11. Dezember

Jetzt wartete er bereits eine geschlagene Stunde in der Bibliothek und Hermine war immer noch nicht aufgetaucht. Es war nicht so, dass sie verabredet wären, aber er war so fest davon ausgegangen, dass sie jeden Abend hier her kam, dass er es beinahe schon als Beleidigung empfand, dass sie ausgerechnet heute offenbar nicht auftauchen würde.

Mit einem finsteren Gesichtsausdruck erhob er sich von dem Tisch, an dem er bisher gesessen hatte, strategisch ausgewählt mit Blick auf den Eingang, gerade als sie die Bibliothek betrat. Mürrisch blickte er sie an: „Du bist spät.“

Mit großen Augen erwiderte Hermine: „Entschuldige, ich wusste nicht, dass wir verabredet waren.“

„Du bist doch sonst immer direkt nach dem Abendessen hier. Was hat dich aufgehalten?“

Draco wusste, dass er unfair war und dass sie ihm keine Rechenschaft schuldig war, aber er musste seiner Wut einfach Luft machen. Eine geschlagene Stunde hatte er hier gesessen und jede einzelne Minute hatte er mit sich ringen müssen, nicht einfach wieder zu gehen. Granger hatte nichts mit ihm zu tun, hatte ihm der rationale Teil seines Kopfes zugeflüstert, er wollte sich nur von seiner eigentlichen Aufgabe ablenken. Er verriet alles, an das er jemals geglaubt hatte, wenn er sich auf mehr als Waffenstillstand mit ihr einließ. Seine romantisch verklärte Vorstellung, dass sie wie Romeo und Julia waren, war nur eine lächerliche Realitätsflucht, die mehr als deutlich zeigte, was für ein Schwächling er war. Eine geschlagene Stunde hatte er gegen diese Gedanken ankämpfen müssen und mit jeder Minute, die verging, ohne dass Hermine auftauchte, war es schwerer geworden, sein Warten zu rechtfertigen. Er musste diese Wut einfach rauslassen.

Offensichtlich unbeeindruckt von seinem finsteren Starren, schritt Hermine an ihm vorbei und lud ihre schwere Tasche auf dem Tisch ab: „Ich musste noch Bücher aus dem Schlafsaal holen, da wurde ich von Ginny aufgehalten und, man mag es kaum glauben, als Freundin habe ich mir dann die Zeit genommen, mir ihre Sorgen anzuhören. Ist für dich vielleicht ein fremdes Konzept, aber so funktioniert das für mich nun mal.“

Er verstand diesen Seitenhieb nur zu gut. Sie wollte ihn darauf hinweisen, wie wenig erfreut sie über ihr letztes Gespräch war. Er hatte ihr ins Gesicht gesagt, dass sie keine Freunde waren. Ihre abweisende Haltung jetzt hatte er mehr als verdient. Trotzdem konnte er nicht anders, als verärgert zu reagieren: „Mit ist völlig egal, was deine Freunde für Probleme haben. Ich habe hier eine Stunde auf dich gewartet!“

„Und das kann ich riechen?“, fuhr sie ihn ebenso verärgert an: „Wirklich, Malfoy. Deine Launen sind wie eine Achterbahn. DU warst es doch, der meinte, wir sind keine Freunde.“

Draco atmete einmal tief durch, ehe er den Mut fand, die nächsten Worte auszusprechen: „Und das war nicht richtig. Ich… ich glaube, ich wäre gerne mit dir befreundet.“

Er sah, wie Hermine ihm im ersten Moment erneut eine zornige Erwiderung an den Kopf werfen wollte, doch sie hielt mit offenem Mund inne. Nach einigen Augenblicken, die Draco vorkamen wie eine Ewigkeit, hatte sie seine Worte verarbeitet und klappte den Mund wieder zu. Unsicher ließ er sich auf einen Stuhl ihr gegenüber sinken. Er hatte keine Erfahrung mit solchen Gesprächen. Er war aus dem Alter raus, wo man einfach zu einem anderen Menschen sagte, dass man sein Freund sein will, und dann war man befreundet. So funktionierte das unter halbwegs erwachsenen Menschen nicht. Die bösartige Stimme in seinem Kopf beschimpfte ihn schon wieder und zeigte ziemlich überzeugend, wie lächerlich er sich gerade gemacht hatte.

Zumal er wieder gelogen hatte. Er wollte nicht mit ihr befreundet sein. Er wollte sie in seine Arme schließen, sie küssen, in ihrem Duft baden und… er hielt inne. Wie er schon gestern zu Myrte gesagt hatte, er wusste nicht, ob er in sie verliebt war. Aber die Schnelligkeit, mit der seine Gedanken Hermine ausziehen konnten, machte ihm mehr als deutlich, dass er sich mindestens zu ihr hingezogen fühlte. Vielleicht war es ihre störrische Art, mit der sie ihm begegnete, ohne sich einschüchtern zu lassen. Oder vielleicht war es diese überraschende Offenheit, mit der sie ihn an sich heran gelassen hatte. Er wusste nur, er sehnte sich danach, sie zu berühren und von ihr berührt zu werden.

„Malfoy“, brachte ihn die leise Stimme von Hermine wieder zurück in die Gegenwart: „Du… meinst du das ernst? Weil, wenn du das ernst meinst, dann… wahnsinnig gerne. Wirklich. Ich wäre gerne eine Freundin für dich. Und sei es nur, damit ich dir zeigen kann, dass du ein guter Mensch sein kannst.“

Er schluckte. Darüber würden sie noch einmal sprechen müssen. Er war kein guter Mensch, egal, was sie glaubte, über ihn zu wissen. Kurz schloss er die Augen, dann griff er über den Tisch nach ihrer Hand: „Um ehrlich zu sein, Granger, ich will viel mehr als das.“

Und kaum hatte er ihre Hand berührt, verschwand die schimpfende Stimme in seinem Kopf. Er stand auf, ging um den Tisch herum und zog eine vollkommen überforderte Hermine ebenfalls von ihrem Stuhl hoch

„Erinnerst du dich an letztes Jahr?“, flüsterte er ihr zu, während er sie mit beiden Armen fest an sich zog: „Wir wussten beide nicht, was da passiert ist, aber ich weiß jetzt eines ganz sicher: Ich will das wiederholen.“

Ohne ihr Zeit zum Widerspruch zu lassen, griff er in ihr Haar und küsste sie. Ihre Lippen waren noch genauso weich wie damals, doch diesmal war sie nicht so schüchtern. Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis sie sich von ihrem Schock erholt hatte. Dann klammerte sie sich mit gleicher Macht an ihn und erwiderte den Kuss mit einer Leidenschaft, die er nicht in ihr vermutet hätte. Die leisen Seufzer, die ihn schon damals überrumpelt hatten, brachten ihn beinahe um den Verstand. Sein Herz raste und er spürte deutlich auch ihr Herz heftig gegen seine Brust klopfen.

Wie von selbst wanderten seine Hände zu ihrer Hüfte, zerrten an ihrer Bluse, bis sie sich aus dem Rocksaum löste, und fuhren begierig über ihren heißen Rücken. Als er sich wieder nach unten, zu ihrem Hintern hin, tastete, unterbrach Hermine schließlich den Kuss.

„Das…“, keuchte sie, bevor sie nochmal nach Luft schnappte und rau fortfuhr: „Das war… interessant. Was auch immer das ist, Freundschaft ist es nicht.“

Mit einem Stöhnen schüttelte er den Kopf: „Das ist wohl tief in dir drin, was? Dass du immer sofort alles analysieren musst?“

„Entschuldige“, murmelte sie betreten: „Das kam nur gerade wirklich überraschend. Was sollen wir jetzt tun?“

Draco musste sich eingestehen, dass er darauf keine Antwort hatte. Soweit hatte er nicht gedacht. Ein derart leidenschaftlicher Kuss war in seinem Plan gar nicht vorgekommen. Bei Merlin, er hatte nicht einmal damit gerechnet, überhaupt so weit zu kommen. Mit einem schrägen Grinsen meinte er: „Wir könnten einfach eine Nacht drüber schlafen und morgen Abend genau hier weiter machen, was meinst du?“

Es amüsierte ihn, wie er die kleinen Rädchen in ihrem Kopf beinahe sehen konnte, während sie angestrengt nachdachte. Ihm fiel auf, dass sie offensichtlich die Angewohnheit hatte, auf ihrer Lippe zu kauen, wenn sie an einem Problem knabberte. Eine erstaunlich niedliche Angewohnheit befand er augenblicklich.

„Mir fällt wirklich nichts Besseres ein“, sagte sie schließlich: „Gut, schön. Mal sehen, wie die Welt morgen aussieht. Übrigens, meine Einladung zu Slughorns Party steht noch…“

Er nickte und starrte sie an. Es gab wirklich nichts mehr zu sagen für den Moment. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie noch Stunden gemeinsam hier verbringen können, bevorzugt nackt, bevorzugt eng umschlungen. Doch er wollte sein Glück nicht über Gebühren strapazieren. Er nickte noch einmal, dann murmelte er leise: „Also bis morgen“, und verließ die Bibliothek.

Während seine Schritte ihn zurück Richtung Kerker lenkten, ging ihm auf, dass sein Leben schlagartig noch ein ganzes Stück komplizierter geworden war.

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