12. Kapitel

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Professor Dr. Nestor Cyrus-Dorsal saß an seinem Schreibtisch und vervollständigte die Krankenakte seines Neuzugangs. Er war dreiundsechzig Jahre alt, sehr schlank, einen Meter sechsundsiebzig groß und achtundsechzig Kilo schwer, hatte einen melierten Haarkranz und trug eine runde Goldrand Brille. Sehr auffällig waren die schlanken, feingliedrigen Hände des Professors mit denen er, wenn er sich unterhielt sparsam gestikulierend seine jeweiligen Aussagen unterstrich. Im Hintergrund lief leise Musik im Radio, während er dabei war, einige labortechnischen Untersuchungswerte, in die jeweils dafür vorgesehenen Spalten einzutragen. Domingo de Lorcas, LDL Cholesterin Wert und seine Leberwerte sind noch nicht optimal, so sein Gedanke. Ich werde Cole Benjamin Bescheid geben, er soll seinen Ernährungsplan anpassen. Er schloss die Akte, nahm seine Brille ab und wischte sich über die Augen.

Indes las der Sprecher im Radiosender die letzten Nachrichten. Dr. Cyrus-Dorsal erhob sich, streifte seinen Kittel ab und legte ihn quer über die Sessellehne, während sein Blick hinüber zur Uhr schweifte, die 0:33 Uhr anzeigte.

»Schluss für heute«, murmelte der Doc und schlug die Richtung zum Radio ein, als er Plötzlich, beim letzten Satz des Moderators inne hielt. Hellhörig geworden lauschte er der Stimme des Radiosprechers.  

»Mit diesem fünften und vorläufig Letzten Roman, schließt der junge begabte Autor Jean Bourdin seine Pentalogie ab – zum Abschuss das Wetter.«

Der Professor überlegte kurz und während ein Lächeln seine Mundwinkel umspielten, drehte er das Rundfunkgerät aus, löschte das Licht und verließ das Office.

Die erste Amtshandlung des Professors am nächsten Tag, war ein Telefonat.

Er nahm den Hörer in die Hand, wählte eine Nummer und lauschte. Der Teilnehmer am anderen Ende eröffnete das sehr seltsame Gespräch mit: »Ja.«

»Ich habe noch einen Auftrag, in der gleichen Art«, antwortete der Mediziner knapp.

»Und«, kam es abermals Einsilbig zurück.

»Alles, wie gehabt«, sagte der Doktor, dann hörte er nur noch ein klicken in der Leitung und legte auf. Beruhigt zog er nun seinen Kittel vom Vortag an und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Es klopfte.

»Ja, bitte«, sagte er, während sich die dickgepolsterte Bürotür öffnete und seine Sekretärin ihm die Protokolle der Nachtschwester brachte.

»Wie war die Nacht?« wollte der Arzt wissen.

»Alles ruhig, Professor«, sagte sie wahrheitsgemäß.

»Danke, Vivien. Das ist im Moment alles«, lautete sein einziger Kommentar und schon war er wieder allein.

Der Professor erhob sich, ging hinüber zum Bücherregal und mit einem gezielten Griff entnahm er einen Atlas und noch ein paar andere Bücher. Auf einem Beistelltisch lagen noch die Zeitungen der vergangenen Tage, aus denen er sich zwei heraus griff, dann setzte sich wieder an den Schreibtisch. Nach einer dreiviertel Stunde hatte er, sich zwischendurch Notizen machend, alles Wichtige auf einem Zettel notiert. Anschließend öffnete er im Schreibtisch ein Seitenfach, zog eine Schublade heraus und entnahm ihm eine Kassette. Zusammen mit einem Bündel Pfundnoten steckte er den Zettel in einen Umschlag, richtete alles wieder her wie es vorher war und verließ das Büro.

Der Bahnhof von Brecon war nur mäßig besucht als Professor Cyrus-Dorsal die kleine Bahnhofshalle durchschritt und auf das Post Office zu hielt. Er begab sich zu den Schließfächern und platzierte besagten Umschlag darin, anschließend führte ihn sein Weg zurück zum Stadtrand in die Klinik.

Kaum das der Umschlag hinterlegt war, erschien ein großer hagerer Mann. Sein Erscheinungsbild ähnelte dem eines unrasierten, asozialen Stadtstreichers, mit fettig strähnigem Haar, struppigen Augenbrauen aber wunderschönen stahlblauen Augen. Leider fielen die bei ihm kaum ins Gewicht, denn sein schmuddeliges Äußeres und eine Labium fissum fielen jeden Betrachter, trotz der wild wuchernden Bartstoppeln, sofort ins Auge. Diese Missbildung, im Volksmund Lippenspalte, ist eine Spaltbildung der Oberlippe, entstanden durch eine unvollständige Verwachsung der Oberkieferfortsätze mit dem Stirnfortsatz und ist zurück zu führen auf einen Geburtsfehler. Der Mann entnahm das Kuvert und verlor sich gleich wieder in der Menge.


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Fairy Dust

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