10. Dezember

Missmutig blickte Draco aus dem Fenster seiner Wohnung. Es schneite. Nicht, dass das im Dezember sonderlich überraschend war, aber er hatte für Schnee nicht viel übrig. Er wusste, dass die meisten Frauen gleich in romantische Schwärmereien ausbrachen, sobald auch nur drei Krümel vom Himmel fielen, entsprechend gab er sich auch stets enthusiastisch, doch eigentlich missfiel ihm das kalte, nasse Zeug doch sehr.

Er war froh, dass er heute die Klasse mit Granger als letztes haben würde. Sie hatte sich zwar im Unterricht gestern normal benommen, doch der Blick, den er von ihr kassiert hatte, als sie den Raum verlassen und Miss Bennet bei ihm stehen gesehen hatte, war so voller Verachtung gewesen, dass er eine ungefähre Ahnung bekam, wo ihr Problem lag. Offensichtlich war sie eifersüchtig auf ihre schöne Mitschülerin, auch wenn er beim besten Willen nicht verstehen konnte, wieso ausgerechnet Hermine Granger Interesse an ihm zeigen sollte. Nun, das war nicht sein Problem. Wenn sie ihn als Professor sehen wollte, war ihm das nur Recht.

oOoOoOo

Hermine hätte sich schlagen können. Warum hatte sie gestern nur noch einmal zu Malfoy und Lydia hinüber geschaut, als sie gegangen war? Natürlich hatte ihre blonde Mitschülerin sie heute den ganzen Tag damit aufgezogen, dass sie ja offensichtlich in Malfoy verliebt war und ihr ganzes Verhalten völlig lächerlich wäre. Wie nur konnte man sie so falsch verstehen?

Zu allem Überfluss hatte es auch noch am Morgen begonnen zu schneien, und so sehr sie den Anblick einer geschlossenen Schneedecke über den Dächern der Stadt auch liebte, wenn sie selbst gezwungen war, sich nach draußen zu begeben, konnte sie mit dem weißen Nass nichts anfangen. Es hatte auch den ganzen Tag nicht aufgehört und selbst jetzt, während die letzte Stunde an diesem Tag - bei Malfoy - zäh dahin floss, kamen weiter weiße Flocken vom Himmel.

Als schließlich der Gong sie aus der Anwesenheit von Malfoy befreite, seufzte Hermine erleichtert auf. So spannend der Stoff auch war, den er unterrichtete, sie bekam seine abfälligen Worte - und die noch beleidigenderen von Lydia - einfach nicht aus dem Kopf. Rasch packte sie ihre Tasche zusammen, zwang sich diesmal, nicht zu Lydia oder Malfoy hinüber zu schauen, und eilte Richtung Ausgang. Dort blieb sie wie angewurzelt stehen: Was am Morgen als dünne Puderschicht begonnen hatte, war inzwischen zu einer mehrere Zentimeter dicken Schicht aus schwerem, nassen Schnee geworden. Kurz überlegte sie, einfach nach Hause zu apparieren, um sich den Fußweg zu ersparen, doch sie wusste es besser. Sie war zu müde und zu unkonzentriert, als dass sie sicher hätte sein können, dass sie in einem Stück in ihrer Wohnung ankam. Nachdenklich blieb sie unter dem schützenden Dach des Eingangs stehen und starrte in die vom Schnee erhellte Dunkelheit.

"Romantisch, nicht wahr?", erklang da Malfoys Stimme neben ihr. Ehe Hermine sich daran erinnern konnte, dass sie außerhalb des Unterrichts nicht mehr mit ihm reden wollte, erwiderte sie trocken: "Total."

"Ich wusste, du bist der romantische Typ."

"Ich wusste, du erkennst Sarkasmus nicht."

"Ich wusste, dass du es nicht durchhalten würdest, nicht mit mir zu reden."

Hermine zuckte zusammen. Verdammt. Sie hatte es ernst gemeint, als sie jeden privaten Kontakt zu ihm hatte beenden wollen, denn das letzte, was sie brauchte, war ein Draco Malfoy, der ständig auf ihrem Selbstbewusstsein herum trampelte. Mit Professor Malfoy kam sie definitiv besser klar.

"Lassen Sie mich in Ruhe, Professor!", gab sie betont gelassen zurück, ohne ihn dabei anzusehen. Sie war sich sicher, dass er gerade sein typisches Malfoy-Grinsen trugt, die Arme vor der Brust verschränkt, und selbstgefällig auf sie hinab sah.

"Ach, komm schon, Granger, lass das Spielchen", meinte er amüsiert: "Ist kein Beinbruch, wenn du mich magst."

Genervt wandte sie sich zu ihm um: "Ich habe keine Ahnung, wie dieser Eindruck entstehen konnte, aber DAS ist ganz gewiss nicht mein Problem. Und es wäre einem Professor angemessen, wenn Sie mich mit Miss Granger anreden."

"Gib's doch zu, du hast hier auf mich gewartet. Oder warum sonst stehst du hier rum und starrst Löcher in die Luft?", erwiderte er unbeeindruckt.

"Zufällig gibt es Menschen, die es nicht mögen, durch Schnee stapfen zu müssen. Und zufällig gehöre ich zu diesen Menschen. Also habe ich darüber nachgedacht, wie ich am besten nach Hause komme."

"Lahme Ausrede", entgegnete Draco, die Arme noch immer vor der Brust verschränkt: "Du bist eine Hexe, wenn das dein Problem wäre, könntest du einfach apparieren."

Gegen ihren Willen errötete Hermine: "Ich bin zu müde", murmelte sie leise, ehe sie zu Boden blickte. Sie hasste es, eigene Schwächen zugeben zu müssen und vor Malfoy war es gerade schlimmer als vor sonst jemandem.

"Ernsthaft?", hakte er mit erhobener Augenbraue nach, doch Hermine hatte genug von dieser Unterhaltung. Wenn sie zwischen einem Gespräch mit Malfoy und einem Gang durch den tiefen Schnee wählen musste, entschied sie sich liebend gerne für letzteres. Sie richtete sich gerade auf, blickte zu Draco hoch und sagte: "Guten Abend, Professor. Wir sehen uns morgen im Unterricht."

Kopfschüttelnd schaute Draco ihr nach, während sie mit vorsichtigen, aber hastigen Bewegungen davon stakste. Was nur war ihr Problem? Wenn sie wirklich nicht eifersüchtig war - was bei Lichte betrachtet tatsächlich ein lächerlicher Gedanke war - warum dann war sie ihm gegenüber plötzlich so abweisend?

"Was wollte denn Hermine noch von Ihnen, Professor?", ertönte da hinter ihm die helle Stimme von Lydia Bennet. Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, als er sich daran erinnerte, was sie am Vortag ausgemacht hatten. Mit glänzenden Augen drehte er sich zu ihr um: "Die gute Miss Granger war zu müde zum Apparieren und hat sich nicht in den Schnee getraut. Was meinen Sie, Miss Bennet, wird das uns beide davon abhalten, wie verabredet in das Café drort rüber zu gehen?"

"Gewiss nicht", antwortete Lydia voller selbstzufriedener Überlegenheit: "Nichts könnte mich davon abhalten, mit Ihnen auszugehen."

Immer noch grinsend bot Draco ihr seinen Arm an, in den sich Lydia freudig unterhakte, und führte sie stolze Frau sicheren Schrittes über die Straße zu seinem Lieblingscafé. Er hatte nicht vor, den Abend dort enden zu lassen, aber wie es aussah, war das auch nicht der Plan von seinem blonden Date.

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Fairy Dust

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