11. Vierzehn

Toni hatte sich beim Schwimmen nie auch nur ansatzweise verausgabt. Wenn er keine Lust mehr gehabt hatte, vom Baustamm zu springen, hatte er am liebsten auf dem Rücken gelegen, sich treiben gelassen, zu den Baumkronen hochgeschaut und das angenehme Geräusch des Wassers genossen.

Bis zu diesem Tag. An dem sich etwas in ihm dazu entschieden hatte, dass es jetzt an der Zeit war, sich zu verausgaben. Zu zeigen, wie schnell er von einem Ende des Sees zum anderen kraulen konnte. Wie weit er vom Baumstamm springen konnte. Wie lange er unter Wasser die Luft anhalten konnte. Und das alles nur, um einen anerkennenden Blick von Gregor zu bekommen. Denn auch, wenn Toni es sich selbst nicht eingestand, aber das war genau das, was er haben wollte. Und was jetzt auch erst seit Neustem ein Bedürfnis war.

Von Gregor bekam er allerdings keine Anerkennung, denn Tonis plötzlicher Drang nach Höchstleistung stachelte ihn nur an und so wurde aus Tonis Versuch, Gregor zu beeindrucken ein knallharter Wettbewerb, den Toni nachher immerhin zwei zu eins gewann. Gregor konnte zwar weiter springen als er, aber beim Kraulen und Tauchen konnte er Toni nicht schlagen.

"Nicht übel, Mann," meinte er, als Toni neben ihm wieder hochkam und nach Luft schnappte. Mehr Anerkennung bekam er nicht, aber dieser eine knappe Satz reichte völlig aus, dass Toni sich für einige Zeit wie der König der Welt fühlte.

Danach waren sie ziemlich kaputt und die Lust am Schwimmen war ihnen erst mal vergangen. Sie zogen ihre Handtücher in die Sonne und während Gregor sich hinlegte und beinahe sofort eingeschlafen war, saß Toni da und konnte nicht aufhören, ihn anzusehen. Die nassen Haare klebten ihm am Kopf wie eine Kappe und auf seinem nackten Oberkörper glitzerten die Wassertropfen.

Toni fing an sich zu fragen, wie es sich wohl anfühlen würde, ihn anzufassen. Ihm vielleicht die Wassertropfen wegzuwischen. Der Impuls, genau dies zu tun, war auf einmal so stark, dass er schon die Hand ausgesteckt hatte, sie aber grade noch rechtzeitig zurückziehen konnte, bevor er Gregor wirklich berührte. Dann schlang er vorsichtshalber, damit so etwas nicht noch einmal vorkam, beide Arme um seine Beine, legte den Kopf auf die Knie und zog es vor, von jetzt an lieber Kamilla zu beobachten, die im See geblieben war.

Toni war ein Kind der Mediengesellschaft. Er hatte genug Bücher gelesen und genug Fernsehen gesehen um zu wissen, wie sich Verliebtsein anfühlte. Auch, wenn er noch nie verliebt gewesen war. Aber das anscheinend auch nur bis jetzt. Er dachte an Max und fragte sich, ob er sich genau so fühlte, wenn er Marie ansah. Oder mit ihr sprach. Aber sie war ja ein Mädchen. Bestimmt fühlte es sich anders an. Vielleicht irgendwie... richtiger. Tonis Gefühle fühlten sich zwar auch nicht falsch an, aber vielleicht waren sie es ja. Weil Gregor kein Mädchen war.

Toni schwirrte der Kopf und er schloß die Augen, in der Hoffnung, sie so vielleicht verscheuchen zu können.

Die Gedanken blieben, allerdings überfiel ihn dazu noch eine bleischwere Müdigkeit. Er streckte sich auf dem Handtuch aus und innerhalb von ein paar Minuten war er auch eingeschlafen.

Ein Schwall kaltes Wasser weckte ihn wieder und als er die Augen öffnete, stand Gregor über ihm und grinste breit. "Mittagsschlaf ist zuendeee!" rief er und klatschte einmal in die Hände.

Toni richtete sich gähnend auf und rieb sich einmal die Augen. Als er die Hände wieder sinken ließ, sah er, dass sich Kamilla inzwischen auch zu ihnen gesellt und dazu ihr Kleid wieder angezogen hatte. Auch Gregor trug sein T-Shirt und bevor Toni sich doof vorkam, als Einziger nur in Badehose dazusitzen, griff er nach seinem und zog es sich über den Kopf.

"Also," fing Gregor an und ließ sich im Schneidersitz auf seinem Handtuch nieder. "Ich hab absolut keinen Bock mehr auf Schwimmen! Hier in der Nähe ist doch das alte Dorf. Lasst uns da mal hingehen!"

"Das ist doch verboten!" warf Kamilla leise ein und Gregor lachte einmal abfällig. "Das ist doch scheissegal! Alle tollen Dinge sind doch immer verboten! Also, wenn man Spaß haben will, dann muss man halt verbotenes Zeug machen!"

"Mache ich aber nicht," murmelte Kamilla und Gregor zuckte mit den Schultern, auf eine Art die deutlich ,War mir schon klar' sagte. Dann wandte er sich an Toni und sah ihn auffordernd an. "Aber du kommst mit, stimmt's?"

Toni nickte schon eifrig, bevor sein Gehirn die Frage verarbeitet hatte.

Kamilla warf ihm einen besorgten Blick zu, aber das war ihm völlig egal. Genau wie die Aussicht, dass sie ihn bei Nadja und Thorsten anschwärzte. Die Aussicht, mit Gregor zusammen loszuziehen und zum Dorf zu gehen, das er sich ja schon die ganze Zeit einmal angucken wollte, waren in diesem Moment alles, was zählte.

Sie standen auf und packten ihre Sachen zusammen und dann trennten sich ihre Wege. Kamilla ging nach rechts und Toni und Gregor nach links, tiefer in den Wald hinein.

Entfernungen mussten für die Menschen auf dem Land eine andere Bedeutung haben. Erst Kamillas ,ein Stück bis zum See' und jetzt Gregors , hier in der Nähe' und beides stellte sich nachher als gefühlt einstündiger Fußmarsch heraus. Und dazu kam, dass das Unterholz immer dichter wurde und damit für Toni zu einer echten Stolperfalle. Er schaffte es meistens, sich noch zu fangen, bevor er wirklich hinfiel, aber dann verhakte sich sein Fuß in einer besonders dicken Wurzel und diesmal wäre es defintiv zu spät gewesen, wenn Gregor ihn nicht aufgefangen hätte. Für einen Moment lag Toni in seinen Armen und das Gefühl war so intensiv, dass es ihm den Atem raubte. Kein Vergleich zu dem Vorfall an der Treppe, bei dem Gregor ihn an sich gedrückt hatte.

Er stellte ihn lachend wieder auf die Füße. "Alles klar, du Tollpatsch?"

 Toni nickte und musste erst den Kloß in seinem Hals runterschlucken, bevor er krächzend: "Ja, alles ok," antworten konnte.

 "Ist auch nicht mehr weit," sagte Gregor und klopfte ihm einmal jovial auf die Schulter bevor er weiterging.

Toni folgte ihm mit weichen Knien.

Das Dorf war nicht viel mehr als drei verfallene Steinhäuser, vier von denen bloß noch das Fundament vorhanden war und einer winzigen Kirche, die zwar auch schon ziemlich nach Ruine aussah, aber immerhin noch als Kirche erkennbar war. Wäre Tonis Gefühlswelt grade nicht anderweitig ausgelastet gewesen, wäre er enttäuscht gewesen. So aber folgte er Gregor wie in Trance zwischen den Häusern hindurch zur Kirche hin.

Sie blieben im Eingang stehen und sahen ins Innere. Der hintere Teil der Kirche war fast gänzlich zerfallen und durch das riesige Loch fielen Sonnenstrahlen hinein. Der Boden und die paar verrotteten Holzbänke waren voller Laub, das durch die großen Löcher im Dach gefallen war und jetzt unter ihren Füßen knackte, als sie darüber liefen. In der Mitte blieben sie stehen und sahen sich um.

Eigentlich war dies ein genau so verzauberter Ort, wie die kleine Ecke in der Burg mit den Blumenbeeten und dem Windspiel, aber Toni hatte grade keinen Sinn dafür. Jedenfalls nicht so wie sonst. Er sah sich zwar um, aber alles in seinem Inneren war auf Gregor ausgerichtet, der die Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf schräg gelegt hatte. "Das ist ziemlich cool," meinte er und dann griff er nach Tonis Arm und zog einmal daran. Toni zuckte erschrocken zusammen und hörte kaum, wie Gregor zu ihm sagte: "Guck dir das mal an!" Er ließ Toni wieder los und wies in eine Ecke, in der eine alte Leiter stand die auf die hölzerne Galerie führte, die früher sicher einmal um den kompletten Innenraum gelaufen, jetzt aber nur noch teilweise vorhanden war.

"Komm, da klettern wir jetzt hoch!" rief Gregor begeistert und lief zur Leiter hin. Toni folgte ihm etwas langsamer und als er ankam, war Gregor schon oben. Er winkte ungeduldig mit der Hand. "Jetzt mach endlich!" drängte er und Toni holte einmal tief Luft und setzte seinen Fuß auf die unterste Sprosse.

Die Leiter knarrte, hielt aber sein Gewicht und er kam heil oben an.

 Auch auf der Galerie lag Laub und während Toni noch da stand und nicht so genau wusste, was er von alldem jetzt halten sollte wurde er plötzlich von einem Haufen getroffen. "Hey, Trantüte," rief Gregor und breitete die Arme aus. "Reiß dich mal zusammen und hör auf n Schlafwandler zu sein!"

Mit Laub beworfen zu werden konnte Toni dann doch nicht auf sich sitzen lassen. Er bückte sich, scharrte einen Haufen zusammen, ergriff ihn mit beiden Armen und setzte Gregor hinterher, der lachend losgelaufen war. Die kleineren Lücken zwischen den Holzbrettern übersprangen sie mit Leichtigkeit, aber schließlich war Gregor auf einer Plattform angekommen, auf der das nicht mehr ging. Er blieb stehen und sah Toni herausfordernd entgegen. Der nahm Anlauf, setzte etwas ungeschickt über und schmiss mit der gleichen Bewegung dem immer noch lachenden Gregor das Laub entgegen.

"Hah," rief er triumphierend und machte einen Schritt auf Gregor zu. In diesem Augenblick knarrte es bedrohlich, dann gaben die Bretter unter ihnen nach, die Welt kippte zur Seite und ehe sie sichs versahen, fanden sie sich auf dem Rücken liegend auf dem Boden wieder, um sie herum verteilt die Holzbretter.

Obwohl sie auf einem Haufen Laub gelandet waren, war der Aufprall so hart gewesen, dass es ihnen die Luft aus den Lungen getrieben hatte und es einen Moment dauerte, bis sie wieder zu Atem gekommen waren. Dann fingen sie gleichzeitig so heftig an zu lachen, dass ihnen die Tränen über die Wangen liefen.

Schließlich richtete sich Toni auf und presste die Hände gegen den Kopf, in dem in diesem Augenblick ein schmerzhafter Ball explodierte. "Heilige Scheisse!" stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hevor.

Gregor streckte ihm die Hand entgegen. "Hilf mir mal!"

Toni griff nach seiner Hand und zog ihn vorsichtig hoch. Auch Gregor verzog schmerzhaft das Gesicht und ohne seine Hand loszulassen, erkundigte Toni sich besorgt. "Auch Kopfschmerzen?"

Gregor nickte. Er sah ganz schön mitgenommen aus. Im Gesicht hatte er ein paar Schrammen, sein blaues T-Shirt war verdreckt und voller Laub, genau wie seine Haare.

Toni ließ seine Hand los und begann, ihm vorsichtig die Blätter von seinem Shirt zu streichen. Dabei raste sein Herz so heftig, dass Toni sich sicher war, dass Gregor es sehen konnte. Er spürte seine Schultern, seine Brust, seinen Rücken durch das dünne T-Shirt und wandte sein heißes Gesicht ab, damit Gregor nicht sehen konnte, wie rot er geworden war.

Gregor saß da ohne sich zu bewegen und ohne etwas zu sagen und als Toni es dann wagte, den Kopf zu heben saß er da und starrte ihn an. Mit einem Blick, den Toni noch nie vorher an ihm gesehen hatte, aber es war definitiv keiner, der anzeigte, dass Vulkan Gregor wieder kurz vor dem Ausbruch stand.

Toni schluckte einmal hart, als er beide Hände auf Gregors Schultern legte. Das Kribbeln tobte in seinem ganzen Körper von den Haarspitzen bis in den kleinen Zeh, verdrängte sogar die Kopfschmerzen und formte sich schließlich zu einem Gedanken, zu einer Handlung, zu einem Zwang, dem Toni absolut gar nichts entgegenzusetzen hatte. Er beugte sich vor und drückte seine Lippen unbeholfen auf Gregors. Er schloss die Augen und dann stand die Zeit für einen Moment still. Aber nur so lange, wie das letzte Brett brauchte, um sich auch noch aus der Verankerung zu lösen und mit voller Wuch hinunter auf eine der Bänke zu fallen.

Der dumpfe Knall riss Toni zurück in die Gegenwart. Erschrocken über sich selbst zuckte er zurück. Weg war das Kribbeln und zurück die Kopfschmerzen, zu denen sich jetzt noch Schmerzen im Rücken und in den Armen gesellten.

Gregor saß noch immer mit geschlossenen Augen da, aber er hatte die Stirn auf eine Art gerunzelt, die Toni genau zeigte, dass er gleich ziemlich ausrasten würde.

Toni war sofort klar, dass er keine Kraft hatte, Gregor irgendetwas entgegenzusetzen. Er hatte ihn geküsst und dadurch jeglichen Schutz verloren. Der Häme und dem Spott, mit denen Gregor ihn gleich sicherlich überschütten würde, hätte er absolut nichts entgegenzusetzen, aber bevor er sich dermaßen verletzten ließ, ergriff er lieber die Flucht. Er dachte in diesem Moment nicht mehr darüber nach, dass er keine Ahnung hatte, wie er wieder zurückkommen sollte. Er stand einfach auf und lief aus der Kirche. Hauptsache nur weg von hier.

 

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