1.7 - Eine neue Macht


Er schwieg noch immer. Am liebsten hätte Hermine ihm ihre Tasse mit heißem Tee über den Kopf geschüttet, so genervt war sie von seinem Verhalten. Was dachte Tom sich bloß? Hatte er ernsthaft erwartet, dass sie nie in Frage stellen würde, warum er all diese politischen, teilweise auch philosophischen Unterhaltungen mit ihr führte? Darüber hinaus hatte er gewiss nicht aus reiner Menschenliebe beschlossen, ihr beim Studium der dunklen Künste zu helfen. Sie hatte erwartet, dass sein Ziel bei all dem war, sie zu testen, um sie früher oder später einzuweihen. Warum also zierte er sich so? Was musste sie noch tun, um ihm zu beweisen, dass sie vertrauenswürdig war?

„Du denkst also, dass ich vorhabe, mich Grindelwald anzuschließen?"

Beinahe hätte Hermine sich an ihrem Tee verschluckt. Mit einer so direkten Eröffnung hatte sie nicht gerechnet. Rasch stellte sie ihre Tasse auf ihren Schreibtisch zurück, um nicht im Verlauf des weiteren Gespräches doch noch einen unangenehmen Unfall zu erleiden. Mit im Schoß gefalteten Händen dachte sie über seine Frage nach. Natürlich wusste sie, dass Tom nicht dergleichen vorhatte, und selbst wenn, noch vor Ende dieses Schuljahres würde Dumbledore dafür sorgen, dass Grindelwald Geschichte war. Doch genauso war sie sich sicher, dass es ihn provozieren würde, wenn sie ihm ins Gesicht sagte, dass sie davon ausging, er würde sich als Anhänger anschließen.

Mit einem kaum unterdrückten Schmunzeln erklärte sie: „Deine Ideen klingen exakt so wie seine. Es scheint naheliegen, dass du vorhast, dich ihm anzuschließen."

Wie sie es erwartet hatte, verspannte sich die lässige Haltung von Tom ein wenig, doch er hielt seine Miene unter Kontrolle: „Du kannst es nicht lassen, mh? Immer eine süße, kleine Provokation auf deinen Lippen."

Als Antwort lächelte Hermine lediglich geziert und legte den Kopf schräg. Sie wusste, dass Tom mit ihrer selbstbewussten, herablassenden Art noch immer nicht umgehen konnte, und sie hatte ein merkwürdige Freue daran entwickelt, ihn immer wieder aus der Reserve zu locken. Es war ein gefährliches Spiel, das hatte sie inzwischen gelernt, denn wenn sie zu weit ging, kam jene Seite in Tom hervor, die für Voldemort verantwortlich war.

„Ich würde erwarten, dass du mich ein wenig besser kennst inzwischen. Ich bin niemand, der gerne einen Meister über sich hat", sagte Tom schließlich, sein Gesicht noch immer zu einer kalkulierten, undurchdringlichen Maske verschlossen.

Hermine grinste: „Ja, in der Tat, du bist nicht gut darin, vor anderen dein Haupt zu neigen. Doch wie stellst du dir das vor?", fuhr sie ernster fort: „Grindelwald ist da draußen und tut sein Möglichstes, um eine Revolution zu starten, damit die Muggels mitbekommen, dass es uns gibt. Ich war zwar damals noch nicht geboren, doch er war auch bei uns in Amerika vor zwanzig Jahren und hat eine Menge Schaden angerichtet."

Tom machte eine wegwerfende Handbewegung: „Wie du selbst sagst: vor zwanzig Jahren! Grindelwald versucht schon so, so lange die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Und was hat er bisher wirklich erreicht? Du nennst ihn einen Terroristen, aber noch immer ist das Geheimnis unserer Existenz vor den Muggeln verborgen. Er versucht zu viel auf einmal. Er hat in ganz Europa Angst verbreitet und dann geht er nach Amerika, um da weiterzumachen, obwohl er hier noch nicht einmal irgendetwas wirklich erreicht hat? Er will zu viel auf einmal."

Hermine musste sich anstrengend, nicht laut aufzulachen. Wie Tom darüber sprach, wie wenig Grindelwald in so viel Zeit erreicht hat, war mehr als ironisch, wenn sie daran dachte, dass er selbst in vergleichbarer Zeit noch weniger erreichen würde. Voldemort hatte die Grenzen des Vereinigten Königreichs nie wirklich überschritten. Sie verstand jedoch seine Argumente und mit dem Wissen, dass er hatte und das sie selbst haben sollte, war es logisch, was er sagte. Entsprechend nickte sie: „So habe ich das noch nie betrachtet. Die Berichterstattung in den Zeitungen hat sich immer nur darauf konzentriert, wie viel Schaden er anrichtet. Aber wenn man seine eigentlichen Ziele bedenkt, war er in der Tat noch nicht allzu erfolgreich. Doch was hast du vor? Willst du nach der Schule einfach zu ihm gehen, ihm auf die Schulter klopfen und sagen, danke, ich übernehme jetzt?"

Tom grinste breit: „Nein, das würde nicht funktionieren, obwohl der Gedanke amüsant ist. Für so ein Vorhaben braucht man zuverlässige, loyale Männer. Anhänger, die es ernst meinen. Es wäre unmöglich, seine Organisation zu übernehmen. Selbst wenn Grindelwalds Anhänger sich einem anderen Meister beugen würden, was würde das über sie aussagen? Ich brauche keine Männer, die ihr Fähnchen in den Wind hängen und sich opportunistisch dem nächst Besten anschließen."

Auch diesen Gedanken konnte Hermine verstehen. Langsam nahm sie einen weiteren Schluck Tee aus ihrer Tasse. Sie war beinahe am Ziel. Sie hatte ihn schon dazu gebracht, mehr oder minder zuzugeben, dass er eine eigene Anhängerschaft aufbaute. Nun musste sie ihn nur weiter bearbeiten, bis er sich bereit erklärte, sie auch zu rekrutieren. Vorsichtig, darauf bedacht, nicht zu viel unmögliches Wissen zu präsentieren, sagte sie: „Soweit ich das sehe, hast du bereits hier in Hogwarts eine kleine Schar echter Freunde, die alles für dich tun würden."

Zu ihrer Überraschung trat ein Ausdruck von Verachtung auf Toms Gesicht: „Freunde. In der Tat. Glaubst du wirklich, dass irgendjemand von diesen jungen Männern wirklich ein Freund von mir ist?"

Genervt rolle sie mit den Augen: „Nein, natürlich nicht. Der hohe Herr Tom Riddle ist natürlich erhaben über Gefühle der Freundschaft. Sie sind alle bloß hörige Sklaven, habe ich Recht? Sklaven, die sich glücklich schätzen können, sich ein wenig in deiner Aufmerksamkeit sonnen zu können?"

Mit einer fließenden Bewegung erhob Tom sich aus seinem Stuhl und schlenderte zu ihr. Für einen Augenblick befürchtete sie, dass er sie für ihre gehässigen Worte direkt verfluchen würde, doch stattdessen stellte er sich lediglich hinter sie und begann, ihren Nacken zu massieren. Ein kalter Schauer rann Hermine den Rücken hinunter. Dieses Verhalten jagte ihr beinahe noch mehr Angst ein.

„Trotz deines offensichtlichen Sarkasmus, meine Liebe, das ist exakt das, was ich für meine so genannten Freunde empfinde", Toms Stimme war beinahe liebevoll, als er das sagte: „Keiner von ihnen hat die magische Stärke, um von mir ernsthaften Respekt zu erhalten. Sie alle sind verblendete Männer, die sich unendlich viel auf ihren Familiennamen einbilden."

„Und du bildest dir nichts auf deine Abstammung ein?", unterbrach Hermine ihn abschätzig.

Seine kühlen Finger in ihrem Nacken verharrten kurz auf der Stelle, ehe er fortfuhr, ihre nackte Haut am Hals zu liebkosen: „Lass mich doch bitte ausreden, mein Herz. Abraxas und Rufus, ja sogar Humphrey, sie alle bilden sich sehr viel auf ihre Familien ein. Aber geben sie sich Mühe, dem Namen Malfoy oder Lestrange oder Avery gerecht zu werden? Sie tragen ihre Namen spazieren, als könnten sie stolz darauf sein, doch so funktioniert die Welt nicht. Stolz kannst du nur sein, wenn du selbst etwas erreicht hast."

Noch immer war Hermine sich nicht sicher, was diese liebevolle Geste von ihm bedeuten sollte, noch immer war sie mehr als angespannt, doch sie hatte nicht vor, unter dieser merkwürdigen Machtdemonstration einzuknicken: „So funktioniert die Welt nun einmal, Tom. Willst du mir ernsthaft weißmachen, dass dir das nicht bewusst wäre?"

Toms linke Hand legte sich sanft auf ihrer Schulter ab, während er die Finger seiner rechten Hand über ihren Hals hochfahren ließ bis zu ihrem Kinn, um sie so zu zwingen, den Kopf in den Nacken zu legen und ihn anzuschauen. Ein Lächeln, das in absolutem Kontrast zu der eisigen Härte in seinen dunklen Augen stand, spielte um seine Lippen: „Die Welt mag im Moment so funktionieren, doch das heißt nicht, dass es richtig ist. Oder dass es immer so sein wird. Vor mir haben schon viele das Blut von Slytherin in sich getragen, doch niemand hat seinem Namen Ehre gemacht, niemand hat die Macht genutzt, die damit kam. Ich werde das ändern. Die Welt muss lernen, dass nichts anderes als Macht darüber entscheiden sollte, wer welchen Rang in der Gesellschaft einnehmen sollte. Ein Malfoy, der weder intelligent noch magisch begabt ist, hat kein Recht, über anderen zu stehen, nur weil er zufällig den Namen Malfoy trägt."

Da musste Hermine ihm zustimmen. Sie würde vielleicht nicht Macht als entscheidenden Faktor nehmen, aber Tom hatte dennoch Recht: Zu ihrer Zeit in Hogwarts hatte sich Draco Malfoy stets als König der Welt aufgeführt und insbesondere im Hause Slytherin hat man das nie hinterfragt, obwohl er weder in der Schule noch im Umgang mit anderen Menschen jemals Größe gezeigt hatte. Warum nur hatte Tom mit so vielen Dingen Recht? Warum waren die Argumente, die er brachte, logisch, selbst wenn man sie moralisch bewerten wollte?

Noch immer lächelnd beugte Tom sich über sie und hauchte ihre einen Kuss auf die Lippen. Es war eine überraschend zärtliche Geste, mit der Hermine nicht gerechnet hatte, und schneller als erwartet zog Tom sich wieder zurück, richtete sich auf und ließ von ihrem Hals ab. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem ganzen Körper aus. Die Tage seit er sie zum zweiten Mal im Duell besiegt hatte, hatte Tom sich freundlicher und offener gezeigt als zuvor. Zwar kam noch immer oft genug seine jähzornige, gewalttätige Seite durch, doch es war offensichtlich, dass er ihr mit zunehmender Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit begegnete. Auch das war nicht beruhigend, sondern eher verdächtig. Sehr verdächtig.

„Zurück zum Thema, Tom", durchbrach Hermine schließlich ihre eigenen, unendlich kreisenden Gedanken: „Du willst dich also nicht Grindelwald anschließen und du bezeichnest deine Freunde nicht als Freunde. Mit anderen Worten: Sie sind deine Anhänger, die du in weiser Voraussicht bereits jetzt rekrutierst?"

„Ganz richtig."

Nachdenklich fuhr sie sich durch ihr Haar, während sie Tom betrachtete, der sich wie selbstverständlich auf ihrem Bett niedergelassen hatte. Sie fragte sich wirklich, wie weit er bereits war. Auf ihrer Lippe kauend hakte sie nach: „Wissen die Glücklichen von deiner Abstammung?"

Entspannt lehnte Tom am Kopfende ihres Bettes an einem der hohen Bettpfosten: „Natürlich. Sie sind zu sehr in ihren Traditionen verhaftet, als dass sie mir einfach so gefolgt wären. Sie wussten, dass ich gut in der Schule bin, aber sie brauchten die Bestätigung, dass meine Familie, mein Blut etwas wert sind. Also habe ich es ihnen gesagt."

Auffordernd klopfte Tom mit einer Hand vor sich auf das Bett. Hermine hoffte sehr, dass er nicht vorhatte, diesen Abend noch zu anderen Dingen als Teetrinken zu nutzen, doch sie kam seiner Aufforderung ohne zu zögern nach. In einigem Abstand von ihm setzte sie sich im Schneidersitz auf ihr eigenes Bett, ebenfalls an einen der Bettpfosten gelehnt. Seine Worte standen in einem deutlichen Widerspruch zu allem, was er zuvor gesagt hatte: „Interessant, wie verächtlich du über Blut denkst, wenn ich daran denke, wie gerne du mich als Schlammblut bezeichnest."

„Ich halte nichts davon, Muggelblut mit Zaubererblut zu mischen", entgegnete Tom scharf: „Es macht uns nur schwächer. Je dünner das magische Blut in einem Menschen, umso geringer seine Fähigkeiten."

„Ja, genau", schnaubte Hermine: „Weil meine Fähigkeiten auch so gering sind."

Intensiv musterte er sie: „Du bist eine Ausnahme. Und ich bin mir sehr sicher, dass auch du Vorfahren hast, die deine Stärke erklären könnten. Sie mich an. Die magische Seite meiner Familie war beinahe schon lächerlich schwach, doch das Blut von Slytherin hat durchgehalten bis zu mir. In mir ist endlich wieder jemand in die Familie geboren worden, der weiß, was er mit der Macht anfangen soll."

Hermine wusste, dass es in diesem Punkt zwecklos war, mit Tom zu streiten. Und sie durfte auch nicht so emotional werden, immerhin hatte sie ihm zuvor erfolgreich weißgemacht, dass sie selbst eine große Abneigung gegen Muggel hegte. Unbeeindruckt zuckte sie mit den Schultern: „Wie auch immer. Du hast also schon angefangen, deine Zukunft zu planen. Wer ist dabei?"

Mit einer schnellen Bewegung beugte Tom sich vor und legte eine Hand auf ihrem Knie ab, während er ihr direkt in die Augen blickte: „Das, mein Herz, werde ich dir nicht verraten. Du wirst mir erst beweisen müssen, dass du vollständig und mit Leib und Seele dabei bist, ehe ich dich in meinen Kreis lasse."

„Ich habe ein schwarzmagisches Ritual an einer Mitschülerin ausgeführt!", fuhr Hermine ihn wütend an: „Was willst du noch von mir?"

Er kam ihr noch näher, so nah, dass sie seinen Atem auf ihrer Wange fühlen konnte: „Es ist eine Sache, eine unbeteiligte, uninteressante Person als Spielzeug zu nutzen. Aber bist du auch fähig, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen? Menschen, die dir nahe stehen? Hast du den Willen, den man braucht, um diese Zauber zu wirken?"

Hermines Herzschlag beschleunigte sich. Sie wusste genau, worauf er anspielte. Sie hatte bereits so viele Dinge im Namen des Krieges getan, weil sie sich auf rationaler Ebene einreden konnte, dass es für eine gute Sache war. Aber da hatte nie eine ernsthafte emotionale Bindung bestanden. Würde sie tatsächlich in der Lage sein, den Cruciatus zu sprechen? Es erforderte so viel Willensstärke, ihn auszuführen.

Und egal, wie sehr sie ihn schon zuvor mit ihren Worten verletzt hatte – sie mochte Abraxas aufrichtig. Er war ein guter Mann, loyal, empfindsam, gebildet, höflich. Für Tom mochte er nur ein verzogenes, stolzes Kind aus der Familie Malfoy sein, doch sie selbst sah in ihm weit mehr als das. Doch genau da lag das Problem. Tom wusste von ihrer gegenseitigen Zuneigung, und auch, wenn es ihm auf emotionaler Ebene egal war, er konnte das nicht dulden.

Also musste er testen, ob ihre Gefühle für Abraxas stärker waren als ihr Wille, sich seiner Sache anzuschließen.



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