13. Dezember

Zum hundertsten Mal fragte Hermine sich, wie sie in diese Situation hatte geraten können. Wieso saß sie hier in einem kleinen Café, gegenüber von ihr lächelte sie Lydia übermäßig freundlich an, und wirkte, als könnte sie kein Wässerchen trüben.

„Also, bei welcher Lektion hast du besondere Probleme?“, fing sie an, um das Treffen schnell hinter sich zu bringen.

„Bei allen.“

Genervt stöhnte Hermine auf: „Du kannst doch nicht bei allen Lektionen Probleme haben. Irgendwas musst du doch verstanden haben!“

„Ich habe nie zugehört.“

„Was?“, fragte Hermine pikiert: „Warum?“

„Weil ich Personalwesen super langweilig finde. Ich verstehe überhaupt nicht, wieso wir das Fach überhaupt belegen müssen. Als ob irgendjemand von uns jemals mit Personal in Kontakt kommen würde!“, meckerte Lydia aufgebracht.

Wieder konnte Hermine nur mit den Augen rollen: „Mit der Ausbildung, die wir erhalten, ist es durchaus möglich, die Karriereleiter hoch zu klettern. Und je weiter oben du bist, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass du irgendwann mal mit der Einstellung neuer Mitarbeiter oder ähnlichen Dingen konfrontiert wirst.“

„Ich will nur eine sichere, leichte Arbeit, die Geld ins Haus bringt. Karriere ist nicht so meins.“

„Gut, schön, lassen wir das. Wollen wir also ganz von vorne anfangen?“, unterbrach Hermine ihre Mitschülerin, ehe sie sich noch mehr Dummheiten anhören musste. Es war ihr unbegreiflich, wie ein Mensch so wenig Ambitionen haben konnte, doch sie hatte nicht genug Interesse an Lydia, um da tiefer nachzubohren. Im Grunde genommen hatte sie gar kein Interesse an diesem blonden Biest und es musste ihrer dämlichen Großmütigkeit zuzuschreiben sein, dass sie sich überhaupt an einem Samstag Zeit für sie nahm. Das Mädchen bereitete wirklich nur Probleme.

„Ich habe übrigens über Professor Malfoy Recherche betrieben!“, verkündete Lydia plötzlich ohne jeden Zusammenhang: „Wusstest du, dass er zu Schulzeiten sogar Vertrauensschüler gewesen ist?“

Ungläubig blickte Hermine sie an: „Bitte was?“

„Ja, genau. Er war damals schon so um andere Menschen bemüht, die Rolle als Professor steht ihm wirklich wahnsinnig gut. Und seine Eltern haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Harry Potter Du-weißt-schon-wen besiegen konnte. Hast du das mitbekommen?“

„Äh“, machte Hermine vollkommen überfordert: „Naja, ich war ja da …“

„Ach, das waren wir doch alle!“, fuhr ihr Lydia über den Mund: „Ich war schließlich auch in Hogwarts. Aber von den Heldentaten der Familie Malfoy hab ich damals nichts mitbekommen und der Tagesprophet hat ja auch gar nicht darüber berichtet. Für die Presse ist es viel einfacher, die Malfoys alle als böse Todesser abzustempeln.“

Hermine musste an sich halten, um der jungen Frau vor sich nicht den Hals umzudrehen. Lydia wusste doch, wer sie war, sie wusste doch, dass sie an Harrys Seite gestanden hatte. Warum erzählte sie ihr etwas, was kaum jemand besser wissen konnte als sie selbst? Und wo bitte schön hatte sie Recherche betrieben, dass ihr die Familie Malfoy als Kriegshelden ausgespuckt wurden? Sicher, Draco Malfoy hatte sie damals auf seinem Anwesen nicht verraten und seine Mutter hatte Harry wider besseren Wissens für tot erklärt. Aber das war es auch schon wieder mit ihren Heldentaten.

„Siehst du!“, sagte Lydia triumphierend, als sie von Hermine keine Antwort bekam: „Du bildest dir sonst was darauf ein, die Geliebte von Harry Potter und Ron Weasley gewesen zu sein, aber was wirklich ab ging, davon hast du keinen blassen Schimmer.“

„Lydia“, presste Hermine um Selbstbeherrschung bemüht hervor: „Möchtest du jetzt für die Klausur am Dienstag lernen oder willst du hier mit deinem neuen Freund prahlen?“

„Ach, eigentlich könnte ich Draco auch fragen, ob er mir die Klausurfragen vorher gibt, oder? Wir können uns ja morgen nochmal treffen und dann gehen wir die Fragen zusammen durch, davon haben wir dann beide was!“, schlug Lydia vor und strahlte dabei, als habe sie einen guten Vorschlag gemacht.

„Du … was?“, stammelte Hermine. Sie hatte das Gefühl, in der Gegenwart dieser Frau keinen vernünftigen Satz formulieren zu können, weil sie einfach völlig überfordert mit deren Gedankensprüngen war. Oder vielleicht war die Intelligenz von Lydia auch einfach so gering, dass sie bereits im Minusbereich lag und ihre eigene Intelligenz abgesaugt wurde, um einen Ausgleich zu schaffen. So oder so, ihr Gehirn verwandelte sich langsam aber sich in einen Schwamm: „Ja, tu das … frag Malfoy danach und dann schick mir eine Eule, wenn wir uns morgen treffen.“

„Super!“, sagte Lydia fröhlich, ohne den zweifelnden Unterton in Hermines Stimme zu hören. Rasch packte sie ihre Tasche, griff sich den Pappbecher mit Kaffee und wirbelte davon. Überrumpelt und mit dem Gefühl, um ihre Zeit betrogen worden zu sein, blieb Hermine zurück und widmete sich alleine dem Lernen für die Klausur.

oOoOoOo

„Nein, Lydia, das werde ich ganz gewiss nicht tun!“

„Aber Draco, warum denn nicht? Da ist doch nichts dabei!“

Erschöpft rieb Draco sich den Nasenrücken. Insgeheim musste er Hermine Recht geben – er hatte ein Händchen dafür, sich Frauen auszusuchen, die einfach viel zu anhänglich und vor allem viel zu fordernd waren. Welche normale Frau kam bitte auf die Idee, dass sie nur mit einem Professor schlafen musste, damit er ihr die Klausuraufgaben verriet? Er stutzte kurz, als er noch einmal über diese Frage nachdachte, und kam zu dem Schluss, dass es vermutlich doch eine Menge anderer Männer gab, die da keine Skrupel gehabt hätten.

„Ich sage es dir ganz deutlich: Ich werde dich in der Schule nicht bevorzugt behandeln. Ich werde dir keine Hilfe vor oder während der Klausur geben. Und schon gar nicht werde ich dich als meine Freundin bezeichnen!“, sagte er langsam und mit übermäßiger Deutlichkeit, als spreche er mit einem Kind: „Du hast freiwillig die Beine breit gemacht, mehr wollte ich nie. Und ich habe auch niemals gesagt, dass ich mehr als Sex will. Wenn das nicht in den hübsches Köpfchen reingeht, ist unsere Beziehung an dieser Stelle sofort wieder aus.“

Mit weit aufgerissenen Augen, die deutlich machten, dass sie die Welt nicht mehr verstand, starrte Lydia ihn an. Wenn es nicht ihn selbst betroffen hätte, Draco wäre amüsiert gewesen: „Nun, Miss Bennet, wie lautet Ihre Antwort?“

„Du bist so ein Arschloch, weißt du das?“, flüsterte Lydia, während langsam Tränen ihre Wangen runterkullerten: „Ich hätte nicht gedacht, dass ein Professor und noch dazu ein so junger, höflicher wie du, so ein oberflächliches Schwein sein kann.“

Draco zog als Antwort nur die Augenbrauen hoch und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Was soll ich denn jetzt Hermine sagen? Ich hab ihr versprochen, dass ich ihr morgen die Klausuraufgaben zeige und wir uns gemeinsam vorbereiten! Wie stehe ich denn jetzt da?“

„Granger hat sich darauf eingelassen?“

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