[01] Aufruf

HYPHURION – Die Chronik der Eisenwelt

Rattenfänger


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„Nylian?“

Kaithryn klopfte mit den Knöcheln gegen die offenstehende Tür. Aus dem Dunkel hinter der Öffnung kam keine Antwort.

Sie warf einen Blick zu Yodda. Die Zwergin zuckte mit den Schultern und bedeutete Kaithryn mit einem Nicken, einfach einzutreten.

Die staubigen Holzbretter knarzten unter den Schritten der beiden jungen Frauen. Das Dämmerlicht nahm sie lautlos in sich auf. Staub und der Duft exotischer Blumen füllten die Luft.

„Nylian?“, fragte Kaithryn nochmals. „Wir wissen, dass du da bist.“

„Du kannst dich nicht ewig hier verkriechen“, fügte Yodda hinzu.

„Na und?“

Die leise Stimme kam vom hinteren Ende der kleinen Hütte. Kaithryn tauschte einen weiteren, besorgten Blick mit Yodda.

„Mach wenigstens Licht“, verlangte sie dann.

Ein Seufzen ertönte, dann hörten sie das Ratschen eines Streichholzes. Wenig später leuchtete vor ihnen eine kleine Öllampe auf und in ihrem Licht erschien ein langes, blasses Gesicht.

Die beiden Frauen atmeten erleichtert auf.

„Nylian“, begann Kaithryn wieder. „Das ganze Viertel macht sich Sorgen um dich. Was treibst du hier im Dunkeln?“

Nylian seufzte und wandte den Kopf vom Licht ab. Nun beleuchtete die flackernde Lampe sein spitzes Ohr. „Ich denke nach.“

„Worüber?“, fragte Yodda. Nylian antwortete nicht. Sie wussten auch so alle Bescheid.

„Wir vermissen ihn ja auch“, sagte Yodda leise. „Aber das Leben geht weiter, Nylian. Du kannst nicht ewig um ihn trauern. Oder wir sind beide schon alt und grau, wenn du wieder nach draußen kommst.“

Der Anflug eines Lächelns erschien auf Nylians blassem Gesicht und er wandte den beiden wieder den Blick zu. „Es waren jetzt zwei Wochen. Ihr seid vielleicht sterblich, aber ein bisschen mehr Zeit werdet ihr doch wohl haben!“

Yodda lächelte erleichtert. Die besorgte Falte auf Kaithryns Stirn dagegen verschwand nicht: „Aber es ist nicht das erste Mal, dass du so lange verschwindest“, beharrte sie.

Nylian schüttelte den Kopf. „Ihr seid ungeduldig wie Kinder, Freunde!“

Jetzt war es an Yodda, einen strengen Ton anzuschlagen: „Wir sehen seit drei Jahren zu, wie du dich mehr und mehr zurückziehst. So kann das nicht weitergehen, Nylian!“

„Drei Jahre?“, wunderte sich Nylian und schien Yoddas Tonfall kaum zu registrieren. „Es kam mir wie ein Lebensalter vor. Und doch nur wie einige Tage, seit er fort ist.“

„Genau das meinen wir“, sagte Kaithryn. „Du wirst seltsam, Nylian. Du isst zu wenig. Du sprichst kaum noch mit jemandem. Du igelst dich ein und wirst kaum noch gesehen. Alle machen sich Sorgen. Deine Eltern machen sich Sorgen. Wir machen uns Sorgen!“

Nylian seufzte. „Vielleicht habt ihr ja Recht. Aber selbst wenn – es gibt keine Aufgabe, die ich zu erfüllen hätte. Ich habe immer auf Kiirion aufgepasst, aber nun ist er tot“, er zuckte mit den Schultern, doch selbst in der Dunkelheit konnte er seinen Schmerz kaum kaschieren. „Es gibt niemanden, der mich braucht.“

„Ich brauche dich“, sagte Kaithryn.

„Und ich auch“, sagte Yodda, die kräftigen Arme vor der Brust verschränkt. „Aber ich verstehe, dass du ohne eine Aufgabe immer wieder hierhin zurück kommst, um Trübsal zu blasen. Dagegen habe ich jetzt ein Heilmittel gefunden!“

Sie hielt das Pergament in das schwache Öllampenlicht wie einen wertvollen Schatz.

„Was ist das?“, fragte Nylian.

„Ein Aufruf“, erklärte Yodda. „Die besten Krieger, Magier und Wissenschaftler sollen sich in den Amrais-Bergen versammeln. Wir gehen hin, und du wirst mit uns kommen. Keine Widerrede.“

„Aber … warum sollen wir dahin?“, wunderte sich Nylian. „Gibt es Krieg?“

„Unglaublich!“, hauchte Kaithryn. „Ich weiß ja, dass du gewissermaßen nur noch in dieser Hütte lebst, aber wenn ein Krieg im Anmarsch wäre, würdest du das doch wohl wissen!“

Nylian zuckte nur nichtssagend mit den Schultern. Im Notfall könnten die drei Freunde sich nur über Schulterzucken verständigen, ganz ohne Worte.

„Es soll wohl ein freundlicher Wettkampf sein, um zu bestimmen, wer der Beste ist“, meinte Yodda. „Wir gehen eigentlich nur hin, um zuzusehen. Colum kommt mit, gegen den habe ich ja schon keine Chance. Und Meister Cirdrim kommt auch. Also scheidet auch Kat schon von Vorneherein als Gewinner aus.“

„Aber es ist eine Möglichkeit, die Welt zu bereisen“, sagte Kaithryn. „Du könntest andere Krieger kennenlernen, dir vielleicht ein paar Tricks abgucken.“

Nylian seufzte erneut. „Ihr wollt mich nur zwingen, diese Hütte zu verlassen.“

„Natürlich“, sagte Yodda freiheraus. „Und wir werden dich zwingen, wenn es sein muss. Aber zuerst wollten wir dir die Gelegenheit geben, freiwillig mitzukommen. Deine Taschen sind nämlich schon gepackt und auch alles andere ist bereit.“

„Ihr durchtriebenen Füchse!“, zischte Nylian leise.

„Also, kommst du freiwillig? Oder müssen wir dich ans Pferd fesseln?“, fragte Kaithryn.

Nylian hob abwehrend die Hände: „Schon gut, schon gut. Ich komme.“

 

 

Tatsächlich wäre ihm keine andere Wahl geblieben. Als Nylian seinen beiden Freundinnen wenig später nach draußen folgte, fand er die Straßen für Festtage geschmückt vor. Er holte sein treues Pferd Aidalos aus dem Stall. Der Name bedeutete `Lied des Westwinds´. Der falbe Hengst war bereits gesattelt und mit zwei Satteltaschen beladen, in denen Nylian Proviant und einige Decken fand. Als er das große Vollblut am Zügel nahm, reichte Yodda ihm seinen Bogen samt Köcher.

„Sieht so aus, als hättet ihr nichts dem Zufall überlassen“, meinte Nylian. Er versuchte, wütend auf die beiden zu sein, doch es wollte ihm nicht gelingen. Dass Kat und Yodda sich so um ihn bemühten, rührte ihn zutiefst.

„Wir mussten sichergehen, dass du dich nicht mehr aus der Sache rauswinden kannst!“, grinste die Zwergin. Sie grinste eigentlich immer, Nylian hatte sie selten traurig gesehen. Ein solcher Gesichtsausdruck würde auch kaum zu ihren karottenfarbenen Haaren passen, die sich auf dem Kopf wild auftürmten wie wuchernder Löwenzahn und in einem dicken Zopf geflochten auf ihre Schultern fielen. Yodda sprühte Lebensfreude aus, wie die Sonne Wärme ausstrahlte. Die Fröhlichkeit sprudelte förmlich aus ihren teichblauen Augen.

Auf dem großen Marktplatz von Helmsieg hatten sich viele Bewohner der Stadt versammelt. Sie winkten, als Nylian, Yodda und Kaithryn auf den Platz hinaustraten. Nylian erkannte seine Eltern in der Menge und ging, um sich zu verabschieden. Sie taten, als wären sie stolz auf ihn, doch Nylian konnte die Trauer in ihren Augen lesen: In den waldgrünen Augen seines Vaters und den meerblauen Augen seiner Mutter. Sie hatten bereits einen Sohn verloren. Sie machten sich Sorgen um ihn.

„Dass du mir gut auf Aidalos aufpasst“, sagte Tincyr. Nylians Vater war ein hochgewachsener Waldelb mit flachsblondem Haar und strengen Zügen. Von ihm hatte Nylian Jagen und Reiten gelernt.

„Natürlich werde ich das.“

„Und begib dich nicht in Schwierigkeiten“, flehte seine Mutter jetzt leise, Amayra, eine Wasserelfe mit Seerosen in den langen, blauen Haaren. Sie umarmte Nylian und strich ihm über die Haare. Beide Söhne dieser ungleichen Eltern hatten helle, grünblaue Haare erhalten. Eine breite, kurze Strähne verdeckte Nylians hohe Stirn, die restlichen Haare fielen ihm seidig in den Nacken. Er hatte sie hinter die langen, spitzen Ohren geschoben. „Im Gebirge gibt es Vampire.“

„Ich werde achtgeben, Mutter“, murmelte Nylian leise. Es gab auch noch andere Monster in den Bergen, Werwölfe und Dämonen. Doch die Vampire hatten ihrer Familie am härtesten zugesetzt.

 

Als er sich schließlich von seinen Eltern loseisen konnte, warteten vier Personen geduldig auf dem Marktplatz. Zwei davon waren Kat und Yodda. Kat hatte sich nur von ihrer Mutter verabschieden müssen, die sich lange Jahre vorher damit abgefunden hatte, den flachsblonden Wildfang wieder und wieder auf lange Reisen zu verlieren. Yoddas Familie dagegen lebte viele Tagesreisen entfernt in den Minen von Hoheneck.

Auch Colum und Yrsa Cirdrim waren inzwischen eingetroffen. Der weise Magier Yrsa Cirdrim saß auf einem prächtigen, weißen Einhorn mit voller Mähne. Das Tier war sogar größer als Aidalos, allerdings auch kräftiger gebaut, mit der breiten Brust und den stämmigen Beinen eines Kaltbluts, mitsamt der dicht behaarten Fesseln. Der dunkelhäutige Magier nahm sich dagegen wie eine hagere Ratte aus. Seine Ohren waren noch länger als Nylians, doch die Spitzen bereits nach unten gebogen. Es war ein Mysterium, wie alt Cirdrim war, doch es mussten tausende von Jahren sein. Seine langen Haare waren schneeweiß, nur am Ansatz zeigte sich ein Hauch von metallischem Grau. Das Kinn des Zauberers war rasiert bis auf einen spitzen, struppigen Schnurrbart, der im hageren Gesicht des Alten viel zu dem Rattenbild beitrug. Unter dichten, buschigen Augenbrauen lagen violette Augen tief in ihren Höhlen. Cirdrim war in eine schwarze Kluft mit silbergrauen Akzenten gekleidet, darüber trug er einen schwarzen Samtmantel, der von einer violetten Brosche an der Schulter zusammengehalten wurde.

„Nylian!“, rief Colum erfreut, als der Elf samt seinem Vollblut zu der kleinen Gruppe trat. Sofort trottete Colum auf ihn zu und zerrte ihn mit kräftigen Armen in eine erstickende Umarmung. Nylians Füße zappelten hilflos über dem Boden, obwohl der Elf nicht eben klein war. Doch Colum war ein Zentaur, sein menschlicher Unterleib ging in den kräftigen Körper eines großen, braunen Stiers über und aus seiner Stirn ragten zwei kurze, nach vorne gebogene Hörner. Die menschliche Haut war heller als das Stierfell, geradezu blass. Colums Haar war hellblond: Die Augenbrauen, der Ring des Bartes um den Mund und der winzige Zopf auf dem sonst kahl rasieren Schädel, ebenso das Haarbüschel am Schwanz des Stieres.

Kleine Lachfalten bildeten sich um Colums tiefbraune Augen, als er Nylian wieder nach unten ließ. „Bist du bereit für ein Abenteuer, mein Junge?“

„Ja, das bin ich“, lächelte Nylian. Es war amüsant, sich von Colum bemuttern zu lassen, der mit seinen fünfzig Jahren nur halb so alt wie Nylian war.

„Es ist nicht nur ein Abenteuer“, ließ sich Cirdrim leise vernehmen. „Es ist eine recht gefährliche Reise, auch wenn ihr Zweck glücklicherweise erfreulich ist.“

„Lasst euch nicht von den Regenwolken abschrecken.“ Colum warf einen Seitenblick auf den Magier und klopfte dann auf die Stile der beiden Äxte, die auf seinem Rücken hingen. „Wir können uns sehr wohl verteidigen.“

Yrsa Cirdrim schüttelte den Kopf. „Du bist Wissenschaftler, Colum. Kein Krieger.“

Der Zentaur winkte lachend ab. „Es ist eine Reise von höchstens zwei Tagen! Was soll schon geschehen?“ Er zwinkerte Nylian verschwörerisch zu, dann reichte er Yodda eine Hand: „Meine Dame?“

Die Zwergin kletterte auf den breiten Rücken des Zentauren. Ihre kurzen Beine reichten nicht aus, um ein Pferd zu reiten, geschweige denn einen Stier, doch sie brauchte nur die Schlaufen zu greifen, in denen Colums Äxte streckten.

Yrsa Cirdrim reichte Kat wortlos die Hand und zog sie hinter sich auf den Sattel. Als beide Mädchen hinter ihren jeweiligen Mentoren platziert waren, saß auch Nylian im Sattel von Aidalos. Sein Hengst schnaubte und warf den Kopf mit der langen, schwarzen Mähne nach oben.

Nylian musste unwillkürlich lächeln. Er freute sich genau wie Aidalos, dass es wieder losging. Vielleicht hatte er seine alte Abenteuerlust doch noch nicht verloren.

Die Versammelten winkten und riefen ihnen Glückwünsche nach, gemischt mit Rufen wie: „Zeigt es den Halunken aus den anderen Städten! Helmsieg sind die Besten!“

Colum biss im Trott in einen grünen Apfel. Yodda und Kaithryn winkten fröhlich, Nylian dagegen übte sich in elfischer Gelassenheit, ähnlich wie Yrsa Cirdrim, der keine Miene verzog, während sie aus der Stadt auszogen.

 

Die kleinen Hütten mit ihren spitzen Dächern aus Stroh und Holz blieben hinter ihnen zurück. Vor ihnen erstreckten sich die grünen Hügel, die Nylian noch von unzähligen Ausritten kannte. Im Osten brach sich das Sonnenlicht auf dem Meer, doch vor ihnen zeichneten sich blau die Berge im Dunst des Horizontes ab. Ohne Worte zu wechseln schlug die Gruppe den Umweg zum Meer ein, dessen Wellen mit jedem Schritt heller und blauer vor ihnen leuchteten. Bald sanken die Hufe von Colum, Aidalos und dem Einhorn in den hellen, weißen Sand, an dem sich die Wellen brachen. In einem ruhigen Galopp folgten die Reisenden der Küstenlinie, durch hellen Sand und über bunte Muscheln, bis der Strand sich zu schroffen, braunen Klippen erhob. Hier schlugen sie den Weg nach oben ein, wo sich saftige, grüne Wiesen erstreckten. Sie ritten den ganzen Tag, ohne mehr als einige wenige, kurze Pausen zu machen, doch sie eilten sich nicht, machten große Umwege durch kleine Täler und verborgene Haine. Die Luft war sommerlich warm und duftete verheißungsvoll nach Freiheit und Meer.

Am frühen Abend schlugen sie ihr Lager auf und saßen noch am Feuer, als über ihnen die Sterne aufgingen.

Nylian fühlte sich seit langer Zeit wieder von Frieden erfüllt. Den Verlust seines kleinen Bruders hatte er längst nicht vergessen, immer noch suchte Kiirion seine Gedanken heim. Doch es schien ihm, als wäre die Wunde in seinem Herzen in größere Ferne gerückt, verdrängt vom warmen Feuerschein und den Stimmen seiner Freunde, dem Trinklied, das Colum laut und schief sang, während Cirdrim vergeblich vortäuschen wollte, sich nicht daran zu stören.

Er atmete den Duft nach brennendem Holz tief ein. Das Leben ging weiter. Er hatte es immer gewusst, natürlich, aber in diesem Moment konnte er fühlen, dass dieser so oft gehörte Satz der Wahrheit entsprach.

Comments

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    Ein wirklich schöner Start in eine Geschichte, die ich so lange aufgeschoben habe zu lesen ^^" Aber ich sollte wohl wirklich erst Rattenfänger lesen, um DoSt betalesen zu können... Sonst bin ich am Ende nur wieder komplett verwirrt. // Mir ist Nylian jetzt schon sympathisch. Er ist diese Art von ruhigem, nachdenklichen aber vermutlich auch kämpferischen und abenteuerlustigen Protagonisten, die man eigentlich sofort ins Herz schließt (geht zumindest mir so). Vor allem mag ich das Ende des Kapitels. Dass ihm eben sofort klar wird, dass die Gegenwart jetzt wichtiger ist, als in Erinnerungen zu schwelgen und in ihnen zu ertrinken. Und das allein durch seine Freunde.

  • Author Portrait

    Gefällt mir sehr gut, bin gespannt wie es weiter geht. :D

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