11. Kapitel

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Ein unangenehmes feuchtes Gefühl war der Grund für Aimée Bourdins erwachen. Sie schlug die Bettdecke zur Seite und sah, dass sie Fruchtwasser verlor. Der Wecker auf ihrem Nachtisch zeigte fünf Uhr fünfundzwanzig an. Sie weckte ihren Mann.

»Gerald. Gerald Liebling, ich glaube es ist soweit«, sagte sie und rüttelte leicht an seiner Schulter.

Schlaftrunken fuhr er hoch, sah sie verwirrt an, bis er begriff worum es ging. Gähnend stieg er aus dem Bett und begab sich zielstrebig in die Waschecke um sich fertig zu machen. Es war nicht das erste Mal in diesem Monat, dass ihn seine Frau weckte, doch bislang war es immer falscher Alarm gewesen. Sein Unterbewusstsein war schon trainiert, so verliefen seine Handlungen gleichmäßig und Reibungslos. Sicher ist, sobald der Ernstfall eintritt, ist es mit meiner Ruhe garantiert vorbei, war sein Gedanke.

Gott lob, kam er nicht nach seinem Vater, Luc Bourdin, ein Franzose, der auf Grund seines cholerischen Verhaltens seine Ehe ruinierte.

Was wäre wohl gewesen, wenn Vater damals nicht dem Ruf seines Herzens gefolgt und mit Mutter nach Großbritannien gegangen wäre, die als Walliserin Probleme hatte Good Old England zu verlassen.

Doch Gott sei Dank, hatte er kurzentschlossen seine geliebte Bretagne hinter sich gelassen und ist von der nah an der Küste gelegenen Stadt Lannion, zu ihr in das Walliser Hafenstädtchen Cardiff gezogen. Dass hatte dank seiner Industrialisierung und des Steinkohlenbergbaus einen ungeahnten Wachstumsschub erfahren und war auch bereit dementsprechend Arbeitsplätze anzubieten. Leider waren es nicht nur die wirtschaftlichen Verhältnisse die seine Ehe überschatteten, sondern vorwiegend die Tatsache das er ein Choleriker war. Trotz dem ich elf Monate nach ihrer Hochzeit zur Welt kam, gab es immer wieder Streit, weil er aus einer Mücke einen Elefanten machte und ständig ausrastete. Erstaunlicher Weise und dass hat mich in späteren Jahren wohl am meisten gewundert, überstand diese Lebensgemeinschaft noch gut zwanzig Jahre, erst dann trennten sich die beiden und Vater ging zurück in die Bretagne. Mutter Loreen hat ja wenig später diesen Arthur kennen gelernt, der wohl seinen Pub verkaufte, weil er in Liverpool seine Zukunft sah. Und wie wäre es wohl weiter gegangen ohne meine Ausbildung als Bierbrauer? Ja in diesem Fall hätte ich wohl niemals Aimée kennen gelernt, wäre wahrscheinlich auch nicht nach Brecon gezogen und hätte mich wohl auch nie um diese leitende Anstellung in der hier in Mittelwales ansässige Traditionsbrauerei Breconshire Brewery beworben. Es war ihm nicht bewusst, warum ihm gerade jetzt auf dem Weg zum Doc, ein Teil seiner Lebensgeschichte durch den Kopf ging. Er nahm es einfach als gegeben hin.

Doc Peterson, übrigens ein Freund der Familie, hatte seine Praxis zwei Querstraßen entfernt und es vergingen zwanzig Minuten bis Aimée‘ s Mann mit dem Arzt wieder die Wohnung betrat. Die Wehen hatten wieder eingesetzt, jetzt alle drei Minuten. Der Mediziner machte nicht viele Umstände und begann mit seinen subjektiven Untersuchungen. Er nahm sein Stethoskop zur Hand und kümmerte sich um die fetale Herzfrequenz seiner Patientin.  

»Und, kannst du was hören, Mark?« fragte die werdende Mutter den Freund.

»Ja, meine Liebe, ja. Das hört sich zunächst gut an. Deinem Kind geht es gut. Du würdest staunen, wie viele kleine Veränderungen und Klangfarben das menschliche Ohr detektieren kann«, erläuterte er seine Untersuchungen in diagnostizierendem Genre, dass man das Gefühl eines Selbstgespräches nicht von sich weisen konnte, dabei machte er sich auf einem bereitgelegten Block immer mal wieder einige Notizen.

Gerald und Aimée kannten ihren Freund und wussten, dass er im Grunde genommen nur hochkonzentriert arbeitete.

»Es tut mir Leid, Aimée, aber du wirst dich noch ein paar schmerzhafte Stunden lang gedulden müssen. Dein Muttermund hat sich bisher erst 2 – 3 cm geöffnet. Ich werde dir Lucy rüberschicken. Du weißt, es gibt keine erfahrenere Nurse hier in der Gegend. Kopf hoch, wird schon werden, Liebes. Du kannst auch selbst mit dazu beitragen das dein Sohn schneller zur Welt kommt. Versuch auf die Toilette zu gehen, dann hat dein Junge mehr Platz und beweg dich viel, lauf herum oder geh mit Gerald um den Block. Das Lockert die Muskulatur und wenn wir Glück haben, rutscht er auf diese Art leichter. Also, sieh zu was du machen kannst, aber eins ist gewiss, es wird nicht ohne Schmerzen abgehen. Ich muss jetzt wieder rüber, habe noch eine ambulante OP vorzubereiten, macht‘ s gut ihr beiden«, waren Doc Petersons letzte Worte, bevor er die Haustür hinter sich zu zog.

Und Aimée war ein gehorsames Mädchen. Mit Hilfe von Lucy und ihrem Ehemann tat sie wie ihr geheißen. Sie bewegte sich fleißig, quälte sich auf der Toilette, dass es ihr fast den Leib zerriss – so ihr Gefühl – bis sie irgendwann nicht mehr konnte und sich total erschöpft und schwer atmend aufs Bett legen musste. Ihr brünettes Haar hing in Strähnen hinunter und der von Schwangerschaft gezeichnete Körper triefte vor Schweiß, so dass ihre Nachtwäsche zur zweiten Haut wurde. Nur in ihren graublauen Augen konnte man, wer sie genau kannte, den Ausdruck von eisernem Willen und innerer Stärke ablesen. Doch trotz aller körperlichen Strapazen strahlte ihr Gesicht eine Art Glückseligkeit aus, ein inneres Lächeln umspielte ihren Mund, der gefühlsbetonte Ausdruck einer werdenden Mama.

Gegen Mittag, war es mit Geralds innerlicher Ruhe vorbei. Sein Nervenkostüm – zum Zerreißen gespannt – kollabierte während des Geburtsvorgangs. Sein Freund, Doktor Luis Peterson, verabreichte ihm eine Beruhigungsspritze und Aimées Leiden hatte endlich ein Ende. Nachdem ihr der Doc das Kind auf den Bauch gelegt hatte, war aller weltlicher Schmerz wie weggeblasen … es überwiegte das Glück. Aimée und Gerald tauften ihren kleinen Liebling Jean. Klein Jean war ein fröhliches Kind, lachte viel und bereitete den beiden nur Freude. Der Junge war intelligent und hatte eine schnelle Auffassungsgabe, schon mit fünf Monate fing er an zu sprechen.

Die folgenden Jahre verflogen wie Blätter im Herbstwind und außer den üblichen Kinderkrankheiten war und blieb Jean ein kerngesundes Kind, obwohl er zu leichtem Übergewicht neigte. Beim Eintritt in die Schule, brachte der Knabe schon Rechen-, Schreib- und Lesekenntnisse mit und ihm fiel das Lernen auch weiterhin besonders leicht. Er war steht‘ s Klassenprimus und im gehobenen Maße beliebt bei der Lehrerschaft. Das wiederum grenzte ihn bei seinen Klassenkameraden aus. Kaum jemand wollte etwas mit einem Streber zu tun haben, waren ihre Leistungen aber grenzwertig, versuchte jeder auf seine Weise, seine Gunst zu gewinnen – selbst, wenn sie sie sich erkaufen mussten.

Schnell merkte Jean, dass er nicht wie die anderen war und so nutzte er die Chance, sich mit seinem Wissen ein großzügiges Taschengeld zu sichern.

Schon in frühen Jahren befasste sich der Junge Jean mit dem Schreiben. Anfänglich waren es Gedichte für seine Mutter. In der Schule schrieb er phantasievolle Aufsätze, beteiligte sich in den höheren Klassen an einer Schülerzeitung und bekam auf Grund seines Schreibstils und der Aussagekraft seiner Artikel, bald eine eigene Kolumne. Nachdem er das vierzehnte Lebensjahr vollendet hatte,  begann er ein Buch zu schreiben. Sein großes Vorbild war Jules Verne. Jean faszinierte die Zukunft, er war berauscht von fernen Planeten, von roten Sonnen und von Außerirdischen die vorrangig in seinem Kopf existierten.

Im Alter von sechzehn Jahren hatte er seinen ersten Roman beendet und ging in seiner Freizeit Klinken putzen. Das Manuskript in der Tasche,  marschierte er mit stolz geschwellter Brust von Verlag zu Verlag, bis er zufällig beim betreten einer Redaktion mit einem gewissen Rod Milton zusammen stieß. Und er kam, Milton selbst ein Lektor, mit dem Mann ins Gespräch. In diesem Gesprächspartner hatte Jean gleichzeitig seinen zukünftigen Verleger entdeckt, denn Rod Milton war dabei seinen eigenen Verlag zu gründen. Selbst an der thematischen Vielfallt der Astronomie, der interstellaren Materie und all seinen Himmelskörpern interessiert, hatte Jean in Mr. Milton einen begeisterten Anhänger gefunden. Einen Anhänger, der seinen eigenen Enthusiasmus für die Entstehung und den Aufbau des Universums, als auch die damit zusammenhängenden geistigen Fantasien und daraus entstehenden Geschichten mit ihm teilte.      

Anfänglich lief der Verkauf seines Buches schleppend. Der neu gegründete Verlag und das neue Werk des Newcomers konnte in Leserkreisen nicht so richtig Fuß fassen, doch Mr. Milton rührte fleißig die Werbetrommel und im darauffolgenden Jahr fand das Erstlinkswerk von Jean Bourdin immer mehr Anklang und als es sich in den entsprechenden Kreisen herum gesprochen hatte, schaffte es sogar den Sprung nach ganz oben. Zu guter Letzt stand es auf dem achten Platz der zehn beliebtesten Bücher. Ein Umstand, der den Ehrgeizigen jungen Autor noch mehr anspornte. Elf Monate nach seinem ersten Erfolg erschien die Fortsetzung und wurde noch im gleichen Jahr ein Bestseller. Wenige Tage nach seinem dreiundzwanzigsten Geburtstag war der junge Jean Bourdin mit fünf literarischen Werken in den Buchhandlungen vertreten.

Jean Bourdin, zum Workaholic mutiert, hatte sich von seinen Eltern losgelöst und ist nach South West England in die Grafschaft Cornwall gezogen, um genau zu sein nach St. Ives. In einem kleinen, aus Natursteinen gebauten Haus auf einer Anhöhe über der Altstadt, blickte er direkt auf die davor liegende malerische Bucht. Die kleine Künstlerkolonie war ideal zum Kontakte knüpfen und den Geist schweifen zu lassen. Hier bereitete er sich, nichts gebend auf seinen literarischen Erfolg, auf seinen Neuen Roman vor, der ihm schon während seiner abschließenden Pentalogie im Kopf herum schwirrte.

Seiner neuen Aufgabe bewusst, beschäftigte sich Bourdin mit dem bewegten Leben des vielseitig begabten Thomas Deer. Am Anfang studierte Deer Physik, trat jedoch später in die Fußstapfen seines Vaters und befasste sich mit der Astronomie, ja er übernahm nach anfänglichem Sträuben, sogar die väterliche Sternwarte. Er vervollständigte und ergänzte die astronomischen Karten seines Erzeugers, der einen Katalog über Teile des Himmels erstellt hatte. Außerdem bewies Deer, dass verschiedene Wolken aus Sternen bestehen und gab selbst auch einen Sternen-Katalog heraus. Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, ging er nach Chile, erwarb Grund und Boden und errichtete vor Ort ein Teleskop. Die Astronomie ließ ihn nicht mehr los, er forschte weiter nach Sternen, fand sogar Doppelsterne und Katalogisierte sie. Deer untersuchte ganze Sternenhaufen und analysierte viele unbekannte Nebel. Selbst nach seinem Ableben fand man noch Aufzeichnungen die Posthum in einem Katalog erschien. Zum Dank, für seine unermüdlichen Forschungsarbeiten, benannte man einen Mondgraben, einen Stern und einen See nach ihm. Viele seiner Entdeckungen, Berechnungen und Feststellungen benötigte der junge Schriftsteller Jean Bourdin, um die Authentizität seines neuen Romans zu untermauern.  


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