11. Zwillingsstadt

  Dennoch sind die Zwillingsreiche keine ernstzunehmende Gefahr für die Interessen Anthars, sie sind ein großes Volk ohne eine bedeutende militärische Macht und mit einer zu großen politischen Instabilität, um einen einigen Staat darzustellen.

Gezeichnet Hadad, Schreiber von König Jaakan, dem Segensbringer.

 

 

 

 

Alsra mochte Zwillingsstadt. Sie mochte die kleinen Kinder, die sich lachend einander durch die Straßen jagten, während die Älteren Krieger spielten, auf Steckenpferden aufeinander zu rannten, um dann mit Stöckern auf sich einzuschlagen. Zwei alte Männer saßen schwatzend auf einer Bank und riefen den Jungen mit ihren Fistelstimmen Ratschläge zu. Eine Frau mit einem Korb Wäsche ging kopfschüttelnd an ihnen vorbei.

Die Stadt strömte über von Leben und es schien weniger Zwänge zu geben. Hier störte es niemanden wenn halbnackte Kinder trotz der Kälte herumliefen und die Jungen Katzen rasselnde Ketten an die Schwänze banden.

Die Disziplin und die Ordnung, die selbst in den Artherger Armenvierteln herrschte, wo selbst trotz der Armut versucht wurde, die Normen der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, gab es hier nicht.

Es war ein armes doch glückliches Leben, das die Menschen dieser Stadt führten und Alsra gefiel es, sie so zu sehen und sich vorzustellen, dass sie bald eine von ihnen sein würde. Und wie es am Hof des Königs aussehen würde, fragte sie sich auch, doch anders als in ihrer Heimat war es sicherlich.

Sie war froh, dass sie die Kutsche nach fünf Wochen Reise verlassen konnte. Ihr Pferd war eine Schimmelstute, deren Reiter gefallen war, ein eifriges und gutes Tier. Neben ihr lief ihr Hund, es war ein kleines Tier, nicht viel größer als zwei ihrer Unterarme mit einem leuchtenden hellbraunen, kurzem Fell mit dichter Unterwolle und aufrechten Ohren, sowie eine Rute, die auf dem Rücken geringelt war. Yra war der Name der Hündin und sie begleitete Alsra nun seit sechs Jahren.

Sie sah zu ihrem Vater, der an der Spitze der Kolonne neben Rittmeister Heled ritt. Und als hätte er ihren Blick gespürt, wandte er sich um und lächelte sie an. Sie schloss zu den beiden Männern auf und ritt neben ihnen, den Kopf hoch erhoben und ein glückliches Lächeln auf ihrem Gesicht, das nur von einem winzigen Schatten der Unwissenheit getrübt wurde.

Umso näher sie dem Zentrum der Stadt kamen, umso lauter wurde das Rauschen des Flusses. Und über dem Fluss erhob sich auf hölzernen Pfosten ein lang gestrecktes hölzernes Gebäude. Der höchste Punkt war die Flagge, die beiden Throne der Zwillingsreiche knatterten im Wind, der den Stoff immer und immer wieder gegen die Stange warf.

Bald würde dies auch ihr Wappen sein und ihre Kinder würden die Zwillingsthrone anstatt des steigenden Schimmels auf ihren Uniformen tragen. Ihren Vater würde sie vergessen und all die anderen Menschen, die sie in Telach zurückgelassen hatte. Den Hausmeier ihres Vaters, der ihr immer wieder Geschichten erzählt hatte. Den Hundemeister, der ihr geholfen hatte, Yra auszubilden. Die Köchin, die ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit heißen Tee gemacht hatte.

Sie vermisste Alsra, aber ihr Land, sicherlich nicht.

Ihr Blick richtete sich zielstrebig auf das Gebäude und die Hufe der Stute klapperten über die Brücke. Sie bemerkte, dass einige Reiter des Schwadrons zurückblieben und die Brücke sicherten, während andere vorausgeritten waren, um die Brücke, die zum anderen Flussufer führte, zu sichern.

Genau in der Mitte des Flusses öffnete nach Westen hin die Halle des Königs ihre Tore. Nach Westen in Richtung Varyny, sie blicken fort von Artherg, schoss es Alsra durch den Kopf. Allein ob dies gut oder schlecht war, vermochte sie nicht zu sagen.

Vor den Treppenstufen, die hinauf in ihre neue Heimat führten, waren ein halbes Dutzend Wachen postiert. Sie trugen keine farbenprächtigen Uniformen, sondern zweckmäßige erdfarbene Wämser und dunkle Hosen, darüber Schuppenpanzer, deren viele miteinander vernieteten Metallplättchen bei jedem Schritt klirrten. Ihre Gesichter wurden von einfachen Spangenhelmen geschützt, ihre Beine von ledernen Beinschienen. Bewaffnet waren sie mit einer Flügellanze, einem runden, kleinen Holzschild, die sie auf dem Rücken trugen und einem Langschwert, das scharf und gefährlich an ihrer Seite befestigt war.

„Kavallerie.“, erklärte Havinon ihr leise. „Sie sind für den Kampf vom Pferd geschaffen, nicht für den Boden.“.

Alsra nickte schweigend. Sie interessierten vielmehr die Tore, die sich nun öffneten und aus der nun ein Mann begleitet von Lachen und Gesängen trat.

Ihr Vater senkte den Kopf und Alsra erkannte in diesem Mann ihren Verlobten. Er sah gut aus, groß und stark mit dunkelblondem Haar, das in einem Zopf geflochten war und bis zu seiner Schulter reichte. Seine Haut war vom Wetter gegerbt und von der Sonne verbrannt. Drei schmale Narben zeichneten seine linke Wange, blass und unscheinbar, doch was ihr wichtiger war, war das Lächeln, das in seinen grauen Augen und in seinem Gesicht lag.

Ihr Vater stieg vom Pferd, ebenso wie Heled und sie tat es den beiden eilig nach. Ihr zukünftiger Gemahl kam auf sie zu und blieb vor ihr stehen. Sie war so viel kleiner als er und es war unangenehm, dass er so auf sie herabblickte.

„Herzog Havinon, meine Dame Alsra, willkommen in der Halle der Könige der Zwillingsreiche.“.

Aus den Augenwinkeln sah sie ihren Vater vortreten, die Zügel seines Hengstes in der Hand.

„Dies ist ein guter Hengst, möge er deinen Stuten viele Söhne und Töchter schenken und dich sicher tragen.“.

Die Zügel wechselten die Hand und Prinz Elieser bedankte sich lächelnd bei ihrem Vater. Alsra dagegen fühlte sich unwohl, sie wollte Elieser gern begrüßen, wie es die Art seines Landes war, doch hatte sie vergessen wie es ging. Sie war ihm dankbar, dass er sie nicht korrigierte, sondern ihr seinen Arm anbot und mit ihr die Treppenstufen hinaufstieg. Sie wechselten keine Worte, es war nicht nötig und nicht sinnvoll, denn würden es sich noch genug Gelegenheiten bieten.

Sie warf einen Blick zurück zu den restlichen Soldaten Heleds, die sich an den Treppen postierten und zu Yra, die dort wartete. Elieser hatte erkannt wem ihr Blick gegolten hatte und bemerkte: „Euer Hund ist in unseren Hallen willkommen.“.

Er siezte sie und duzte sie nicht wie es in den Zwillingsreichen üblich war und sprach sie in der Sprache Arthergs an.

Sie pfiff nach ihrer Hündin, die die Treppen hinauf jagte, Elieser beschnupperte und anscheinend nichts an ihm auszusetzen hatte. Der Prinz beugte sich sogar herab und strich über Yras von der Reise noch verdrecktes und verfilztes Fell.

„Ihr Name ist Yra, Elieser.“, erklärte sie leise in seiner Sprache, während sie weiter hinauf stiegen.

„Dann wird sie sich mit meinem Hund sicher gut verstehen.“, antwortete er und sie war ihm weiterhin dankbar, dass er nicht über sie lachte und dass sein Interesse nicht geheuchelt war.

Sie traten in die Halle, gefolgt von ihrem Vater und Heled, der seine Waffen immer noch trug und sich sorgfältig umsah.

Es gab eine große Tafel, an der Menschen jeglichen Alters und Geschlechts wild durcheinander saßen, aßen und sich unterhielten. Musiker spielten wilde und fröhliche Lieder, tanzten um die Tafel herum und Narren vollführten ihre Spiele.

Als jedoch Elieser und die drei Artherger eintraten, verstummten die Gespräche und die Musik brach ab.

Ein älteres Paar in der Mitte der Tafel erhob sich. Ihr einziger Schmuck waren die verschlungenen gelben Muster, die sich von ihrem Hals über die Wangen bis an die Stirn ausbreiteten, wobei die der Königin allein auf der linken Seite waren und die des Königs auf der Rechten. Ihre Gewänder waren aus einfacher Wolle, die alle Menschen hier trugen, doch besaß keiner ihre Muster im Gesicht.

„Willkommen, Tochter der Artherger und auch ihr Vater sei willkommen in den Hallen des Förelier und der Indifau.“. Er klatschte in die Hände. „Die Feierlichkeiten sollen beginnen.“.

Elieser wollte Alsra grade an ihren Platz führen, da erhob der Rittmeister die Stimme: „Ich erbitte einen Vorkoster für seine Hoheit, Herzog Havinon von Scheeru und für Prinzessin Alsra von Scheeru.“. Er sprach die Sprache der Zwillingsreiche, wenn auch mit sehr starkem Akzent. Wieso überraschte es sie nicht?

Gelächter ertönte, doch König Förelier beendete es mit einer Handbewegung.

„Eine Vergiftung ist feige in den Augen meines Volkes. Niemand würde Personen, die unter meinem Schutz stehen, etwas zu Leide tun.“.

„Wir wurden auf dem Weg mehrmals angegriffen und das waren nicht einfach nur Räuber. Ich gedenke das Leben dieser beiden Menschen zu schützen und wenn es ihrer Sicherheit dient, bin ich bereit eure Traditionen mit Missachtung zu strafen.“. Stolz und kalt sah der vernarbte Heled den König an, die Hand noch immer auf seinem Säbel ruhen.

Doch nickte Förelier schlussendlich und winkte zwei Jungen heran, die etwas jünger als Alsra waren und sich wie aus dem Gesicht geschnitten waren.

„Meine Söhne werden für euch vorkosten, wer auch immer den Plan haben sollte, meine neue Tochter und ihren Vater zu vergiften, soll wissen, dass er damit auch mich selbst verletzt.“.

Elieser führte seine zukünftige Braut an die Mitte der Tafel, gegenüber von seinen Eltern. Havinon wurde neben Königin Indifau gesetzt, während Heled an der Tür stehen blieb.

„Ihr feiert Hinadti, nicht wahr? Den Tag der Vereinigung von Riphor und Athilan zum Land Riphat, den Zwillingsreichen.“, fragte Alsra leise, während sie den Blick über die Tafel und die daran sitzenden Menschen schweifen ließ. Es gab Menschen jedes Alters wild durchmischt und anhand der Kleidung waren keine Standesunterschiede feststellbar. Alle trugen dieselben Wämser und Hosen aus grober Wolle. Es gab keinen Schmuck, wie die Adeligen Arthergs ihn besaßen. Die Männer hatten ihre Haare alle zu demselben Zopf geflochten, während die Frauen die Haare in zwei Zöpfen nach vorne geflochten hatten. Erst nach einer Weile fielen ihr die Zeichnungen auf, die nicht nur das Königspaar schmückten. Als Elieser seinen Becher hob, bemerkte sie die Zeichnungen auch auf seinem Handrücken. Feine Striche in einem hellen Orange färbten die Fingernägel und schlängelten sich um die Finger. Der Mann der auf der anderen Seite neben ihr saß, besaß ebenfalls orange Muster, während andere blaue, braune und grüne trugen, jedoch besaß allein das Königspaar Muster in einem leuchtenden Gelb im Gesicht.

„Ja.“, antwortete Elieser auf ihre Frage, „Es ist ein gutes Zeichen, dass du heute angekommen bist.“.

„Das mag es sein.“, entgegnete sie stirnrunzelnd.

„Du glaubst nicht an Vorzeichen?“, fragte er und lächelte.

„Nein. Ich glaube an das, was sich vor meinen Augen befindet und diese Ehe wird das sein, was wir aus ihr machen.“.

„Ich auch nicht.“, gab Elieser zu. „Doch es ist ein schöner Tag und besonderer Tag, den es zu erleben lohnt.“.

„Ich werde den Rest meines Lebens Zeit haben, die Feste deines und nun auch meines Volkes zu feiern.“.

„Verbittert es dich?“, fragte er und sie war erstaunt von seiner Offenheit. „Du bist jung und ich kann mir vorstellen wie schwer es sein muss, die Heimat zu verlassen und ins Unbekannte zu gehen.“.

„Das was ich bisher gesehen habe, gefällt mir, Elieser. Du lebst in einem schönen Land.“.

Er lachte und schenkte aus einem Bierkrug in ihren Lehmbecher ein.

„Wenn du willst, kann ich dir das Land im Sommer zeigen. Wir können zum Mondfels wandern, der Festung wo Ziphondus und Irastji das erste Mal aufeinander trafen. In der Nähe sind auch die gläsernen Wasserfälle, mehrere Dutzend Wasserfälle stürzten von einer gewaltigen Höhe in eine Schlucht, im Winter gefrieren einige der kleineren Wasserfälle und man sagt, dass in einem besonders strengen Winter sie ganz zufroren. In diesem Jahr marschierten die Heere Arthergs in das damalige Reich Athilan ein und die letzten Widerstandkämpfer flohen in diese Schlucht auf die einzelnen Inseln darin. Als die arthergischen Heere ihnen folgen wollten, lösten sich die Eisflächen auf und Männer und Pferde ertranken in den eisernen Fluten. So wurde Anthilan gerettet und Artherg wagte es auf viele Jahre nicht, in das Land einzumarschieren.“.

Elieser konnte gut erzählen und Alsra genoss es seiner Stimme zu lauschen, die sie so zuversichtlich von all ihren Sorgen ablenkte.

„Aber ist es denn wirklich so geschehen?“, fragte sie und schüttelte sich, als sie von dem Bier probierte. Es war zu bitter und dickflüssig für ihren Geschmack.

„Natürlich nicht.“. Elieser grinste erneut. „Aber wer will schon die Geschichte von einem Artherger hören, der seinen König verriet und so den Anthilan zum Sieg verhilf? Die Menschen mögen Geschichten von tapferen Kriegern und Wundern, nicht von Verrätern.“.

„Erzähle weiter.“, bat sie.

Und so erzählte er von den heißen Geysiren in den Quellwäldern, von den wilden Pferdeherden in den Sonnensteppen, von alten Ruinen und Schlachtfeldern.

Dann begann sie zu erzählen, von ihrer Heimatstadt Telach am Fluss Adlai, der Burg, von ihrer Mutter und ihrer Kindheit.

Dann folgte Elieser und stellte ihnen seine insgesamt achtzehn Geschwister vor, wobei sich Alsra nur die Namen seiner beiden Drillingsgeschwister merkte: Jetur und Irastij. Jetur war der Mann, der auf der anderen Seite neben ihr saß. Er war ernster als sein Bruder, sein Haar ein wenig dunkler und seine Nase krumm. Auch er lächelte sie an, doch besaß Jetur nicht dieselbe überschwängliche Freude und Freundschaft, die Elieser ihr entgegenbrachte. Irastij, welche zugleich mit Jetur verheiratet war, war still und schüchtern, besaß jedoch ein hübsches Gesicht mit Sommersprossen und blauen Augen und war für eine Frau der Zwillingsreiche ungewöhnlich zart und feingliedrig gebaut.

„Was bedeuten diese Zeichnungen?“, fragte sie den Sohn des Königs schließlich, als der Abend schon fortgeschritten war und Jetur sich mit Irastij zu den Tanzenden gesellt hatten.

Elieser schob sein Wams hoch und offenbarte den Blick auf filigrane Muster, deren Bedeutung Alsra jedoch nicht kannte.

„Die Farbe Gelb ist die Farbe des Königs, Orange und rote Töne zeigen dagegen ihre Verwandten an, umso heller das Orange desto näher steht man in der Erbfolge.“.

Eliesers Zeichen waren Dunkelorange.

„Ich bin das fünfzehnte Kind meiner Eltern, besäße ich Zeichen von roter Farbe wäre ich ein Bruder meiner Eltern.“.

„Wer sind die Erben deiner Eltern?“, fragte sie.

Elieser deutete auf ein Paar unter den Tanzenden.

„Aber wenn ich ehrlich bin, strebt es mich nicht nach der Krone.“.

Alsra zuckte mit den Schultern. Wenn sie ehrlich war, interessierten sie die ganzen politischen Systeme doch. Wenn man ihr ein Wappen zeigte, wusste sie meistens sofort den Namen des Hauses und welche Position es vertrat. Sie hatte gute Lehrer gehabt.

„Möchtest du tanzen?“, fragte Elieser, doch Alsra verneinte. Noch waren ihr diese Tänze, die eher ein wildes Hüpfen und Raufen waren, denn ein wirklicher Tanz, zu riskant.

„Du machst das gut.“, erklärte Elieser.

„Es ist meine Pflicht und diese Halle wird in Zukunft mein Zuhause sein.“.

Ihr Zuhause. Sie ließ den Klang auf ihrer Zunge zergehen. Es hörte sich gut an und es fühlte sich gut an, hier zu sitzen, während die Flöten, Fideln und Trommeln fröhliche Melodien ertönen ließen.

 

 

 

 

Es war dunkel und nur wenige Fackeln waren in die Wände eingelassen, um die Arbeiten in den Minen zu ermöglichen. Bäche von Schweiß flossen über Kesajs nackten Rücken und sein Körper spannte sich vor Anspannung an. Feine Eisenerzadern zogen sich vor ihm durch das Gestein, teilweise noch verborgen vom Gestein. Er hob die Steinhacke und befreite den kostbaren Schatz vorsichtig vor seinem Schutz. Mit den schon blutigen Fingern half er nach und legte die fertigen Stücke von Eisenerz in den Karren, der hinter ihm stand. Es gefiel dem Tjaroler nicht, dabei zu helfen, Waffen zu fertigen, die sich in einiger Zeit gegen sein eigenes Volk richten mochten. Doch hatte er festgestellt, dass er mehr erreichen würde, wenn er nicht offen rebellieren würde. Schon viele hatten es versucht – Tjaroler beugten sich nicht gerne – alle hatten sie sich am Ende den Stahl unterworfen und ihren Atem in einem fremden Land ausgehaucht.

Mit den Fingern berührte er vorsichtig das Mahl seiner Schande auf seinem Oberarm. Es schmerzte noch immer, doch mehr als der körperliche war der seelische Schmerz. Dieses Gefühl gebrochen und besiegt zu sein und nichts dagegen unternehmen zu können. Der Bär war nicht nur in seine Schulter geätzt und deutete so seine Stellung als Kriegsgefangener und Sklave an – er ließ ihn auch nicht entkommen.

Wenn er wenigstens wissen würde, wo sich diese Mine befand…An den Tagesreisen, die sie von Astjiras bis zu diesem Ort zurückgelegt hatte, konnte er nur ungefähr erahnen, dass sie sich im Nordosten Servinas befanden. Wo auch sonst? Kein Gebirge besaß so viele ergiebige Quellen von Eisenerz und Silber wie das Schattengebirge, dennoch war er froh darüber. Denn der östliche Teil des Schattengebirges gehörte zu Madruk, wenn ihnen die Flucht in das Land der Jorohne gelingen würde, wären sie in Sicherheit. Zunächst musste Kesaj nur den genauen Ort herausfinden und dann musste ihnen die Flucht natürlich auch noch gewinnen.

Und fliehen musste er, denn das war nicht das Leben für einen Tjaroler. Ein Tjaroler musste den Wind in seinem Haar spüren, die Weite sehen, die sich unter ihm ausbreiteten, den Boden unter seinen Füßen spüren, die Kälte, die das Land seiner Heimat ausmachte.

Doch hier war es Dunkelheit, die ihn umgab und die Wachen, die ihn beherrschten. Kriegsgefangene hatten keine Rechte und da Tjaroler keine Rangabzeichen trugen und niemand seinen Rang freiwillig sagte, gab es auch keine Möglichkeit für einen Geiselaustausch.

Zornig hieb Kesaj auf den unnachgiebigen Stein vor ihm ein, der ihn nicht freigeben wollte, sondern ihm ein lebendiges Grab geschenkt hatte. Bei jedem Schlag stellte er sich vor, dass es ein Kopf war, der fiel.

Herzog Doeros, der Tjarol als Erster erobert hatte, die Fürsten seines Landes, die ihr eigenes Volk verraten hatten und Rebellen ausgeliefert hatten, König Jerimot, Herzog Alemet und Kronprinz Jasreel. Die Wenigsten von ihnen hatte er jemals gesehen, doch konnte er ihr Blut sehen, dass den jungfräulichen Schnee rot färbte. Und eines Tages, das schwor er sich, würde es auch wirklich so geschehen. Eines Tages würde er Rache nehmen an den Königen, Herzögen und an diesem Soldaten, der ihm vom Turm gestoßen hatte und deretwegen die Festung Astjiras erobert worden war. Sein Gesicht sah Kesaj vor sich, jede einzelne Narbe, die dunklen Augen, der Atem, der sich wie Dunst in der Luft verflüchtigte.

Ein Aufseher ging vorbei und schrie einen Gefangenen an, der zu langsam arbeitete. Kesaj sah nicht hin, als die Peitsche knallte und das Blut des Alten auf den Boden tropfte. Schon zu oft hatte er es mitbekommen, doch bisher hatte er Glück gehabt und war nicht aufgefallen. Weiteres Eisenerz füllte den Karren und Jismayig schob ihn fort, doch zuvor beugte sich die Tjarolerin zu ihm hinüber und flüsterte: „Hawila.“.

Dann schob sie den Karren fort und ihre Gestalt verschwand in dem Gang, der sich wie eine hungrige Schlange durch die Finsternis schlängelte. Und sie konnte nie genug haben, die Mine war blutrünstig und gefährlich. Sie mochte das Blut von Auspeitschungen und Steinschlägen und sie mochte die Männer, die durch das eintretende Wasser ertranken.

Doch nun hatte sich ein Funken durch die Finsternis gedrängt und Kesaj ergriff ihn. Hawila. Er flüsterte den Namen, ließ ihn auf der Zunge zergehen. Hawila. Glück und Hoffnung überschwemmten ihn. Die Stadt Hawila, benannt nach der Tochter von König Jerimot, lag nicht im Schattengebirge, jedoch am Fluss Lidebir, der sich durch das Gebirge seinen Lauf gesucht hatte. Und er schützte den einzigen großen Pass von Servina nach Madruk, den Pass von Dura, der einen wichtigen Handelsweg ausmachte Zwei mächtige Festungen bewachten den Fluss und den Pass, auf der anderen Seite, in Madruk, befand sich die große Festungs- und Handelsstadt Mornav, eine der bedeutendsten, wenn nicht sogar die bedeutendste jorohnische Stadt. Wenn Jismayigs Information stimmte, hatten sie nach einem gelungenem Entkommen aus dieser Todesfalle gute Möglichkeiten unterzutauchen.

Hoffnung – wie gut sie tat. Nun gab es wieder etwas, wofür es sich lohnte zu kämpfen und zu hoffen. Es gab einen Grund sich aus der Asche zu erheben und den verfluchten Arthergern zu zeigen, dass Tjarol noch lange nicht besiegt war. Im Gegensatz, der Kampf hatte grade erst begonnen.

 

Comments

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    Ich habe ja immer ein bisschen ein Problem mit der Darstellung arm = glücklich. Das mag auf den ersten Blick durch unsere „deutsche Wohlstandsbrille“ vielleicht so wirken, aber bei näherer Betrachtung stimmt das dann meistens doch nicht so ganz. Aber gut, die Prota guckt ja vielleicht auch durch so eine Brille :-) Die Erzählung mit den Wasserfällen ist ein toller Einfall und dein Konzept der Zwillingsstadt mag ich sehr, auch wenn ich es nicht für die beste Idee halte, einen Holzpalast über einen reißenden Fluss zu bauen. Was, wenn es Hochwasser gibt? Ach ja: Und endlich mal eine Prinzessin, die nicht rebelliert, weil sie verheiratet werden soll, und sich stattdessen auch noch für die politischen Systeme interessiert! Fazit: Wieder gern gelesen!

beta
Fairy Dust

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