11.

Lucy lächelte zögerlich, Komplimente die ihr gemacht wurden konnte sie nur selten annehmen. Und auch hier hatte sie das Gefühl, dass der Applaus gefälscht war, sie sich über sie lustig machten, sie verspotteten. Langsam hob sie den Kopf wieder um zu sehen, wer einstimmte. Sie war sehr überrascht, als sie sah, dass sogar Alec klatschte, erst da glaubte sie, dass der Applaus mit Wahrheit verübt wurde.

So zog sich die dreiviertelstündige Therapie hin. Die anderen spielten ihre Instrumente, waren gebannt von den weichen und harten Tönen die Alec spielte, klatschten im Takt zu den fordernden Klängen der Trompete und dachten sich kurze Spiele dafür aus, sie hatten eine Menge Spaß. Sogar Lucy konnte sich dem einfach hingeben, sie genoss es, keine anderen Gedanken pflegen zu müssen und einfach mal abzuschalten, Das hatte sie sehr gebraucht, sie überlegte, wann sie das letzte Mal entspannen konnte, es musste ungefähr vier Jahre zurück liegen. Sie hatte sich, als sie jünger war, weniger Sorgen gemacht, und so kam es ihr seit langem wie eine Art Genugtuung vor.

Gemeinsam mit dem Gitarristen ging sie dann so zurück zu ihrer Station, sie hörte, dass auf dem Spielplatz niemand mehr war. Es war zu still.

Auf der Station angekommen wurden sie dann zum Abendbrot gerufen, Lucy ging in ihr Zimmer, sie wollte noch einmal überprüfen, ob niemand an ihren Sachen war. Als sie das Zimmer betrat entdeckte sie dass die Schranktüren offen standen, die Sachen darin aber gefaltet lagen wie vorher. Verwundert schloss sie die Türen wieder und inspizierte ihr Zimmer. War hier vielleicht noch jemand anderes drin, der wusste was sie tat? Sie schüttelte den Kopf. Das hätte sie sich sicher nur eingebildet.

„Lucy?“, hallte es über den Gang. „Ich komme!“, antwortete sie und lief schnell raus.

Nach dem Abendessen machten es sich alle im Gruppenraum bequem, sie verteilten sich zum Kartenspiel an dem großen Holztisch, lagen sich quer auf die Sofas um Fernsehen zu gucken oder saßen in den scheinbar ungemütlichsten Positionen da während sie Musik hörten. Auch Zoe war wieder da, sie saß bei den dreien am Tisch beim Kartenspielen und lachte.

Nervös lächelnd setzte sich die Teenagerin zu ihnen und sah ihnen zu. Die Spielweise und Regeln verrieten dass sie Rommé spielten, sie hatte es selbst schon einige Male gespielt. Zoe hob den Blick als ihre Freundin sich setzte und lächelte zögerlich.

„Tut mir leid wegen vorhin...“, murmelte sie und wich dem besorgten Blick Lucys aus.

„Du musst dich nicht entschuldigen... Ich hätte nicht nachfragen dürfen...“, murmelte diese und kratzte sich etwas am Arm.

„Nein! Du bist nicht daran Schuld! Das passiert mir ständig!“, warf Zoe ein.

Lucy schwieg. Sie wusste, dass es ihre Schuld war und machte sich extreme Vorwürfe deshalb.

„Kann ich mitspielen?“, fragte sie dann schnell und lächelnd, ehe das ein wenig an Pipi Langstrumpf erinnernde Mädchen reagieren konnte. „Klar, nächste Runde kannst du mitspielen!“, lächelte sie. So verbrachten sie den Abend bis sie nach und nach alle schlafen gehen mussten.

So verabschiedete auch Lucy sich von den anderen und tapste dann langsam zurück in ihr Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Es war komplett still hier, kein Rauschen des Windes vor dem Fenster, kein Knacken vom Nachbarbett, gar nichts. Das einzige Geräusch was sie vernahm war ihr Herzschlag. Sie hörte ihr Herz ungleichmäßig schlagen, spürte und hörte wie sich ihre Atmung anpasste. Sie wurde sichtbar unruhiger, versuchte sich zu beherrschen. Langsam glitt sie auf ihr Bett und zog ihr Stofftier an sich, drückte es fest und roch daran. Sogar der Geruch war der gewohnte ihrer Großmutter. Sie musste lächeln, hob langsam den Kopf und zog ein paar weiße Blätter hervor und ein paar Stifte. Sie überlegte, wertete ihren Tag aus. War da irgendwas, was an für ein Bild benutzen konnte? Ihr erster Tag hätte gewiss auch schlechter verlaufen können, sie dachte an die Musiktherapie und lächelte.

„Das war schön...“, murmelte sie für sich selbst und sah gedankenverloren auf das Papier bevor sie es wieder weg legte und aufstand um sich umzuziehen. Sie hielt es am besten, für heute schlafen zu gehen. Das wäre sicher gut, immerhin wusste sie nicht, was sie die nächsten Tage erwarten würde.

Sie legte sich langsam ins Bett und es dauerte eine Weile ehe sie einschlafen konnte. Zu viel spukte ihr im Kopf umher, zu viele Erinnerungen und Vorstellungen mussten verarbeitet werden.

Als sie die Augen wieder öffnete fand sie sich in einem dunklen Raum wieder, die einzige Lichtquelle war der dünne Lichtstrahl der durch den offenen Türspalt fiel.

Langsam erhob sie sich und hielt sich ihren brummenden Kopf, ihr war etwas schwindelig, und es fiel ihr einen Moment lang schwer, sich auf den offenen Spalt zu konzentrieren, dann stand sie auf und machte einen Schritt nach dem anderen. Langsam schob sie die Tür mit der Handfläche auf, war einen Moment lang wie geblendet von dem hellen, türkisen Licht das ihr entgegen fiel und sah sich etwas um. Die Gänge waren leer, nur ein surrendes Geräusch zog sich durch die hell hallenden Korridore und erinnerten das junge Mädchen an einen Horrorfilm.

Misstrauisch schlich sie langsam durch die Flure, presste sich an die mit buntem Marmor verzierten Wände, hielt inne. Eine Art jammern drang vom Ende ihrer Station an ihr Ohr, es vermischte sich mit Klagen und Stöhnen. Eine verwittert aussehende Gestalt schob sich dann langsam aus dem Behandlungszimmer, in dem sich Lucy heute Morgen noch hatte untersuchen lassen müssen. Humpelnd quälte sich die Gestalt zum gegenüberliegenden Ausgang, knallte davor. Das Mädchen musterte die Gestalt, blieb stehen, verhielt sich lautlos. Aus Horrorfilmen und Spielen lernte sie, sich unauffällig zu verhalten da es, würde sie sich erwischen lassen, ihr sofortiger Tod wäre.

Ein ähnlich klingendes Geräusch hinter ihr ließ sie zusammen zucken, sie verharrte komplett in ihrer Position als sie das quietschen einer Tür hörte die sich öffnete. Angstschweiß glitt ihren Rücken hinab, sie verbiss sich das Atmen und presste die Augen fest zusammen, in der Hoffnung, die beiden Zombieartigen Wesen würden sie übersehen und weiter laufen. Langsam schloss sie die Augen, konzentrierte sich nur auf das leise quietschen der Tür und die schleppenden Schritte die daraus quollen, sie schluckte. Stille.

Innerlich mahnte sie sich wieder, öffnete zittrig ein Auge, sah in das zerfallene, aus Hautfetzen bestehende Gesicht des Zombies. Dieser grinste, öffnete das vergleichsweise zu große Maul und spuckte ihr eine Mischung aus Blut und Speichel entgegen, sie schrie.

Schreiend und schweißgebadet setzte sie sich in ihrem Bett auf und sah sich panisch um, den Bären fest an sich drückend. Albträume an sich war sie ja gewöhnt, nur in einer unbekannten Umgebung hatten sie gleich eine ganz andere Wirkung.

Als eine der Pflegekräfte die Tür kräftig aufschlug und diese an die Wand krachte fing sie heftiger an zu schreien, vor ihrem inneren Auge sah sie noch immer diese untote Gestalt die sich auf sich warf um sie zu zerfetzen. Auch die sanften Worte halfen ihr nicht, erst als die Schwester sich zu ihr setzte und das vor Angst schreiende Mädchen behutsam an sich zog begann sie sich zu beruhigen.

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Fairy Dust

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