1.12 Tag um Tag, Aug um Aug ...

Weiter Weg

Ich war im Dämmerschlaf, als der Barmann gegen meinen Fuß trat. Ich sah ihn mit scharfem verschlafenem Blick.
„Frühstück.“ Ich nickte und stand auf, richtete meinen Umhang und klopfte gegen die Tür. Ich hatte zur Sicherheit vor ihr geschlafen, wenn man es schlaf nennen konnte. Bei jedem Knacken war ich hochgeschreckt, es war ein altes Haus mit vielen losen Brettern. Der Alte war nicht aufgetaucht, genau wie sonst kein Gesicht.
Tabi öffnete die Tür, als hätte sie bereits davor gestanden. Ich grinste sie schwach an, sie sah bei weitem besser aus als die Tage zuvor. Ihre Augenringe waren verschwunden und im Allgemeinen sah sie erholter aus. Im Gegensatz zu mir. Ich spürte wie die Anstrengung an meinen Kräften Zährte.
„Frühstück. Ich gehe schon mal hinab.“ Sie rieb sich die Augen und ging zurück ins Zimmer. Zögerlich löste ich mich von der Tür. Was würde mich unten erwarten? Die vergangene Nacht zählte nicht zu meinen Glanzleistungen.
Unten angekommen lief mir das Wasser im Mund zusammen. Ein seltener Geruch stieg mir in die Nase. Fleisch. Sicher nicht von gestern ...
Ich ging in den kleinen Nebenraum der Bar, die Männer saßen bereits an einem reich gedeckten Tisch in der Mitte ein halbes Schwein. Ich presste den Kiefer zusammen.
„Selten ein Kind gesehen, dass mit einer einfachen Falle ein Schwein fängt. Glückwunsch!“, verkündete der Barmann.
„Das ist mein?“, fragte ich entgeistert. Die Falle hätte das Tier nicht halten können.
„Ich war nochmal da. Ich konnte es selbst nicht glauben.“ erklärte der Alte. Ob er log? Damit ich mich besser fühlte?
„Komm setz dich, teil deine Beute mit uns!“ Der Barmann deutete freudestrahlend auf dem Stuhl neben ihn. Widerwillig tat ich seiner Bitte nach und setzte mich. Mein Bauch schrie vor Hunger. Mein Mund glich einem Wasserfall, ich hätte mühe nicht zu sabbern, wenn ich ihn öffnen würde.
Meine Schwestern waren bei weitem nicht so zögerlich, sie stürzten sich regelrecht auf den Tisch, als sie den Raum betraten.
„Malzeit!“, verkündeten die Männer im Chor und legten los. Ich hatte solch einen Hunger, dass ich auf meine Instinkte pfiff und das erste Mal speiste, als wäre ich eine Königin.

Kurz nach dem Essen verabschiedeten wir uns vom Barmann, der doch nicht so schlecht zu sein schien, wie ich ihn gern gehalten hätte. Glückicherweise nahm der alte Mann uns trotz vergangener Nacht mit. Ich konnte ihm also nicht vorwerfen, das er nachtragend sein würde ...
Wir ritten den Weg der durch Wälder und Felder führte weiter, kamen sehr gut voran. Meine Schwestern plauderten oberflächlich mit dem alten Mann, während ich die Umgebung im Auge behielt. Fünf Tage hatte er am Tag des Aufbruchs gesagt. Nun war einer vergangen. Blieben noch vier. Ich hoffte mein verdacht würde sich nicht bewahrheiten und der Alte meinte es wirklich so gut wie er sagte. Tief in Gedanken versunken, verging einige Zeit.
„Das Pferd steht dir.“ Meine Schwestern hatten sich nach hinten ins Heu verzogen und hielten ein Schläfchen, was ich erst jetzt bemerkte, als ich zm alten Mann blickte.
„Es ist ein Pferd. Damals hätte ich es ermordet für sein Fleisch.“
„Das glaube ich nicht.“
„Wieso?“
„Sonst hättest du es mir nicht angeboten. Du weißt, dass es ein gutes Leben haben wird.“
„Ich kenne dich nicht. Du könntest es schlachten, was sollte es mich jucken.“
„Du hast nicht so eine schwarze Seele, wie du es mir weißmachen willst.“ Ich lachte.
„Schwarze Seele? Du bist wirklich ein Gläubiger alter Mann.“ Er nickte.
„Hier und da.“ Damit verging wieder eine lange Zeit des Schweigens. Der Pfad war steinig, Tombos Hupe klackerten laut auf den Steinen. Der Mann hatte recht. Reiten gefiel mir gut, auch wenn das Sitzen sehr anstrengend wurde mit der Zeit.
Ich dachte an unser zukünftiges Zuhause. Sicherlich Gabe es irgendwo in einer Hütte ein günstiges Zimmer. Wir alle würden uns schnell eine Arbeit suchen. Ich hoffte nur, es würde welche geben. Mit dem Geld würden wir uns eine ganze Zeit gutes Essen kaufen können, dennoch mussten wir sparsam sein. Wenn es hart auf hart käme, würde ich wieder klauen und Kämpfe, welche es in einer solch großen Stadt bestimmt reichliche gab.
Ich bemerkte, wie sich mein Magen zusammenzog. Ich wollte nicht mehr kämpfen, wollte nicht mehr stehlen. Die Sorge den nächsten Tag nicht zu überstehen war zu groß. Vor allem jetzt wo meine Schwestern mich mehr brauchten denn je. Ich bemerkte, wie sich auch meine Lunge zuzog. Mutter.
Wie oft hatte ich geglaubt, ohne sie besser dran zu sein. Nur ein Maul mehr das gestopft werden musste, doch das war nicht so. Jetzt da sie fort war, schien die Welt ein Stück dunkler geworden zu sein. Ich hatte meine Schwestern früher zurückgelassen in der Gewissheit, dass Mutter dort war, doch nun. Nun hatte ich das Gefühl sie nicht mehr aus den Augen lassen zu können.
„Du grübelst zu viel“, warf mir der Gläubige vor.
„Ach ja?“
„Deine Stirn, sie liegt dauernd in Falten.“
„Das sagt der richtige. Sieh dich an Faltenmann, ich kann von Glück reden, wenn ich so alt werde wie du.“ Er lachte.
„Es war ein langer Kampf hier her Fuchskind. Und er ist noch nicht vorbei ...“ Mehr sagte er nicht. Stattdessen summte er ein Lied das mir Gänsehaut bescherte. Es war das Gleiche, das Vater immer gesungen hatte.

Am Abend, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Am Horizont erschien ein gigantischer schwarzer Fleck, der sich weit und breit zu erstrecken schien.
„Was ist das?“, fragte ich verwundert. Hatte meine Stimme je so kindlich geklungen?
„Das ist der Schwarzwald.“
„Das sind Bäume?“ Als wäre am Horizont bereits die tiefste Nacht hereingebrochen. So tiefschwarz thronte der Schwarzwald am Horizont.
Nun verstand ich die Sorge des alten Mannes. Ich hätte mich nicht einmal hindurchgewagt, selbst wenn ich bereits von den gefahren gewusst hätte, die in ihm lauerten. Je näher wir dem Fleck Erde kamen, je schneller wurde mein Puls. Ein Unbehagen füllte meine Brust. Alles in mir sagte, dass ich umkehren sollte.
Mir viel gleich die alten Geschichten ein. Hexen. Wenn die Legenden von irgendwoher kamen, dann von dort. Betritt nicht den Wald, denn sie wird dort sein und nach dir lauern ...
„Deswegen heißt er Schwarzwald“, erklärte er schulterzuckend, doch auch an ihm ging der Wald nicht spurlos vorbei. Seine Haltung wirkte angespannt. „Die Bäume sind pechschwarz, wie die Tiere die in ihm Leben.“
„Welche Tiere?“
„Riesige Raben, gigantische Wölfe, mit giftigen gelben Augen und böse Dämonen.“
„Ist das wieder einer deiner Gruselgeschichten?“, fragte ich scherzhaft, um die Panik zu verstecken, die wirklich in meiner Brust wuchs. Wenn er recht hatte, konnten wir das erste Mal in unserem Leben, auch echte Dämonen treffen.
„Ich wünschte, es wäre so. Am besten machen wir hier rast für die Nacht. In der Nähe dieses Waldes passieren schlimme Dinge.“

Ich fand keine Ruhe. Auch wenn der Alte vorschlug, abwechselnd wache zu halten, tat ich kein Auge zu. Ich fixierte die ganze Nacht den Wald, aus Angst es könnte ein Wölfe hinter dem nächsten Hügel auftauchen.
„Hab keine Angst, hier finden sie uns nicht.“
„Was sind das für Dämonen?“ Ich sah zu meinen Schwestern. Alle drei hatten sich in die Umhänge geschlungen, aneinander gekuschelt und schliefen friedlich.
„Mörder, Verrückte, Söldner, Männer ohne Ehre.“
„Menschen.“
„Sie sind lange keine Menschen mehr. Sie sind nicht mehr als Tiere, einer einzigen Gier untergeordnet.“
„Geld?“
„Blut.“ Es fröstelte mich, also zog ich den Mantel näher an mich heran. Wir hatten kein Feuer, was uns wärmte nur den unendlichen Sternenhimmel über uns. Ich blickte in Richtung des Drachensterns. Er zeigte über den Wald hinweg in die Ferne. Egal wie weit ich laufen würde. Ich würde ihn nie einholen.
„Wieso Blut?“
„Weil Blut das Einzige wirklich wertvolle ist. Nimmst du es jemanden, verliert er alles.“ Ich nickte knapp. Ich hatte die Anziehung des Blutes selbst gespürt. Hatte es bewundert, wie es fast schwarz den Sternenhimmel auf meiner Haut reflektierte. Was wäre passiert, wäre ich ihm ganz verfallen?
„Du kannst schlafen gehen“, flüsterte ich in Gedanken. Der Alte nickte knapp und legte sich. Ich hätte nicht erwartet, dass er es wirklich tun würde, doch er tat es. Er vertraute mir seinen schutzlosen schlafenden Körper an. Ein Gutglaube, den ich nicht besaß. Ich untersuchte jede paar Minuten die Umgebung, ließ nichts aus den Augen, doch nichts Auffälliges geschah.
Die Nacht zuvor hatte bereits an meinen Kräften gezerrt, diese wurde nun zu einer Folter. So passierte es, dass mir die Augen für Sekunden zu vielen, ich aber gleich wieder erwachte und hochschnellte. Ich atmete schwer und schnaubte. Der Schlaf zerrte hungrig an meinem Bewusstsein, doch ich durfte ihm nicht nachgeben.
Als ich mich erneut umsah, viel ich fast zurück vor schreck. Auf dem Holz des Heuwagens saß eine gigantische Krähe, fast so groß wie ein Adler. Mir stockte der Atem, obwohl das große Tier nichts tat als mich zu beobachtete. Hatte ich je so eine große Krähe gesehen? Ich spiegelte mich in ihren Augen, der Sternenhimmel hinter mir. Sie hatte etwas Faszinierendes an sich.
Ich hätte sie wegscheuchen sollen, doch ich konnte nicht. Stattdessen stand ich da und starrte sie an. So wie sie mich. Ich schien mich in ihren Augen zu verlieren, als jemand an meiner Hand zog. Ich zuckte zusammen und ließ die Krähe nur einen Moment aus den Augen.
Verwirrt blickte ich hinab. Mimi stand neben mir und sah mich mit großen Augen an.
„Was machst du?“ Ich blickte zurück zur Krähe, doch sie war fort. Ich suchte im Himmel, doch auch dort befand sich kein Vogel. Ein unbehagliches Gefühl sammelte sich in meiner Brust. „Du hast das Heu angestarrt. Ich dachte dort wäre etwas.“
„Da ist nichts, es tut mir leid. Ich bin nur Müde.“
„Willst du dich hinlegen?“
„Nein, schlaf weiter Mimi. Morgen wird ein langer Tag.“ Damit legte sie sich wieder hin. Ließ mich jedoch für eine Weile nicht aus den Augen, bis der Schlaf sie wieder fing und sie die Augen schloss.
Ich hingegen war hellwach und wartete die ganze Nacht auf die Krähe.

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