1.8. - Weites Feld

Trallien begrüßte die beiden Männer aus Annwyn mit einer steifen und kalten Brise, die durch den Gebirgspass jaulte. Auf der Hochebene angekommen, war es wieder möglich zu reiten, ohne Sorge zu haben, dass die Tiere ausrutschten und so verließen sie den Hiatus zügig in Richtung Osten. Rowan wusste, dass Thalea, Tralliens Hauptstadt, im Nordosten am Fuße eines Gebirges lag.

Ihr erstes Ziel war die kleine Stadt Toph, die am Fuße des Hiatus lag und der erste Anlaufpunkt für alle war, die durch die Schlucht in das Land kamen. Es dämmerte bereits wieder, der Weg durch den Pass hatte, weil sie nicht reiten konnten, länger gedauert, als Rowan geplant hatte und er spürte, dass die Pferde langsam müde wurden. Er selbst hatte fürchterlichen Hunger und auch Sero hing durch. Es wurde Zeit für eine Rast.

»In Toph angekommen, müssen wir sehen, dass wir eine Landkarte von Trallien kaufen und frischen Proviant. Vater sagte, wenn man den Fluss Daraius überquert hat, öffnet sich das Land in eine weite Heidelandschaft. Ich hoffe, dass es mittendrin wenigstens das eine oder andere Dorf gibt. Ich weiß nicht, wie lange der Ritt dauert.«

Sie gaben den ermatteten Pferden noch ein letztes Mal einen Schubs, um die Stadt vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Agrippa und Vito schnauften aus dem letzten Loch, als sie an den Palisaden von Toph ankamen, abstiegen und zu Fuß die Stadt betraten.

Neugierig blickte sich Rowan um. »Eine Stadt aus Holz im Hochgebirge?« Die Stimme des Prinzen war überrascht und bewundernd. Die Häuser des Ortes waren im Fundament aus Natursteinen gefertigt und in den oberen Geschossen komplett aus Holz, reich verziert und mit dekorativen Schnitzarbeiten versehen. Bann- und Schutzsprüche umrahmten die Fenster und Türen und massive Holzbalken bildeten die Stützträger der Fassaden. Die Dächer waren mit rostroten Schindeln aus Ton bedeckt. Blumenkästen zierten die Fenster, die Straßen waren ordentlich gepflastert und gekehrt. Die sauber gekleideten Menschen trugen alle dicke Stoffe, da es tatsächlich gefühlte fünfzehn Grad kälter war als im annwynischen Tiefland. Rowan war froh, dass er das warme Wollcape trug, denn der Wind vom Gebirge aus war schneidend und roch nach Schnee. Die Bergspitzen waren noch immer tief verschneit.

»Diese Stadt ist wirklich schön«, murmelte der siebzehnjährige Sero und blickte unverhohlen den jungen Mädchen hinterher, die sich noch auf den Straßen aufhielten. Rowan lächelte leicht. Schön fand der Junge sicher eher die weibliche Bevölkerung.

»Lass' uns nach einem Gasthaus suchen. Ich bin müde und die Pferde brauchen dringend eine Rast.« Rowan sah sich um. Sero war etwas aktiver, ging auf eines der hübschen jungen Mädchen zu und fragte mit dem charmantesten Lächeln nach dem gewünschten Wirtshaus. Er lächelte, als er zwei Minuten später mit einer Wegbeschreibung wieder zu Rowan zurückkehrte.

»Manchmal ist es tatsächlich gut, jemand so offenes wie dich dabei zu haben. Und ich hatte schon befürchtet, du würdest mir nichts nutzen.«

Sero machte ein gespielt bestürztes Gesicht, lachte dann aber und zuckte nur mit den Schultern. Zügig machten sie sich auf den Weg zu der Gaststätte, die das Mädchen dem Knappen genannt hatte. Sie fanden es und es stellte sich als sehr ansehnliches Haus heraus. Die Lampen vor der Tür erhellten das rotlackierte Holz und ließen es einladend aussehen.

»Das Gasthaus sieht teuer aus, wenn Ihr mich fragt, mein Prinz«, bemerkte Sero bei einem dezenten Blick durch die Fenster.

»Das macht nichts. Die nächsten Tage werden wir vermutlich unter freiem Himmel nächtigen, da können wir heute Nacht noch einmal gut logieren. Außerdem habe ich Hunger und die Tiere brauchen einen warmen Stall.«

Der Prinz reichte seinem Knappen die Zügel, ließ ihn warten und betrat das Gasthaus, das tatsächlich vornehmer war als all die anderen einfachen Übernachtungsmöglichkeiten der letzten vier Tage. Der Wirt, der hochgewachsen, schlank und gut gekleidet war, jedoch ließ ihn nicht warten oder ignorierte ihn gar, sondern kam freundlich auf ihn zu, hörte sich Rowans Gesuch an, nickte und schickte sogleich einen Pagen nach draußen, um Sero und die Pferde zu den Ställen zu geleiten. Rowan mietete ein einfaches Zimmer mit zwei Betten für sich und Sero und zahlte auch nur ein Goldstück für ein warmes Essen, einen sauberen Stall, Heu, Hafer und heißes Wasser.

Nachdem er die Pferde versorgt hatte, stieß Sero zu seinem Herrn in den Gastraum und dieser bestellte eine ausgiebige Mahlzeit. Beide fielen hungrig wie die Wölfe über die gut gefüllten Teller her und lehnten sich anschließend restlos gesättigt an die Stuhllehnen.

Rowan winkte nach dem Wirt, bestellte einen Krug Wein als Absacker und fragte ihn, ob er eine Karte von Trallien hätte, die er ihm abtreten könnte.

»Mein Diener und ich wollen nach Thalea, haben aber leider keine gültige Landkarte. Ich möchte vermeiden, mich restlos zu vertun und irgendwo im Nirgendwo verloren zu gehen.« Der Prinz lächelte den Wirt an, der dieses freundlich erwiderte und nickte.

»Ja, mein Herr. Ich kann Euch sicher eine aktuell gültige Karte beschaffen.« Er neigte leicht den Kopf und entfernte sich wieder.

»Bemerkst du den Fehler in meiner Planung? Wir haben alles dabei, Proviant, Gold, wetterfeste Kleidung, aber wir haben keine Landkarte. Was bin ich für ein Narr.« Rowan lachte sich selbst aus und Sero schmunzelte nur. Er gähnte und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch herum.

»Ich hoffe, der Wirt braucht nicht so lange mit der Karte. Ich bin todmüde.«

»Du kannst schon nach oben gehen, wenn du nicht mehr kannst. Diese Wanderschaft durch die Schlucht war tatsächlich anstrengender als ich dachte.«

»Ich kann Euch hier nicht allein sitzen lassen, Hoheit. Ich muss Euch unterstützen, egal, was passiert.«

»Sero, du bist so müde, du bist mir keine Hilfe. Außerdem sind wir hier allein.« Der Prinz lächelte den Jungen an, der erneut gähnte und dessen jungenhaftes Gesicht müde und eingefallen aussah. Er war allerdings in dem Alter, wo ein paar Stunden Schlaf noch sämtliche Falten aus dem Gesicht bügeln konnten.

Einen Augenblick später kehrte der Wirt zurück, stellte einen Krug mit aufgewärmtem Wein auf dem Tisch ab, zwei Becher und händigte dem Prinzen ein zusammengerolltes Dokument aus.

»Diese Karte entspricht den aktuellen Messungen und sollte Euren Anforderungen entgegenkommen, mein Herr.«

Rowan rollte das Pergament aus und überblickte es. »Ja, vielen Dank. Das ist eine große Hilfe. Was bin ich Euch schuldig dafür?«

Der Wirt nickte und machte eine abwehrende Handbewegung. »Dafür nichts, mein Herr. Ich überlasse sie Euch.«

»Danke.«

Der Gasthausbetreiber zog sich zurück und Sero, der seinem Herrn und sich Wein einschenkte, schlief beinahe ein, als er anschließend an seinem Becher nippte.

Rowan kicherte in seinen Weinkrug. »Trink' aus, Junge, und dann ins Bett. Wir müssen morgen zeitig weiter und ich spüre jeden einzelnen Knochen im Leib.«

Der Knappe leerte den Becher aus, stand auf und wankte merklich. Prinz Rowan sprang ihm hinterher und hielt ihn am Arm fest, damit er nicht zusammenbrach. Der Tag war für sie beide kräftezehrend gewesen.

»Herr Wirt, ich bedanke mich für Speis' und Trank. Wir werden uns zurückziehen. Ich wünsche Euch eine gute Nacht.«

Der Angesprochene gab den Wunsch zurück und beugte sich wieder über seine Geschäftsbücher, während Rowan seinen erschöpften Knappen die Stiege hochführte und den Flur entlangschob. Der dunkle Teppich schluckte die Schritte ihrer schweren Stiefel und man konnte das leise Schnarchen anderer Gäste hören, die früher am Abend eingetroffen waren und bereits friedlich schliefen.

Der Prinz öffnete die Tür zu ihrem Gemach und ließ seinen Diener auf das schmale Bett sinken. »Zieh' die Schuhe aus und schlaf, Junge.«

Sero knurrte unverständliche Worte, kämpfte sich umständlich aus seinen Schuhen und dem Mantel und ließ sich der Länge nach auf das Lager fallen. Er machte sich nicht die Mühe, sich zuzudecken und war nach wenigen Sekunden eingeschlafen und schnarchte leise.

Rowan grinste und legte seine Kleidung ordentlich über einen Stuhl. Er spürte die Müdigkeit besonders in seinem Rücken und sein Kopf begann zu schmerzen, als er die dünne Wolldecke von seinem Bett zog. Zum Glück war es sauber und die Laken fleckenlos. Er war nicht pingelig, aber er schlief nicht gern in Bettzeug, das nicht richtig sauber war.

Leise seufzend ließ er sich in die Kissen sinken und drehte die kleine Öllampe aus. Seros tiefes Atmen lullte den Prinzen in den Schlaf, doch es dauerte lange, bis dieser erholsam wurde.

Diese Reise erforderte tatsächlich mehr von ihm, als Rowan gewöhnt war. Er hatte es nicht geglaubt, aber er war tatsächlich verwöhnt und Entbehrungen und wirkliche Anstrengungen nicht gewöhnt. Sein Vater würde sagen, dies lag daran, dass in Numantia Frieden herrschte. In Zeiten von Kriegen waren die Männer, auch die königlichen Blutes, härter im Nehmen. Doch natürlich war es gut, dass sie keinen Krieg hatten. Es hatte in Numantia seit fast zwei Jahrhunderten keine kriegerischen Auseinandersetzungen nicht mehr gegeben. Es hatte Früchte getragen, die Königshäuser durch intensive Heiratspolitik miteinander zu verknüpfen. Niemand käme auf die Idee, den eigenen Vetter oder den eigenen Bruder anzugreifen. Die königlichen Sippen waren in Blut und Liebe miteinander verbunden und das war gut so.

Rowan war froh, wenn sie erst einmal in Thalea ankämen. Wobei die wahre Suche, die wahre Reise ja erst begann, wenn sie eine Spur der Prinzessin hatten. Vorerst war es aber wichtig, König Thedosio die Aufwartung zu machen. Und der lebte nun einmal im Norden in Thalea.

Rowan schlief ein und spürte, wie der Kopfschmerz endlich nachließ.


Der Prinz erwachte mit den ersten Sonnenstrahlen. Aber nicht auf die sanfte Weise, die er gewöhnt war, sondern durch ein lautes Poltern. Erschrocken setzte er sich auf und sah sich um. Reflexartig hatte er den Dolch ergriffen, den er, seit sie unterwegs waren, immer unter seinem Kissen verbarg. Er als Kronprinz konnte trotz freundlicher Behandlung und Friedenszeiten nie vorsichtig genug sein und hatte sich stets vor Meuchelmördern in Acht zu nehmen. Ein dumpfes Murren zog jedoch seine Aufmerksamkeit auf das Bett neben sich und den Jungen, der darin lag – oder darin liegen sollte. Denn ein unordentliches Bündel lag auf dem Boden zwischen den beiden Schlafstätten und brummte.

Sero war aus dem Bett gefallen und hockte nun dort, zerzaust, erschrocken und fürchterlich gelaunt. Rowan überblickte die Situation und brach dann in Gelächter aus.

»Gut geschlafen?«

Der Junge knurrte seinen Herrn wenig respektvoll an und wischte sich die blonden Haare aus dem Gesicht. »Wohl kaum«, fauchte er und erhob sich wackelig. »Es bringt nichts mehr, weiterzuschlafen, nehme ich an?«

Der Prinz blickte aus dem Fenster in die blasse Sonne. »Die Nacht ist vorüber, also nein. Lass' uns aufstehen und etwas zu uns nehmen. Ein Bad wäre auch nicht schlecht.«

Sich das Gesicht reibend setzte Sero sich wieder auf das Bett. »Diese Nacht war kurz. Und wäre ich nicht aus dem Bett gefallen, hätte ich gesagt, es hat gut getan. Aber so abrupt zu erwachen, ist echt scheiße«, fluchte er. Rowan warf die Decke zurück und erhob sich.

»Nicht mehr zu ändern. Zieh' dich an und wirf' dir etwas Wasser ins Gesicht. Dann wirst du auch wach. Nach dem Frühstück wird es dir besser gehen.« Der Prinz streckte sich, um die restliche Müdigkeit aus den Knochen zu bekommen und begann, sich in seine Kleider zu hüllen. Sero goss etwas Wasser aus der Kanne in die Schüssel und wusch sich, bevor er in seine Stiefel stieg und den Mantel wieder anzog. Seine Kleider waren zerknittert, aber das schien ihn nicht zu kümmern. Er verließ das Zimmer, um seine Blase zu erleichtern und Rowan goss sich frisches Wasser ein, um sich ebenfalls zu waschen.

Der Knappe hatte Recht, die Nacht war kurz gewesen, aber der Schlaf hatte gut getan. Rowans Kopf war klar, die Schmerzen weg und auch der Rücken tat nicht mehr weh. Als sein Magen knurrte, beschloss er, dem Jungen zu folgen und dann eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Er nahm das Gepäck und verließ das Zimmer.

Die blasse Morgensonne fiel durch ein kleines Fenster am Ende des Flures und erst jetzt konnte man die Farbe des Teppichs erkennen, der den Boden bedeckte. Am Abend war der Gang nur durch Ölfunzeln erleuchtet gewesen und das Licht war diffus.

»Hoheit«, hörte er Seros Stimme, der hinter ihm auftauchte und ihm die Taschen abnahm.

»Warte einen Moment, ich muss mich erleichtern. Dann gehen wir essen und brechen auf.« Sero schulterte den Reisesack des Prinzen, als dieser den kleinen Abort betrat.


»Wie sehr man in vier Tagen doch beginnen kann, warmes Brot zu vermissen«, seufzte Sero und biss in das noch leicht dampfende Backwerk. Der Prinz nickte, brach seinen Laib entzwei und strich etwas Beerenkonfitüre darauf. Der Wirt hatte ihnen einen Krug Bier, Brot, Käse und Marmelade gebracht und sich bereit erklärt, ihnen etwas Proviant für den weiteren Weg zu verkaufen. Dieser war bereits verpackt, lag auf dem Tisch neben Rowans Teller und bestand aus noch mehr Brot, einem Leib Hartkäse, einem Säckchen Gries, geräuchertem Schinken, Kräutern und Hafer für die Pferde.

Sero stopfte sich den Mund voll und ließ alles andere auf dem Tisch links liegen. Warmes frisches Brot war der einzige Luxus, den der Junge im Palast des Königs genoss, obwohl er der Sohn eines wohlhabenden Fürsten war. Wer als Knappe in die Dienste eines Ritters trat, stammte für gewöhnlich aus einer Adelsfamilie. Und obwohl Rowan kein Ritter im Sinne eines Kriegers war, war es bei Sero auch so.

Der Knappe war im Schloss König Mareks in den Gesindequartieren untergebracht und bekam keine Extrawurst bei der Verpflegung oder dergleichen. Während seiner Zeit in Diensten Prinz Rowans galt er als Diener, er war weisungsgebunden und zu Gehorsam verpflichtet. Egal aus welchen gesellschaftlichen Kreisen er normalerweise stammte. Sero war in Wohlstand aufgewachsen. Der Dienst bei einem Ritter galt als Reifeprüfung, um den Charakter eines Adelssprosses zu formen und ihn zu Bescheidenheit und Fleiß zu erziehen. Viele Knaben leisteten diese Zeit zwischen dem vierzehnten und neunzehnten Lebensjahr nur widerwillig ab und verfielen nach deren Abschluss schnell wieder in ihre verwöhnten Angewohnheiten, doch Sero war anders geschlagen. Er war tüchtig, packte mit an, war höflich. Auch wenn er es liebte, den Dienstmädchen nachzustellen, leistete er seine Arbeit, die man ihm auftrug, oft zur vollsten Zufriedenheit ab. Sollte es der Wunsch des Jungen sein, könnte er nach Abschluss der fünfjährigen Dienstzeit bei Rowan bleiben, um ihm als Ritter zu dienen.

Doch bislang war dieses Thema noch nicht gefallen. Sero war erst siebzehn, er hatte noch Zeit, sich dafür zu entscheiden oder zu seiner Familie zurückzukehren und zu heiraten.

Der Junge nahm sich noch ein zweites Brot und krümelte voller Genuss seinen Teller voll. Sie wollten über den Tag eine ordentliche Strecke zurücklegen und mussten sich Kraftreserven zulegen.

»Iss auf, ich möchte dann aufbrechen«, unterbrach Prinz Rowan Seros leises Schmatzen. Der Junge nickte, steckte sich noch ein kleines Brot in die Manteltasche und leerte seinen Bierkrug. Ein leises Rülpsen zeigte, dass es ihm geschmeckt hatte.

Auch der Prinz schob sich ein, in ein Tuch eingewickeltes, Brotstück in die Tasche, nahm den Sack mit dem Proviant und legte dem Wirt noch eine Münze auf den Tisch.

Sie bedankten und verabschiedeten sich von dem freundlichen Gasthausbetreiber und verließen das Wirtshaus durch die Hintertür, die in die Ställe führte. Agrippa und Vito standen in einer sauberen Box und hatten beide einen Hafersack vor der Schnauze. Sie kauten hörbar und schnauften leise, als die beiden Männer sie aufsattelten und beluden.

»Sie sehen gut ausgeruht und gefüttert aus«, sagte Rowan und klopfte Agrippas Flanken ab. Das Pferd hatte die Muskeln angespannt und wirkte voller Energie.

»Ja. Das Heu, das ich gestern in die Box geschafft habe, war sehr gut und duftete nach Kräutern. Offenbar hat es ihnen geschmeckt. Die Rast hat ihnen gut getan.«

Prinz Rowan nickte und legte den Riemen von Agrippas Sattel um dessen Leib. Das Tier hatte sich aufgeblasen, um das Festzurren zu behindern. Seufzend stieß der junge Mann dem Hengst sanft seinen Ellbogen in den Bauch, damit dieser die Luft wieder ausstieß, und zog den Riemen fest.

»Dass du das immer wieder versuchst, mein Junge«, sprach er dem Hengst leise ins Ohr und streichelte sein Maul. Er hielt dem Tier ein Stückchen Brot hin, der es mit weichen Lippen aufnahm und laut kaute.

»Guter Junge. Sero, bist du so weit?«

Der Knappe schnallte die Satteltaschen an Vitos Sattel und band seine Decke fest. »Kann losgehen, Eure Hoheit.«

Rowan rollte die Landkarte in den Händen aus und studierte sie. »Hier ist ein Dorf eingezeichnet, fünfundvierzig Meilen von hier. Wenigstens bis da sollten wir es heute schaffen, wenn wir nicht im Freien übernachten wollen. Immer streng nach Nordost.« Der Prinz zog einen Kompass aus der Tasche und hielt ihn hoch. Schließlich nickte er, verstaute alles in seiner Manteltasche und nahm Agrippas Zügel.

»Lass' uns aufbrechen, wir haben einen weiten Weg vor uns.« Sero und Prinz Rowan stiegen auf ihre Pferde und verließen den Stall.

Das Städtchen Toph erwachte unter der kühlen Morgensonne und die Luft roch noch immer nach Schnee. Die hübschen Fachwerkhäuser erstrahlten im Licht, die Blumen in den Kästen reckten sich der Sonne entgegen und die ersten Menschen liefen auf den Straßen herum, dick vermummt. Der Atem kondensierte vor den Lippen Rowans, als er die Kapuze über die Ohren zog.

»Es ist kalt«, stellte er überrascht fest. Es war April, in Annwyn blühten die ersten Bäume und die erste Frühlingswärme breitete sich in der Ebene aus. In Trallien war von dieser Wärme jedoch nichts zu spüren. Die Temperaturen fühlten sich an wie im annwynischen Winter und der schneidende Wind war selbst durch die wetterfeste Kleidung zu spüren.

»Wir müssen die Pferde heute während der Rast in den Decken stehen lassen, damit die sich in diesem Wind nicht unterkühlen«, fügte der Prinz noch hinzu, während er seinen weißen Hengst durch die Straßen auf eines der östlichen Stadttore zusteuern ließ.

Die wenigen Menschen auf den Straßen grüßten freundlich und blickten dem stolzen Schimmel hinterher, der auch in dieser Gegend eine Besonderheit war.

Der Wind beschleunigte sich um ein Vielfaches, als die beiden jungen Männer durch das Stadttor ritten und auf die Brücke zusteuerten, die über den Daraius führte, den eiskalten und reißenden Gebirgsfluss, der Trallien als eine der wichtigsten Wasserquellen durchfloss. Das Gewässer rauschte laut und das Geräusch vermischte sich mit dem heulenden Wind, der aus den Bergen kam. Die Pferde schnaubten und auch die beiden Männer schnappten nach Luft, da die Kälte ihnen den Atem nahm.

»Junge, hier herrscht ja noch tiefster Winter«, keuchte Sero und zog den Umhang fester um seinen Hals.

»Das muss am Höhenunterschied liegen. Es wäre in Annwyn genauso, wenn es so hoch liegen würde.«

Die Hufe klangen laut auf der gepflasterten Brücke und der Knappe blickte über die Brüstung. »Schade, dass der Fluss in die falsche Richtung fließt. Sonst könnten wir auf einem Boot reisen. Dann wären wir schneller in Thalea.«

»Wir würden darauf erfrieren, Junge«, lachte Rowan, der eher argwöhnisch in die Fluten schaute. »Und ich würde tausend Tode sterben. Schon auf einer Fähre kann mich kaum etwas halten, geschweige denn auf einem Boot!«

»Ich weiß, Eure Hoheit«, kicherte der Knappe.

Die gepflasterte Brücke öffnete sich auf eine festgestampfte Schotterstraße, die deutlich zeigte, dass viele Reiter und Wagen diese täglich nutzten. Der Blick öffnete sich auf eine weite Ebene, die sich bis zum Horizont ausstreckte und endlos zu sein schien. Die hohen Gräser am Straßenrand wiegten sich im Wind der Hochebene und feine Schlieren, die nur Schnee sein konnten, wurden durch die Luft getragen.

Rowan atmete die kalte Luft tief ein. Er fror, da er bis vor einem Tag noch in der frühlingshaften Wärme Annwyns unterwegs gewesen war, doch er liebte die klare, saubere Luft Tralliens bereits jetzt. Diesen reinen Duft, den der Schnee auf den Bergen verursachte.

Die beiden Männer gaben ihren Pferden die Sporen und ritten zügig über die Ebene. Sie hatten immerhin eine ziemliche Strecke vor sich und der Prinz hatte kein Interesse daran, bei diesen niedrigen Temperaturen unter freiem Himmel zu nächtigen. Er wollte nicht riskieren, dass er, sein Knappe oder die Pferde in der Kälte erfroren. Er hoffte, dass der Frühling in Trallien Einzug hielt, solange sie dort waren, doch er wusste natürlich auch, dass das Wetter nicht das tat, was er wollte, nur weil er Kronprinz Rowan von Annwyn war. So arrogant war er nicht.

Während Agrippa und Vito über die Straße preschten, ließ der Prinz seinen Blick über die Ebene schweifen, die auf seiner Landkarte als »Herbacus« eingezeichnet war. Als grasgrüne Kräuterweide voller winterblühender Blumen und Pflanzen. Der Duft war trotz der Kälte deutlich wahrzunehmen und musste im Sommer um ein Vielfaches intensiver sein. Der Wind trug das Blöken von Schafen in Rowans Ohren, die er aber nicht sehen konnte.

Zur Mittagszeit hatte die Sonne über Trallien deutlich an Kraft dazugewonnen und Rowan zog die Kapuze von seinem Kopf. Die Kälte ließ nach, wenn es auch noch immer recht kühl war.

»Lass' uns eine kurze Rast machen«, rief der Prinz seinem Knappen zu, als sie einen kleinen Teich passierten, der von einem winzigen Bach gespeist wurde. Der Junge nickte, bremste seinen Hengst ab und sprang von dessen Rücken.

Die Pferde schnauften und waren ganz versessen darauf, an das Wasser zu kommen und Rowan legte seinen Umhang ab.

»Erstaunlich, dass es doch noch etwas aufgewärmt ist. Aber es ist immer noch ziemlich kalt.« Sero nahm einen großen Schluck aus seinem Wasserschlauch und strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht.

Rowan nickte und zog die Karte aus der Tasche. »Schade, dass es hier keine Meilensteine gibt. Es würde mich sehr interessieren, wie weit wir gekommen sind.«

»Ist der Teich hier nicht eingezeichnet?«

»Nein. Das ist ja fast nur eine Pfütze.«

»Diese Ebene ist unglaublich. Man hat das Gefühl, in einem Meer aus Gras zu stehen.« Sero drehte sich einmal im Kreis und atmete tief durch. »Und es duftet so gut.«

»Sehr, nicht wahr? Obwohl es so kalt ist. Iss etwas, damit wir bald weiterkommen«, murmelte Rowan und rollte die Karte wieder zusammen.

Der Junge nahm das kleine Brot aus seiner Jackentasche und versenkte seine weißen Zähne darin. Es war noch immer weich und er brummte genussvoll. Rowan brach ein Stück Käse aus dem Proviant und trank einen großen Schluck aus seinem Wasserschlauch.

»Es ist eine menschenleere Gegend, das ist unheimlich. Nachts muss es hier der pure Horror sein.«

Sero erschauderte und nickte seinem Herrn zu. »Deswegen bin ich auch froh, sobald wir in dem Dorf sind. Hier gibt es nicht einmal Laternen.«

»Kleiner Feigling«, schmunzelte Rowan.

»Ich fühle mich in der Dunkelheit nicht so wohl, ich gestehe es. Und ohne Licht auf einer Straße, die mir nicht vertraut ist, ist nicht nur unheimlich, sondern auch gefährlich.«

Der Prinz nickte, verspeiste sein bescheidenes Mittagsmahl und fütterte Agrippa mit einer Handvoll Hafer.

Die kühle Höhensonne begann nun doch, die beiden Männer ein wenig zu wärmen, auch wenn es mit der Tieflandsonne nicht zu vergleichen war. Doch durch das Fehlen der Bewegung spürte Rowan bereits nach wenigen Minuten, wie sich eine Gänsehaut unter seiner Kleidung bildete.

»Lass' uns weiterreiten, es ist kalt. Und die Pferde kühlen zu sehr aus.« Sero nahm noch einen Schluck aus dem Wasserschlauch, füllte diesen und den seines Herrn auf und befestigte diese wieder an den Sätteln der Pferde. Rowan legte seinen wollenden Umhang um die Schultern und die beiden setzten ihre Reise fort.


Sie lagen sehr gut in der Zeit. Die Sonne wurde zwar bereits rot, aber das kleine Dorf, das sie zu erreichen suchten, tauchte am Horizont auf. Der Prinz musste lächeln, denn das kleine Örtchen war zwar in der Tat winzig, doch lag sehr malerisch an einer Wegkreuzung, die Häuser waren ebenso wie in Toph hölzerne Fachwerkhäuser und die Straßen waren gepflastert. Eine lichte Gruppe kleiner, krummer Bäume, die aufgrund der dünnen Höhenluft nicht gut gewachsen waren, bildeten einen natürlichen Windschutz an der einen Seite des Dorfes. Lampen flackerten in der kühlen Abendluft und Rowan konnte Sero laut seufzen hören.

»Endlich. Mein Hintern tut weh. Ich bin das Reiten nicht gewöhnt«, rief er und der Prinz lachte bloß. Es stimmte. Sero verbrachte nicht sehr viel Zeit auf dem Rücken eines Pferdes. Er kümmerte sich zwar um Agrippa, aber reiten tat er selten. Ihm fehlten die Muskeln im Gesäß und den Oberschenkeln.

»Du kannst ja ein Bad nehmen.«

»Diesen Rat kann ich Euch auch nur weitergeben, mein Herr.«

Rowan wünschte sich tatsächlich zu baden. Er hatte sich seit vier Tagen nicht mehr richtig gewaschen, das war er nicht gewöhnt und das störte ihn erheblich. Er hoffte ebenso wie Sero, anzukommen, den harten Pferderücken zu verlassen und sich zu erfrischen.

Mit lautem Hufgetrappel ritten die beiden in das kleine Dorf ein, das dunkler wirkte, da die Häuser die Abendsonne schluckten. Lachen drang in die Ohren Rowans und er sah tatsächlich eine Gruppe kleiner Kinder mit einem Ball spielen.

»Gott sei Dank«, seufzte Sero und wollte seinen Hengst Vito gerade zügeln, als das Spielzeug mit einem lauten Klatschen vor den Hufen des Tieres aufprallte. Vito wieherte laut, riss die Vorderläufe hoch und bäumte sich auf. Der Knappe verlor den Halt und ein unschönes Geräusch war zu hören.

Comments

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    Icg frage mich schon eine ganze Weile zwei Dinge: hat es was mit dem Folksong Rose of Tralee zu tun und gibt es in Trallien auch Prinzen. . .??

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