ Eine rote Flamme schwebte zwischen den Umrissen, wie ein Geist. Das war Mickey.
„Das ist eine überflüssige Frage, findest du nicht?“ Spott schwang in meiner Stimme mit. Ich ließ es mir nicht nehmen die Augen zu verdrehen. Die Rache kam schnell und unverblümt. Nichts als Finsternis umgab mich plötzlich. Meine Knie zitterten und drohten den festen Stand meiner Beine aufzugeben. Ich wollte unter keinen Umständen vor den beiden Schwäche zeigen. So tief wollte ich nicht sinken. Daher zwang ich meinen Körper durchzuhalten, nicht einzubrechen und die Kontrolle zu verlieren. Die Kopfschmerzen und die Übelkeit wurden unerträglich.
„Bring ihn nach Hause.“ Die emotionslose Stimme von Jericho kam nur sehr leise bei mir an.
Meine Entscheidung, wie ich hier verschwinden konnte, hatte sich nun von selbst erledigen. Ich spürte einen knochigen Arm, welcher sich unter meinen linken Arm schob und mich stützte. Erst jetzt wagte ich es meine Hand vom Tisch zu lösen, denn ich traute meinen Beinen wieder einen festen Stand zu.
„Macht, dass ihr rauskommt. Wenn ich einen neuen Auftrag habe, rufe ich euch an.“ Jericho klang zickig und missmutig. Es war nicht zu überhören, dass er im Begriff war völlig auszuflippen.
Mickey drückte mit einer Hand gegen meinen Rücken, um mich zum Gehen zu bewegen. Die Sicht auf meine Umwelt wurde etwas besser und ich konnte sogar die Tür vor uns erkennen. Mein Kollege stützte mich zwar, aber ich konnte normal neben ihm hergehen. Nur zur Sicherheit blieb er bei mir und presste mich nah an seinen Körper. Es war mir ziemlich unangenehm.
Mickey öffnete mit einer Hand die Tür. Gemeinsam betraten wir den Flur. Zuerst er, dann kam ich hinterher, da die Tür für uns beide nicht breit genug war. Unsanft zog er mich sogleich wieder an sich. Ich war verunsichert. Warum war er plötzlich so hilfsbereit?
Der Vorschlag, mich nach Hause zu bringen, war nicht von ihm gekommen, doch mehrmals hatte er nach meiner Gesundheit gefragt. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, da war ich mir sicher. Oder war er ohne irgendwelche Beschwerden dazu bereit gewesen mich zu fahren, weil er sich wegen der Vorfälle in der Kirche draußen an mir rächen und seine Drohung, die er ausgesprochen hatte, wahr machen wollte? Nun hatte er sehr gute Aussichten mich fertig zu machen, schließlich war mein Körper lädiert. Er wollte Rache, was anderes kam gar nicht in Frage.
Mickey Suffert ging nun neben mir her. Ich beachtete ihn jedoch nicht. Stattdessen dachte ich an Holly. Mein Herz begann zu flattern.
Wenn ich mich erst ausgeruht hatte, dann würde ich sie besuchen. Ich vermisste sie und sie vermisste mich. Ein Besuch bei ihr würde nicht nur mir, sondern auch ihr gut tun. Am Telefon hatte sie unendlich traurig geklungen. Das schlechte Gewissen meldete sich wieder. Ich hatte mich nicht bei ihr gemeldet.
Mein Verhalten war egoistisch und unverzeihlich. Ich würde es wieder gut machen, egal wie. Ihre Freude stand für mich im Fokus. Ich wollte sie unbedingt lächeln sehen. Nach ihrem strahlenden, natürlichen Lächeln, welches meine Stimmung auch in den dunkelsten Stunden erhellte, sehnte ich mich am Meisten. Mickey schleifte mich derweil weiter zu den Aufzügen. Einer von den dreien war unterwegs nach oben. Ungeduldig warteten wir.
„Du kannst mich loslassen.“
Eindringlich sah ich in seine grünen Augen.
Ich wollte nicht noch eine überflüssige Minute auf ihn angewiesen sein und an seiner Seite kleben. Er ließ mich mit einem missbilligen Blick los.
„Ein Danke wäre wohl angebracht, oder?“ Provokativ reckte er das Kinn in die Höhe. Seine Einschüchterungsversuche waren lächerlich. Mickey funkelte mich finster an.
„Danke“, knurrte ich und durchbohrte ihn mit meinem An-deiner-Stelle-würde-ich-lieber-aufpassen-Blick. Seine Miene wurde starr. Hart schluckte er und wandte sich ab.
Ein hasserfüllter und wütender Blick aus meinen kalten Augen reichte, um Mickey in seine Schranken zu weisen. Er sollte nicht glauben, dass ich schwach war und keine Chance gegen ihn haben würde, falls er draußen in den Angriff überging.
Dabei war momentan mein Wille, Mickey loszuwerden und endlich den Beginn dieses Tages abschließen zu können, stärker als mein Körper. Es war mein Glück, dass mein Kollege so leicht einzuschüchtern und von seinem Verlangen, sich an mir zu rächen, abzubringen war. Der Aufzug war nur noch eine Etage von dieser entfernt. Die Zeit schien nicht zu vergehen. Es war einer dieser Momente, die einem ewig vorkamen. Mein Blick schweifte zu Mickey. Dieser sah konzentriert auf die Metalltür des Aufzuges.
Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich die Tür, doch die Kabine war nicht leer. Eine weitere Kollegin von mir stand an einer verspiegelten Wand. Es war Emilia McDermott.
Emilia war zwar zehn Jahre älter, als ich, doch sie war meine Vertrauensperson. Das lag daran, dass sie nicht laut, nervig und durchgeknallt war, wie all die Anderen. Mit jedem Problem konnte ich zu ihr kommen und ihr alles anvertrauen. Ihre blauen Augen sprühten vor Lebensfreude und Energie.
Die hellblonden Haare reichten ihr bis zu den Schultern und schimmerten im elektrischen Licht, das den Aufzug erhellte. Emilia begrüßte mich mit einem fröhlichen Grinsen. Es wunderte mich immer wieder, wie sie sich ihre positive Lebenseinstellung in diesem Beruf bewahren konnte.
„Hallo, James“, begrüßte sie mich sogleich. Ich entgegnete ihr Lächeln.
„Hi.“
„Ihr ward wohl schon bei Jericho.“ Sie verließ den Aufzug und stellte sich mir gegenüber. Emilia war sogar noch ein Stückchen kleiner, als Holly.
„Ja, er ist aber nicht gut drauf, weil Ophelia ihn mal wieder gereizt hat.“ Sie verdrehte die Augen.
„Dass kann ja lustig werden, danke für die Warnung.“ Keck zwinkerte sie mir zu. Dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Ihre Mundwinkel zogen sich nach unten und das Funkeln in ihren Augen erlosch.
„Ophelia ist aber nicht mehr hier, oder?“ Emilia machte keinen Hehl daraus, dass sie Ophelia nicht leiden konnte.
Wenn die Beiden sich in einem Raum aufhielten, dann dauerte es nur fünf Minuten, bis sie aneinander gerieten.
Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, was der Auslöser dieses Zwists war. Vor ungefähr einem Jahr hatte ich deswegen bei Emilia nachgeharkt, doch sie hatte mir nichts verraten. Es musste sich um etwas Persönliches handeln, was eine tiefe Kränkung und einen Groll gegen Ophelia hinterlassen hatte.
„Nein, Jericho hat sie rausgeschmissen.“ Dieser Satz zauberte ihr wieder ein Lächeln aufs Gesicht. Sie wirkte erleichtert.
„Gott sei Dank, ich kann diese Frau einfach nicht ertragen.“
„Bist du mit dem Kaffeeklatsch bald fertig?“ Leicht zuckte ich zusammen. Ich hatte Mickey total vergessen. Ungeduldig trat er neben mir von einem Bein aufs Andere.
Ich konnte spüren, wie gereizt er war. Lag das an mir, weil er warten musste oder war er sauer auf Emilia, weil sie schlecht über Ophelia sprach?
„Ja, bin ich“, keifte ich ihn an. Ich wandte mich erneut Emilia zu.
„Wie du hörst, will hier jemand nach Hause.“ Vergnügt gluckste sie.
Mickey murmelte so schnell und leise etwas vor sich hin, dass ich seine Worte nicht verstehen konnte.
„Wir sehen uns dann.“ Zum Abschied hob sie eine Hand. Dann drehte sie mir den Rücken zu und ging zu Jerichos Büro.
„Na endlich“, nuschelte Mickey und drückte auf den Knopf, um die Türen des Aufzuges wieder zu öffnen. Als sie auseinander geglitten waren, betraten wir die Kabine. Die Türen schlossen sich und ich fühlte mich augenblicklich eingepfercht. Es musste an Mickeys Anwesenheit liegen, denn als ich alleine hochgefahren war, hatte ich keine klaustrophobischen Zustände erlitten.
Die stickige Luft und der plötzliche Anflug von Panik waren eine üble Kombination für meine angeschlagene Gesundheit. Meine Kehle schnürte sich zu. Ich konnte kaum atmen. Es fühlte sich an, als ob jemand auf meinem Brustkorb Platz genommen hätte und die Luft nicht mehr den Weg in meine Lunge fand.
Mickey beäugte mich skeptisch aus einer Ecke, in die er sich gequetscht hatte. Er schien so viel Distanz, wie möglich, zwischen uns in diesen kleinen Raum bringen zu wollen. Unauffällig fächerte ich mir Luft zu, aber großen Erfolg hatte es nicht.
Ich sah auf die digitale Anzeige über unseren Köpfen. Wir fuhren gerade an der dritten Etage vorbei. Am Liebsten wäre ich sofort ausgestiegen. Dabei wäre es mir egal, ob ich zwei Etagen früher den Aufzug verließ. Ich hielt es hier keine Sekunde länger aus. Kühler Schweiß trat mir auf die Stirn und rann meine Schläfen hinab. Mickey öffnete gerade den Mund, als die Türen sich öffneten und ich in den dünnen Flur im Erdgeschoß stürmte.
Direkt steuerte ich den Ausgang an. Die Aussicht auf sauberen Sauerstoff ließ meinen Schritt noch schneller werden. Ungebremst warf ich meine rechte Schulter gegen die Tür, durch die Mickey und ich das Gebäude betreten hatten.
Eine Windböe wehte durch die Baumkronen zu mir und zerzauste meine Haare. Gierig sog ich lautstark die frische Luft ein. Ich spürte, wie eine Menge neuer Energie, wie ein elektrischer Impuls, durch meinen Körper floss.
„Wieso kannst du nicht ein einziges Mal auf mich warten, Roddick? Bist du vielleicht nicht dazu fähig stehen zu bleiben?“ Mickey regte sich wieder einmal künstlich auf.
„Ich brauchte frische Luft. Was kann ich denn dafür, dass du so langsam bist?“
„Halt lieber die Klappe. Du hast wohl vergessen, wer dich nach Hause fahren soll.“ Selbstgefällig grinste er mich schief an. Ich verzog das Gesicht.
„Und du hast wohl vergessen, wer daran Schuld hat, dass meine Suzuki nur noch ein Haufen Schrott ist.“ Das hatte gesessen. Mickeys Augen weiteten sich. Empört blähte er seine Nasenflügel auf und schnaubte.
„Wollten wir die Sache nicht vergessen?“, entgegnete er und versuchte das Thema erneut unter den Tisch fallen zu lassen.
„Ich weiß, dass dir der Unfall, den du verursacht hast, als Gesprächsthema missfällt. Bei Jericho war es ja nicht zu überhören, aber ich habe nicht gesagt, dass wir die Geschichte vergessen. Wir waren uns bloß einig nicht mehr über mein gewaltsames Vorgehen gegen dich, das in meiner Situation völlig berechtigt war, zu sprechen.“
„Du wirst mich also für den Rest meines Lebens an den Unfall erinnern, hab ich recht?“ Jetzt war ich an der Reihe selbstgefällig zu grinsen.
„Da kannst du Gift drauf nehmen.“ Seit dem heutigen Tag hasste ich Mickey Suffert abgrundtief, denn er hatte mich ruhigen Gewissens verletzt auf der Straße zurückgelassen. Was wäre gewesen, wenn ich lebensgefährliche Verletzungen gehabt hätte? Ich wäre auf dem Asphalt gestorben und Mickey hätte mich mit großer Sicherheit in seinen Kofferraum gepackt und in den nächsten Fluss geworfen. Währenddessen stampfte er wortlos an mir vorbei zu seinem Porsche.
„Steig gefälligst ein“, zischte er bösartig, da ich unverändert stehen blieb. Ich hatte Lust mich weiter mit ihm zu streiten, doch da mein Wunsch nach Hause zu kommen größer war, setzte ich mich in Bewegung und stellte mich neben die Stelle, an der Mickey mich erwischt hatte.
Mit der rechten Hand strich ich über den Lack. Er fühlte sich nicht ebenmäßig, sondern brüchig an.
Als ich mich hinhockte, konnte ich Kratzer und Einkerbungen sehen. Der rechte Scheinwerfer hatte nichts abbekommen. Sein verfluchter Porsche war beinahe vollkommen heil davongekommen, im Gegensatz zu meinem Motorrad und mir. Ich hörte, wie Mickey einstieg und die Tür mit voller Wucht zuschlug.
Langsam erhob ich mich. Ich ging zur Beifahrertür und setzte mich in den engen Innenraum. Der Geruch des Blutes war noch immer präsent. Mit quietschenden Reifen fuhr mein Kollege los, ohne auf den Verkehr vor oder hinter sich zu achten. Während der ganzen Fahrt, bis zu meiner Wohnung, stierte ich aus dem Fenster.
Die Sonne schickte helle und warme Sonnenstrahlen auf die Erde, welche die Natur in ihrem schönsten Licht erstrahlen ließ und einen Haufen Menschen auf die Straßen lockte. Hauchdünne, kaum erkennbare Wölkchen schwebten am Himmel, aber sie hatten nicht die Kraft die Sonne zurückzuhalten.
Die Straßen wurden zu dieser Uhrzeit gut befahren, da viele auf dem Weg zur Arbeit waren. Diese Tatsache juckte Mickey absolut nicht. Rücksichtslos beschleunigte er ständig und überholte an den gefährlichsten Kurven. Auch ich war der Geschwindigkeit krankhaft verfallen, doch ich achtete darauf, niemanden außer mir zu gefährden.
Die einzige Ausnahme war ausgerechnet Holly.
Immer, wenn ich am Steuer gesessen hatte, und dabei war es egal, ob meine Freundin auf dem Motorrad oder in ihrem eigenen Auto mitgefahren war, war ihre Angst vor einem tödlichen Unfall nicht zu übersehen gewesen. Ich fand es irgendwie witzig, aber auch merkwürdig.
Sie hatte mehr Angst vor der Gefahr durch einen Crash mit einem anderen Auto oder einem Baum zu sterben, als vor mir, ein Mensch, der Andere ohne schlechtes Gewissen getötet hatte. Ihre Liebe, die sie für mich empfand und ihre Toleranz für meinen Beruf mussten schier grenzenlos sein. Ich hatte den größten Respekt vor ihrer Willensstärke.
Dieses bezaubernde, zierliche Mädchen war viel stärker, als ich es jemals sein könnte. Sie akzeptierte meine reichlich vorhandenen negativen Seiten und versuchte mit ihnen umzugehen. Sie musste etwas in mir sehen, von dem ich selbst keine Ahnung hatte, dass es in meinem tiefschwarzen Wesen existierte.
Holly war eindeutig zu gut für mich. Ich hatte sie und ihre liebenswürdige Art nicht verdient. Genauer gesehen brachte ich sie nur in Lebensgefahr und warum? Weil ich vor Egoismus strotzte und sie nicht loslassen wollte und konnte. Liebe war nun mal stärker, als Vernunft.
Sie hatte sich in kürzester Zeit in mein Herz und in meinen Verstand gebohrt. Jeden Tag und jede Nacht dachte ich an sie. Wenn ich auch nur eine Sekunde einen Blick auf sie warf, dann überwältigte mich ein mächtiges wohliges Gefühl, das unbeschreiblich war und meine Sinne betäubte.
Aber ich hatte diese Gefühle nicht verdient. Ich hatte Holly schon so oft weh getan. Durch ihre Fragen über mein Privatleben hatte sie mich immer wieder aus der Bahn geworfen, dabei war es nur selbstverständlich, dass sie mehr Informationen über mich haben wollte.
Ich war dann immer ohne triftigen Grund sauer geworden und hatte sie vor den Kopf gestoßen.
Dennoch wünschte ich mir, dass sie nicht so neugierig gewesen wäre, aber dagegen konnte ich nichts tun. Wie musste sie sich gefühlt haben, als ich ihr kalte und böse Blicke zugeworfen hatte? Doch damit waren die Schmerzen, die ich ihr zugefügt hatte, noch lange nicht vorbei.
Ich erinnerte mich an ihre geschockte Miene, als ich diesen Betrunkenen halbtot liegengelassen hatte. Es war das erste Mal gewesen, dass sie meinen schlechten Kern hautnah zu spüren bekommen hatte. Aus Wut durch ihr Unverständnis hatte ich sie allein gelassen. Mein Verhalten war einfach paradox gewesen. Zuerst hatte ich sie beschützt und dann hatte ich sie in einer dunklen, verlassenen Straße zurückgelassen.
Ich könnte mich heute noch dafür ohrfeigen. Die Auseinandersetzung zwischen uns in ihrem Haus verdrängte ich lieber. Ich wollte nicht mehr daran denken, wie viel Leid ich über sie gebracht hatte.
Einen Tag darauf war das schicksalhafte Gespräch zwischen Holly und mir gewesen. Ein Treffen, das über unsere gemeinsame Zukunft entscheiden sollte.
Ich war ungewillt gewesen ihr alles zu verraten, aber ihre flehenden Blicke aus ihren blauen Augen hatten mich schwach gemacht. Mein Herz war damals, nach ihrer Reaktion, beinahe zum Stillstand gekommen. Obwohl ich mit solch einer Reaktion ihrerseits gerechnet hatte, hatte sie mich dennoch wie ein harter Schlag getroffen.
Frustriert und wütend über mich selbst krallte ich meine Finger in das weiche Leder der Autositze. Immer und immer wieder hatte ich Hollys Schmerzen vergrößert und ihr Herz und ihre Gutmütigkeit vergiftet. Aber hatte ich ihr Zeit gegeben sich von all den Strapazen zu erholen? Nein.
Aus Verlangen und Liebe hatte ich ihr aufgelauert, um zu retten, was zu retten war und sie hatte mir alles verziehen, was ich ihr angetan hatte. Nach allem hatte sie noch die Hoffnung, dass ich mich ändern würde. Ich war mir nicht so sicher, ob ich den gleichen Enthusiasmus für meinen Wandel aufbringen konnte, aber ich spürte, dass sich mein Denken und Handeln in letzter Zeit verändert hatte.
Holly Dugan hatte mich verändert. Sie war wie ein reines, natürliches Licht in meiner von Chaos, Blut und Mord beherrschten Welt getreten und versuchte mich hinauszuführen. Aber war ich bereit, die gewohnte Welt zu verlassen und ein guter Mensch zu werden?
Ich war so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht bemerkte, dass Mickey vor meiner Wohnung anhielt.
„Steigst du von selbst aus oder soll ich dir helfen?“ Seinem scharfen Ton nach zu urteilen, würde die angebotene Hilfe eher gewaltsam aussehen. Nach einem letzten abwertenden Blick in sein koboldähnliches Gesicht öffnete ich wortlos die Tür und stieg leichtfüßig aus.

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