1.14 Tag um Tag, Aug um Aug ...

Mehr als nur ein Stock

Wir erreichten die Männer schnell. Der Alte Mann griff gleich drei mit seinem Stock an, der sie außergewöhnlich gut auf Abstand aber auch in Schach hielt. Nie hatte ich so eine Kampfkunst erlebt, es wäre faszinierend zu beobachten gewesen, hätte ich selbst nicht gerade den Kampf vor Augen gehabt.
Es blieben zwei für mich. Ich duckte mich und hielt vor beiden. Beide hatten schlimme Narben im Gesicht, ich schätzte von vergangenen Kämpfen. Mit wilden glühenden Augen grinsten sie mich an. Es waren Tiere. Nicht nur ihre Augen Auen zeigten ihre animalische Art, auch ihre Bewegungen. Schwer, unkontrolliert, ruckartig.
Meine Kehle schnürte sich zu. Beide waren mehr als drei Köpfe größer als ich und wahrscheinlich auch dreimal so breit. Der eine schnaubte wie ein Bulle, während der andere hagere häckelte. Von Schmutz besudelt konnte ich nicht einmal sagen, was für eine Haarfarbe sie trugen, doch ihre Augen sah ich genau. Ein Paar Braun das andere Blau. Doch das war nicht das seltsame. Ein roter Ring befand sich jeweils um die Pupillen meiner Gegner. Blutrot umrandete es ihre Augen.
Eine Krankheit? Ich durfte ihnen nicht zu nah kommen, was bei dem anstehenden Kampf wohl unmöglich werden würde.
Plötzlich schoss einer wild brüllend auf mich zu. Ich duckte mich noch mehr, rasend kam er bei mir an, flink wich ich zur Seite aus, doch er Pakte mich am Haar. Jetzt schoss auch der andere auf mich zu. Ich hatte keine Wahl, ich saß in der falle. Mit einer geschmeidigen Bewegung durchtrennte ich mit dem scharfen Messer mein Haar. Es ging durch wie Butter. Verwirrt über den Verlust der Kontrolle starrte der Mann mein Haar an. Da der andere bereits bei mir angekommen war, und Herr seiner Sinne, währte ich erst ihn ab. Ich fuchtelte mit dem Messer in der Luft, weshalb er zurücksprang. Den anderen hatte ich nur eine Sekunde nicht im Blick. Als meine Schwestern panisch schrien. Mit einem Blick über die Schultern sah ich, wie der Zweite auf sie zu hechtete.
So abgelenkt kassierte ich gleich einen harten Schlag gegen den Kiefer. Ich viel zurück, wurde an den Füßen gepackt und wurde Fort gezerrt. Ich trat nach ihm erwischte ihn jedoch nicht. Panik erfasste mein Herz. Ich musste meinen Schwestern helfen. Ich warf ihm das Messer entgegen, was ihn streifte. Der Mann vor mir brüllte auf, ballte die Fäuste über mir hoch in der Luft und wollte sie hinab donnern lassen, um mich zu zertrümmern. Doch so weit ließ ich ihn nicht kommen.
Ich schnellte hoch, sprang ihm um den Hals und brach ihm mit voller Gewalt und einer kräftigen Bewegung das Genick. Er viel zu Boden. Es war noch nicht vorbei.
Der andere hagere Mann, war bereits bei meinen Schwestern, lachte wie eine Hyäne. Sie hatten mühe, ohne auf Abstand zu halten. Er tänzelte um sie herum, provozierte und lachte. Ich rannte brennend vor Wut auf sie zu. Meine Lungen brannten, nicht vor Anstrengung, vor Zorn. Ich begann rot zu sehen. Sah bereits den Verlust einer Schwester vor mir. Blutend, wie Mutter auf dem dreckigen Boden.
Mein Messer hatte ich verloren, ich brauchte es nicht. Ich sprang ihm mit voller Wucht auf den Rücken. Er torkelte, verlor jedoch nicht den Halt. Packte nach hinten doch es war zu spät. Ich bis ihn mit voller kraft in den Hals und riss das Stück Fleisch hinaus. Hell schreiend versuchte er panisch mit von ihm runter zu kriegen, riss mir Haare raus, lief panisch rum. Doch ich war noch nicht fertig, hing wie eine Klette an ihm. Ich biss erneut zu. Riss ein weiteres Stück hinaus. Sein Blut besudele meine Sicht, als es hinaus spritzte. Diesmal ging er auf die Knie. Geschmeidig stieg ich von ihm ab. Er torkelte vor mir, würde gleich fallen, so lange wollte ich nicht warten. Mit aller Kraft, die ich noch hatte, trat ich ihm in den Rücken. Er viel vorne Weg und blieb am Boden. Er war in Sekunden ausgeblutete. Ich hatte ihm die Schlagader geöffnet.
Schwer schnaubend stand ich da. Blickte auf die zuckende Leiche. Es war vorbei. Ich Ah zu wie das restliche Blut aus seinem Körper wich. Wie es sich mit dem Dreck verband. Und wieder zeigte es sich von seiner schönsten Seite. Sterne spiegelten sich in der zähen Flüssigkeit. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm nehmen, bis ich an der Schulter gepackt wurde. Ich wollte gerade angreifen als Tankred mich zu sich herumriss.
„Geh dich waschen!“, befahl er streng. Ich blickte um ihn herum. Es lag nur ein Mann auf dem Boden, wo er eben noch gekämpft hatte.
„Wo sind die anderen zwei?“, fragte ich wütend.
„Fortgelaufen.“
„Du hast sie laufen lassen?“
„Nicht immer ist Mord die beste Lösung!“, fuhr er mich an. Er deutete mit zornigem Blick auf meine Schwestern. Ich folgte seiner Hand zu der Stelle wo sie standen.
Nun begriff ich seinen Zorn. Alle drei sahen mich erbleicht an. Sie krallten sich ineinander. Anora und Tabi sahen auf die verstümmelte Leiche, wohingegen Mimi mich fixierte. Tränenüberströmt. Mit großen Augen und Angst in diesen. iIch hatte es wieder getan ... Mein ganzer Körper war besudelt von Blut. Hatte vor ihren Augen einem Mann die Kehle hinausgebissen. Auch wenn ich keine andere Wahl besessen hatte, oder solch ...?
Ich schluckte schwer. Der metallische Geschmack in meinen Mund, drehte mir augenblicklich den Magen um. Ich löste mich schnellen Schrittes von der Gruppe. Ließ meine Schwestern zurück, die mich ansahen, als wäre ich ein Tier. Auf dem Weg griff ich ein Messer und war über dem Hügel verschwunden. Ich ging eine Weile, bis ich einen Bach erreichte, an dem ich ungestört sein konnte. Dort angekommen blickte ich hinab ins Wasser. Der abnehmende Mond zeigte mir die unschöne Wahrheit.
Ich sah aus wie einer von ihnen. Mit wildem, zotteligem Haar, das mir nun schief auf den Schultern hing. Blut, das mich von oben bis unten besudelte. Im Wasser sah ich aus wie eine dunkle Gestalt, fast ein Dämon. Farblos, bestialisch.
Ich blickte mich eine Weile lang an, nicht imstande mich zu rühren. Was war aus mir geworden? Der alte Mann hatte zwei leben verschont. Ich hatte nicht einmal daran gedacht, musste ihn töten. Heiße Tränen liefen mir die Wangen hinab. Der Mensch, den ich dort im Wasser sah, der wollte ich nicht sein. Alles an ihm stieß mich ab. Die Erkenntnis, dass ich dieser Mensch war, bestürzte mich. Das erste Mal seit langen, vernahm ich ein schluchzen aus meiner Kehle. Ich weinte, weinte bitterlich um das verlorene Kind, dass ich vor Jahren einmal gewesen sein musste. Das vor mir, war nur ein Schatten, ein schatten einer bösen Welt.

Ich saß im Gras und starrte in die Ferne. Der Tränenfluss war lang versiegt, dennoch konnte ich mich nicht rühren. Kalte Luft blies mir um die Nase. Gänsehaut bedeckte fast meinen ganzen Körper.
„Wie hat es sich angefühlt?“ Tankreds Stimme war rau. Er zeigte mir kein Mitleid, keine Vergebung. Ich hatte ihn herkommen hören, hatte mich jedoch nicht zu ihm umgedreht.
„Es fühlte sich nicht an.“
„Etwas musst du gefühlt haben. Was war es?“
„Zorn.“
„Nur Zorn?“
„Und Panik.“
„Welche Panik.“
„Die Panik etwas zu verlieren, was man liebt.“
„Gut.“
„Gut?“ Ich wendete mich zu ihm um. Das Blut an meinem Körper war längst getrocknet, riss nun durch meine Bewegung auf, wie eine zweite Haut.
„Solange du Panik und Angst verspürst, wirst du nicht wie sie sein.“
„Eine Mörderin?“, schnaubte ich und schüttelte den Kopf. Denn das war ich bereits. Schon mehrfach. Fünf leben gingen in kürzester Zeit auf meinen Kopf. Ich konnte nicht mal sagen, dass ich es bereute. Denn ich hätte es wieder getan. Hätte sie genau auf dieselbe Art wieder ermordet. Die Erkenntnis, dass es sicher nicht die Letzten waren, hätte mich erneut weinen lassen, wäre ich nicht bereits ausgetrocknet bis auf den letzten Tropfen.
„Wild, wie ein Tier. Ein Mensch zu sein, bedeutet sich unter Kontrolle zu haben, zu denken.“
„Wieso urteilst du über mich, wenn du sie so darstellst?“
„Weil du noch eine Chance hast.“
„Ich weiß nicht, was du von mir willst.“
„Das weißt du.“
„Du hast auch getötet.“
„Und zwei Leben gelassen.“
„Was macht das für einen Unterschied? Nun ermorden sie die nächsten Reisenden.“
„Ein Großen. Mein Gewissen ist rein, kannst du das auch von deinem Sagen?“ Der alte Mann ging mir fürchterlich auf die Nerven. Ich Verstand das eine andere Art zu handeln, vielleicht effektiver gewesen wäre. Zumindest auf eine schonendere Art für die Gesundheit meiner Schwestern. Mimi musste schon fast den Verstand verlieren.
„Nein“, gestand ich offen und ehrlich. Mein Gewissen war nicht rein. Ich war mit Blut befleckt. Hatte gemordet. Auch wenn es nötig gewesen war. Ich trauerte nicht um die Männer, nicht um meine Unschuld. Sondern um den Verlust, den es mit sich brachte. Den Verlust meiner Mutter, meiner Seele und die Gefühle meiner Schwestern. Mein Gewissen plagte mich, verurteilte mich. Es war meine Schuld. Der Tod von Mutter, der Tod der Männer. Ich hätte einen anderen Ausweg wählen können. Hätte einen anderen Weg beschritten und wer wusste schon, vielleicht ständen wir heut nicht hier. Die Götter selbst würden mir nie verzeihen. Wie konnte ich je aufgenommen werden in die Unendlichkeit. Ich würde ins Nichts Fallen, zurückgelassen in der Dunkelheit. So wie ich es verdient hatte.
„Ich kann es dich lehren.“
„Mich lehren?“
„Deine Gefühle zu beherrschen Wildfuchs. Ein Tier und gleichzeitig ein Mensch zu sein. Abzuwägen, welche Entscheidung du triffst und hinter ihr zu stehen. Sodas dein Gewissen dir nicht den Verstand raubt.“
„Woher weiß ein Bauer so viel übers Morden und dessen folgen.“
„Ich war einst ein Soldat einer anderen Zeit.“ Ich verstand ihn mal wieder nicht. Doch sein Angebot, ließ mich mich nach einem Frieden sehnen, den ich noch nie besessen hatte.
„Lehre es mich“, flüsterte ich, als ich in mein Spiegelbild blickte. Es wäre mein Untergang. Mein Weg würde sich nie ändern. Ob in Morta oder in Dorna. Die Dunkelheit war mein Begleiter. Sie würde mich finden, egal wie schnell und wie weit ich lief. Doch vielleicht hatte ich eine Chance. Ein kleines Licht am ende eines langen Weges. Wenn er mich lehrte es zu kontrollieren, würde ich meinen Begleiter vielleicht auf Abstand halten können. Vielleicht nur für eine Weile, genug war es trotzdem. Um wenigstens eine Weile zu sein wie alle anderen auch.
„Wach dich. Wir beginnen morgen“, sagte er mit der strengen Stimme eines Lehrmeisters.

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