1.10 Tag um Tag, Aug um Aug ...

Weiser Reisender

„Nein!“, schrie Mimi. „Tombo gehört uns!“
„Ruhig Juwel“, ermahnte Tabi Mimi. Doch keinen meiner Schwestern gefiel die Idee.
„Was willst du dafür Mädchen?“
„Sie nehmen uns mit bis zu ihrer Farm, dann gehört es ihnen.“
„Mehr nicht?“
„Mehr nicht.“
„Abgemacht.“ Es war das Beste für das Pferd. In einer Großstadt würden wir es nicht gebrauchen können und auf dauert, kostete es zu viel. Bei einem Bauern, hätte es ein gutes leben. Genug essen und sicherlich auch Freunde. Wie die Zwei Pferde die vor dem Karren eingespannt auf den Aufbruch warteten. „Dann steigt mal auf Ladys.“ Der Mann kletterte nach vorne. Meine Schwestern kletterten alle hinten hinauf, ich stieg auf Tombo und ritt neben dem Karren.
Der Fahrer summte ein Lied, kaute auf einem Weizen Stängel sah einfach voraus. Er war stark gebräunt von der Jahren langen Sonne, was ihm auch starke Falten einbrachte. Mit einem Strohhut und leichten Klamotten war er wohl nicht der reichste Bauer. An seinem Schnauzer und den wenigen Haaren, die aus dem Hut hinausragten, sah man seine bereits ergrauten Haare. Neben ihm lag ein langer glatter Holzstock, der sehr rau wirkte aber gut gepflegt.
„Hast du genug gesehen Mädchen?“ Ich sah dem alten Mann in die grauen Augen, die mich fixiert hatten. „Wenn du mich ausrauben willst, würde ich dir nahe legen es zu lassen.“ Er tätschelte den Stock.
„Das ist ein Stock.“
„Nicht nur ein Stock, eine Waffe. Meist ist das unscheinbare das gefährlichste Werkzeug.“ Ich nickte mit hochgezogenen Augenbrauen und sah wieder voraus.
„Wie heißt du Kind?“
„Ich bin Nara und das sind meine Schwestern ...“
„Falsch“, unterbrach er mich.
„Falsch?“
„Du lüst.“ War ich seit neustem so eine schlechte Lügnerin?
„Wieso glaubst du das, alter Mann?“, fragte ich gereizt.
„Du siehst nicht aus wie eine Nara. Doch erst deine Reaktion hat es mir verraten.“ Ich sah ihn abschätzend an, vielleicht war er doch gefährlicher als ich dachte. „Ich bin nur ein Bauer Kind. Kein Soldat.“
„Wieso glaubst du, haben wir mit Soldaten zu tun?“ Er deutet auf das Pferd.
„Es ist pechschwarz. Es gehört zu den hochgewachsenen Kräftigen. Eine Rasse die Soldaten bevorzugen, da sie lange laufen, ohne schnell zu erschöpfen.“ Mein Magen verkrampfte sich. Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Er hatte recht. Tombo war gut genährt, er konnte lange laufen und war stark. Vielleicht hätte ich ihn schon früher loswerden sollen. Wenn der Farmer mich verriet, würden wir alle im Kerker oder am Galgen enden.
„Was wirst du jetzt tun, alter Mann?“
„Was glaubst du?“
„Und ausliefern?“
„Wieso sollte ich. Es ist ein gutes Pferd. Und ihr nur vier Kinder. Nicht wahr?“ Ich nickte zustimmend. Wie es schien, war der Alte erstmal in Ordnung. Doch konnte mich meine Menschenkenntnis auch täuschen.
„Wieso suchen sie dich, Kind?“ Ich entschied der Frage auszuweichen und dem alten Etwas vertrauen zuschenken.
„Amara.“
„Amara“, wiederholte er. „Ja so siehst du aus.“
„Man kann nicht nach einem Namen aussehen.“
„Natürlich kann man das. Man wächst in seinen Namen hinein, trägt ihn ein Leben lang und erfüllt ihn schließlich.“
„Du bist ein Gläubiger. Wie ist dann sein Name Gläubiger?“
„Mein Name ist Tankred.“
„Und was bedeutet dieser Name?“
„Wer weiß.“
„Du sprichst wohl gerne in Rätseln Gläubiger.“ Er lachte erstickt und hustete. Ich schätzte, das er schon mehr als ein halbes Jahrhundert hinter sich hatte. Wir ritten eine lange Zeit weiter, ohne ein Wort zu wechseln.
„Also Reisende. Wieso sind die Soldaten hinter einem Kind her?“
„Sie hat nichts getan“, warf Mimi ein, kletterte blitzschnell hoch und setzte sich neben den Alten. Er zuckte leicht zusammen und sah verwundert hinab zu der kleinen Gestalt.
„Kind du bist schnell wie eine Ratte, das kannst du bei einem alten Mann nicht machen.“ Auch Tabi und Anora krabbelten hinauf aufs Streu und gesellten sich hinter den Mann.
„Sie hat nur für uns gesorgt“, erklärte Anora.
„Wir wären verhungert“, fügte Tabi hinzu.
„Etwas was die Soldaten nicht sehen, nicht wahr.“ Sie nickten.
„Sie suchen mich wegen Raub und einigen andern Dingen.“ Er nickte und kaute weiter auf dem Halm.
„Wie es schient, hast du es faustdick hinter den Ohren klein Lady.“
„Ich tue, was auch immer ich tun muss.“
„Und wieso seit ihr allein, auf einem solch gefährlichen Weg?“
„Wir sind Weisen“, antworte ich bevor es meine Schwestern konnten. „Wieso willst du das Pferd, wenn du weißt, dass es Soldaten gehört?“ Es wagte kaum jemand gegen sie zu handeln, noch böse über sie zu reden, obwohl sie leid über das ganze Land brachten.
Der König war egoistisch und machthungrig. Was so weit ging, dass er sein eigenes Volk unterdrückte und es lieber sterben ließ, als zu sehen, wie es sich gegen ihn auflehnte.
„Es ist ein gutes Pferd. Es wird gute Dienste leisten.“
„Und wenn die es finden?“
„Habe ich es von einer kleinen Diebin erhandelt.“ Ich nickte. Ob er wusste, dass sie ihm wehtun würden? „Wieso die Hauptstadt?“, fragte der Mann abwesend und nahm aus seinem Sack zu seinen Füßen eine Pfeife hinaus.
„Ein neues Leben.“
„Mit neuen Namen, in einer großen Stadt voller Menschen, was? Gute Idee. Ach da hätte ich fast vergessen, wie eure Namen denn sind?“ Mimi schrie gleich ihren Namen übers Feld, damit sie ja die Erste war, Anora und Tabi folgten. „Schöne Namen für schöne Kinder. Eure Mutter muss eine stolze Frau gewesen sein.“ Meine Schwestern sahen gleich aus als hätte er sie geohrfeigt, was dem Mann nicht entging. „Soso, eine frische Wunde verstehe.“ Er sah zu mir, bemerkte auch gleich das mein Ausdruck, nicht der gleiche wie der meiner Schwestern war.
„Die Soldaten“, erklärte ich. Er sah aufs Pferd.
„Kein fairer Tausch.“
„Wie es scheint, wollte es das Schicksal so Gläubiger.“
„So scheint es.“ wieder eine Zeit des Schweigens, in dem der Mann sich die Pfeife entzündete und kleine Rauchschwaden erzeugte.
„Was ist das?“, fragte Mimi schließlich nach der fünften oder sechsten Rauchwolke.
„Kennst du keine Pfeife mein Kind?“
„Nein. Darf ich das Probieren?“ Der Mann lachte.
„Wenn du vielleicht so groß bist wie deine Schwester vielleicht.“ Mimi schmollte. Doch erneut fragen tat sich nicht. Stattdessen, begann sie wieder mit den Pferden zu reden. Erfragte sogar die Namen der anderen beiden. Danu und Kandi. Beide waren in einem hellen Braun und schienen Geschwister.
„Was macht ein Bauer so weit von seiner Farm entfernt?“
„Geschäfte.“
„Mit Heu?“ Ich blickte auf den Karren. Ich entdeckte nicht als Heu, was er wohl auch auf seiner Farm zu genüge hatte.
„Nicht immer wird mit Gut bezahlt.“
„Nein mit Geld“, antwortet Anora verwirrt.
„Oder Informationen“, warf Tabi ein.
„Schlaues Kind“, lobte er sie. „Wir alle müssen schauen, wo wir bleiben. Es sind dunkle Zeiten.“
„Das sind es schon lange.“
„Wer weiß.“ Ich schnaubte. Ein weiteres Mal sprach er in Rätseln. Als die Nacht hereinbrach, hielten wir an einer Hütte. Es war ein Gasthaus, in dem der Bauer übernachten wollte. Ich sah mich in der Umgebung um, es wäre für uns zu kostspielig in einem solchen Haus zu übernachten.
„Wir werden hier draußen schlafen.“
„Das werdet ihr nicht.“
„Wieso?“
„Erstens habt ihr mein Pferd und zweitens schlafen Kinder nicht auf dem kalten Waldboden.“
„Wie können nicht“, protestierte ich. Der Mann sah mich mit einem undeutbaren scharfen Blick an.
„Ihr könnt und ihr werdet.“
„Wir haben kein Geld.“
„Wieder eine Lüge, aber mach dir keine Sorgen, es geht auf mich.“ Ich traute der Gutherzigkeit nicht. Vielleicht glaubte er, auf meinem Kopf wäre eine Belohnung ausgesetzt. Ich entschied wachsamer zu sein, und bei Gelegenheit meinen Schwestern zu warnen.
Ich nickte zustimmend, brachte die Pferde in den Stall und folgte dann meinen Schwestern und dem Alten hinein. Das Gasthaus war gut gefüllt, einige Männer standen an der Baar vor großen Krügen.
„Tankred alter Mann lange nicht gesehen!“, brüllte der Mann hinter der Bar und ging gleich auf den alten Mann zu um ihn zu umarmen. Der Bar Besitzer sah aus wie der Berg, hatte so breite Schultern doch weitaus längeres Haar. Es floss ihm wie ein Wasserfall über die Schultern. Tiefschwarz im Gegensatz zu seinen hellen braunen Augen. „Was hast du denn da dabei! Warst wohl fleißig mit deiner Frau?“ Der Alte lachte.
„Das sind Reisende, die meinen Weg kreuzten, wir entschlossen zusammen zu reisen. Es ist um einiges angenehmer, mit jemand anderem zu reden, als mit den zwei Streithähnen Danu und Kandi.“
„Immer noch der Witzbold was! Komm setzt euch, trinkt mit uns!“ Ich blieb stehen, meine Schwestern taten es mir nach. Der Mann bemerkte es sofort. „Na los wir beißen nicht.“ Als wir uns immer noch nicht in Bewegung setzten, sah mich der Alte man erneut scharf an.
„Es ist unhöflich, nicht wenigstens ein Glas zu trinken.“
„Wer sagte je, dass wir höflich sind?“ Der Barmann lachte schallen auf.
„Genau die Richtige für so einen sturen Mann wie dich!“, lachte er und kam zu mir. Er legte mir die breite Hand um die Schulter und führte mich zur Bar. Er war viel zu stark, als das ich mich gegen seinen Griff währen konnte, also folgte ich und setzte mich zwischen die Männer. Meine Schwestern kamen gleich zu mir und sahen sich vorsichtig um. Ich hingegen fixierte einen nach dem anderen, damit sie bloß nicht auf dumme Gedanken kamen.
„Eine richtige Kämpferin was?“
„Wenn du wüsstest!“, antwortete der Alte, der einfach um die Bar ging und sich ein Krug Bier einlaufen ließ. Ich stand auf, ließ Tabi mit Mimi auf dem Schoß Platznehmen und stellte mich neben die beiden. Anora platzierte sich auf die andere Seite. Ich wollte schnell handeln können wenn nötig. Das konnte ich jedoch nicht im sitzen, während meine Schwestern um mich herum standen.
Wir bekamen alle ein Getränk. Mimi nippte daran bevor ich es konnte, machte ein schmatzendes wohltuendes Geräusch und trank es auf einmal aus.
„Schmeckt was? Ist Honigsaft, meine eigene Kreation.“ Meine Schwestern probierten auch und tranken ebenfalls gierig. Ich fixierte nur den Barmann. „Ist kein Gift drin“, versicherte er mir. „Meine Giftmischerzeit ist vorbei.“ Die Männer im Raum lachten. Irgendwas sagte mir, dass er damit nicht scherzte. Der alte Mann deutete auf das Glas, immer noch mit diesem scharfen Blick, der mir leider nichts sagte.
Ich grummelte schließlich und trank. Das Zeug war reichlich süß und hatte einen Geschmack, den ich noch nie im Leben gekostet hatte. Es war lecker, doch zur Sicherheit ließ ich es damit bleiben. Ich hatte von Mitteln gehört die einen schläfrig machten. Bei einem solch süßen Zeug würde man einen bitteren Geschmack des Krautes oder der Lösung sicher nicht merken. Mimi schnappte sich schließlich den Becher und trank ihn leer.
Wir blieben eine Weile dort, hörten zu, was die Männer für Geschichten erzählten. Bis Mimi wegnickte. Der alte reagierte sofort, kam herum und nahm Mimi aus den Armen von Tabi. Ich wäre in Panik ausgebrochen hätte er ihr nicht sanft den Kopf getätschelt. Mein Herz raste dennoch, noch nie hatte es ein Fremder gewagt, meine Schwestern auch nur anzutippen. Für heute und weil der Alte uns noch sehr weit bringen musste, unterdrückte ich den drang Mimi ihm zu entreißen.
Wir folgten ihn eine Etage hinauf in ein Schlafzimmer. Es lagen Matten auf dem Boden. Sieben an der Zahl.
Dort legte er Mimi auf eine und deckte sie mit einer Decke zu.
„Hier schlafen wir, kein anderer wird in dieses Zimmer kommen, versprochen.“ Damit nickte er jeder von uns noch einmal zu und verließ das Zimmer. Anora und Tabi legten sich ebenfalls hin, ich sah mir den Raum genau an. Außer den Matten und den Decken befand sich nichts in dem Raum. Aus dem Fenster hinaus blickte man auf die Stallung.
„Du bist unruhig“, stellte Tabi fest.
„Das gefällt mir nicht.“
„Wieso? Er ist doch nett.“
„Er ist zu nett. Er erhofft sich etwas.“
„Vielleicht will er uns auch einfach nur helfen.“
„Nichts ist um sonst Tabi, nicht mal der Tod.“
Sie nickte und hatte nun sichtlich einen Kloß im Hals.
„Was sollen wir tun?“
„Wir bleiben erstmal bei ihm. Nur eine falsche Regung und wir haben zwei Pferde mehr.“
„Du würdest ihn töten?“, fragte Anora. Sie war erst dreizehn. Sie verstand es nicht.
„Wenn er mir keine Wahl lässt. Seit vorsichtig, der Mann scheint mehr zu wissen, als er sagt. Haltet euch bedeckt, erzählt nichts von früher.“ Sie nickten. „Erzählt es auch Mimi, aber passt auf das er euch nicht hört. Er kennt schon unsere Namen, was schon viel zu viel ist.“ Damit trat ich zur Tür.
„Wo willst du hin?“, fragte Anora und richtete sich auf.
„Ich brauche frische Luft. Ich finde sicherlich ein Seil zum Jagen. Fleisch wäre genau richtig.“
„Wir haben doch das Brot.“ Ihre Stimme war voller sorge, sie wollte nicht allein in einem Haus voller Männer sein.
„Keine Sorge, niemand wird hineinkommen.“ Ich deutete auf den Schlüssel. „Schließt hinter mir ab, versucht zu schlafen. Morgen ist ein langer Tag.“ Damit ging ich raus, nur Sekunden später hörte ich das Klirren des Schlüssels im Schloss.

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beta
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