1. Jagt

Ich atmete keuchend, als ich versuchte auf schnellstem Wege auf die andere Seite des Flusses zu gelangen. Das Wasser bremste bei jedem Schritt, was die gesamten Muskeln meines Körpers vor Anstrengung in Feuer verwandelte. Ich hörte das Knurren knapp hinter mir, Panik und Angst, waren mein ständiger Begleiter. Mein Herz raste und drohte mir aus der Brust zu springen. Lange konnte ich nicht mehr davonrennen. Sie waren unwahrscheinlich schnell. Schneller als jene, denen ich bisher begegnet war. Was zugegeben nicht viele waren.
Auf der anderen Seite, triefend nass angekommen, rannte ich ohne mich umzuschauen weiter. Früh genug würde ich ihre Zähne spüren, ihre Gewalt erfahren. So weit durfte es nie kommen. Ich keuchte und schnaubte, meine Lunge begann es meinen Muskeln gleichzutun. Jeder Atemzug schmerzte, zog und wurde zur Qual. Trotz des Adrenalins, spürte ich wie mein Köper nachließ, jede weitere Minute mehr aufgab und sich nach Ruhe sehnte, der Ruhe die sie mir bringen würden. Wie eine Welle zog die Panik über mich, feuerte den letzten Rest Lebenswillen in mir an. Ich wollte nicht sterben, würde nicht sterben. Wenn ich mir das nur sagte ...
Zu lange ging es schon so. Wie lange lief ich schon? Minuten, Stunden, ich konnte nur sagen, dass die jagt beginnen hatte als die Sonne am höchsten stand und sie nun bereits hinter dem Horizont verschwunden war und mich der kühlen Nacht überließ.
Ich kam an einem Steinbruch an. Da ich kaum noch Kraft hatte zu laufen, entschied ich mich für einen anderen Ausweg. Einen Pfad den Berg hinab, floh ich in einen Tunnel. Die Hoffnung in mir keimte, vielleicht würden sie mich nicht verfolgen. Doch ein Schatten in mir wusste es besser. Die Balken, die die Wände hielten, knarzten laut unter dem Gewicht der Erde über uns. Es klang wie ein trauriges endloses Lied. Morsch und Marode bogen sie sich durch, bereit endlich nachzulassen und der Zeit ihren Lauf zu lassen. Unwillkürlich erinnerten sie mich an mich ...
Ich hoffte, das Aussehen der Balken würde meine Verfolger abhalten und rannte immer tiefer in den endlosen schwarzen Tunnel hinein, auf die Gefahr hin, nie wieder hinauszufinden. Wer wusste schon, ob nicht doch noch ein Wunder passieren konnte ... Kaum kam mir der Gedanke, hörte ich Männerstimmen, die die Wölfe antrieben. Dessen mordlustiges Knurren, hallte an den Wänden wieder und wieder so weit das es nun auch vor mir zu sein schien. Es war mein Ende ... verzweifelt lief ich tränenüberströmt weiter. Ein Schluchzen entglitt meiner Kehle, ich strauchelte, stolperte über den steinigen Boden. Meine Kraft war am Ende. Ich wollte nicht sterben, nicht jetzt, nicht hier, nicht durch ihn. Er hatte mir schon so viel genommen.
Mich sollte er nicht auch noch nehmen.
Ein einer Abzweigung angekommen hielt ich inne. Einerseits um zu verschnauben, andererseits ... Welchen Weg sollte ich nehmen? Ich hatte keine Zeit, ich musste handeln. Schlaff hingen meine Arme hinab, meine Haut glühte. Der Schweißfilm auf meiner Haut versuchte meinen ganzen Körper vergeblich zu kühlen. Ich könnte mich einfach fallen lassen, könnte liegen bleiben und bald wäre alles vorbei. Etwas in mir Pakte mich. Nicht die Panik, nicht der Lebenswille, es war etwas anderes, tiefer in mir verankert als alles andere. Ich sah mir die Gänge an, mir lief die Zeit davon und ich trödelte!
Rechts ... links ... leben ... sterben. Ich rannte nach rechts. Wertvolle Zeit war mir verloren gegangen, sicherlich würden sie mich gleich eingeholt. Mein Atem stockte bei jedem Schritt. Staub benetzte meine Lungen und nahm mir den wertvollen Sauerstoff, den ich brauchte. Ich rannte und rannte, bis ich um die nächste Ecke bog und gegen eine steinige Wand prallte.
Eine Sackgasse.
Fassungslos starrte ich auf den versperrten Weg. Es schien ein eingestürzter Gang zu sein. Einer der mich nun alles Kosten würde. Meine Schultern sackten hinab, aus der Hitze meines Körpers, wurde eisige Kälte. Es war vorbei ...
„Was sehe ich denn da?“ Seine dunkle rauchige Stimme verhöhnte mich. Ich hasste sie, sie und ihren Besitzer inbrünstig, denn er hatte mir alles genommen, alles.
„Tu es nicht“, flehte ich, während ich mich langsam zu ihm umwendete. Er sollte mein Gesicht sehen, sollte sehen, was für ein bösartiges Wesen er war.
Seine Gestalt hatte sich nicht verändert, wie ein Bär versperrte er mir den Weg ins Freie. Seine Hände zu Fäusten geballt, die schon so oft die Schädel seiner Opfer zertrümmert hatten. Ich hatte es selbst gesehen ... Bei der Erinnerung stiegen weitere Tränen auf, liefen mir über das staubige Gesicht. Er strich sich durch das Pech schwarze Haar, dabei trug er ein höhnisches Grinsen.
Ich bin die Nächste, flüsterte mir mein Verstand zu. Er wird mich leiden lassen, für Dinge, die ich nie getan hatte. Ich blickte ihm genau in die Augen, er sollte sehen das er mich nicht gebrochen hatte, auch wenn ich innerlich in Scherben lag. Er wirkte gelassen, als würde ihn das Kommende unberührt lassen. Mir lief ein Schauer über den Rücken und ich presste die Fäuste zusammen, dies entging ihm nicht. Sei boshaftes Grinsen vergrößerte sich. Es schien ihm Spaß zu machen uns Leiden zu sehen. In seinen Augen spiegelte sich abgrundtiefer Hass. Hass den wir nicht verdient hatten.
„Es wird weh tun“, versicherte er mir. „Es wird langsam sein, das verspreche ich dir“, säuselte er, als wäre es eine Liebesbotschaft. Ich verzog angeekelt das Gesicht.
„Wieso? Was habe ich dir getan?“ Mein Herz setzte einen Schlag aus. Meine Haare stellten sich auf, bei dem Gedanken schluchzend, flehend und voller Qualen aus der Welt zu treten. Hinter ihm tauchten mehrere leuchtende Augenpaare auf. Wölfe, die ihm halfen, uns zu vernichten. Diesmal endgültig.
„Du existierst“, ließ er mich wissen und begann langsam auf mich zuzugehen. Ich wich zurück, bis die steinerne Wand meinen Rücken berührte. Meine Hände legten sich auf die lockende Kälte. Bald würde ich genau so kalt sein wie sie, leblos, verlassen. Doch es gab keinen Ausweg, hinter mir die Mauer, vor mir die nach Blut lechzenden Wölfe.
„Na los, wehr dich.“ Ich schnaubte, was sein Grinsen verschwinden ließ. Ich würde es nicht wagen, meine Macht gegen ihn zu wenden. Nicht jetzt, noch nicht. So blöd wäre ich nicht.
„Vin.“ Blitzartig gehörte unsere Aufmerksamkeit der Frau, die hinter ihm aus den Schatten trat. Meine Augen wurden groß. Das konnte nicht sein, durfte nicht sein! Ich kannte sie ... Zorn erfüllte meine Seele.
„Lass sie leiden“, fügte sie hinzu. Ich war zu bestürzt, zu abgelenkt, dass ich nicht reagieren konnte, als er einen Satz machte und seine Hände sich um meinen Hals legte. Ich versuchte mich seinem Griff zu entreißen, dadurch wurde er nur fester.
Er presste seine riesigen Hände fest um meinen Hals, schnürte mir die Luft ab. Ich begann zu röcheln, Panik kam auf. Ich hob die Hand, ohne das ich es wollte verursachte sie eine Schockwelle, die ihn zurückwarf. So wie alle anderen im Tunnel. Mit wutverzerrtem Gesicht stand er auf, was hatte ich für eine Wahl, ich musste kämpfen. Ich atmete tief durch, machte mich für den nächsten Angriff bereit.
Geschmeidig griff er in die Tasche, sein Gesicht mit einem verzerrten Grinsen geschmückt. Mit einer fließenden Bewegung nahm er etwas aus seinem Gürtelhalfter. Etwas Glänzendes kam hervor.
Ein Messer.
Silbern.
Tödlich für alle meiner Art.
Ich war nicht leicht zu töten, wie alle anderen Schwestern konnte ich vieles überleben. Nur nicht dies. Dieses Messer war anders, es würde mir wie ein Biss eines Werwolfes alles rauben. Es würde sich in mein Fleisch bohren und mich dann auflösen. Im wahrsten sinne des Wortes würde ich innerlich brennen, bis nichts mehr übrig war. Zerfallen zu Staub. Mehr würde nicht übrig bleiben.
„Beende es!“, schrie das Miststück von hinten. „Töte sie!“ Ihre Augen funkelten mit einem Feuer, das in ihr schon lange zuvor gebrannt hatte. Ihren Hass gegen ihre eigenen Leute, verstand ich trotzdem nicht. Er schnellte hervor. Ich wollte ausweichen, doch er packte mir in die Haare, riss mich an sich. Dann spürte ich es. Ein stechender Schmerz. Er presste mich an sich, ich sah hinab, dort in meinem Bauch steckte das silberne Messer. Der Stoff meiner Kleidung tränkte sich mit Blut. Dann begann es, das brennen. Es breitete sich vom Messer aus, infizierte alles was um es herum lag und loderte weiter. Ich begann zu schreien. Ich stand in Flammen, die niemand jemals sehen würde. Er schmiss mich zu Boden und stach erneut zu, immer und immer wieder. Quälend ließ ich es über mich ergehen. Die schmerzen lähmten mich. Ich spürte, wie ich mich auflöste, Stück für Stück. Mein Herz sprang aus meiner Brust. Meine Lungen begannen ihre Arbeit einzustellen. Alles um mich herum wurde zunehmend trüber. Mein System gab nach, der Schrei erlichte und ich konnte nichts mehr tun. Der Schmerz war schlimmer wie zuvor, trotzdem rührte ich mich nicht mehr. Ich lag nur da, nicht in der Lage mein Ende zu beschleunigen. Ich spürte wie meine Haut aufplatzte, wie ich der Boden von meinem Blut getränkt wurde. Es war vorbei ...
Vin hockte sich neben mich. Seine braunen leeren Augen blickten mir tief in die Seele. Ich meinte Zufriedenheit sehen zu können, Erleichterung ... Befriedigung. Dieser Mann lebte, um uns zu töten. Wie schon einst bei der Hexenjagd in Salem.

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