12.Flammende Wut - Samuel

Wie konnte sie! Ich raste durch den Wald nur auf ein einziges Ziel zu. Angefangen von dem Mann, den man überall in ihrem Haus roch, hatte sie dieses Messer. Mein Messer, dessen Oberfläche mich bei lebendigem Leib verbrennen würde!
Ich hatte ihn auf ihr gerochen. Die Wut loderte in meiner Brust. Wie konnte er es wagen, mein Weib zu küssen? Dafür würde er büßen.
Mit gefletschten Zähnen lief ich fort von ihr. Warum tat sie es? Langsam bestätigte sich mein Verdacht, sie spielte mit mir, wie mit einem Welpen. Einem Hund, dem man einen Knochen vor die Nase hielt!
Ich hätte sie zur Rede stellen sollen, doch die Wut ließ mich rot sehen. Wusste sie, wer ich war? Und wenn, wie lange schon? Dieses Silbermesser sagte alles. Als wir sie auf der Lichtung getroffen hatte, hatte sie Angst verspürt. Die Jungs hatten sich größte Mühe dafür gegeben. Umkreisten sie, bedrohten sie, nicht nur um mich zu provozieren. Zuerst war ich ruhig geblieben. Doch als Ian zu weit gegangen war, musste ich ihm zeigen, wo er standen, wenn es um sie ging.
Gideon war der Einzige gewesen, der einen kühlen Kopf behalten hatte. Mit seinen Runden hatte er es ihr nicht leicht gemacht. Doch ich wusste, dass es sein musste. Für Nida würden wir einfache Wölfe bleiben.
Mein Körper bebte. Und dennoch hatte sie sich in die Arme eines anderen Mannes geflüchtet. Wäre ich nur früher zu ihr gegangen.
Mein Atem war keuchend, das Revier ließ ich weit hinter mir. Ich blieb nicht stehen, meine Pfoten hinterließen tiefe Abdrücke, als sie sich in den Boden rammten. In meinem Kopf herrschte ein Chaos, hatte sie ihn geküsst? Wollte sie es?
Der Wolf wollte etwas reißen, am liebsten sogar diesen Nachbarn. Ich musste mich abhalten, nicht sofort umzukehren und diesen Menschen zur Strecke zu bringen. Es wäre mir erlaubt. Es war mein Recht meinen Rivalen wenn nötig mit dem Tod zu besiegen, was jedoch auch bedeuten würde, die Frau an mich binden zu müssen.
An einem tiefen Fluss angekommen blieb ich stehen, wenn ich weiter laufen würde, hätte ich keine Kraft mehr für mein Ziel. Mein Wolf wollte Needy unterdrücken ihr ihre Fehler aufzeigen. Sie bestrafen für ihr Vergehen. Sie gehörte mir und doch wagte sie es.
Ich kochte vor Wut, diese Frau hatte mir mal wieder bewiesen, wie sehr sie mich unter Kontrolle bekam. Keine Frau hatte sich jemals gewagt so weit vorzudringen wie sie. Sich auf mich zu setzen. So viel Macht gestand ich niemandem zu. Doch sie ... sie hatte es getan, hatte sich genommen, was sie wollte.
Damit hatte sie meine Pläne erneut im Wind zerrissen. Mein Ziel war nicht sie gewesen. Nur eine Sekunde hatte ich mir erlaubt, an sie zu denken. Die ganze Woche hatte ich geschafft sie zu verdrängen, sie zu vergessen. Ich hatte Aufgaben, hatte Pflichten. Nur einen schwachen Moment hat es gebraucht, um die Richtung ein paar Grad zu ändern. Ich wollte nicht bleiben, mein Wolf wollte sich versichern, dass sie in Sicherheit war. Ein Schritt in ihre Tür hatte ausgereicht, schwerer Fehler. Der Geruch des Mannes und ihr eigener süßlicher Geruch. Zart hing der blumige Geruch der Zuneigung in der Luft. Ich kannte ihn zu gut, sie hatte ihn mir selbst schon entgegengebracht.
Mein Wolf tobte, als sie mich schon im ersten Moment ignorierte und nicht beachtete. Solche Flammen hatte ich selten in mir gespürt, wie in diesem Moment. Alles in mir hatte nach Unterwerfung geschrien, wollte ihr sein Zeichen aufdrängen. Doch ich wusste es besser. Eine solche Frau zu besitzen, würde mich ins Verderben stürzen.
Ihre Worte waren wie der Dolch selbst, er hatte sie geküsst. Ab da an hatte der Wolf übernommen. Ich hatte sie mir genommen. Diesen schwachen Moment hatte sie genutzt. Sie hatte mich bestiegen mir ihren Willen und Kuss aufgedrückt. Ich hatte sie gelassen. Ich war machtlos ihr gegenüber.
Diese Frau war mein Todesurteil. Ich durchschaute sie nicht, wusste nicht, was sie wollte, geschweige denn tat.
Ich sah mich im Fluss an, meine Nasenflügel bebten. Meine Augen glühten vor Zorn. Vieles konnte ich verzeihen. Vieles wollte ich ihr verzeihen, doch das Messer? Nun war sie es, die meiner Familie schaden zufügen wollte. Ob sie zu ihm gehörte? Ob dies alles ein Spiel war, um uns zu schwächen? Nie hätte einer von uns ihr etwas getan, niemals ihr nur ein Haar gekrümmt.
Ich lief weiter, der Wind verschaffte nicht die ersehnte Kühlung, mein Körper erhitzte sich immer weiter. Mein Bruder hatte recht behalten. Sie war ein Fehler. Zum ersten Mal hatte ich mich einer Frau geöffnet und musste nun die Rechnung zahlen.
An einer Hütte angekommen, verwandelte ich mich. Mit Fäusten fixierte ich das kleine Haus. Dort würde ich bekommen, was ich brauchte. Ich würde es tun, wie sie es tat. Schnellen Schritten schmiss ich die Tür auf die Gesellschaft beachtete mich nicht. Ich ging zur Bar und setzte mich. Hier würde ich zwei Dinge finden, die ich unbedingt brauchte. Ein willigen Wolf, der es darauf anlegte, aufs Maul zu bekommen und ein Weib, dass sich nach Nähe wie meiner sehnte.
Beides war momentan nötig. Ich musste diese Frau aus meinen Venen hinauspressen. Der reine Gedanke an sie machte mich krank. Keine weitere Sekunde durfte sie mich in ihren Fängen halten, nicht so. Ich würde meine Kontrolle zurückerobern.
Die Tür schwang erneut auf, mein Bruder trat hinein, gerade das, was ich nicht brauchte. Ich schnaubte genervt und deutete dem Barkeeper, mir zwei doppelte zu geben. Er kannte mich genau und erfüllte meinen Wunsch. Ian platzierte sich neben mich.
„Du hattest sie?“ Ich nickte knapp. Er wendete sich seinem Drink zu und kippte ihn in einem hinab. Ich tat es ihm gleich und deutete dem Baarkeeper und noch eine Runde zu geben. Es würde eine lange Nacht werden, dafür würde ich Sorgen.

„Er ist platt.“ Ian schlenderte um die Mülltonnen herum, während ich dem Vollidioten, ordentlich die Fresse polierte. Er hatte es gewagt sich an zwei Mädels zu vergehen, meine Reaktion war es, ihm zu zeigen, was ich davon hielt.
Leblos sank er zu Boden, als ich ihn fallen ließ. Wie lange hatte ich auf ihn eingehämmert? Sicherlich nicht lang genug. Ich begutachte meine wunde Faust, sie war bedeckt mit dem Blut des Mannes. Dabei war er nicht unser Ziel, nur ein falscher Mann am falschen Ort.
„Zufrieden?“
„Noch nicht ganz.“ Ich wendete mich ab. Man trat nicht auf jemanden ein, der am Boden lag. So viel Anstand hatte ich noch im Körper. Wenn man überhaupt davon reden konnte. Immerhin war es das, was ich jeden Tag tat. Menschen die es verdienten zur Rechenschaft zu ziehen. Nicht meine Idee, mir wäre jeder recht gewesen, damit der Wolf Blut sehen konnte. Gideon hatte uns diese Regeln gelehrt, um unsere Stadt zu schützen, um uns zu schützen.
Mit erfolg.
Nichts passierte, ohne das wir es wussten. Dafür sorgten Hawk, Nick und einige andere. Sie waren unsere Augen und Ohren. Es ging sogar soweit, das uns andere Rudel anheuerten, um Probleme für sie zu klären. Wie in diesem Moment, in einer Stadt, nicht weit von unserer.
Ich trat auf die Straße. Es stank erbärmlich nach Schweiß und Urin, kaum auszuhalten und alles war voll von Ratten. Die Kriminalität war drei Mal so hoch, wie in anderen Stätten. Das alles durch zwei rivalisierende Rudel. Was sie nicht wussten, dass bereits ein drittes Rudel mitspielte, was uns nun für die Drecksarbeit rief. Abgesehen davon, war ihr vorhaben ritterlich. Sicherheit für die Menschen, Frieden für die Wandler. Sie wollten die Stadt reinigen, ganz im Sinne von unserem tun. Da dies Auswirkungen auf unsere Stadt hatte und oft genug versucht wurde, bei uns Fuß zu fassen, hatten wir uns entschieden mitzuspielen. Also würden wir auf Gideons Befehl hin die Stadt reinigen. Auf die eine Art, die wir kannten.
Mit gefletschten Zähnen.
Ich ging zurück die Gasse entlang, mein Bruder hinter mir. Er ging nicht mehr ganz gerade aus, Alkohol hatte er noch nie gut vertragen, trotz seines Gewichts. Wenn ich ihn brauchen würde, wäre er schon wieder klar, dafür sorgte das Adrenalin.
Ich sah mich um, mitten am Tag war es keine gute Idee zu handeln, doch mein Wolf trieb mich und wollte Blut sehen.
„Wo?“
„Etwa zwei Kilometer von hier. Willst du das wirklich durchziehen?“ Das würde ich. Mein Wolf heulte innerlich, wollte das eine Ziel reißen, dass er kannte. Den Melarks Sohn.
Eines der Rudel, die verschwinden sollten. Der Typ hatte mehrere hundert Vergewaltigungen und Morde auf dem Konto. Tüchtiger Junge schon mit einundzwanzig. Sein Vater hatte es ihm recht früh vorgelebt, an der ersten Vergewaltigung war er mit beteiligt. Über den Mord an seiner Mutter war man sich unschlüssig, ob er oder sein Vater es gewesen war. Ich tippte auf ihn, den verzogenen Sohn.
Eine Schande, wenn man bedachte, wofür wir Wölfe standen. Wir waren geboren wurden, um sie zu schützen, nicht um ihnen unsere Macht zu präsentieren. Das taten andere Rassen schon zu gern. Man konnte mit bestürzen sagen, dass die alten Zeiten gestorben waren. Was zur Folge hatte, dass wir Wandler nicht mehr für das Gute standen, sondern dass, wofür die Menschen uns hielten.
Monster.
Ich selbst war nicht besser, ohne Gideon wäre ich selbst dort gelandet. Genau wie mein Bruder. Töten war für uns normal, schon vor Gideon. Dabei die Mitte zu finden, war wichtig. Meine hatte ich gefunden, sie hieß Gideon. Er hatte ich alles gelehrt. Die Wut, die ich all die Jahre ausgelebt hatte, richtig einzusetzen. Sie gezielt zu nutzen. Gideon offenbarte sein Inneres selten. Verhüllte einen Teil seiner Vergangenheit und seine Gefühle. Distanziert und berechnend. Ein einziges Mal hatte ich ihn in einer schwachen Minute erwischt. Er hatte ein Foto angesehen. Ein Foto, das ich danach nie wieder gesehen hatte. Was wohl bedeutete, sie würde sein Geheimnis bleiben.
Die blonde Schönheit.
Wenn es um Frauen ging, hatten wir wohl alle unsere dunklen Kapitel.

Wir kamen an dem Haus des Melaks an. Es wies die typischen Merkmale für einen Wolf auf. Mitten in der Abgeschiedenheit mit Glasfassade, um immer mit dem Wald verbunden zu sein. Wir selbst machten es nicht anders, die Fabrik lag abgelegen in einem Gebiet, in dem nie Menschen zu finden waren. Fast alle Fabriken standen leer, wenn waren sie nur Lagerräume, somit eine perfekte Tarnung. Um uns herum der Wald, der als Naturschutzgebiet deklariert wurde. Was ebenfalls zum Verfall des Gewerbegebiets beisteuert hatte. Ausbau war verboten und somit ein Aufstieg unmöglich. Gideon hatte schon seine Pläne damit. Über Zwanzig Mann passten bisher in die Fabrik, Gideon wollte es bald vergrößern, da es schon einige Interessenten aus der Umgebung gab. Schon bald wäre unser wenige Mann starkes Rudel ein stetig wachsendes.
Ich kniete mich neben einen Baum und wartete. Es sollte eine Nachricht werden, dafür musste ich jedoch sichergehen, dass er alleine war.
„Willst du wirklich?“
„Halts Maul.“ Wir hatten uns nun oft genug, wegen dieses Miststücks, gestritten.
Das war vorbei.
Sie war vorbei.
Wenn sich dieser Tag dem Ende nähren würde, würde nicht nur eine Frau unter mir auf ihrer Matratze liegen.
„Kann das sein, das ich da meinen Bruder sehen?“ Ich sah ihn an. Mir war nicht zum Grinsen, wie ihm. Ein heiteres Funkeln stand in seinen Augen.
Ich wendete mich ab, sah mir mein Opfer genau an. Er telefonierte und kippte sich einen Drink nach dem anderen hinab. Ein Grollen stieg in mir auf, wäre er dicht, würde er sich nicht wehren können. Ich hasste Aufträge, die zu leicht endeten.
„Der? Er wird gleich weinend zusammenbrechen.“
„Wo sind nur die Wölfe von einst hin?“
„Gute Frage.“ Ian verschwand aus meinem Sichtfeld. Er erkundete die Gegend. Mit jeder Minute wurde ich ungeduldiger. Mein Fuß trommelte auf dem Boden herum. In mir schnürte sich etwas zu.
„Scheiße.“ Meine Geduld war geplatzt. Ich wollte Blut sehen. Je mehr desto besser. Ohne ein weiteres Wort ging ich zur Vordertür und klopfte. Es ging mir nicht schnell genug, also hämmerte ich gegen. Die Tür sprang auf.
„Was!?“ Ich packte den Jungen am Hals und schmiss ihn zurück. Er machte einen Ersticktenden Laut, als er auf dem harten Fliesenboden aufprallte. Ich ließ ihm keine Zeit, ging gleich auf ihn zu. Er sprang geschickt vom Boden auf.
„Mein Vater -“, drohte er gleich, womit er nicht weit kam, er wurde gleich von Ian unterbrochen.
„Wird dich nicht retten.“ Ian klang belustigt und voller Vorfreude, wie immer. Oft fragte ich mich, ob er es wie Weihnachten empfand und dabei kindliche Vorfreude fühlte. Immerhin war es sein Leben und sein Highlight, diesen Kerlen ihres so schwer wie möglich zu machen. Er schloss langsam die Tür.
„Heute ist dein Glückstag“, begann ich und ging zur Bar, „Gerade heute habe ich es nicht eilig.“ Ich öffnete die teure Flasche Whisky. Der Kleine sah mich mit wutverzerrtem Gesicht an. Ich legte die Flasche an und kippte ein paar Schluck hinab. „Und verdammt nochmal, hab ich bock, Knochen zu brechen.“ Damit packte ich ihn.

Eine Weile lang, hatte der Junge sich gut gehalten. Die ersten Schläge steckte er gut weg. Den Wurf durch das Fenster war schon etwas schwerer. Das Bad im Pool war dann schon grenzwertig. Danach hatte ich Ian seinen Spaß gelassen. Irgendwie hatte er es geschafft, den Kopf des Jungen durch das Geländer der Treppe zu kriegen.
Ich saß dort und sah ihn mir an. Er hatte uns mehrfach Mord angedroht, bis er zu Geld und schließlich allem übergegangen war, was er besaß und anbieten konnte. Nichts was wir uns je wünschen würden. Wir waren nicht käuflich, wir waren loyal. Was könnte ich mir schon wünschen? Kein Geld der Welt konnte mir kaufen, was ich wollte. Mein Magen verhärtete sich. Nein, das konnte es nicht.
Ian schlug auf die Seite des Kerls ein, er ächzte und jammerte, trotzdem verlor er nicht das Bewusstsein, das musste man ihm lassen.
Ich nahm noch einen großzügigen Schluck aus der Flasche. Das Zeug war gut, schon jetzt fühlten sich meine Muskeln entspannter an. Der ganze Tag kam mir schon nicht mehr gleich so beschissen vor.
„Was wollt ihr?“, gab er endlich blutsabbernd von sich.
„Verschwindet aus dieser Stadt.“
„Was ...?“ Das Blut von ihm war überall. Ich machte meine Hände an der Gardine sauber. Dabei begutachtete ich unser Werk. Das ganze Haus bestand aus Scherben und Chaos. Reichliche Leistung für zwei Stunden.
„Folgendes.“ Ian rammte ihn aus seiner Geländerklemme und hielt ihn fest. „Wir wollen nur, dass ihr verschwindet. Umgehend, verlasst die Stadt und du wirst uns nie wiedersehen. Verstanden?“ Ich hätte gelacht, wäre es angebracht gewesen. Die Melaks würden nie verschwinden. Nicht so eine große und mächtige Familie. Uns war bewusst, dass dies als schwerer Angriff gewertet würde. Wir mussten nur dafür sorgen, dass sie einen Schuldigen finden würden. Einen der nicht aus unseren Reihen stammte. Womit sich die Zwei ansässigen Familien gegenseitig minimieren würden.
Niemand würde wissen, dass wir die Finger im Spiel hatten, zumindest noch nicht. Wir würden sie gegeneinander ausspielen und dabei so viele unschuldige Opfer vermeiden, wie es ging. Anders hätte es Monate gedauert, vielleicht Jahre. Wir hätten zu viele Kapazitäten gebraucht, zu viele Opfer bringen müssen. Wir hatten genug Szenarien durchgespielt, um zu wissen, dass dies der einzige Weg war. So sah es zumindest Gideon und Dante. Der verdammte Co-Chef, wenn Gideon mal wieder nicht zu sprechen war.
Wohin der Kerl manchmal verschwand, war ein Rätsel, dem wir nicht nachgehen durften. Ich verfluchte diese Momente. Auch seine anderen Wächter, Dante, Gale und mein Bruder hatten ihn oft genug versucht zu überzeugen, es preiszugeben. Es machte uns alle angreifbar, vor allem wenn Gideon etwas zustoßen sollte. Wir waren verflucht noch mal für seine Sicherheit zuständig. Wie also sollten wir ihn schützen, wenn er uns nicht ließ!?
Ich spürte, dass er jedes einzelne Wort von uns verfolgte, er beobachtete die Situation. Gideon ließ uns immer freien Lauf, sonst wären wir nicht seine Wächter. So viel vertrauen, brachte er uns entgegen. Ich spürte, dass ihn meine Gefühlswelt amüsierte, weshalb auch ich grinsen musste.
Langsam erhob ich mich, Ian hielt den Lappen immer noch fest. Er hing einfach nur da, keine Kraft mehr um sich zu wehren. Das war das Einzige, was ich daran hasste. Wenn sie sich wehrten, war alles in Ordnung. Doch wenn sie nur noch dort hingen, unfähig sich zu schützen, war das Ganze nur noch eine Farce. Was in letzter Zeit zur Normalität geworden war.
Die Herausforderung war verschwunden, wie sollte man in Form bleiben, wenn nur noch Möchtegern Wölfe die Gegend unsicher machten!
»Bald«, beruhigte mich mein Anführer, er hatte recht. Es war nur der erste kleine Fisch auf einem langen Weg. Ich hoffte, er würde steinig werden. Die Ablenkung schrieb ich dem Alkohol zu und wendete mich wieder dem jetzt und hier zu.
„Bestell deinem Vater einen schönen Gruß.“ Damit schlug ich ihn nieder. Bewusstlos landete er auf dem Boden. Ian ließ ihn einfach fallen.
„Eine Idee?“ Ich sah mich um.
»Bei Gelegenheit sollte er nicht sterben, noch nicht«, half mir Gideon auf die Sprünge. Er musste wohl meinen Gedankenverlauf genau studiert haben.
„Schade.“ Ian grinste zustimmend. Er hörte ihn genau wie ich, durch unsere Verbindung zueinander. Ich schnaubte und rieb mir die Stirn. Nun kam der weniger spaßige Teil. Spuren verwischen und Spuren legen. Doch vorher ... Ich packte den Kerl am Bein und zog ihm zum Tisch. Es benötigte noch ein deutliches Zeichen, um die Melaks auf die richtige Spur zu bringen. Mit einem Ruck schmiss ich ihn auf den Tisch.
„Ich meine, es waren Messer.“ Ich zog schwarze Handschuhe an, um nun weitere spuren zu vermeiden. Ian schmiss mir eins zu. Ich erinnerte mich an den Dolch und wurde wütend. Mit voller Wucht rammte ich ihm das Messer in die Schulter. Auf Fingerabdrücke hätte ich nicht achten müssen. Wölfe vertrauten keinen Außenstehenden. Sie würden die Angelegenheit intern klären. Das Einzige, was wir also tun mussten, war eine Fährte in die Nähe der Polaris zu legen. Trotzdem war es gut, vorsichtig zu sein. Man konnte nie wissen, wann Wölfe eine andere Richtung einschlugen. Ich erinnerte mich an die vielen gleichen Male zuvor. Schon oft hatten wir solche Spuren gelegt, mit dem gleichen Ergebnis.
Die Wölfe sahen rot.
Der Junge würde nicht verbluten, Ian ging zu der Alarmanlage, die wohl eine Direktverbindung zu seinem Vater und seinen Jungs hatte. Nick hatte sich schon Tage zuvor umgesehen. Daher wussten wir, dass sie keine Kameras installiert hatten, somit würden wir unbemerkt hinein wie hinauskommen. Ohne erkannt zu werden und bei unserem Geruch würde auffallen, dass wir zum Schutz nicht den Polaris angehörten und somit Söldner sein mussten. Ein nicht seltenes Bild unter verfeindeten Rudeln.
Ich sah zu Ian, mit einem gezielten Schlag zerstörte er die Spielerei. Diese begann sofort aufzuheulen. Unser Stichwort für den Aufbruch.
Wir verwandelten uns und machten uns auf dem Weg. Wie immer machten wir es ihnen nicht leicht den Geruch zurückzuverfolgen, um es plausibler darzustellen. Nachdem wir im Revier der anderen angekommen waren, machten wir einen Schlenker, die Grenze würden sie nicht übertreten. Also liefen wir am Rand dieser entlang und machten uns auf einem Umweg zurück nach Hause.
Ein eigenartiges Gefühl machte sich auf dem Heimweg in meiner Brust breit.
Ich war unbefriedigt.
Das Ganze hatte mir nicht zur ersehnten Ablenkung verholfen. Im Gegenteil, je näher ich der Stadt kam, desto mehr musste ich an sie denken.
»Geh nach Haus«, befahl ich meinem Bruder und setzte zu einer anderen Richtung an wie er.
»Wo willst du hin?«, knurrte er. Ich antwortete ihm nicht. Verärgerung flackerte in ihm auf, ich begann mich wieder vor ihnen abzuschotten, wie so oft, wenn ich zu ihr wollte.
»Sam!«, schrie er mir nach, seine Stimme war leise am Rand unserer Verbindung zu hören, kaum ein flüstern. Stille breitete sich in meinem Kopf aus.
Wie gefesselt kannte ich nur ein Ziel. Ich musste sehen, was sie tat, vielleicht war der Mann bei ihr und ich konnte mein Versprechen in die Tat umsetzen.
Der Gedanke breitete sich wie Gift in meinen Gliedern aus. Mir wurde kalt, als wenn mein Blut gefror. Der reine Gedanke verursachte, dass mein Herz langsamer schlug. Ich kam am See an und blickte hinauf.
Ich sah sie und wie befürchtet war sie nicht allein, doch war es kein Mann, der bei ihr war. Nida schien am Boden zerstört. Leid las man ihr von ihren trüben Augen. Was hatte ich getan? War es meine Schuld? Mir zersprang das Herz, diesmal war es nicht Ian, der sie verletzt hatte. Ein Schauer überviel mich innerlich, machtlos etwas dagegen zu unternehmen. Das musste aufhören! So schnell ich konnte, wendete ich mich um und rannte fort.

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beta
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