10. Türchen

Hermine war sich sicher, noch nie in ihrem Leben so schlechte Laune gehabt zu haben. Die beiden wichtigsten Menschen in ihrem Leben hatten sie in ein emotionales Loch geschmissen und darüber hinaus gelang es ihr nicht, ihre aktuelle Aufgabe für das Ministerium zufriedenstellend zu bearbeiten. Warum musste Draco Malfoy so schwierig sein? Sie hatte tatsächlich keinerlei Interesse daran, weiter irgendwelche Spielchen mit ihm zu spielen, dazu war sie emotional zu ausgelaugt nach dem Wochenende.

Sie reckte störrisch das Kinn vor, während sie erneut an die Tür zum malfoy’schen Anwesen klopfte. Sollten Narzissa Malfoy und ihr Sohn ruhig wieder ihr Schmierentheater aufführen, sie würde heute die Karten offen auf den Tisch legen und aus Draco alles herauskitzeln, was er wusste. Ihre Geduld war einfach am Ende.

„Ah, Miss Granger!“, wurde sie zu ihrer Überraschung von der Hausherrin selbst begrüßt. Kein Hauself öffnete die Tür, sondern tatsächlich die stolze Frau selbst.

Entschlossen, sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen, erwiderte sie: „Guten Morgen, Mrs. Malfoy, ich störe höchst ungerne erneut, aber mein letztes Gespräch mit Ihrem Sohn war leider nicht zufriedenstellend.“

„Kommen Sie nur herein“, sagte die ältere Dame mit einem einladenden Lächeln und trat zurück: „Ich habe von Draco erfahren, was vorgefallen ist. Der Junge ist einfach zu unbeherrscht, ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist. Aber seien Sie sich versichert, ich habe ihm deutlich gemacht, dass ich weitere Unhöflichkeiten Ihnen gegenüber nicht verzeihen werde. Er wird sich also kooperativ zeigen.“

Skeptisch hob Hermine eine Augenbraue, doch sie sagte nichts dazu. Narzissa Malfoy war viel zu begierig darauf, ihr zu gefallen und freundlich zu ihr zu sein, als dass sie auch nur einen Moment geglaubt hätte, dass sie aufrichtig war. Sie hängte ihren schweren Wintermantel auf, dann ließ sie sich in die Bibliothek führen, die offenbar der liebste Rückzugsort von Draco war.

Kaum hatten sich die Türen hinter ihr geschlossen, schritt sie energisch auf Draco zu, der buchlesend in seinem Sessel saß und so tat, als würde er sie nicht bemerken.

„Hi“, grüßte sie knapp: „Dein Spiel ist aus, Malfoy.“

Absichtlich langsam klappte er das Buch zu, legte es neben sich auf einen Beistelltisch und schaute dann noch langsamer zu ihr hoch: „Welches Spiel?“

Ungeduldig schnaubte sie: „Das Spiel, das du und deine Mutter spielen. Ich habe kein Interesse daran, mich länger von euch an der Nase herumführen zu lassen.“

Elegant faltete Draco die Hände in seinem Schoß, während er sie weiter unberührt anblickte: „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“

Hermine rollte bloß mit den Augen. Ohne auf eine Einladung zu warten, zog sie sich einen Stuhl von einem Schreibtisch heran, stellte ihn direkt vor Malfoy hin und ließ sich schwer drauffallen: „Schön, du Unschuldslamm. Wenn du darauf bestehst, buchstabiere ich dir gerne aus, warum ich hier bin.“

Hass flackerte in Dracos Augen auf, doch seine Stimme blieb ruhig: „Ich bitte darum. Ich kann es kaum erwarten.“

Tief holte Hermine Luft, dann beugte sie sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt, um Draco direkt ansehen zu können, damit ihr bloß keine einzige seiner Reaktionen entging. Noch war sie zumindest minimal bereit, ihm zu glauben, sollte er sagen, dass er nichts von der Vase wusste. Noch.

„Dein Großvater, Abraxas Malfoy, war sehr aktiv im Handel mit schwarzmagischen Gegenständen“, begann sie dann ihre Erklärung: „Wir sind bei unseren Recherchen darauf gestoßen, dass er einst ein besonders gefährliches Objekt in einer Auktion erstanden hat. Eine Vase, um genauer zu sein. Danach verliert sich die Spur, weswegen wir annehmen, dass sich die Vase immer noch in eurem Familienbesitz befindet.“

Ein leichtes Zucken seines Mundwinkels verriet Hermine, dass Draco zumindest wusste, dass sein Großvater in solche Geschäfte verwickelt war. Gut. Mit neuem Mut fuhr sie fort: „Je nach Art des schwarzmagischen Objektes sind Besitzer mehr oder weniger gewillt, mit unserer Abteilung zu kooperieren. Deswegen habe ich versucht, freundlich und diplomatisch an die Sache heranzugehen, um euch eine Chance zu geben, von selbst den Besitz offenzulegen. Doch das Verhalten deiner Mutter spricht eine deutliche Sprache: Sie weiß, worum es hier geht, und sie wird alles versuchen, um mich abzulenken und die Spuren zu verwischen. Die Frage ist, Draco“, sie nutzte absichtlich seinen Vornamen: „Wie viel du weißt.“

Unsicherheit spiegelte sich in seinen Augen, doch sofort hatte er seine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle: „Ich lasse nicht zu, dass du so von meiner Mutter sprichst.“

„Fein“, zischte Hermine: „Besagte Vase hat recht interessante magische Eigenschaften. Und wir wissen von zumindest einem Vorfall hier im Anwesen, der nach Erwerb der Vase stattgefunden hat, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf diese Eigenschaften zurückzuführen ist. Möchtest du, dass ich dir beschreibe, was vorgefallen ist?“

Dracos Gesicht hatte sich in eine eiskalte Maske verwandelt, seine Arme waren defensiv vor der Brust verschränkt: „Ich bin gespannt, welche Gruselgeschichten du auf Lager hast.“

Ein grimmiges Lächeln erschien auf Hermines Lippen. Draco würde seine Überheblichkeit noch bereuen. Leise, aber mit fester Stimme, führte sie aus: „Wenn man diese Vase mit Blumen befüllt, egal, welche Blumen, entfaltet sie eine Aura, die starke Auswirkungen auf weibliche Wesen hat. Es ist wie ein starkes Aphrodisiakum, das Frauen beinahe willenlos macht. In der Vergangenheit wurde das häufig gezielt eingesetzt. Und tatsächlich gab es einen Vorfall hier im Anwesen, der eine sehr deutliche Sprache spricht. Dein Großvater, Abraxas Malfoy, hatte zu einer Feier geladen, nur für wenige, auserlesene Gäste – Todesser, um genau zu sein. Viele von diesen Männern waren bereits älter, aber sie alle waren ledig. Auf der anderen Seite der Gästeliste fanden sich die Töchter aus bedeutenden Familien, deren Loyalitäten jedoch nicht eindeutig waren. Reinblütige Familien, die sich noch nicht sicher waren, ob sie Voldemort unterstützen wollten oder nicht. Aber einer Einladung der Familie Malfoy folgte man, wie du sicher nur zu gut weißt. Und auch, wenn es vermutlich viel Misstrauen gab, folgte man auch der Anweisung, dass die Einladung ausschließlich für die Tochter galt und niemand sie begleiten durfte.“

Aufmerksam beobachtete Hermine, wie Dracos Gesicht blasser wurde. Sie fragte sich, ob es daran lag, dass er die Geschichte kannte, oder am genauen Gegenteil. Unnachgiebig fuhr sie fort: „Am Ende dieser Feier hatte jeder der älteren Herrschaften eine Ehefrau gefunden. Jede einzelne der anwesenden Töchter … und einige von ihnen waren gerade erst sechzehn Jahre alt … jede einzelne wurde verheiratet. Spannend, wie das geschehen konnte, nicht wahr?“

Triumphierend bemerkte sie, dass Dracos Hände inzwischen zu Fäusten geballt waren. Mit einer beinahe teuflischen Freude erklärte sie die Recherchen ihrer Abteilung: „Es gab eine Tochter, die sich dagegen gewehrt hatte. Sie erzählte dem Ministerium eine höchst eigenwillige Geschichte. Sie erzählte davon, dass sie sich an jenem Abend nicht wohl gefühlt hatte. Dass sie sehen konnte, dass auch die anderen Mädchen sich nicht wohlfühlten. Sie schwor, dass sie keinen Alkohol angerührt hatte, aber sie fühlte sich trotzdem betrunken. Die wenigen Dinge, an die sie sich noch genau erinnerte, waren, dass sie mit einem der anwesenden Männer geschlafen hatte. Und sie wusste auch noch, dass alle anderen Mädchen mit den Männern Sex gehabt hatten, direkt in dem großen Ballsaal. Einige hatten nicht nur einen Mann an sich herangelassen. Die ganze Nacht hindurch fand eine einzige, große Orgie statt. Sie selbst sagte, sie hätte mindestens fünf verschiedene Männer gehabt, obwohl sie vorher noch Jungfrau war. Einer der Männer hatte am nächsten Tag bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten. Ihr Vater hatte Ja gesagt, so sehr sie sich auch dagegen wehrte.“

Eine leichte Übelkeit hatte von Hermine Besitz ergriffen, eine Kälte in ihrem Magen, die sie jedes Mal spürte, wenn sie an die Effekte der Vase dachte. Ein Dutzend junger Frauen waren an dem Abend den erregenden Einflüssen der Vase ausgesetzt gewesen, und die Männer hatten das schamlos ausgenutzt, um ihren Spaß zu haben. Sie holte tief Luft, dann fuhr sie fort: „All diese Mädchen haben an diesem Abend ihre Unschuld verloren. Und die reinblütigen Familien, traditionsbewusst wie sie waren, waren mehr als glücklich, dass die Männer ihre Töchter tatsächlich heiraten wollten. Das Ganze wurde unter den Teppich gekehrt und totgeschwiegen, zu sehr haben sich die Familien für ihre Töchter geschämt. Dass es sich dabei um eine Massenvergewaltigung unter Einsatz eines schwarzmagischen Gegenstandes gehandelt hat, hat niemanden interessiert.“

Draco war inzwischen so bleich, dass Hermine beinahe Mitleid mit ihm hatte. Sie war sich sicher, dass er von diesen Dingen nichts gewusst hatte – er war damals ja noch nicht einmal geboren und sie konnte sich kaum vorstellen, dass seine Eltern ihm so etwas erzählt hätten, während er noch ein Kind war. Sie lehnte sich noch ein Stück weiter vor, legte ihre Finger unter sein Kinn und zwang ihn, ihr direkt in die Augen zu sehen: „Also sag mir, Draco Malfoy. Weißt du von dieser Vase?“

Unwillig schlug er ihre Hand weg, doch er schüttelte den Kopf.

„Willst du, dass diese Vase weiter in eurem Familienbesitz bleibt, damit andere ihre Effekte ausnutzen können?“

Kurz zitterten seine Mundwinkel, doch schließlich kehrte seine kalte, abweisende Maske zurück: „Das sind nur Spekulationen! Wer weiß, warum die ganzen Weiber wirklich diese Männer geheiratet haben!“

Mit dieser Reaktion hatte Hermine gerechnet. Süß lächelte sie ihn an: „Dann kann es dir ja nur gelegen kommen, mir dabei zu helfen zu beweisen, dass diese Vase tatsächlich nicht in eurem Besitz ist, oder?“

Mit offenem Mund starrte Draco sie an. Sie konnte beinahe sehen, wie sich die Zahnrädchen seiner Gedanken drehten. Siegesgewiss fügte sie hinzu: „Die Sache ist ganz einfach: Du hilfst mir, das Anwesen tatsächlich gründlich zu durchforsten, bis ich keinen einzigen Verdacht mehr gegen euch haben kann. Wenn wir nichts finden, kannst du zufrieden sein, dass ich Unrecht hatte. Wenn wir die Vase aber tatsächlich finden … wird gegen dich keine Anklage erhoben, da du unwissend und kooperativ warst. So oder so, wenn du mir hilfst, gewinnst du am Ende.“

Ein hasserfülltes Lodern trat in Dracos Augen. Wie eine Furie sprang er aus seinem Sessel, beugte sich über sie und packte ihre Kehle mit einer Hand: „Du bist die verabscheuungswürdigste Kreatur, die mir je begegnet ist, Granger! Macht es dir Spaß, andere zu treten, wenn sie am Boden liegen? Geht dir einer ab, dass du hier deine Machtfantasien ausleben kannst?“

Erstickt röchelte sie, während sein Griff um ihren Hals noch fester wurde. Er näherte sich ihrem Gesicht bis auf wenige Zentimeter, Verachtung lag in jedem Winkel seines Gesichts, als er weitersprach: „Ich werde dir alles zeigen, darauf kannst du Gift nehmen. Ich werde dir beweisen, dass die Familie Malfoy niemals zu so abartigen Handlungen gegriffen hat. Und dann kannst du dich auf eine heftige Klage wegen Verleumdung und Nötigung gefasst machen!“

Heftig atmend ließ er von ihr ab, trat einen Schritt zurück und baute sich zu voller Größe auf, während er darauf wartete, dass sie sich von ihrem Stuhl erhob.

Mit zitternden Händen rieb Hermine sich den geschundenen Hals. Das war nicht so gelaufen, wie sie es sich vorgestellt hatte, doch vermutlich konnte sie ihm nicht einmal wirklich etwas vorwerfen. Sie hätte wohl ähnlich reagiert, wenn man ihrer Familie solche Gräueltaten unterstellte. Trotzdem. Sie hatte vergessen, wie unberechenbar und aggressiv Malfoy sein konnte. Ein Fehler, der ihr kein zweites Mal passieren würde.

Sie nickte ihm zu: „Bist du dann jetzt bereit, mir euren versteckten Keller zu zeigen?“

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