1. Dezember

Autor-Notiz: Dies ist der zweite Teil meiner "Für immer ihr Geheimnis"-Serie. Es ist besser, aber nicht zwingend notwendig, den ersten Teil "Wie Alles Begann" (ein Oneshot) gelesen zu haben, wer jedoch die Beziehung zwischen Hermine und Draco wirklich verstehen will, sollte schon einen kurzen Blick darein werfen!

______________

Es wäre eine Lüge, wenn er behaupten würde, dass Hermine Granger und er Freunde waren. Sie sprachen nicht einmal miteinander. Oder zumindest nicht, wenn nicht zuvor Potter oder Weasley einen Streit mit ihm angefangen hatten. Doch er wäre ebenso ein Lügner, wenn er behaupten würde, dass er sie noch immer nur als Teil des berüchtigten Goldenen Trios von Hogwarts betrachten würde. Das konnte er nicht mehr, nicht, seit dem merkwürdigen Vorfall vor über einem Jahr.

Sie hatte nach einem verlorenen Quidditch-Spiel im fünften Schuljahr auf ihn gewartet. Ihn aufmuntern wollen. Und sie hatte nicht locker gelassen, obwohl er sich die größte Mühe gegeben hatte, sie zu verscheuchen. Wer hätte auch geglaubt, dass ausgerechnet Granger sich die Mühe machen würde, auf Draco Malfoy zu warten - noch dazu, um seine Laune zu heben.

Wie es zu dem Kuss zwischen ihnen hatte kommen können, verstand er allerdings bis heute nicht.

Sie waren wirklich keine Freunde geworden danach. Beide hatten den Vorfall für sich behalten, hatten geschworen, dass es für immer ihr Geheimnis bleiben würde. Und trotzdem konnte er sie nicht länger als Feindin ansehen - oder gar auf ihren Blutstatus herabschauen. Sicher, sie war noch immer Potters beste Freundin, eine unausstehliche Streberin im Unterricht und auf anstrengende Weise rechtschaffend. Aber seit er wusste, dass sich ihre Güte und Hilfsbereitschaft auch auf jene erstreckte, denen sie nicht nahe stand, hatte sie seinen Respekt gewonnen. Sie war eine starke junge Frau. Er war nur ein schwacher Junge.

Warum also saß sie da am Fuße der Wendeltreppe und weinte? Sie weinte, als wäre ihre Welt zusammengebrochen, ganz alleine, nur umgeben von ein paar kleinen Vögeln, die offensichtlich magischen Ursprungs waren. Draco wünschte sich, er könnte einfach zu ihr hingehen und sie aufmuntern, so, wie sie es vor einem Jahr getan hatte. Doch er war nicht Hermine Granger, er tat so etwas nicht. Insbesondere nicht in diesem Jahr, nicht jetzt, wo seine außerschulischen Aktivitäten ihn eigentlich zu ihrem erbitterten Feind machen müssten. Er spürte so schon, wie das Dilemma an seinen Nerven zerrte. Jede Handlung im Namen Voldemorts war direkt oder indirekt gegen Schlammblüter wie Hermine Granger gerichtet. Er wusste, er sollte stolz darauf sein, für einen Auftrag ausgewählt worden zu sein, er war es auch. Zumindest im Sommer war er es gewesen. Jetzt war er sich nicht mehr so sicher. Es war Wahnsinn zu versuchen, Dumbledore zu töten. Es war unmöglich. Und das verfluchte Verschwindekabinett reparieren zu wollen, war ebenso Wahnsinn.

Ein mädchenhaftes Kichern schreckte Draco aus seinen Gedanken auf. Vom oberen Ende der Wendeltreppe näherten sich Schritte. Unter keinen Umständen wollte er riskieren, dass jemand sah, wie er hier stand und Granger beobachtete. Beinahe ebenso wenig wollte er ihr jetzt unter die Augen treten, doch er hatte keine andere Wahl: Er musste die Treppe nach unten verlassen, wenn er nicht von wem auch immer, der gerade die Treppe herunter kam, gesehen werden wollte. Mit gesenktem Kopf huschte er an Hermine vorbei, schenkte ihr keinen Blick, wollte um jeden Preis verhindern, dass er anerkennen musste, sie beim Weinen gesehen zu haben.

Mit entschlossenen Schritten durchquerte er den großzügigen Raum am Fuße der Wendeltreppe, der in einen weiteren Gang führte. Kaum war er um die Ecke gebogen, hielt er inne. Konnte er wirklich so einfach an Granger vorbeigehen? Schuldete er ihr nicht zumindest eine kleine aufmunternde Geste für ihren Einsatz letztes Jahr?

Er wollte gerade aus dem Gang zurück in den Raum treten, da sah er, wer die Wendeltreppe hinunter gekommen war. Entsetzt hielt er den Atem an und presste sich flach in den Schatten der Wand. Das Wiesel und irgendein blondes Mädchen standen vor Hermine. So unauffällig wie es ihm möglich war, beobachtete er die merkwürdige Szene, die sich vor seinen Augen entfaltete.

"Oh", kam es erheitert von Lavender: "Ich habe gar nicht gesehen, dass hier jemand ist."

Draco konnte sehen, wie sie sich an Weasley schmiegte, absichtlich ihre Brüste gegen seinen Oberarm presste und ihre Hände besitzergreifend auf seine Schultern legte. Seit wann hatte dieser Versager eine Freundin?

"Alles klar bei dir, Mine?", kam es von eben jenem, der zu Dracos Überraschung merkwürdig betreten drein schaute. Zum ersten Mal seit er sie beobachtete, hob Hermine ihr Gesicht. Es war tränenüberströmt, doch der Blick, den sie ihrem besten Freund zuwarf, war mörderisch: "Geh weg, Ronald."

"Wenn ich gewusst hätte, dass du hier bist...", setzte er erneut an, doch sofort wurde er von Hermine unterbrochen: "Du bist so ein Idiot!"

Und noch ehe Draco wusste, was er mit dieser schrägen Situation anfangen sollte, hatte Hermine sich erhoben und ihren Zauberstab gezückt. Der angsterfüllte Ausdruck auf Weasleys Gesicht war beinahe komisch - was dachte der Trottel, würde Granger tun? Draco kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie innerhalb der Schulmauern niemals Magie zum Angriff nutzen würde. Doch er irrte sich.

Mit offenem Mund sah er zu, wie die Vögel, die zuvor friedlich um Hermines Füße gehopst waren, sich in die Luft erhoben und zielstrebig auf Weasley zuschossen. Ein hohes Quietschen ertönte und schneller, als man es ihnen zutrauen würde, flohen Weasley und seine Freundin die Treppe hinauf. Schniefend ließ Hermine sich wieder auf die Treppenstufe sinken und brach in unkontrolliertes Schluchzen aus.

Sie kann unmöglich in Weasley verliebt sein, dachte Draco bei sich, doch er wusste, eine andere Erklärung gab es nicht für diese mehr als merkwürdige Szene. Was fand Granger nur an diesem rothaarigen Trottel? Und wie hatte der es geschafft, so ein vollbusiges Weib für sich zu gewinnen?

Noch ehe er selbst wusste, was er da tat, trat er aus dem Schatten heraus und auf sie zu: "Beeindruckend, Granger", kommentierte er spöttisch, während er mit verschränkten Armen an der Wand lehnte: "Eine weitere Erinnerung daran, dass ich nie wieder deinen Zorn auf mich ziehen will."

Mit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an: "Du hast gelauscht?"

Kurz überlegte Draco, wieder nur eine ironische Antwort zu geben, doch das brachte er nicht über sich. Egal, ob seine Loyalität zu Voldemort gehörte oder nicht, vor ihm saß ein weinendes Mädchen, das ihm einst einen Gefallen getan hatte. Er ließ die Arme sinken und trat noch einen Schritt auf sie zu: "Vermutlich bedeutet es dir gar nichts, das von mir zu hören, aber... du solltest dein Selbstwertgefühl wirklich nicht an die Zuneigung eines hormongesteuerten Teenagers hängen. Und schon gar nicht an Weasley. Wir wissen beide, dass ihm die nötigen grauen Zellen fehlen, um deine Intelligenz schätzen zu können."

Sekundenlang starrte sie ihn einfach nur an. Ihre Tränen hörten auf zu fließen, doch ihr intensives, ungläubiges Starren machte ihn merkwürdig befangen. Nervös fuhr er sich durch sein Haar: "Der Ausdruck steht dir nicht, Granger. Am Ende denkt noch jemand, du wärst genauso blöd wie Weasley."

Da sie noch immer nicht antwortete, zuckte er schließlich mit den Achseln, murmelte ein: "Dann halt nicht. Man sieht sich", und setzte seinen Weg fort. Er hatte sich alle Mühe gegeben, sie aufzumuntern, wenn sie nicht wollte, hatte sie Pech gehabt.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media