1.3 Tag um Tag, Aug um Aug ...

Das leuchtende Juwel

„Sei vorsichtig.“ Mutter starrte zum Fenster hinaus, was sie dauernd in der Ferne suchte, konnte ich nicht sagen. Tag für Tag, Nacht für Nacht starrte sie ins Nichts. Trauerte wohlmöglich um die verlorene Zeit, die ihre große Liebe ihr geraubt hatte.
„Natürlich.“ Sie wusste, dass ich log, wusste, wie ich zurückkehren würde, mitten in der Nacht, blutend. Seit ich vor zwei Jahren damit angefangen hatte, war ich kaum eine Nacht ohne Schrammen, Schürfwunden, Prellungen oder sogar Knochenbrüche zurückgekehrt. Die vielen Brüche sah man meinem Körper deutlich an. Meine Finger waren viel Krummer als damals. Die Nase hatte eine leichte Beule, wo sie schon mehrfach durchgebrochen war und auch mein Bein hatte schon bessere Tage erlebt. All diese Zeichen waren Lektionen, die ich auf die harte Weise gelernt hatte.
Mutter wendete sich nicht zu mir um, redete kein weiteres Wort mit mir. Das tat sie nie. Unsere Beziehung war unterkühlt. Schon lange hatte ich angefangen, sie für ihre distanzierte Art zu hassen. Nicht weil sie zu mir kaum eine Regung zeigte, sondern weil sie Mimi diese Art zeigte. Ein Kind, das ganz allein für den kleinen Funken Licht in diesen Mauern verantwortlich war. Ein Kind das Tag für Tag in den Wald ging und Feuerholz sammelte. Ein Kind das summte und lachte. Die einzige Hoffnung, die ich im Herzen trug, war sie. Im Gegensatz zu Mutter oder meine anderen beiden Schwestern, die mit jedem Tag mürrischer wurden.
Ich wendete mich von dem Bild vor mir ab und ging den schmalen Gang entlang zum letzten Zimmer des Hauses. Es glich einer kleinen Abstellkammer, dennoch hatte Mimi das Beste daraus gemacht. Mit löchrigen Tüchern, eingefallenen Kissen und zotteligen Stofftieren hatte sie den Raum zu ihrem kleinen Palast umgestaltet. Kaum die Tür rein, ging ich auf die Knie und legte mich auf ihr Bett. Sie lag bereits eingekuschelt da, obwohl die Sonne noch nicht ganz untergegangen war.
„Erzählst du mir die Geschichte von der Heldin?“ Ich musste grinsen. Ich hatte Mimi schon unzählige Geschichten erzählt. Ob Prinzessinnen und Prinzen, Edeldamen, Elfen oder Zauberer, nichts hatte sie so fasziniert wie die Heldin und der Wolf.
„Das ist der fünfte Abend in Folge, bist du dir sicher das du diese Geschichte schon wieder hören willst?“
„Nur die!“ Ich nickte nachgiebig und schnappte mir ihr Hundeplüschtier.
„Es war einmal, vor langer Zeit in einem verwunschenen Wald ...“
„Dort lebte eine Heldin“, unterbrach sie mich mit glänzenden Augen.
„Willst du die Geschichte nicht lieber erzählen?“, fragte ich grinsend und kniff ihr leicht in die Wange.
„Nein, weiter!“, quiekte sie und umschlang die Decke fester.
„Eine Heldin. Jung und schön, sorgte sie für ein kleines Juwel. Tag und Nacht. Sie hegte es und pflegte es und jeden Abend, wenn es dunkel wurde, zündete sie mit der Hilfe des kleinen Juwels ein Feuer im Himmel und tausende Sterne begannen zu funkeln. Fürchten mussten sie sich nur vor dem Wolf, der das kleine Juwel stehlen wollte, um die Nacht pechschwarz zu tauchen.“ Mimi knurrte, wie sie sich das Knurren eines Wolfes vorstellte. Da sie weder einem Wolf noch einem Hund je begegnet war, klang ihr Knurren wie das Fauchen einer Katze. Ich musste mein Lachen zurückhalten, denn obwohl ich ihr immer wieder vorgemacht hatte, wie es wirklich klang, änderte sie nichts.
„Eines Tages, in einer nebligen Nacht, traf die Heldin auf einen Mann. Sie unterhielten sich ...“
„Verliebten sich!“
„Und vergaßen ganz die Zeit. Der Wolf nutzte die Abwesenheit der Heldin und stahl das kleine Juwel.“ Mimi krallte ihre Finger in die Decke, die Augen weit aufgerissen. „Als die Heldin ihren Fehler bemerkte, schnellte sie zurück! Sie fand das verwüstete Haus und das kleine Juwel ...“
„War weg ...“, jammerte Mimi traurig. Als fühlte sie den Schmerz der erfundenen Heldin, füllten sich ihre Augen mit Tränen.
„Schnell machte sich die Heldin auf die Suche nach dem kleinen Schatz, suchte Tag und Nacht. Berg und Tal doch finden konnte sie das Juwel nicht. Voller Verzweiflung saß sie da und weinte um den verlorenen Schatz.“
„Was passierte mit den Sternen?“
„Da das Juwel nicht mehr in der Obhut der Heldin war, blieb die Nacht pechschwarz und die kleinen Sterne erloschen, funke für Funke. Nachdem die Heldin so lange geweint hatte und sich bereits ein Fluss aus ihren Tränen gebildet hatte, fasste sie einen Plan. Sie würde dem Wolf eine Falle stellen. So erlegte sie hundert Tiere und stapelte sie zu einem hundert Meter hohen Berg. Der Wolf so gierig er war, fand den Berg und fraß sich voll. Die Heldin versteckt im Wald, wartete, bis der Wolf kugelrund war, und folgte schließlich dem trägen Tier zu seinem Versteck. Dort angekommen funkelte das Juwel ganz schwach unter einem Gewirr aus Decken. Als der Wolf dann schlief, stahl sie das kleine Juwel zurück und brachte es schnell in Sicherheit.“
„Die Sterne waren gerettet.“
„Und das kleine Juwel wieder sicher. Die Heldin versprach, das Juwel nie wieder alleine zu lassen. Von da an funkelten sie Sterne jede Nacht bis heute und in alle Ewigkeit.“ Mimi grinste mich mit halb geschlossenen Augen an. „Gute Nacht kleines Juwel.“
„Gute Nacht Heldin.“ Damit schloss sie die Lieder ganz. Ich wartete noch einen Moment, bis ich sicher war, dass sie wirklich schlief, und entfernte mich dann leise. Hinter mir ließ ich die Tür sacht ins Schloss fallen.
Ich hatte mir die lückenhafte Geschichte vor eineinhalb Jahren ausgedacht, nachdem ich ein Paar Tage nicht zurück nach Hause gekehrt war. Um ehrlich zu sein, wäre ich das auch nicht, hätte mich das schlechte Gewissen nicht geplagt. Mimi hatte es mir lange Zeit übel genommen, bis wir mit den Gutenachtgeschichten begonnen hatten. Nun war es unser Ritual und ihre Absicherung, dass ich wieder zurück nach Hause kommen würde, egal was geschah.

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