1. Vierzehn

Dass der Tag scheisse werden würde war Toni schon klar, als er sich beim Aufstehen in seiner Decke verhedderte, aus dem Bett auf den Boden fiel und sich unsanft die Schulter prellte. Beim Frühstück brannte ihm der Toast an, im Bus zur Schule war kein Platz mehr frei und als sie vor dem Klassenzimmer warteten und der Lehrer schon in Sichtweite war, fiel ihm ein, dass er die Mathehausaufgaben vergessen hatte und sie schnell noch von Lydia oder Max abzuschreiben war völlig unmöglich. Natürlich kam er dann als Erster an die Reihe, als die Hausaufgaben abgefragt wurden und er war sich schon sicher, dass die Erwähnung im Klassenbuch der Höhepunkt dieses Tages wäre.

Bis seine Mutter ihm die Tür öffnete, als er endlich und viel zu spät zu Hause ankam, weil ihm der Bus vor der Nase weggefahren war. Wenn sie ihm die Tür öffnete, obwohl doch deutlich zu hören war, dass er sie grade aufschloss, war irgendetwas Schwerwiegendes passiert. Schlechte Nachrichten teilte sie ihm meistens an der Wohnungstür mit.

"Was ist passiert?" wollte er wissen und ging im Kopf schon mögliche Szenarien durch angefangen von wieder einmal angebranntem Essen bis hin zu der Aussicht, in neun Monaten ein Geschwisterchen zu haben, etwas, worüber seine Mutter und Peter schon länger sprachen und irgendwann musste es dann ja mal passieren. Bei dem Gedanken verzog Toni das Gesicht. Ein Baby, das rumschrie, ihn beim Schlafen störte, seine Bücher zerriss und überall mit verschmierten Fingern hinpackte war genau das, was er absolut nicht gebrauchen konnte.

Seine Mutter hatte, während er nachdachte, bereits angefangen zu erzählen und erst waren ihre Worte mehr oder weniger ungehört an ihm vorbeigerauscht, bis er die Schlagworte ,Portugal' und ,leider nicht' aufschnappte. Ein heftiger Stich durchschoss seinen Körper. "Wir fahren nicht nach Portugal?!" fiel er seiner Mutter fassungslos ins Wort.

 Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. "Tut mir Leid. Aber du hast doch mitbekommen, dass Peter und ich uns im Moment nur noch streiten. Da kann ich nicht drei Wochen in Portugal mit ihm zusammenhocken! Wir müssen erst mal wieder auf einen grünen Zweig kommen."

 "Dann fahren wir eben ohne ihn!" rief Toni. Das wäre ihm sowieso am liebsten gewesen. Aber natürlich keine Option für seine Mutter. Sie sah ihn mit grunzelter Stirn an und schüttelte den Kopf.

 "Nein, wir fahren nicht ohne ihn! Ich versteh nicht, wieso du nicht mal probierst, mit ihm klarzukommen. Er versucht immer alles und du blockst jedes Mal ab?!"

 "Er behandelt mich wie ein Kind," erwiderte Toni. Er spürte, dass er wütend wurde, aber Wut war hier völlig verschwendet, denn sie würde sowieso nichts ändern. Er versuchte deswegen, sie zu verdrängen - bis seine Mutter entgegnete: "Du bist doch auch ein Kind!" Da war sie mit einem Schlag wieder da, heiß stieg sie ihn ihm hoch und jetzt kam er nicht mehr dagegen an. "Ich bin vierzehn!" rief er. "Ich bin kein Kind mehr! Und das soll er einfach einsehen!"

 Ein amüsiertes Lächeln umspielte die Mundwinkel seiner Mutter, was Tonis Zorn nur noch einen erneuten Schub versetzte. Doch bevor er irgendetwas sagen konnte, von dem er noch gar nicht genau wusste, was, aber irgendetwas musste es einfach sein um seiner Mutter klarzumachen, was das hier für eine ernste Sache war, sagte sie: "Gut, dann muss der erwachsene Toni sich jetzt damit abfinden, dass er nicht drei Wochen nach Portugal fliegt sondern zu seiner Tante aufs Land fährt."

 Toni riss die Augen auf. "Das ist doch ein Witz, oder?!"

 "Nein, ist es nicht. Ich hab grad schon mit Nadja gesprochen, sie freut sich schon total, dich mal wiederzusehen. Überleg mal, du warst sechs, als wir das letzte Mal da gewesen sind. Und du wirst Kamilla wiedersehen. Ihr habt früher so gerne zusammen gespielt. Auf ihrer tollen Burg. Na komm, denk nur mal kurz dran zurück, dann wird dir einfallen, wie super das war."

 "Es ist doch gar nicht ihre Burg!" schnappte Toni. "Sie haben da doch bloß die Gärtnerei!" Ziemlich idiotisch jetzt mit sowas zu kommen, als ob das Argument war, nicht zu seiner Tante zu fahren. Es gab doch sowieso keine Argumente, die er vorbringen konnte, denn letztendlich war er ja doch nur ein Kind, das gegen seinen Willen herumgeschubst werden konnte.

 Aber Wut und Enttäuschung, die sich in ihm zu etwas sehr Ungemütlichem vermischt hatten, bestanden darauf, dass er hier auf keinen Fall einfach nachgab und auch unsinnige Argumente waren besser als gar keine.

 Seine Mutter verdrehte die Augen. "Ja, Herr Neunmalklug, ist schon recht. Es ist nicht ihre Burg. Aber das ändert nichts daran, dass du es da früher ganz toll fand. Also versuch dich an diese Zeit zu erinnern, dann findest du es vielleicht bald auch ganz toll, hinzufahren."

 "Und außerdem ist Kamilla jetzt auch nicht mehr so wie damals. Sie ist ja jetzt auch 8 Jahre älter," versuchte Toni es weiter, während er seiner Mutter in die Küche folgte. "Sie ist bestimmt jetzt auch so'n dummes Mädchen."

 Seine Mutter drehte sich zu ihm um und lachte. "Ein dummes Mädchen? Was ist das denn für eine Aussage für jemanden, der schon so erwachsen ist? Was ist denn ein ,dummes Mädchen'?"

 Ein Teil in Toni pflichtete ihr bei, ja es war wirklich eine sehr blöde Aussage, allerdings konnte er jetzt auch nicht mehr zurück, das ließ weder sein Stolz noch sein Dickkopf zu. Egal, wie blöd es jetzt wurde und als er sagte "Sie lackiert sich die Nägel, redet nur über Pferde und kreischt ständig rum!" wurde es sogar noch blöder. Aber er steckte nicht zurück. Er stand da und sah seiner Mutter fest in die Augen.

Die zog die Nase kraus. "Aha? Aber lackiert Lydia sich nicht auch die Nägel. Ich hab sie auf jeden Fall schon mit welchen gesehen. Ist sie dann auch ein dummes Mädchen? Oder doch nur ein halbdummes, denn auf Pferde steht sie ja, soweit ichs mitbekommen habe, nicht."

 Weiterhin sah Toni sie starr an, den Triumph, den Blick abzuwenden und ihr zu zeigen, dass er grade nach Worten suchte, gönnte er ihr nicht. Doch während er noch suchte und immer mehr in Panik geriet, weil das Argument, mit dem er diese Auseinandersetzung haushoch für sich entscheiden würde, einfach nicht kam, legte seine Mutter ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

 "Ich versteh ja das du enttäuscht bist und ich bin es auch. Ich wäre auch total gern nach Portugal gefahren. Doch du musst auch mich verstehen. Das mit Peter kann ich nicht einfach zur Seite schieben. Aber ich verspreche dir, wir werden definitiv hinfahren und dann gucken wir uns alles an, was du sehen willst, versprochen!"

 "Hm," machte Toni nur. Er brauchte das Mitleid, denn es war definitiv Mitleid, von seiner Mutter nicht, denn es kam nur, weil er vorher so einen Stuss gefaselt hatte. Aber zumindest hatte es dafür gesorgt, dass er jetzt aus dieser Situation verschwinden konnte.

 Er knallte seine Zimmertür hinter sich in Schloss. Eigentlich gab es gar keinen Grund dafür, aber er konnte sich selbst nicht davon abhalten. Dann warf er sich aufs Bett und vergub das Gesicht im Kissen. Selbstverständlich spielten sich jetzt Dutzende von Szenarien vor seinem inneren Auge ab, in dem er erwachsen und vernünftig mit seiner Mutter diskutierte und es fielen ihm lauter gute Sachen ein, die er hätte sagen können.

 Er stöhnte einmal frustriert auf, wälzte sich auf den Rücken, starrte an die Decke und versuchte Erinnerungen an damals heraufzubeschwören. Es waren nur undeutliche Bilder, aber so sehr er sich auch bemühte sich sicher zu sein, dass es furchtbar gewesen war, er konnte es nicht.

 Natürlich wusste er nicht mehr genau, wie die Burg ausgesehen hatte, aber dass sie so gewesen war, wie er sich immer eine richtige Ritterburg vorgestellt hatte, daran erinnert er sich genau. Sie hatte eine Zugbrücke, einen Burgraben und einen hohen Turm gehabt und natürlich hatten sie Ritter und König gespielt und war einfach herrlich gewesen, so sehr Toni auch versuchte, das vor sich selbst zu leugnen.

 Bis ihm plötzlich die Erkenntnis kam, dass es, da er ja sowieso nicht an den Ganzen ändern konnte, vielleicht besser wäre, einfach zuzulassen, dass es ihm damals gefallen hatte und dass es sicherlich nicht so schlimm würde, wie er es sich grade ausmalte. Es wäre zwar mit Portugal nicht zu vergleichen, aber dass er dahocken und kreuzunglücklich sein würde, würde auch nicht passieren.

 Sein Vorsatz wurde allerdings auf eine harte Probe gestellt, als er sich später noch im Park mit Lydia und Max an ihrer üblichen Stelle bei den Tischtennisplatten auf dem Spielplatz traf und von ihnen ein paar mitleidige Blicke erntete, nachdem er alles erzählt hatte.

 "Das ist ja echt scheisse," meinte Lydia und legte ihm die Hand auf den Arm. "Kannst du nicht irgendwas dagegen machen?"

 Toni lachte einmal freudlos. Nachdem er sich vorhin schon einigermaßen mit seinem neuen Urlaubsziel angefreundet hatte, verließ er diese Position jetzt nur allzugern wieder. "Meinst du, ich hab nicht gesagt, dass ich da nicht hinwill?! Aber das ist ihnen doch total egal. Noch können sie mit mir ja machen, was sie wollen."

 "Ja, leider," erwiderte Lydia nur, aber aus ihrer Stimme hörte Toni genau das heraus, das sie nicht ausgesprochen hatte: ,Du armer Kerl, musst dich auf dem Land langweilen, während ich mit meiner Familie nach Las Vegas fliege'. Von Max hätte er sicher eine ähnliche Botschaft empfangen, schließlich fuhr der nach Italien in ein total schickes Hotel, von dem er Toni und Lydia schon voller Vorfreude einen Prospekt gezeigt hatte, aber er war viel zu beschäftigt, Marie anzuhimmeln, in die er jetzt schon ewig lange verknallt war.

 Während Toni sich noch selbst bemitleidete und düsteren Gedanken nachhing, war für Lydia das Thema erledigt und sie knuffte Max. "Jetzt geh doch endlich zu ihr hin und sprech sie an."

 "Nein!" erwiderte Max und knuffte sie zurück.

 "Soll ich sie für dich ansprechen?" fragte Lydia und stieß sich von der Wand ab.

 "Bloß nicht!" rief Max erschrocken, packte sie am Handgelenk und zog sie zurück. Die beiden fingen an, sich freundschaftlich herumzustreiten, was komplett an Toni vorbeirauschte. Von seiner halbwegs optimistischen Grundlage war nichts mehr übrig geblieben.

 Auch der Vorschlag seiner Mutter, mit ihm vorher noch Bücher einkaufen zu gehen, den sie machte, als er mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter am Esstisch saß, tröstete ihn kaum. Das würden richtig ätzende Sommerferien werden. Die Tatsache, dass nach den zwei Wochen, die er zu seiner Tante sollte, noch über die Hälfte der Ferien übrig waren, ignorierte er dabei ohne jede Mühe.

 

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