Es ist anstrengend.
So, wie alles auf dieser Welt irgendwie anstrengend ist.
In der Früh den Wecker zu hören.
Bei dem lauten Piepsen zusammenzuzucken.
Zu bemerken, dass dein Herz einen Aussetzer gemacht hat, um dann im langsamen Takte weiterzupochen.
Dir zu denken... "Brauche ich diese Schule tatsächlich?"
Um dann trotzdem aufzustehen, wenn auch widerwillig, denn: Ja, du brauchst sie.
Um wie auf 3 Promille durch das Zimmer zu torkeln, damit du den Lichtschalter findest, nur um daraufhin alles Lebende zu verfluchen, weil es zu grell ist und um halb 7 noch immer Finsternis herrscht.
In den Gang zu laufen und auch da das Licht einzuschalten, damit du den Weg ins Klo findest.
Dich dann im Spiegel anzusehen und dir zu denken: "..."
Ja, weil du zu müde bist, um zu denken. Maximal noch fit genug bist, direkt in der Früh einen Ohrwurm eines Liedes zu bekommen, welches du nicht leiden kannst, oder welches viel zu fröhlich ist, als dass du es direkt in früh ertragen könntest.


Es ist anstrengend.
So, wie alles auf dieser Welt irgendwie anstrengend ist.
So, wie das Hinaustreten aus der Wohnung.
Um deine Nachbarin zu sehen, die bereits, auf-dich-wartend, vor deiner Türe steht, damit ihr gemeinsam geht. Nicht alleine seid.
Ein "Hallo" rauszubringen.
Die Kraft zu holen, ein Gespräch zu beginnen.
Anstrengend, gegen die Verführung anzukämpfen, dich auf den Asphalt zu legen und die Augen zu schließen.
Zu verschnaufen, auch wenn alles, was du getan hast, war, dich anzuziehen.
Dann die Straßen entlang zu gehen.
Die Straßenbahn zu erwarten, nur damit du in eine überfüllte Bahn steigst - da wird dir dann wieder mal bewusst, wie sehr du Menschen eigentlich hasst.
Keinen Sitzplatz zu finden und stehen zu müssen.
Um jeden Millimeter Freiraum mit 10-Jährigen zu kämpfen, deren Ranzen riesiger, als ihr eigener Körper ist.


Es ist anstrengend.
So, wie alles auf dieser Welt irgendwie anstrengend ist.
So, wie aus der Straßenbahn zu steigen und deine Nachbarin nicht mehr zu finden.
Sie dann doch zu finden.
Dich an ihren Arm zu klammern, weil du Angst vor dem Verlorengehen hast...
Dich darüber aufzuregen, weshalb Radfahrer durch eine Menschenmasse fahren müssen.
Dich dann von ihrem Arm zu trennen, weil ihr durch verschiedene Eingänge müsst.
In die Schule zu tretten und die schweren Glastüren für die Leute hinter dir offen zu halten, weil du doch nicht ganz so ein Arschloch bist.
Die Stufen hochzusteigen in den ersten Stock, du dadurch vollkommen aus der Puste bist.
An der Gruppe Jungs vorbeizulaufen, die bereits jetzt (um Halb 8) voller Energie ist.
Wieder eine schwere Glastür aufzuziehen und durch den weiteren Gang zu schlumpfen, dabei darauf zuachten, dass du stets den Blick auf deinem Handy lässt, auch wenn es blos der entsperrte Bildschirm ist, weil du gerade nicht in Stimmung für Konversationen bist.
In deine Klasse zu kommen und zu sehen, dass gerade Mal sechs Leute drinnen sind, von denen keiner mit dir wirklich befreundet genug ist, um dir Gesellschaft zu leisten.


Es ist anstrengend.
So, wie alles auf dieser Welt irgendwie anstrengend ist.
So, wie das Warten auf das Unterrichtsende.
Der Versuch zuzuhören, obwohl du kurz vorm Einschlafen bist.
Nicht einzudösen, wegen den Kreisen, die deine Freundin auf deinen Arm mit einem Kugelschreiber malt.
Es ist anstrengend vor dem Waschbecken zu stehen und eiskaltes Wasser an deinem Arm runterrinnen zu lassen, weil die Schule sich kein warmes Wasser leisten kann.
Den Arm unter dem Handtrockner, der mit einer Stärke von Gefühlten 265 sone in Betrieb ist, zu geben, nur um danach trotzdem feuchte Hände zu haben.
*diese verdammten schweren türen*
In der letzten Stunde zu sitzen, mit dem Kugelschreiber nervige Geräusche zu machen.
In der letzten Reihe Gekicher und Gelächter zu hören, bei dem du nur zu gerne dabei wärst, weil es in der ersten Reihe... anstrengend ist.
Dass jemand von hinten deinen Namen ruft, aus reiner Langeweile, du dich trotzdem umdrehst, weil du nichts besseres zu tun hast.
Und du dann nette Grinser und "Wie geht's" als Reaktion bekommst.
Nein, warte. Das ist nicht ganz so anstrengend.


Es ist anstrengend.
So, wie alles auf dieser Welt irgendwie anstrengend ist.
Nach Hause zu kommen und bereits zu hören, wie deine Eltern herumschreien wegen Kleinigkeiten, so, wie fast jeden Tag.
Das Alleinsein zu vermissen, weil du es lieben gelernt hast.
Dich sofort in dein Zimmer zu begeben - nach einem kurzen überhörten "Hallo".
Die Tür hinter dir zu schließen und die Tasche auf den Boden zu werfen, das Gewicht von dir abfallen zu spüren.
Die Augen zu schließen und einen Krampf zu spüren, irgendwo in dir.
Weil du das Geschreie nicht aushälst, weil du es schon zu gut kennst.
Weil du nur Ruhe und Frieden haben möchtest.

Du gehst zu deinem Schreibtisch, nimmst die Klamotten von deinem Stuhl herunter und setzt dich hinein. Lehnst dich zurück und versuchst, die lauten Stimmen auszuschalten. Schaltest deinen Laptop ein...

Es ist anstrengend.
So, wie alles auf dieser Welt irgendwie anstrengend ist.
Alles, aber nur das Schreiben nicht.

Deshalb schreibe ich gerade.


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