10. Vierzehn

Als sie aus dem kühlen Gebäude zurück auf den Burghof kamen und sie die Hitze wie ein Hammerschlag traf, war die Wärme in Toni verschwunden. Zurückgeblieben war nur die Gewissheit, dass jetzt irgendetwas anders war. Aber er konnte weder sagen, was es war noch warum es so war.

Er warf Gregor einen unaufälligen Seitenblick zu. Er sah natürlich auch so aus wie vorher und grinste immer noch über seinen Streich. Allerdings war Tonis Seitenblick doch nicht so unauffällig gewesen, wie er gedacht hatte und als Gregor ihn bemerkte, verschwand sein Grinsen mit einem Schlag und machte der wütenden Grimasse Platz, die er eigentlich meistens mit sich herumtrug. "Was ist los?!" schnappte er. "Bist du jetzt beleidigt, weil ich dich verarscht hab?! Uhuu bist du 'n kleines Baby, das Angst gehabt hat?!"

Es war nicht das erste Mal in den Tagen, an denen sie jetzt zusammen rumgehangen hatten, dass Gregor sich so aufführte und hatte Toni am Anfang immer noch Contra gegeben, war ihm irgendwann klar geworden, dass das sowieso nichts brachte. Im Gegenteil, es stachelte Gregor eigentlich nur noch mehr an, sodass sie sich schon ein paar Mal ziemlich gezofft hatten. Blieb Toni aber einfach ruhig, dann regte sich Gregor ziemlich schnell wieder ab und sie machten einfach weiter mit dem, was sie vorher gemacht hatten, so, als ob gar nichts passiert war.

"Der Streich war gut," erwiderte Toni, obwohl er dazu eigentlich gar keine Meinung hatte, denn anstatt über den Streich an sich konnte er die ganze Zeit nur über dieses seltsame Gefühl nachdenken, aber diese Anerkennung sorgte sofort dafür, dass Gregor wieder grinste.

Doch die Genugtuung gönnte Toni ihm trotzdem nicht. "Aber Angst hatte ich nicht! Warum auch? Das ist doch nur eine Geschichte und Geister gibt es nicht!"

Gregor sah ihn mit großen Augen und hochgezogenen Augenbrauen an und sagte mit seiner Erzähl-Stimme: "Wer weiß das schon?!"

"Ich weiß es," erwiderte Toni bestimmt. Er hatte jetzt keine Lust mehr, weiter über das Thema zu sprechen. Nachher bekam Gregor doch noch spitz, dass er wirklich Angst gehabt hatte.

"Also gut, dann hast du halt keinen Schiß gehabt," meinte Gregor und es war seiner Stimme deutlich anzuhören, dass er es nicht wirklich glaubte. Aber anstatt weiter in diese Kerbe zu hieben, meinte er: "Was machen wir jetzt?"

"Schwimmen?" schlug Toni vor, aber Gregor schüttelte den Kopf. "Nee, nee, ich hab echt keinen Bock bei der Hitze durch den Wald zu rennen. Komm, wir gehen weiterzocken."

Toni wäre gern schwimmen gegangen, aber da Gregor schon etwas Anderes geplant hatte, hätte er sich auf den Kopf stellen und ihn damit trotzdem nicht umstimmen können. Darauf, alleine schwimmen zu gehen hatte Toni keine Lust und darauf, Kamilla zu fragen, ob sie mitkommen wollte, auch nicht. Aber wenigstens würde es in Gregors Zimmer kühl sein.

Das Gefühl des Anderssein blieb natürlich und im Laufe des Tages fand Toni zwar keine Antwort auf das Was und das Warum, aber auf das Wer, auch, wenn er sich diese Frage erst einmal gar nicht gestellt hatte. Aber das Kribbeln in seinem Bauch, jedes Mal, wenn Gregor und er unbeabsichtigt mit den Schultern zusammenstießen oder er ihn anstubste oder ihm auf die Schulter hieb, sprachen eine deutliche Sprache. Genau wie die Tatsache, dass Toni ihn immer wieder angucken musste. Obwohl Gregor natürlich immer noch nicht anders aussah als vorher. Aber die Art, wie sein Haar fiel, wie er die Augen zusammenkniff, wenn er sich konzentrierte und wie er lachte und andere Kleinigkeiten, die Toni vorher herzlich egal gewesen waren, fielen ihm nun auf einmal überdeutlich auf. Als er sich gegen neun Uhr auf den Weg zurück machte, um noch etwas vom Abendessen abzubekommen, fühlte er sich innerlich, nicht nur wegen des wieder einmal kilometertiefen Lochs in seinem Magen, irgendwie ausgehöhlt.

Diese Nacht fiel es Toni sehr schwer, einzuschlafen. Das lag natürlich an Gregors gruseliger Geschichte und dass er beinahe diese Horrotreppe runtergestürzt wäre. Und ganz sicher nicht an diesen komischen Gefühlen, die er fast den ganzen Tag gehabt hatte. Denn die hatte er ja nur gehabt, weil mit Gregor irgendetwas passiert sein musste. Es konnte gar nicht anders sein.

Und weil es gar nicht anders sein konnte, versuchte Toni auch nicht weiter drüber nachzudenken wieso er sich heute so komisch verhalten und absolut keinen Einfluss drauf gehabt hatte, sondern zu schlafen. Was ihm aber erst gelang, als es draußen bereits dämmerte

Diesmal schlief er wie ein Stein und wurde noch nicht einmal, wie die Tage vorher, von dem Stimmengewirr der Touristenführung wach.

Das zaghafte Klopfen an seiner Tür war das Erste, das er wieder wahrnahm. "Ja?" sagte er während er gleichzeitig einen Blick auf den Wecker warf, der auf dem Nachttisch stand. Es war elf Uhr und das war das Zeichen für seinen Magen, sofort Hungeralarmstufe Rot auszugeben.

Kamillas Kopf erschien in der Tür. "Oh, du liegst ja noch im Bett," stieß sie hastig hevor. "Ich komm dann besser später wieder."

"Ach Quatsch," rief Toni und setzte sich auf. "Komm doch einfach rein."

 Sie tat es und stand dann mit verlegenem Lächeln neben seinem Bett und sah ihn nicht an, als sie sagte: "Ich... ich dachte, du und Gregor ihr würdet heute vielleicht schwimmen gehen und ich könnte dann mitkommen, wenn das in Ordnung ist." Sie holte einmal tief Luft. "Es ist nämlich ganz schön heiß draußen. Mehr als gestern."

Verschlafen, wie er war, hatte Toni die Sache mit Gregor noch gar nicht wieder auf dem Schirm gehabt. Bis Kamilla seinen Namen erwähnt hatte und alles mit einem Schlag wieder da war. Bei dem Gedanken, ihn gleich wiederzusehen, fühlte Toni wieder dieses Kribbeln. Allerdings kam das sicher eher daher, dass er ziemlichen Hunger hatte.

"Schwimmen klingt gut," sagte er deswegen, schlug die dünne Decke zurück und stand auf. "Gibt's noch Frühstück?"

Es gab noch welches. Besser gesagt schlug eine grinsende Nadja für Toni gerne noch ein paar Eier in die Pfanne, während er sich schnell ein Brot schmierte. Nadjas Grinsen ignorierte er dabei mühelos. Sie immer noch Spaß daran, ihn wegen seines beinah unstillbaren Hungers aufzuziehen, aber Toni war inzwischen darüber hinweg, sich davon provozieren zu lassen. Er warf ihr lediglich einen überlegenen Blick zu, bevor er sich an den Tisch setzte und sich bemühte, das Essen langsam und zivilisiert zu essen, wo er es doch eigentlich am liebsten einfach in sich hineingestopft hätte, um endlich das Loch in seinem Magen zu füllen.

Er war noch mitten beim Essen, als es an der Haustür klopfte und Gregor hereinkam. Es war die übliche Zeit, zu der er immer auftauchte, denn auch er war der Meinung, dass man in den Ferien lange schlafen sollte und im Gegensatz zu Toni gelang ihm das auch immer. Aber er wurde ja auch nicht jeden Morgen von seinem Vater und ungefähr zehn weiteren Personen geweckt, die redend unter seinem Fenster standen.

Tonis und Gregors Blick trafen sich für einen Moment und während Gregor ihn wie immer zur Begrüßung schief anlächelte, machte Tonis Herz einen heftigen. Satz und sein Hals wurde auf einmal ganz eng. Dann verschluckte er sich am Rührei und griff heftig hustend nach seinem Glas Wasser, während Nadja ihm fürsorglich auf den Rücken klopfte. Als Toni dann endlich wieder Luft bekam, war ihm die ganze Sache ziemlich peinlich und am liebsten wäre er jetzt einfach abgehauen, aber zuerst musste ja noch das Programm dieses Tages abgesprochen werden.

Bei der Hitze hatte Gregor dann auch nichts gegen einen Ausflug zum See einzuwenden, er hatte sogar selbst vorgehabt es vorzuschlagen und deswegen auch schon seine Badehose an.

Toni war den Weg den Burgberg hinunter durch den Wald zum See jetzt auch schon einige Male gegangen und konnte inzwischen ohne Mühe mit Gregor und Kamilla mithalten, sodass er genug Muße hatte, Gregor zu beobachten, um endlich herauszufinden, was an ihm plötzlich so anders war. Wenn seine Gedanken nicht grade bei den Vorfällen in der Küche waren, die ihm nach wie vor peinlich waren. Am meisten seine komische Reaktion, als Gregor ihn angesehen hatte. Das Verschlucken danach war angesichts dessen dann gar nicht mehr so tragisch.

Die Frage, was jetzt so anders an Gregor war, war natürlich immer noch nicht beantwortet, als sie den See erreicht hatten und so langsam wurde Toni klar, dass es nicht Gregor war, mit dem etwas nicht stimmte, sondern er selbst. Warum sonst machte sein Köper die ganze Zeit Sachen, mit denen er gar nicht einverstanden war?

Denn nachdem sie, als sie beim See angekommen waren, ihre Handtücher ins Gras gelegt hatten, und Gregor sich sein T-Shirt über den Kopf zog, konnte Toni gar nicht anders, als ihn anzustarren, während wieder alles in ihm kribbelte. Und dieses Kribbeln fühlte sich jetzt noch ein bisschen anders an, als vorher.

Gregor, der glücklicherweise mit dem Rücken zu Toni stand, bekam von der Starrerei nichts mit, denn er hatte es viel zu eilig, in den See zu kommen und erst, als er schon mit der Hüfte im Wasser war, konnte Toni sich auch endlich dazu aufraffen, ihm zu folgen.

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