1.11 Tag um Tag, Aug um Aug ...

Alte Geschichten

Ich ging hinab zu den Männern. Sie redeten diesmal nicht über dummes Zeug wie eben noch, sondern redeten über was viel dümmeres. Ich vernahm das Wort Hexe. Unten angekommen verstummten die Männer.
„Hexe“, sagte ich spöttisch. „Werden jetzt die Gruselgeschichten ausgepackt?“
„Du solltest nicht über Dinge spotten die dich ohne ein Wimpernzucken töten könnten Kind“, warnte mich der Barmann mit angespannter Mine.
„Oh je, noch mehr Gläubige. Wo finde ich denn die Hexe? Im Schwarzwald?“
„Sie ist näher als du denkst.“ Ich nickte nur und wollte hinausgehen. „Willst du nicht die ganze Geschichte hören?“ Ich wendete mich zu ihnen um. Der Alte hatte wieder diesen scharfen Blick. Schulterzuckend und danach schmerzerfüllt kam ich näher und setzte mich auf den Hocker.
„Dann leg mal los, erschrecke mich.“ Ich hatte schon damals Gruselgeschichten gehört, von Hexen die im Wald lebten und jeden töteten der ihn betrat. Leider hatte nie jemand eine zu Gesicht bekommen. Selbst ich die manchmal Tage in den Wäldern verbracht hatte, war nie einer auf die Füße getreten. Was man doch meinen sollte, wenn man Baum um Baum genau erforschte.
„Vor nicht all zu langer Zeit, herrschte eine gütige Königin über unser Land.“
„Wir hatten ...“ Ein Mann legte mir die Hand auf den Mund, die ich unsacht wieder fortkatapultierte. „Ist ja gut.“ Schon der erste Fehler in seiner Geschichte. Wir hatten schon immer Könige. Noch nie eine Königin. Trotzdem entschied ich, ihn erzählen zu lassen.
„Sie liebte ihr Land und ihre Einwohner. Sorgte für ihre Sicherheit und ihr Wohlbefinden. Lange Zeit war die Königin allein und wurde einsam. Ein junger Bursche nutze diese Gelegenheit und umwarb die alte Königin.“ Ich verzog die Mine. Alte Königin, junger Bursche. Die Geschichte konnte durchaus eine ekelhafte Wendung nehmen. „Sie verliebte sich und schenkte ihm sein Herz. Er wurde König unseres Landes und herrsche mit ihr an seiner Seite. Doch das war ihm nicht genug. Er hinterging seine Königin und lockte sie in eine Falle. Tötete all ihre Schwestern, und war von da an der allein Herrscher unserer Erde.“
„Wo bleibt die Hexe?“ Der Mann neben mir räusperte sich über meine Ungeduld. Glücklicherweise zückte er nicht erneut die Hand.
„Um seinen Thron zu sichern, wartete er ein ganzes halbes Jahrhundert auf ein seltenes Ereignis.“
„Geht es überhaupt um eine Hexe?“ Er ignorierte mich.
„Nachdem das Blut der Sechs floss, war eine Hexe geboren. Auserkoren seine Herrschaft zu sichern. An seiner Seite sorgte sie für Wohlstand und Macht.“ Ich nickte, obwohl ich kein Wort verstand. „Der Zyklus wiederholte sich, Jahrhundert für Jahrhundert und er schreitet fort bis heute.“ Er senkte am Ende dramatisch die Stimme, was wohl hieß, dass er fertig war.
„Das war nicht gruselig, aber ich muss sagen, das Märchen hat was.“ Damit stand ich auf. „Ich lass euch denn mal allein. Mit ... der Hexe.“ Ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte, deswegen grinste ich knapp und ging hinaus in die kalte Nacht.
Ich versichert mich am Stall erst, ob es den Tieren gut ging, schnappte mir ein dünnes Seil, das dort lag, und ging dann in den Wald. Tierspuren waren schnell im weichen Boden gefunden. Nicht weit vom Wasser stellte ich meine Schlingfalle auf. Mit Hölzern baute ich den Mechanismus und war in Windeseile fertig. Würde nun ein Tier diesen auslösen, würde ein schwerer Ast hinabschnellen und die Schlinge hochschnellen. In der Hoffnung das Tier hat ein Körperteil bereits in der Schlinge.
„Ich habe dich schon gesucht. Interessante Falle“, verkündete der Alte und stemmte die Hände in die Hüften. „Du hättest die Falle besser aufgebaut, als es noch hell war, jetzt wird sich kein Tier mehr hierhertrauen.“
„Nicht wenn du brüllst wie ein Bär.“
„Ihr könnt morgen im Gasthaus essen.“
„Nein danke.“
„Ihr seid ...“
„Nein.“ Der Alte verschränkte die Arme.
„Du traust mir nicht.“
„Du uns denn?“
„Ihr seid Kinder.“
„Unterschätz uns nicht.“
„Ich unterschätze dich nicht.“ Er betonte es zwar, doch ich glaubte ihm nicht. Ich stand auf, ging an ihm vorbei und zurück auf dem Weg zum Gasthaus. Er folgte mir.
„Ihr habt wohl noch nie Freundlichkeit erlebt.“
„Im Leben bekommt man nie etwas geschenkt, nichts ist umsonst. Nicht die Nacht in einem Haus, noch essen.“
„Kennst du das Sprichwort? Einem Geschenken Gaul schaut man nicht ins Maul?“
„Nein.“
„Gut denn es ist nicht geschenkt.“ Ich blieb stehen und fixierte ihn.
„Die Nacht ist für uns alle kostenlos. Bahano, der Barmann ist ein alter Freund. Es wird ihm kein Bein brechen uns übernachten zulassen. Er verdient sein Geld auf anderem Wege. Und das Essen wird von gestern sein. Nicht gut aber zu schade um es fortzuschmeißen. Außerdem ist das Pferd, dass du mir überlassen willst, mehr wert als der Weg, den du sowieso gefunden hättest, nicht war?“ Ich tat nichts außer blinzeln. Er hatte recht, dennoch war ich diese Gutherzigkeit nicht gewohnt und noch lange nicht davon überzeugt. „Ihr mögt aus schwierigen Verhältnissen kommen, doch nicht alle Menschen tragen den Hass der Zeit in ihrem Herzen.“
„Du würdest dich wundern, Gläubiger.“
„Du dich auch Fuchskind.“ Damit wendete er sich ab. Ich starrte ihm mit großen Augen hinterher. Wusste er von mir? Hatte er von mir gehört? Mein Herz schien zu explodieren. Er konnte nicht davon wissen. Es war eine Falle!
Mein Verstand riet mir die Flucht zu ergreifen, doch wieder ging ich auf angriff.
Ich hatte ihn schnell eingeholt und packte ihm am Arm. Mein Gegner der alte Mann war jedoch weit erprobter als gedacht. Er packte meine Hand und schleuderte mich im hohen Bogen über sich auf den Boden. Ich knallte hart auf, sodass mir die Luft aus den Lugen gepresst wurde. Dann packte er mich in einem mir unbekannten Griff und machte mich bewegungsunfähig.
„Woher weißt du von mir? Bist du einer von ihnen?“, krächzte ich atemlos.
„Du solltest deinen Gegner nicht unterschätzen. Oftmals ist ein alter Mann doch nicht so alt, wie er scheint.“
„Lass uns gehen!“
„Ich halte euch nicht. Deine Reaktion ist unangebracht Fuchskind.“
„Woher kennst du diesen Namen?“
„Du hast noch viel zu lernen. Deine Art ist zu sehr von deinen Gefühlen bestimmt, du musst sie beherrschen.“
„Wird das eine Lehrstunde?“
„Wenn du deine Schwestern beschützen willst, sollte es das sein.“
„Sag schon! Wann wusstest du es?“
„Ich wusste nichts von euch. Schau dich an Kind. Dein Antlitz ist das eines Fuchses. Das Haar tiefrotbraun, bernsteinfarbene leicht schräge Augen und ein verhalten wie ein Wildhund. Du kannst nichts anderes sein als das Kind eines Fuchses.“ Ich entspannte mich. Er hatte recht. Er musste mich nicht kennen um mich so zu nennen wie es immer alle taten. Mein Spitznahme kam nicht von irgendwoher. Langsam ließ er mich los, rückte jedoch nicht von mir ab. „Du hast viel zu lernen, wenn du deinem Namen ehre machen willst, Fuchskind.“ Ich nickte knapp und endlich ließ er ganz von mir ab. Er reichte mir sogar eine Hand und zog mich hoch. „Vielleicht kann ich dir das ein oder andere lehren.“ Damit ging er zurück zum Gasthaus, verschwand in diesem und ließ mich allein zurück.

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