10 Schritte

"Und du denkst, indem du fliehst wird alles besser? Wie naiv bist du eigentlich", Ben hatte Mühe nicht laut loszulachen, trotz dem Ernst der Lage. Vielleicht, weil es ein so surreales Geschehen war, in den nächsten Minuten Zeuge eines Suizids zu werden. Vielleicht lag es aber auch einfach an dem erhöhten Alkoholwert in seinem Blut.

"Nein, das denke ich nicht. Aber in dem ich fliehe, muss ich das ganze Elend nicht mit ansehen."

"Was hast du denn schon schlimmes erlebt, Paul?", fragte Ben mit einem sarkastischen Unterton und verdrehte die Augen.

"Warum interessiert dich das? Warum lässt du mich für die nächsten fünf Minuten nicht einfach in Ruhe, bevor du mich endgültig los bist?"

"Wie wäre es, wenn du mir erklärst, was dich auf dieses Dach getrieben hat. Es wenigstens versuchst. Und dann lasse ich dich in Ruhe sterben."


Paul überlegte lange bis er schließlich seufzend zustimmte.
Während Ben die Verpackung seines Schokoriegels öffnete und gespannt darauf wartete, dass Paul begann zu erzählen, was ihn dazu veranlasste, die Welt so pessimistisch zu sehen, machte dieser einen Schritt nach vorne. Einen Schritt in Richtung des Abgrunds. In Richtung seines Todes.
"Hey! So war das aber nicht gedacht. Erst deine Gründe, dann der Sprung!"
Paul besah ihn mit einem kurzen Blick, dann blickte er auf die wenigen Meter vor ihm. 


"10 Schritte. 10 Gründe. Ewige Ruhe.", war alles was er sagte.

Nachdem Ben dem zugestimmt hatte begann Paul zu erzählen.
Er ließ erneut seinen Blick über die hell erleuchtete Stadt unter ihm schweifen.
"In dieser Stadt wohnen mehrere Zehntausend Menschen. Und obwohl es mitten in der Nacht ist, sind noch mehrere Tausende von ihnen unterwegs. Der Großteil der Bürger verbringen ihre Nächte draußen, auf der Straße. Dabei müssten sie es nicht, denn sie haben ein Zuhause. Aber nein. Einige von ihnen wanken besoffen von einer Diskothek in die nächste, auf der Suche nach jungen Mädchen, Drogen und Alkohol. Andere wiederum fahren in ihren Luxuswägen immerzu die selbe Strecke durch belebte Straßen, um anderen zu imponieren.
Nur ein geringer Teil von den Bewohnern sitzt zu dieser Nachtzeit in ihren Wohnungen, schaut Filme oder versucht zu schlafen. Und ein klitzekleiner Teil verbringt die Nächte auf Hausdächern."
Er lauschte einen Moment den Geräuschen der Autos und Menschen, die zu ihnen heraufgetragen wurden, ehe er fortfuhr.
"Diese Stadt kommt nie zur Ruhe. Selbst wenn sie es wollte. Sie könnte es gar nicht. Hat schon vor langer Zeit verlernt wie das geht."
Er lachte missbilligend auf.
"Und obwohl da unten so viele Menschen unterwegs sind, achtet keiner auf seine Umgebung. Keinem von ihnen ist aufgefallen, dass hier oben ein minderjähriger Teenager steht, der in wenigen Minuten sein Leben beenden will. Keinen von ihnen interessiert es.
Sie sind alle zu sehr beschäftigt mit sich selbst, als dass sie dafür Zeit hätten. Sie müssen doch alle anderen von sich beeindrucken, sei es nun mit einem teuren Auto oder mit einem muskelbepacktem Körper. Ich könnte hier oben ein Feuerwerk anzünden und keinen würde es interessieren. Kaum einer würde es überhaupt bemerken."
Paul drehte sich um und sah Benjamin tief in die Augen. Trotz der Dunkelheit meinte Ben, in Pauls dunklen Augen Angst zu erkennen.
"Ich will nicht so werden wie sie, weißt du? Ich will was von den Menschen in meiner Umgebung mitkriegen." Pauls Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Benjamin nickte langsam.
Eine Weile sagte keiner von beiden etwas. Dann traute sich Ben zu fragen: "Willst du denn in dieser Situation von den Leuten bemerkt werden? Willst du, dass sie dir helfen?"

"Nein"

Wieder nur ein nicken.

"Noch neun, Benjamin"

"Nenn mich doch Ben."

"Okay ... Benjamin"

Und Paul machte einen weiteren Schritt nach vorne.

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