1.13 Tag um Tag, Aug um Aug ...

Schwärzer als der Schwarzwald

Ich redete am Morgen kein Wort. Mimi redete wie immer mit den Pferden. Tabi flickte die Löcher in den Umhängen, selbst die Sachen des Alten flickte sie, was er dankbar annahm. Anora fummelte derweil am Stoff, wie sie es immer tat. Man hätte meinen können es wäre ein ganz normaler Tag, doch so war es nicht.
Der schwarze Wald kam immer näher. Wie es schien, fuhr ein Weg direkt an ihm vorbei. Diesen würden wir nehmen müssen, wenn wir nicht einen Umweg über mehrere Stunden nehmen wollten. Der Alte beteuerte ihn schon oft genommen zu haben. Ich traute dem ganzen nicht. Schon jetzt schien der Wald mit meinem Verstand zu spielen. Ich hatte mir die Krähe nicht eingebildet, auch wenn Mimi sie nicht gesehen hatte. Sie war real gewesen. Ich konnte es unterscheiden. Dennoch erwähnte ich es nicht. So hätte ich gestehen müssen eingeschlafen zu sein. Also schwieg ich und versuchte die enge in meiner Brust zu ignorieren.
Mein ganzer Körper war angespannt, was der alte Mann auch bemerkte.
„Dieser Wald, ist mehr als nur ein Wald weißt du.“
„Wirklich.“
„Er ist älter als jeder andere Wald, sogar der erste seiner Art.“
„Wieso holzt der König ihn nicht ab?“ So wie er es mit allen anderen Dingen tat, die mächtiger wirkten als er.
„Selbst er traut sich nicht. Im Wald geschehen Dinge, die gegen jedes Gesetz verstoßen. Flüsse fließen an Bäumen hoch, Mäuse laufen unter Ästen entlang. Wölfe sind groß wie ein Mann.“
„Woher will man das wissen, wenn niemand, der ihn betreten hat, ihn je verlassen hat?“
„Du hörst nicht zu Fuchskind. Ich sagte nicht selten, nicht immer.“ Ich nickte und versuchte meine Atmung zu beruhigen, die sich seltsam erhöht hatte. „Überlebende gibt es. Doch sie sind nie die, die in den Wald gingen.“
„Sie haben sich verändert?“
„Der Wald spielt streiche mit dir, zeigt Dinge, die deinen Verstand umnebeln. So zieht er die an, die Dunkles in sich tragen.“
„Die Söldner und Mörder.“ Er nickt. Meine Angst vor diesem Stück Dunkelheit wuchs von Sekunde zur Sekunde. Nun bereute ich, nicht auf den anderen Weg bestanden zu haben. „Ein verwunschener Wald.“
„Nicht verwunschen, von den Göttern verflucht.“ Mir sackte das Blut ab. Ich konnte nur hoffen, dass dies nur eine weitere Gruselgeschichte war, wie die der Hexe. Doch sagte mir mein Bauchgefühl, dass der Mann in dieser Sache wohl die Wahrheit sprach.
Je näher wir den ersten Bäumen kamen, desto lauter schrie mein Bauch, krampfte sich zusammen, bebte. Irgendwann war mir so schlecht, dass ich das Gefühl hatte mich jeden Moment übergeben zu müssen.
„Seht nicht hinein. Seht nur geradeaus.“ Ich sah, das Mimi sich zitternd an Tabi presste und bereute mich mit dem Alten über den Wald unterhalten zu haben. Natürlich hatte sie unser Gespräch belauscht, genau wie meine anderen Schwestern. Als wir bei den ersten Bäumen am Pfad, der um den Wald herumlief ankamen, konnte ich die schwärze dieser Giganten nicht fassen. Hoch oben am Himmel thronten die Baumkronen, sie waren riesig. Nie hatte ich etwas Schwärzeres gesehen. Selbst die Blätter waren von einem nie gestehenden Schwarz. Die Bäume absorbierten so viel Licht, dass man das Gefühl von Abend Stimmung bekam, obwohl erst vor wenigen Stunden die Sonne am Himmel aufgegangen war. Ich hielt mich an den Rat des Alten, schau nur geradeaus, nur auf den Weg.
Niemand von uns ergriff das Wort. Meine Haut prickelte, als würde ein von Tabis Nadeln immer wieder in mich stechen. Meine Haare stellten sich seltsam auf, Angst schnürte meine Kehle zu. Dieser Wald war verflucht. Nichts in der Welt hatte je so eine Wirkung auf mich gehabt.
„Mutter!“, Mimis Stimme riss mich aus der Fixierung, mit der ich den Weg betrachtete. Ich sah gerade noch im Augenwinkel wie sie vom Karren sprang und auf den Wald zuließ. Meine Schwestern schrien. Ich sah in ihre Richtung und erstarrte. Ich hätte mein Schwester aufhalten sollen, doch ich konnte nicht. Denn ich sah etwas im Wald, was nicht hätte existieren dürfen.
Ich sah mich.
Zwischen zwei Bäumen in einem blutroten Gewand, stand ich da. Die Arme schlaff an den Seiten. Ich blickte mich selbst an, mein Ausdruck voller Mitleid. Meine Haare waren um einiges länger, nun gingen sie mir bis zur Brust, dort waren sie bis zum Bauchnabel gewachsen. Auf meiner Stirn, befand sich ein Schmuckstück. Es sah aus wie ein Stern mit scharfen spitzen. Ihr Anblick war anmutig und dennoch seltsam verloren.
Grade erst hatte ich sie erblickt, wurde ich schon von ihrem Anblick fortgerissen. Mit mühe löste ich mich von den vorbeirauschenden Bäumen. Der Alte hatte Mimi über die Beine gelegt, er musste sie eingefangen haben. Er hielt mein Pferd am Riemen und riss es mit, während wir alle rasend schnell den Weg entlang galoppierten. Er trieb die Pferde zur Höchstleistung an, solange bis wir das Stück des Waldes den wir passierten, weit hinter uns gelassen hatten.

Mimi weinte bitterlich. Auch Tabi und Anora waren kreidebleich. Wir hatten alle hineingeblickt, doch was hatten sie gesehen? Ich war unfähig etwas gegen Mimis weinen zu unternehmen, auch meine Schwestern sahen nicht danach aus, also tröstete der Alte meine kleine Schwester. Er redete beruhigend auf sie ein, streichelte ihr den Kopf, während die Pferde erschöpft weiter trampten.
Es verging eine Stunde, es war, als würde der Wald uns folgen, noch immer hing er uns am Hinterkopf, als würden wir nicht vorankommen. Am Mittag machten wir eine Pause. Keiner von uns hatte bisher ein Wort geredet. Zu verstörend war das geschehende gewesen.
Ich saß auf der Wiese am Rand des Pfads, als Mimi zu mir kam und sich zwischen meine Beine setzte.
„Da war Mama.“
„Das war nicht Mutter, es war der Wald“, versuchte ich mir selbst ebenso zu überzeugen. Auch Tabi und Anora kamen an meine Seite.
„Hast du sie auch gesehen?“, fragte mich Tabi. Ich sah zu Anora auf meine andere Seite, sie nickte, als hatte sie das gleiche gesehen.
„Ja“, log ich. Damit schwiegen wir alle vier. Wir aßen etwas Brot, teilten es sogar mit dem Alten und tranken aus einem nah gelegenen Bach. Bis zum Abend ließen wir die Pferde langsam machen, eh wir am frühen Abend beschlossen einen Platz für die Nacht zu finden.
Die Stimmung war gedrückt, was meine Schwestern dazu brachte, früh schlafen zu gehen. Der Alte summte ein Lied, und schnitzte dabei an einem Holzstück das er irgendwo ausgegraben hatte. Bis der Mond hoch oben am Himmel stand blieb es leise, der Alte war bereits am Dösen, als ich den Raben über uns kreisen sah. Ich schnellte hoch was auch der alte bemerkte und hoch schoss. Nun endlich verstand ich. Nicht der Rabe war das Problem. Nur das was folgte. Er war ein Zeichen, mein Omen.
Ich pakte mein Messer, da ich plötzlich wieder dieses bedrückende Gefühl verspürte. Der Schrei des Raben hallte durch die Nacht. Achtung. Ich verstand ihn. Ich untersuchte Haar genau die Umgebung. Auch der Alte bemerkte, was auch immer dort war und sah sich um.
„Da ist wer“, flüsterte ich und blickte zu einem der Hügel. Ich hätte es fast übersehen, nicht mehr als ein Schatten.
Der Alte schnellte zu meinen Schwestern, weckte sie. Plötzlich hellwach taten sie, was er sagte. Sie stellten sich Rücken an Rücken. Mimi in die Mitte gedrängt. Tabi mit der Machete und Anora mit den Messer. Sie alle Panik im Blick.
Ein Pfiff. Menschen. Ich ging in Deckung und näher an den Hügel heran, vor meine Schwestern. Der Alte Pakte seinen Stock.
„Wollen wir sehen wie gut du bist Fuchskind.“
„Lass den Stock nicht fallen alter Mann.“ Er lachte auf, doch hatte der Moment nichts Belustigendes.
Das Erste was auf und zuschoss war ein Hund. Mit gefletschten Zähnen rannte er auf uns zu. Das Knurren in er Kehle. „Den nehm ich.“ Ich schnellte nach vorn und hockte mich hin. Der Hund war bei weitem nicht so schlau wie ein Mensch. Donnerte auf mich zu und sprang mich an. Ich war jedoch schneller, hatte schon öfter gegen wilde Hunde gekämpfte. Mein Messer landete in seinem Hals. Er war augenblicklich Tod. Nur ein Jaulen besiegelte sein Ende.
Noch ein Pfiff. Doch kein Hund mehr. Sie wussten, er war Tod. Sekunden später tauchten fünf Köpfe auf dem Hügel auf.
Fünf.
Zu viele.
Der Rabe schrie, sicher lechzte er nach dem Ass, was wir ihm servieren würden. Unseres würde es nicht sein.
„Tabi denkt an meine Worte.“ Dann ging ich auf angriff. Schnellte auf die Männer zu. Sie durften nicht zu nah kommen, durften meine Schwestern nicht vorher erreichen. Der Alte blieb an meiner Seite. Und das Chaos brach los.

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