13. Kapitel

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Das Hauptgeschäft der walisische Reederei Nathan Adams Clifton, war Ende des 19. beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts  der Transport von Kohle. Mit handelsüblichen Transportschiffen belieferte die Firma ihre Kunden im Bereich der Binnen-, als auch der Seeschifffahrt. Ihren Hauptfirmensitz hatte die Reederei in der südwalisischen Stadt Cardiff, direkt an der Mündung des Severn, Großbritanniens längsten Fluss. Einen kleinen Nebenverdienst erhoffte sich der Eigner, der ehemalige Kapitän zur See Nathan Adams und seiner Ehefrau der Großhandelskauffrau Theresa Clifton, durch Bootsvermietungen.

Kraftvoll durchpflügte der Bug des von Nathan Adams Clifton‘ s geliehenen Kutters das verhältnismäßig ruhige Mündungswasser des Severn. Immer wieder suchten Gayelords stahlblaue Augen die schon im Halbdunkel liegende Küste ab, nichts entging seinem prüfenden Blick. Das Ruder im Steuerhaus fest in der Hand fuhr er, immer in Sichtweite der Küste Richtung St. Ives. Kaum eine halbe Stund später verzog sich sein Mund, vermutlich sollte es ein Lächeln sein. Na endlich, da ist er, dachte Gayelord. Am linken Ufer wurde der weiße Leuchtturm von Hartland Point sichtbar. Hier an dieser Stelle begann die trichterförmige Mündung des Severn.  

Die Nacht hatte längst ihre Schatten über die Insel geworfen, als sich der Kutter der nur noch spärlich beleuchteten Künstlerkolonie auf St. Ives näherte. Gayelord umrundete das kleine ins Meer ragende Island und ankerte auf der Rückseite in der Porthmeor Bay. Er ließ ein Schlauchboot zu Wasser und ruderte im Schatten der Inselerhebung an Land.

Gayelord, bezeichnete sich selbst als einen Mann für alle Fälle, der all die Arbeiten erledigte, die den Anderen zu heiß waren. Niemand kannte seinen richtigen Namen, Gayelord, war die einzige Anrede die er akzeptierte. In den Kreisen, in denen er sich zu Hause fühlte, munkelte man, er wäre ein Findelkind von einer Hure aufgezogen … aber das waren reine Spekulationen, allenfalls Vermutungen oder Gerüchte.

An Hand des Notizzettels den der Professor für ihn vorbereitet hatte und der in besagtem Umschlag steckte orientierte er sich, denn er war Profi und nichts wurde dem Zufall überlassen. Zielstrebig bewegte er sich durch winklige Gassen, vorbei an den Natursteinhäuser und erreichte einen befestigten Feldweg, der auf eine Anhöhe führte. Er folgte der spiralförmigen Straßenführung und stand wenige Minuten später vor einem kleinen unscheinbaren Häuschen mit Vorgarten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses befand sich eine überdachte Terrasse mit Blick auf die darunter liegenden Künstlerkolonie und der Bucht mit dem feinsandigen Strand.

Hier lässt es sich leben, dachte Gayelord und sein fettig strähniges Haar glänzte im gelblich blassen Lichte des Mondes.

Mit einem speziellen Haken, öffnete er fast lautlos die Terrassentür, trat ein und ließ einen Moment die Räumlichkeiten auf sich wirken. Eine nur angelehnte Tür mit einer Bleiverglasung und eine Tür aus massiver Eiche dominierten den Raum. Er entschied sich für die schwere Tür aus vollem Holz und sein Gefühl ließ ihn nicht im Stich, es war Jean Bourdins Schlafzimmer. Schattengleich betrat er den Raum, zog ein Etui aus seiner Jackeninnentasche und entnahm ihm eine schon vorbereitete Spritze mit einer sehr feinen Nadel. Mit einem kurzen Ruck stach er dem schlafenden die Kanüle in den Oberarm und trieb das Liquid aus dem Zylinder mit schnellem Druck in dessen Körper. Irritiert, über den an und für sich harmlosen Piecks, schlug der Betroffene  die Augen auf und erkannte im gleichen Augenblick, dass er nicht mehr allein im Zimmer war.

»Wer sind Sie … was, äh, was wollen Sie«, stammelte Bourdin schlaftrunken, der das aufkommende Schwindelgefühl und seinem augenscheinlichen Triesel noch dem Halbschlaf zuschrieb. Noch während der jungen Mann die Unverständlichkeit des Eindringlings zu begreifen suchte, machte er den Versuch sich von seinem Lager zu erheben, doch die Flüssigkeit wirkte rasch und hatte eine elefantöse Wirkung. Haltsuchend griff Bourdin ins leere und Sackte noch vor seinem Bett zusammen. Nach seinem Erwachen, wird Jean Bourdin nicht mehr der sein der er einmal war.

Ein zufriedenes Lächeln zeigte sich an Gayelords Mundwinkeln. Er erinnerte sich an eine Schubkarre, als er vorhin das Haus umrundete. Nachdem er sein Opfer auf die Terrasse gezerrt hatte, hievte der Schurke den jungen Schriftsteller in die Karre und deckte eine Decke darüber. Nicht gerade bequem, aber Kraft sparend, schließlich muss ich das Riesenbaby noch vom Schlauchboot auf den Kutter verfrachten, dachte er. Eine gute halbe Stunde hatte der anschließende Kraftakt in Anspruch genommen, bevor Gayelord das Wasserfahrzeug wieder in Richtung Cardiff steuerte.

In der Klinik von Professor Cyrus-Dorsal angekommen, brachte man Jean Bourdin in eine Art Untersuchungsraum, wo ihn zwei Krankenpfleger entkleideten. Ein Assistenzarzt wartete schon, um die üblichen Voruntersuchungen zu machen – Blutdruck messen, EKG, Blutabnahme und so weiter. Oberarzt Dr. Filous Harkon, ein norwegischer Neurochirurg, bereitete indes alles für die bevorstehende Lumbalpunktion vor. Die Entnahme des Hirnwassers erfolgt aus dem Rückenmarkskanal, aus einem Spalt zwischen zwei Lendenwirbeln, als ambulanter Eingriff und wird hier am Patienten, während eines stationären Klinikaufenthalts durchgeführt.

Dr. Harkon war nervös. Nicht wegen des Eingriffs, den hatte er schon unzählige Mal ausgeführt, ohne Komplikationen. Nein, Filous Harkon und seine Frau hatten gestern Abend eine eheliche Auseinandersetzung und so wie es aussah, läuft alles auf eine Trennung hinaus. Da war es nicht verwunderlich, dass er mit seinen Gedanken woanders war. Er überlegte noch, wie er die heimische Situation in den Griff bekommen könnte, als der ihm angekündigte junge, hochintelligente  Schriftsteller in den OP geschoben wurde.

Jeder hat das Zeug zum intelligenten Menschen, war des Professors These und der hatte eine Methode entwickelt, die jeden der bereit war den dafür von ihm verlangten Preis zu zahlen, zu einem Hochbegabten zu machen. Dafür benötigte Professor Cyrus-Dorsal, das Hirnwasser von überdurchschnittlich Begabten oder auch Inselbegabten Menschen.

Nachdem man den jungen Schriftsteller in eine Embryonalhaltung fixiert hatte, desinfizierte Dr. Harkon die Einstichstelle großflächig. Er setzte die zehn Zentimeter lange Nadel für die Punktion zwischen zwei Lendenwirbelkörpern der Lendenwirbelsäule an um sie anschließend zu fixieren und die Rückenmarks-Flüssigkeit durch einen Katheter abfließen zu lassen. Doch es geschah etwas unvorhergesehenes, Jean Bourdin bewegte sich … die Betäubung ließ nach.

Mein Gott, lieg still, dachte der Doktor und versuchte in seiner Nervosität die verrutschte Nadel nachzuführen.

Ein spitzer Aufschrei und eine körperliche Verkrampfung des Patienten war die Folge.

»Hol sofort den Professor«, rief Dr. Harkon dem Assistenzarzt zu, »beeil dich«, schrie er ihm noch hinterher. Die Nadel muss eine Nervenwurzel berührt, gereizt haben. In der Regel harmlos, redete sich Harkons die Reaktion schön. Jedoch nicht nach dieser Art von Verkrampfung, sagte ihm sein medizinischer Verstand.

Wertvolle Minuten verstrichen bis der Professor hereinstürzte. Seine medizinische Erfahrenheit ließ ihn blitzartig handeln. Er sah sofort an der Apparatur, dass der Hirndruck zu hoch war und verschiedene Lähmungserscheinungen im Gesicht, an den Armen und den Beinen des Patienten eingesetzt hatten. Zuerst entfernte er vorsichtig den noch immer im Rücken des Patienten steckenden Katheder. Er stutzte, »Was ist das für eine Nadel, Dr. Harkon?« fragte der Professor erstaunt, »etwa die vom Tisch dort drüben?«

Professor Dr. Nestor Cyrus-Dorsal war erregt, doch er beherrschte sich und sprach kühl und überlegt. »Hatte ich Ihnen nicht gesagt, dass das Notwendige Besteck im Sterilisator liegt? Wo bitte schön, sind Sie mit ihren Gedanken? Dies hier ist eine benutzte Nadel, Dr. Harkon. Verlassen Sie bitte augenblicklich den OP!« Lautete seine Anweisung.

»Dr. Remus, ich brauche sofort Penizillin, anschließend geben wir dem Patienten zur Vorbeugung noch zusätzlich Dexamethason. «

Nach einer knappen dreiviertel Stunde wurde Jean Bourdin auf die Intensiv Station gebracht.

Drei Wochen später verlegte man ihn in ein Heim in dem er rund um die Uhr betreut wurde.

Jean Bourdin war nicht mehr er selbst, medikamentös aufgedunsen, mit einer Gesichts-, und Teilkörperlähmung und auf dem geistigen Niveau eines Kleinkindes, das sich nur auf der Basis von Selbst-, und Umlauten zu verständigen wusste. Sein Hang zu Puppen hat ihn als

Amos Fullham auf dem Theaterplatz vor dem Heim eine Vorstellung gab, mit ihm zusammen geführt.


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