11. Türchen

„Woher weißt du überhaupt von unserem Keller?“

Ungläubig schaute Hermine Malfoy an. Meinte er die Frage tatsächlich ernst? Sie drehte sich zu ihm um, die Arme vor der Brust verschränkt, und erwiderte eisig: „Musst du wirklich fragen? Erinnerst du dich nicht ganz dunkel irgendwie an eine gewisse Szene, die sich hier während des Krieges abgespielt hat? Einen Tag, an dem Harry, Ron und ich in eben jenem Keller eures Hauses gefangen gehalten wurden?“

Sein Gesicht wurde wieder blass und Hermine konnte ein schuldbewusstes Flackern in seinen Augen sehen. Er hob die Schultern hoch: „Ach… ja.“

Kopfschüttelnd blickte sie ihn an: „Habt ihr wirklich gedacht, ich würde das vergessen? Habt ihr deswegen versucht, den Keller vor mir zu verheimlichen?“

Mit gesenktem Blick, seine Hände in den Hosentaschen vergraben, gab Draco zu: „Meine Mutter meinte, es sei besser, wenn du da nicht reingehst. Sie meinte, das Ministerium muss nichts davon wissen.“

Sie schnaubte bloß: „Und du hast dich nicht gefragt, warum sie das denkt?“

„Es ist ein Folterkeller, okay?“, fuhr er sie heftig an: „Ich kann verstehen, warum wir damit nicht hausieren gehen wollen!“

Nachdenklich rieb Hermine sich das Kinn. Irgendetwas sagte ihr, dass Narzissa Malfoy ganz genau wusste, was sich noch alles in diesem Keller befand – und dass sie wusste, dass es besser war, wenn niemand jemals davon erfahren würde. Wie sie Draco einschätzte, würde er jetzt erst einmal zu seiner Mutter gehen, ihr sagen, dass sie gemeinsam den Keller begutachten würden – und dann würde die Hausherrin mit irgendeinem Grund daherkommen, warum das jetzt nicht auf der Stelle geht. Draco würde ihr zustimmen, immerhin ist sie seine Mutter und er würde niemals die Seite des Ministeriums, noch weniger ihre einnehmen gegen seine Mutter. Und wenn sie dann doch endlich in den Keller konnte, wäre die Vase verschwunden.

Sie musste es irgendwie bewerkstelligen, dass Draco ihr genug vertraute, um seine Mutter aus dem Spiel zu lassen. Nur wie?

Sie setzte eine schuldbewusste Miene auf: „Es tut mir leid. Wirklich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schwierig das alles für dich sein muss …“

„Spar dir dein Mitleid, Granger“, fauchte Draco sie genervt an, doch er entspannte sich sichtbar, als er fortfuhr: „Die Vorurteile gegen uns sind einfach … wir müssen denen da draußen nicht noch mehr Grund geben, uns zu hassen.“

Überrascht stellte Hermine fest, dass sie tatsächlich ehrliches Mitgefühl mit Draco empfand, auch wenn sie das ursprünglich nur als Maskerade gedacht hatte. Mit einem schiefen Grinsen erwiderte sie: „Lustig, wie die Rollen verdreht wurden, mh? Vor kurzem war ich noch die Außenseiterin, die Muggelgeborene, die nur Abschaum ist. Jetzt erfährst du am eigenen Leib, wie großartig es ist, für etwas diskriminiert zu werden, was man niemals ändern kann.“

„Haha“, kommentierte er trocken: „Total witzig. Ich brauche dein Mitleid nicht, aber du musst mir das hier nicht noch unter die Nase reiben.“

Kurz rang sie mit sich, dann hielt sie ihm ihre Hand hin: „Ich entschuldige mich für die erpresserischen Methoden, mit denen ich dir gekommen bin, Draco Malfoy. Können wir Frieden schließen?“

Misstrauisch hob er eine Augenbraue: „Und was genau soll das jetzt werden?“

Frustriert warf sie die Hände in die Luft: „Bei Merlin! Seid ihr Schlangen alle so? Ich habe dich mit der Geschichte der Vase in die Enge getrieben und dich praktisch bedroht, um dich zur Kooperation zu bewegen. Das hat dir nicht geschmeckt, wie mein Hals so schön erfahren durfte, und ich sehe ein, dass das nicht richtig von mir war. Ich möchte mich ganz einfach dafür entschuldigen und das hier nutzen, um den ganzen dummen Häuserzwist aus Hogwarts hinter uns zu lassen. Keine Hintergedanken.“

Sie war sich bewusst, dass sie nicht ganz ehrlich mit ihm war – immerhin hatte sie schon einige Hintergedanken –, aber das Friedensangebot meinte sie durchaus ernst. Sie hatte absichtlich tief in die Trickkiste gegriffen, um Malfoy dazu zu bringen, ihr den Keller zu zeigen, und das bereute sie nun. Sie hatte nie darüber nachgedacht, wie es sich für ihn anfühlen musste, von der Zauberergemeinschaft jetzt praktisch ausgestoßen worden zu sein, obwohl er stets versucht hatte, Harry zu helfen. Sicher, er hatte das Verschwindekabinett repariert und Dumbledore auf dem Astronomieturm gestellt. Aber er war kein Mörder und wenn er während ihrer Gefangenschaft in seinem eigenen Haus nicht Stillschweigen bewahrt hätte, wer weiß, wie es dann mit ihnen geendet wäre? Seine frustrierte Wut über ihr Verhalten zeigte ihr nur zu deutlich, dass sie sich zu sehr in der Rolle der triumphierenden Kriegsheldin gefallen hatte. Wie er es ausdrückte: Sie musste ihm das alles nicht noch unter die Nase reiben.

Lange starrte Draco sie an, offensichtlich unschlüssig, ob er ihr glauben wollte, doch schließlich erschien sehr zu Hermines Verwirrung ein altbekanntes, überhebliches Grinsen auf seinen Lippen: „Oh, ich verstehe, was hier läuft. Wer hätte das gedacht? Wenn dir so viel daran liegt, wer wäre ich, den Frieden abzulehnen?“

Völlig überrumpelt ließ sie zu, dass er ihre Hand schüttelte, sie ein wenig länger festhielt als nötig, und ihr zum Abschluss noch einen zarten Kuss auf den Handrücken hauchte. Was meinte er damit, er wüsste, was hier lief? Was lief denn seines Erachtens?

Nachdem er sie wieder losgelassen hatte, beugte Draco sich ein wenig zu ihr hinunter und hauchte ihr zu: „Was meinst du? Wollen wir das missglückte Mittagessen nachholen, diesmal aber ohne irgendwelche Tricks meinerseits?“

Noch immer grinste er sie wölfisch an – und plötzlich fiel es Hermine wie Schuppen von den Augen. Aufgebracht stemmte sie ihre Fäuste in die Hüften: „Ich bin NICHT an dir interessiert, Malfoy!“

Lächelnd hob er eine Augenbraue: „Ach nein? Du wirst also einfach so rot?“

Mit offenem Mund starrte sie ihn an. Was stimmte nur nicht mit ihm, dass er ausgerechnet zu dieser Schlussfolgerung kam? Natürlich wurde sie rot, wenn jemand ihr einen Handkuss gab – rot vor Scham, dass irgendjemand noch solche mittelalterlichen Umgangsformen an den Tag legte. Außerdem hatte sie mit Harry und Ron schon genug Gefühlsprobleme, da passte ein Draco Malfoy überhaupt nicht mehr rein!

„Ich nehme einfach an, dass du mich aus Rache ärgern willst für meine Drohungen dir gegenüber“, erwiderte sie so würdevoll wie möglich, ohne ihm einen weiteren Blick zu schenken: „Aber die Einladung zum Mittagessen nehme ich trotzdem gerne an.“

„Soso“, schnaubte Malfoy und klang dabei noch immer deutlich zu amüsiert: „Du hast kein Interesse an mir, aber du lässt dich zum Mittagessen ausführen?“

Genervt schaute sie zu ihm hinüber. Sie konnte ihm kaum erzählen, dass der eigentliche Grund, warum sie die Einladung annahm, in ihrem Problem mit seiner Mutter bestand. Wenn sie sah, dass Dracos Ablenkungsmanöver augenscheinlich klappte, würde sie vielleicht vorerst die Vase belassen, wo sie war. Und je mehr Zeit sie mit Draco verbrachte, umso größer war die Chance, dass er ihr half, ohne seine Mutter zu kontaktieren.

Vielleicht war es gar keine so dumme Idee, ihn im Glauben zu lassen, dass sie aus romantischen Gefühlen heraus seine Nähe suchte. Männer waren schließlich simpel gestrickt, wenn sie glaubten, eine Frau am Haken zu haben, schalteten sie gerne einmal ihren Verstand aus. Das viel größere Mysterium war eigentlich, warum ihn der Gedanke an ihre Gefühle nicht mit Abscheu und Horror erfüllte.

Sie legte den Kopf schräg, während sie versuchte, so unschuldig und gleichzeitig verführerisch wie möglich zu ihm hinaufzublinzeln: „Sagen wir einfach, ich würde gerne noch einmal dieses interessante Restaurant aufsuchen, diesmal aber eine Speise meiner Wahl bekommen.“

Spielerisch deutete Draco eine Verbeugung an, ehe er ihr vorauseilte, um ihr wie ein Gentleman die Tür zu öffnen. Unwillkürlich fühlte Hermine sich an ihr erstes, fehlgeschlagenes Mittagessen mit ihm erinnert, und sie fragte sich, ob er gerade erneut versuchte, sie mit galanten Manieren abzulenken. War das hier ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Malfoy dachte, er wäre die Katze? Wenn dem so war, dann würde Hermine dafür sorgen, dass er sich ganz schnell in der Rolle der Maus wiederfinden würde.

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