1. Der Beratungstermin

Alexandra Taylor hegte bereits seit längerem den Wunsch, sich neben ihren beiden Hausdienern einen Liebesdiener ins Haus zu holen, um ihre Abende zu versüßen.
Leider war ihre erste Wahl ein Reinfall gewesen und Sandro bei einer passenden Gelegenheit geflohen. Ansonsten hatte er Alex ignoriert und war ihr aus dem Weg gegangen. Er gehörte zu den Männern, die in den Wäldern weit im Norden des Landes lebten. Dorthin entsandte die Regierung immer wieder Suchtrupps, die diese Geflüchteten einfangen sollten. Es gab dort auch Frauen, die das jetzige System kritisierten und lieber in einer gleichberechtigten Gemeinschaft leben wollten, so wie vor den Geschlechterreformen. Diese ehemaligen Diener konnten sich daher nur schwer abermals an das System anpassen. Alex hatte es versucht, gab ihm Zeit sich einzugewöhnen, aber sicher hatte er schon von Anfang an geplant zu fliehen. Deswegen hatte sie einen zweiten Beratungstermin bekommen, bei dem sie sich einen Ersatz für ihren Verlust aussuchen durfte. Dieser Tag war nun gekommen.
Die junge Frau kämpfte sich an diesem Vormittag durch den Großstadtverkehr zu dem weißen Gebäudekomplex des Host-Centers.
Hier lebten die Liebesdiener bis zu ihrem Einsatz und hier war auch die Vermittlungsagentur untergebracht, in der Alex ihren Termin hatte. Obwohl sie schon einmal hier gewesen war, verließ sie nervös ihr rotes Coupé und schritt auf das große Eingangstor mit dem Kontrollhäuschen zu.
Neben dem Tor stand eine Patrouille, die sogleich nach ihrem Anliegen fragte. Alex beantwortete deren Frage, worauf die Frau in dunkelblauer Uniform entgegnete: „Ach, Sie haben einen Termin in unserer Agentur. Ich führe Sie hin.“

Kurz darauf befand sie sich zum zweiten Mal im Büro der Vermittlung, wo die Frauen keine Uniform, sondern schicke Bürokleidung trugen.
Eine der Damen empfing Alex freundlich und bot ihr einen Platz an ihrem Schreibtisch an. Die Mitarbeiterin setzte sich wieder hinter ihren Computer. „Sie sind also hier, um sich einen Host auszuwählen.“
Alex nickte. „Ja, das ist mein zweiter Termin. Ich kann mir einen Ersatz für meinen ersten Diener aussuchen. Er ist nach kurzer Zeit geflohen.“
Die Dame bedauerte: „Oh, das tut mir leid. Das darf natürlich nicht passieren. Haben Sie bereits eine Vorstellung, wie er diesmal aussehen soll?“
„Tja, das wird schwer. Ich habe keinen bestimmten Typ, den ich besonders mag. Es kommt mir hauptsächlich auf seinen Charakter an. Mein Erster lehnte mich komplett ab. Er kam aus den Wäldern und wollte sich nicht mehr unterordnen. Daher möchte ich einen zuvorkommenden Diener mit guten Manieren.“
Ihr Gegenüber lächelte: „Da haben wir wenigstens ein bisschen was. Wie groß sollte er sein?“
„Hm, nicht unbedingt kleiner als ich. Also ab 1,75 m.“
Dieses Merkmal tippte die Angestellte sofort in ihren Computer ein.
Dann stand sie auf, zog einen dicken Ordner aus dem Regal hinter ihr und legte ihn vor Alex auf den Schreibtisch mit der Empfehlung, sich einmal einige eher weiblich aussehende Männer anzuschauen. Zwar waren androgyne Typen normalerweise nicht so Alex Geschmack, aber sie war diesmal für alles offen und wollte den Katalog einfach mal durchblättern.

Nachdem die Mitarbeiterin ihr einen Kaffee serviert hatte, ließ sie Alex wie letztes Mal in dem Aufenthaltsraum mit der großen Fensterfront zurück.
Die junge Frau setzte sich in einen der dunklen Loungesessel und legte den Katalog auf dem gläsernen Beistelltisch neben sich ab. Im Raum saßen noch zwei andere Frauen an je einem der Glastische, die ebenfalls Mappen mit Fotos vor sich liegen hatten. Alex schlug den Ordner neugierig auf, strich sich ihre langen braunen Haare zurück und begann ihn langsam durch zu blättern.
Die ersten Männer sprachen sie nicht sonderlich an. Sie sahen zwar gut aus, mit fein geschnittenen Gesichtern, aber waren nicht ihr Fall. Ob sie unter diesem Typ Mann einen finden würde, der ihr gefiel? Bisher waren alle sehr schlank und wenig männlich.
Inzwischen hatte sie drei Viertel des Kataloges durchgesehen und ihre Hoffnung darin ihren Hausgenossen zu entdecken, aufgegeben. Doch dann schlug sie eine Seite auf, von der ihr ein weißblonder Junge mit leuchtend blauen Augen entgegenblickte.
Bereits beim ersten Blick auf das Portrait war Alex fasziniert. Die hellen langen Haare in Kombination mit diesen Iriden, die einen Stich Türkis enthielten, stachen regelrecht heraus. Dazu die makellose Alabasterhaut im Gesicht und die vollen rosa schimmernden Lippen, die sich zu einem kaum angedeuteten Schmunzeln verzogen. Dieser Junge erweckte den Eindruck, kein Wässerchen trüben zu können.
Sie betrachtete dieses Antlitz versonnen und fragte sich, ob dieser Kerl in Wirklichkeit auch so aussah oder ob das Foto bearbeitet war. Sogleich blätterte sie weiter und fand dahinter seine Aktaufnahmen.
Sein Körper schien komplett haarlos zu sein, nur an den Unterarmen entdeckte sie Behaarung. In der Regel rasierten sich die Männer an der Brust, den Achseln, an den Beinen und in der Schamregion. Doch bei ihm war wohl kaum eine Rasur nötig. Die hellblonden Haare fielen ihm weich über die Schultern bis zur Brust hinab. Das sah man bei Liebesdienern nicht oft, dass sie so lange Haare besaßen, aber zu diesem Jungen passte es sehr gut. Alex las seine Daten. 1,79 m groß und tatsächlich bereits 20. Auf sie wirkte er allerdings wie 16 oder 17. War das ein zu großer Altersunterschied zu ihr? Immerhin acht Jahre. Doch diese Bedenken verwarf sie schnell wieder, denn viele schafften sich einen 18-jährigen Host an. Im Gesamten hatte er eine zierliche Gestalt. Relativ schmale Schultern, sehnige Arme, eine leicht strukturierte Brust, schlanke Beine und einen kleinen, knackigen Hintern. Erst zuletzt betrachtete sie sein Geschlecht, das ganz durchschnittlich war. Ein kurzes Nachsehen in seinen Daten bestätigte diese Annahme. Dort waren nämlich unter anderem die Länge und der Durchmesser der Erektion angegeben. Dazu noch die Einschätzung seiner Potenz, die anscheinend nicht ausgeprägt war. Bei einem Liebesdiener jedoch ein wichtiger Punkt. Der Junge war zwar nicht maskulin, aber außerordentlich hübsch, keine Frage. Große Augen, breite Augenbrauen, eine gerade schmale Nase, schön geschwungene Lippen und eine kantige Kieferpartie. Aber was war, wenn er im Bett nur schwer einen hochbekam. Was nützte ihr dann ein devoter Charakter? Das war ihr ja schließlich auch wichtig. Sie wollte in dieser Hinsicht etwas für ihr Geld bekommen. Zwar war Sandro nicht so teuer wie zum Beispiel der Host ihrer besten Freundin gewesen, aber immer noch genug Geld dafür, dass sie überhaupt nichts von ihm gehabt hatte. Deswegen wollte sie diesmal nicht mehr denselben Fehler begehen, wenn sie eine zweite Chance bekam. Bei Sandro war sie zu sehr nach dem Äußeren gegangen und hatte die Warnungen der Beraterin in den Wind geschlagen, gedacht, dass sie ihn schon bald für sich gewinnen konnte. Doch das hatte sich als fataler Trugschluss herausgestellt und sie war mit ihrer Entscheidung voll auf die Schnauze gefallen. Jetzt wollte sie alles richtig machen und einen Diener, der sie verwöhnte, lieb und folgsam war. Vielleicht versprach das total gegensätzliche Aussehen im Vergleich zum schwarzhaarigen, braungebrannten Sandro auch einen völlig gegensätzlichen Charakter. Das wäre perfekt!
Sie breitete die Fotos des Hellblonden auf dem Tisch aus und ließ sie eine Weile auf sich wirken. Je länger sie in dieses Antlitz, wie das eines Engels blickte, desto mehr wollte sie ihn haben. Gedankenversunken strich sie mit den Fingern über eines der Aktfotos, auf dem er von vorn zu sehen war. Seine Haare umrahmten weich sein Gesicht, seine Lippen waren leicht geöffnet und er sah direkt in die Kamera. Dieser verführerische Blick schien zu sagen: „Nimm mich! Ich gehöre dir.“ Alex wollte sich darauf einlassen. Ihn am liebsten küssen, streicheln und sich von ihm verwöhnen lassen. Seine Haut wirkte so zart und diese vollen Lippen waren bestimmt wie gemacht fürs Küssen. Ihr Bauch hatte bereits entschieden, nur der Kopf äußerte noch ein wenig Bedenken, aber sie konnte den Host ja innerhalb von einem Monat zurückbringen. Von daher hatte sie überhaupt kein Risiko. Dann würde sie schon herausfinden, wie standhaft er wirklich war. Doch sie wollte nichts überstürzen, denn durch Sandro war sie in dieser Hinsicht zurückhaltend geworden und würde den Neuen nicht gleich bedrängen.
Alex ordnete die Fotos wieder zu einem Stapel, packte den Katalog zusammen und kehrte zu ihrer Beraterin zurück.
„Ich habe einen gefunden“, und legte die Fotos des Hellblonden auf den Schreibtisch der Mitarbeiterin.
„Sehr gut. Dann lassen Sie mal sehen.“
Die Dame nahm die Fotos, sah auf die Nummer des Dieners und tippte sie in ihren Computer ein. Alex beobachtete ihr Gegenüber gespannt und stutzte, als diese die Stirn runzelte.
„Das ist ja merkwürdig. Mir wird angezeigt, dass er bereits vergeben ist.“
Diese Aussage versetzte Alex einen Stich. „Im Ernst? Aber ...“
Die Angestellte griff sofort zum Telefon. „Einen Moment bitte! Da kann etwas nicht stimmen. Normalerweise dürfte er dann nicht mehr in der Vermittlungsdatei auftauchen. Außer es hat ihn kurz vorher ebenfalls jemand ausgesucht.“
Das durfte jetzt nicht wahr sein. Hatte ihr eine andere den süßen Kerl etwa vor der Nase weggeschnappt? Alex war so beschäftigt mit ihren Gedanken, dass sie gar nicht auf das Gespräch der Mitarbeiterin hörte, die mit jemandem von Block C telefonierte.
Kurz darauf legte diese wieder auf und lächelte Alex breit an. „Entwarnung! Er gehört Ihnen.“
Alex griff sich vor Erleichterung an die Brust. „Oh, zum Glück! Ich hatte mich schon so auf ihn fixiert.“
Nach diesem Schreck las die Beraterin ihr noch weitere Infos zu dem jungen Mann vor. Er hieß Valentin und war ein sehr folgsamer Diener, der bisher nie negativ aufgefallen war. Das einzige Manko war anscheinend seine mangelnde Potenz. Nun, das würde Alex dann selbst beurteilen! Jedenfalls hörte sich sonst alles vielversprechend an und dieser Valentin gefiel ihr wirklich sehr gut. Für diese eine Sache gab es zur Not auch anregende Pillen, dachte sie schmunzelnd. Die Beraterin fragte noch, um welche Uhrzeit ihr der Host übermorgen gebracht werden sollte und mit dem Eintippen der Angaben, wie Name und Adresse der zukünftigen Besitzerin, setzte die Mitarbeiterin eine ganze Maschinerie in Gang.

Kurz darauf befand sich Alex auf dem Weg in das Maklerbüro, in dem sie angestellt war, und bekam diesen Liebesdiener nicht mehr aus dem Kopf.
Wenn sie an seine Ankunft in zwei Tagen dachte, wurde sie bereits aufgeregt. Durch Sandro war sie total verunsichert, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte. Am Besten gab sie ihm erst einmal Zeit sich einzugewöhnen und dann würde sie schon feststellen, wie er sich im Allgemeinen verhielt.
Nach ihrem letzten Besichtigungstermin mit einer Käuferin fuhr sie gegen Abend noch zu einem Geschäft, das Männerbekleidung führte. Die Kleider- und Schuhgröße wusste sie aus seinen Daten. Leider würden die Sachen von Sandro für Valentin zu weit sein und so musste sie für ihn einige neue Klamotten kaufen gehen. Natürlich nicht viel, da sie nicht wusste, ob sie ihn dauerhaft behalten würde. Ein paar T-Shirts, zwei Shorts, eine Jeans und einige Slips mussten für den Anfang genügen. Bei den Schuhen wählte sie ein Paar Sneakers aus. Zufrieden mit ihrer Auswahl machte sie sich schließlich auf die Heimfahrt.
Nachdem sie ihr Coupé in der Garage abgestellt hatte, betrat sie ihr zweistöckiges Haus, wo es bereits nach dem Dinner duftete, das ihr Hausdiener Joe vorbereitet hatte.
Des Weiteren lebte der 17-jährige Jake bei ihr, den sie ursprünglich wegen Sandro gekauft hatte, damit er sich um dessen Angelegenheiten kümmerte. Nun würde dieser sich eben um Valentin kümmern müssen.
Jake und Sandro waren sehr eng miteinander gewesen und der junge Diener schien den Ausreißer zu vermissen. Daher hoffte Alex, dass er sich auch gut mit Valentin verstehen würde.


Am nächsten Morgen im Host-Center saß Valentin an einem der langen weißen Tische im Speisesaal beim Frühstück. Vor sich ein Tablett mit Brot, magerer Wurst und Joghurt. Außer Kaffee gab es Tee und Wasser. Valentin unterhielt sich nebenher ein wenig mit seinem Nebenmann über Belangloses, da sie hier eh kaum etwas erlebten. Jeden zweiten Tag Krafttraining, zwischendurch Schwimmen, regelmäßige Termine bei der Kosmetikerin zur Körperhaarentfernung und Pflege. Dazu kamen die lästigen Liebesdienste.
Während seiner Unterhaltung bemerkte er zwei unbekannte Aufseherinnen hereinstolzieren. Was wollten die hier?
Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihm aus, als sie in seine Richtung steuerten, doch es könnten ja auch die anderen um ihn herum gemeint sein. Zu seinem Entsetzen stoppten sie auf seiner Höhe und eine von ihnen fragte: „Bist du Valentin?“
Nun rutschte ihm das Herz vollends in die Hose, wandte sich ihr schüchtern zu und nickte nur. Was hatte er angestellt, überlegte er fieberhaft, aber ihm fiel nur eine Sache ein, die Ärger bedeuten konnte. Die außerplanmäßigen Liebesdienste an zwei Aufseherinnen. Ihr Befehl „Mitkommen!“ ließ ihn zusammenzucken. Valentin erhob sich zaghaft und folgte notgedrungen.
Zuerst führte ihr Weg aus seinem Block heraus, in einen anderen Bereich hinein, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Hier reihten sich rechts und links der langen grauen Flure Einzelzellen aneinander.
Bekam er jetzt Arrest für seine verbotenen Taten, die er nicht freiwillig begangen hatte? Die Ungewissheit verursachte ihm leichte Übelkeit. Die beiden Wächterinnen eskortierten ihn jedoch weiter, bis sie in einen wohnlicheren Flur, mit einigen Pflanzen und Bildern an den Wänden, kamen. An einer Tür am Ende des Ganges klopfte eine seiner Begleiterinnen an.
Von drinnen hörte er ein „Herein“ und die Aufseherin, die geklopft hatte, öffnete die Tür. „Guten Morgen, Mrs. Miller. Hier ist Valentin.“
Mit diesen Worten schob sie ihn vorwärts in das Büro der Direktorin und schloss hinter ihm die Tür.









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    Hi, ich dachte, ich schau mal rein. Valentin ist eine echt arme Seele. Ich hoffe, deine Art der Dystopie hat für ihn ein glückliches Ende. Echt toll geschrieben. :) und außergewöhnliche Idee!

beta
Fairy Dust

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