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Würde mir jemand einen Wunsch gewähren, hätte ich wohl die Qual der Wahl. Ein Wunsch und so viele Dinge, die ich gerne an diesem gottverdammten Planeten ändern würde. Wo soll ich da nur anfangen?
Nun ja, denke ich mir, während ich eine Aludose vom Boden aufhebe und sie eingehend betrachte, als wäre das ein Gestein, welches gerade aus dem Weltall gefallen ist. Vielleicht wäre das gar nicht mal so verkehrt, sich einen ordentlichen Regen von diesen Dingern auf die Köpfe ganz bestimmter Individuen zu wünschen, die ihren gottverdammten Müll hier überall liegen lassen.
Ich werde wütend. Immerhin ist es doch schlimm genug, dass das Ding hier überhaupt herumliegt.
Ich befinde mich hier in einem Wald. In einem von Lebewesen bewohnten, Jahrhunderte alten, wunderschönen aber leider völlig vermüllten Wald. Verdammt noch mal!
Ich werfe die Dose in die Luft, fange sie wieder auf, zerdrücke sie mit meiner rechten Hand und stecke sie schnaubend in den Stoffbeutel, den ich seitlich umhängen habe.
Saubere Umwelt, sinniere ich weiter.
Aber daraus lernt ja keiner was. Der ganze Dreck würde dann wieder von vorne losgehen. Wahrscheinlich sogar um einiges schlimmer. Klar. Es kann ja nochmal ein Wesen angeschwebt kommen und der Menschheit den Arsch mit einem Schnipsen aus der Scheiße ziehen!
Eine unbegrenzte Zahl an Wünschen, um damit auch ja an jede dunkle Ecke unserer Gesellschaft zu kommen und danach immer noch einen für ein gutes Tütchen übrig haben?
Einen einflussreichen Platz an einem Posten, der sonst nur Menschen mit leeren Versprechungen vorbehalten ist?
Oder doch lieber nur das gute Tütchen?
Nein, Leute! Ich weiß ganz genau, dass nicht einmal ich meine Versprechen in der Politik halten könnte. Nicht mit diesen Menschenaffen, die es einfach nicht begreifen wollen, dass es langsam bergab geht.
Alles braucht einen ersten Schritt, und dieser hier heißt: Einsicht.
Einsicht, dass wir Menschen selbst und niemand anderes die Schuld tragen, dass es uns so schlecht geht.
Dass es so nicht mehr lange weitergehen kann, wenn es denn so weitergehen wird.

Dass wir andere Prioritäten setzen müssen als unser eigenes Wohl. Nichts ist heilig außer der Natur.
Und wenn wir schon mal bei Prioritäten sind: Geld ist reinstes Teufelszeug geworden.
Geld ist Krieg.
Ergo: Ohne Geld kein Krieg. Und ohne Krieg würde sich die Menschheit wohl schnell langweilen. Außerdem würden diese Primaten wohl eine andere Nichtigkeit finden, um die es sich zu streiten lohnt, falls unsere Währung irgendwann einmal an Wert verlieren würde. Das Verderben stünde uns also so oder so bevor.
Aber Weltfrieden ist auf jeden Fall mein bisheriger Favorit auf meiner Wunschliste, habe ich soeben beschlossen. Wie plakativ.
Aber dann wäre die Welt wenigstens um einiges ruhiger. Schöner.
So wie dieser Wald hier.
Es ist ein angenehmer, sonniger Herbsttag. Ich höre nichts außer in regelmäßigen Abständen mal das Klopfen eines Spechtes oder das Rascheln von Blättern zwischen denen sich Vögel, Igel oder Eichhörnchen bewegen.

Stellt euch einmal vor, ihr habt ein Haus. Ihr habt es selbst gebaut, habt viel Liebe und Arbeit da hinein gesteckt. Es ist groß, ihr fühlt euch darin verdammt wohl und seid wahnsinnig stolz darauf. Natürlich wollt ihr dieses schöne, große Haus mit euren Freunden teilen und ihr ladet sie zu euch ein. Die finden euer großes Haus natürlich genau so geil wie ihr und sie führen sich auf, als wäre es ihr eigenes, feiern eine Party, ungeachtet dessen, ob ihr diesen Trubel überhaupt wollt. Respekt? Keine Spur. Sie gehen an eure Schränke und durchwühlen sie, schmeißen euer Geschirr auf den Boden, beschmieren die Wände und demolieren eure Möbel.
Was würdet ihr tun?
Sie beschimpfen, zum Teufel jagen, die Polizei rufen, sie rausschmeißen und nie wieder etwas mit ihnen zu tun haben wollen. Eigentlich logisch, oder?

Und jetzt versucht diese ganze Situation auf eure Umwelt zu übertragen. Kann ein Vogel sich beschweren, wenn der Baum gefällt wird, auf dem sich sein Nest befindet?
Was kann ein Tier schon ausrichten, wenn es wegen seines Pelzes gejagt wird?
Was kann ein Fisch schon ausrichten, wenn das Gewässer, in dem er lebt, verpestet wird?
Nichts. Absolut nichts.
Wen kümmert es auch, wenn er seine Colaflasche liegen lässt? Der Wald ist immerhin groß genug. Baum ist Baum, Holz hat keine Gefühle.

Meine Schritte werden schneller. Keinen einzigen Gedanken mehr möchte ich an so etwas verschwenden, was mich derart schaudern lässt.
Eigentlich bin ich ja hergekommen, um mich etwas zu beruhigen, um abzuschalten. Aber nunmehr fühle ich mich an diesem Ort ganz und gar nicht mehr willkommen.


Ich singe einfach irgendwelche bedeutungslosen Wortsilben vor mich hin, während ich dabei bin, die wöchentlichen Einkäufe einzuräumen. Und sollte ich dieses Lied tatsächlich einmal mit einer Melodie und einem vernünftigen Text niederschreiben, würde es wohl den wortspielerischen Titel aus gegebenem Anlass 'Sic of it' tragen.
Ich drehe mich um und trete den Schrank hinter mir zu. Krank wovon, das weiß ich leider noch selbst nicht so genau. Immerhin habe ich noch keinen Text. Aber der Titel gefällt mir, daher notiere ich mir dieses nette Wortspiel vorsichtshalber.
„Was hältst du eigentlich davon, Fluffy?“, frage ich meinen flauschigen und seit Jahren treuen Begleiter, der auf meinem Schreibtisch zwischen Stiften und einem Haufen Papier mit Zeichnungen und Texten sitzt und mich nur stumm mit seinen kleinen Knopfaugen anstarrt.
„Du hast doch keine Ahnung“, grinse ich und klappe das kleine Buch wieder zu.

Viele halten mich für verrückt. Schon ab dem Zeitpunkt, an dem sie mich sehen. Anders ausgedrückt treten mir viele mit Vorurteilen gegenüber. Verbringt man jedoch eine gewisse Zeit mit mir, merkt man, dass mein Äußeres meinem Charakter voll und ganz entspricht.
Ich habe lange, zottelige Haare, male mir Ornamente ins Gesicht, wie es die keltischen Krieger damals auch taten, trage Kilts und auch sonst allerlei klimpernden Schmuck, wirke im Gesamtbild also ziemlich barbarisch. Und obendrauf unterhalte ich mich auch noch mit Einhörnern aus Plüsch.
Ja, das bin ich, Steve Sic, ein Meister des Bullshits und schlecht für eure Kinder, aber wisst ihr was? Ich bin verdammt glücklich damit!
Immerhin liegt Schönheit zum Glück immer noch im Auge des Betrachters.
Die Schönheit der Natur lässt sich allerdings nicht leugnen, meine ich. Davon bin ich fest überzeugt.
Personen, die das Gegenteil behaupten, sind in meinen Augen nicht menschlich oder haben in ihrem Leben etwas nicht richtig gemacht, was aber nicht mein verdammtes Problem ist.

Ich nehme mir ein Buch, eine Decke und den Tee, den ich in der Küche habe stehen lassen und der mittlerweile ziemlich stark geworden sein muss. Sei's drum, denke ich mir und gehe damit in den Garten, um noch ein paar Strahlen der Herbstsonne zu erhaschen. Die nächsten Tage soll das Wetter ja weniger sonnig werden, wie ich im Wetterbericht zufällig aufgeschnappt habe. Obwohl mich nicht einmal Regen von einem Ausflug in die Natur abhalten könnte.


Wir Menschen haben ja die tolle Eigenschaft, jede Situation zu beklagen. Scheint die Sonne, ist es zu warm. Scheint sie nicht, ist es zu kalt. Regnet es, ist es ein Sauwetter. Ist es trocken, verdorren die Pflanzen und wir beschweren uns, dass die Ernten misslingen.
Anstatt das Jetzt zu genießen jammern wir immer über morgen. Dabei ist noch nicht einmal sicher, ob dieses 'morgen' überhaupt eintreffen wird.
'Wenn sie so weitermachen...' mein Grinsen muss in diesem Moment ziemlich albern aussehen.

'Ganz sicher', führe ich meinen Gedanken zu Ende und zünde mir kopfschüttelnd eine Haschischzigarette an, um danach einen tiefen Zug zu nehmen. Während ich langsam wieder ausatme, werfe ich einen Blick auf das Buch in meinem Schoß.
'Mythen und Sagen' steht auf dem braunen Leineneinband in goldener, verschnörkelter Schrift. Ich lege die Stirn in Falten und ziehe noch einmal.
Manchmal wünschte ich, unsere Welt wäre auch so wie in diesen geheimnisvollen Märchen aus der vergangenen Zeit. Harmonisch. Ruhig. Geheimnisvoll.


Wir müssen für alles eine Erklärung haben, das stört mich.
Regenbögen entstehen, weil die Regentropfen das Sonnenlicht brechen. Nebel entsteht, wenn die Luft kalt und feucht ist. Und Sternschnuppen sind nichts weiter als Steine, die im Weltall herumfliegen und irgendwann verglühen.
Ihr versteht nicht, worauf ich hinaus will? Das ist doch logisch. Ich bin selbst lernbegierig, wenn es um Neues geht, doch seitdem es für jede Kleinigkeit eine Erklärung gibt, hat der Mensch jeglichen Respekt vor der Natur verloren.
Weil ein Erdbeben ja nicht mehr als zwei Erdplatten ist, die aneinander reiben.
Ernsthaft, ein gesundes Maß an Naivität hat noch keinem Menschen geschadet, denn andernfalls wäre ich ein kranker Bastard und meine Kinder hätten mir schon lange weggenommen werden müssen, weil ich ihnen dauernd irgendetwas von Feen und Kobolden erzählt habe.

Der Gedanke daran hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack in meinem Mund. So bitter, dass ich meine Zigarette löschen muss – natürlich ziehe ich vorher noch ein letztes Mal daran.
Schließlich widme ich mich dem Buch.

Immer, wenn ich lese, tauche ich in eine andere Welt. Dann vergesse ich, was um mich herum geschieht, bin nur für mich. In solchen Momenten gibt es kein Gestern, kein Morgen, sondern nur das Hier und Jetzt.

Für einen kurzen Augenblick lege ich den Kopf zurück und schließe die Augen.

Ich spüre, wie die goldenen Sonnenstrahlen auf meine Haut treffen und sich anfühlen wie die sanfte Berührung einer geliebten Person.

So wunderschön. So wärmend. Ich fühle mich geborgen.
Doch schlagartig wird es kühler. Der Himmel ist heute trotz Sonnenschein ziemlich wolkenbehangen. Höchstwahrscheinlich hat sich nun so eine Wolke vor diese herrliche Lichtquelle geschoben. Ich öffne die Augen und blicke in einen grauweißen Himmel.
...was zur Hölle soll denn das, denke ich mir. Eben war es noch so schön, und nun? Nun scheint alles grau und trostlos. Die letzten Blätter, die noch vereinzelt an den Bäumen hängen, flattern traurig in dem leichten Wind, der gerade weht.
Ich schaudere leicht und lege mir die Decke um die Schultern.
Irgendwas stimmt hier nicht. Auch um die fast kahlen Baumkronen legen sich leichte Nebelschwaden und sinken immer weiter Richtung Boden.
Ungläubig starre ich auf einen der Bäume, als sich aus der kalten Luft an genau dieser Stelle eine Silhouette löst. Sie scheint zu einer Frau zu gehören, die sich hinter dem Baum versteckt.

Vorsichtig, aber dennoch neugierig erhebe ich mich und gehe auf sie zu. Was will diese Frau auf meinem Grundstück? Und wie kommt sie hier hin, ohne dass ich das bemerke?
War ich wirklich so tief in meine Gedanken versunken?
Ich hülle mich fester in die Decke und mache einen letzten Schritt, um einen Blick hinter den Baum zu wagen.
Doch die Frau, die sich als ziemlich zierlich herausstellt, versteckt sich erneut auf der anderen Seite des Stammes. So geht das noch zwei-drei Mal, bis ich es schließlich doch schaffe, einen Blick zu erhaschen.
Und das, was ich sehe, lässt mir den Atem stocken: ihre rotbraunen Haare umrahmen in sanften Wellen ihr herzförmiges, markantes Gesicht. Ihre grau-grünen Augen funkeln mich frech an und ihre vollen, zartrosanen Lippen umspielt ein ebenso freches Grinsen.
Um ihr linkes Handgelenk rankt ein Efeuzweig bis zum Arm hoch.

Ihr Rumpf ist unter einer Art Umhang versteckt, der ein Muster ähnlich wie das von Schmetterlingsflügeln hat, wenn auch nicht so farbenprächtig, sondern eher schlicht.
Mein Mund wird trocken. Als ich aus meiner Starre erwache, will ich was sagen, doch meine Stimmbänder bringen keinen einzigen Ton heraus. Als ich einen Schritt auf sie zugehe, verschwindet das Lächeln aus ihrem Gesicht und sie weicht zurück. Daraufhin versuche ich, indem ich die Mundwinkel nach oben ziehe, zu zeigen, dass sie mir vertrauen kann. Ich kann mein augenblickliches Glück kaum in Worte fassen und will dieses Wesen auf keinen Fall erschrecken oder verärgern.

„Keine Angst“, flüstere ich schließlich immer noch freundlich lächelnd. Doch sie sieht mich weiterhin unbehaglich an. Als ich einen weiteren Schritt machen will, stolpere ich über die Decke, die am Boden schleift.
Ein gewaltiger Ruck geht durch meinen gesamten Körper, ehe ich erschrocken zusammenfahre und die Augen aufreiße.

Gerade schafft die Sonne es wieder, hinter einer dicken, grauen Wolke hervor zu schauen. Ein leichter Wind geht und lässt das kleine Windspiel, das ich an einen Baum gehängt habe, klingen. Von Nebel weit und breit keine Spur.
Es war ein Traum, stelle ich nach einem kurzen Augenblick der Verwirrung und Orientierungslosigkeit fest.
Ich fasse mir an den Kopf und starre auf den Baum, an dem das Windspiel hängt und vor ein paar Minuten glaubte, dort zu stehen.


Ich sitze noch einige Minuten draußen frage mich immer wieder, was zum Teufel ich da gerade erlebt habe, während ich nachdenklich mit einer Haarsträhne spiele.
Weniger darüber nachgrübeln geht aber einfach nicht, der Gedanke will mich einfach nicht loslassen. Je mehr ich jedoch darüber nachdenke, umso absurder erscheint er mir.
Also fasse ich noch mal für meinen Kopf zusammen:
Ich träumte davon, eine Elfe vor mir zu haben. Und ich habe gelächelt, und sie hat gelächelt, hat mich angesehen und ich hab's verschissen und – ah! Zu viele Gedanken auf einmal!
Ich erhebe mich aus dem bequemen Gartenstuhl und sammle meine Sachen auf. Mittlerweile haben sich auch die Wolken so verdichtet und die Temperaturen ein Stück weit nach unten gerutscht, sodass es auch mir keinen Spaß mehr macht, hier draußen herumzusitzen. Außerdem fällt mir noch ein, dass ich eine Kleinigkeit kochen könnte. Meinen protestierenden Magen habe ich nämlich die ganze Zeit gekonnt ignoriert, mittlerweile scheint das jedoch nicht mehr möglich zu sein. Ich werfe noch einmal einen kurzen Blick in meinen großen, grünen Garten und verschwinde dann wieder im Haus.

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beta
Fairy Dust

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