13. Liebe einer Mutter

Ich hörte jemanden summen und der Geruch von frischen Essen drang mir in die Nase. Eine Decke hielt meinen Körper warm. Das konnte nur eines bedeuten.
„Mam?“ Ich kam hoch, meine Augen taten weh, sie zu öffnen verursachte ein leichtes Brennen. Durch halb geöffnete Lider sah ich einen Haufen Einkauftüten auf dem Sessel verteilt.
„Hey Maus. Geht es dir besser?“ Ich blickte zu ihr auf. Diese Frau war ein Orakel. Sie spürte, wenn es mir dreckig ging. Zumindest wenn es mir richtig schlimm dreckig ging. Ich rieb mir die Augen.
„Ja“, sagte ich mehr schlecht als recht.
„Was ist passiert Maus?“ Ich schniefte, Tränen würden nicht mehr kommen. Der See war ausgetrocknet. „Ein Mann?“ Hellseherin! Ich zuckte mit den schultern und rieb mir die Augen.
„Du hast mir gar nicht erzählt, dass du jemanden kennen gelernt hast.“ Ich schüttelte mit dem Kopf. Wie lang sehnte sie sich schon nach Enkelkindern. Gerne würde ich es ihr erfüllen ... Nur konnte ich es nicht, noch nicht. „Was hat der Mann dir getan Liebling?“ Ich wollte nicht darüber reden und sah fort. Nicht jetzt, so kurz danach. Ich wollte mich selbst erst wieder fassen. „Es wird alles wieder gut, da bin ich mir sicher. Wie wäre es, wenn wir jetzt erstmal was essen und wenn du bereit bist, kannst du es mir erzählen. Wenn nicht ... dann bekomme ich dich schon noch dazu.“ Sie zwinkerte mir zu und nahm mein Gesicht in ihre Hände. Ihre Augen signalisierten die pure Liebe, wie sie nur eine Mutter empfinden konnte. Es ließ mich fast erneut in Tränen ausbrechen.
Ich realisierte, wie sehr ich sie gerade brauchte. Und sie wusste es, denn sie blieb bei mir, die ganze Nacht und die beiden darauffolgenden Tage. Dafür liebte ich sie.
Trotz ihrer langen Anwesenheit war mir nicht zum reden. Ich vermied das Thema Sam und lenkte mich stattdessen mit anderen Dingen ab.
Den Sonntag über war alles ruhig, meine Mutter bekochte mich und betüdelte mich von oben bis unten. Letzteres war nicht sehr angenehm, doch ich ließ sie. Es war der Preis, dass auch meine Mutter sich besser fühlen konnte, wenn sie sich solche Sorgen um mich machte.
Sie litt fürstlicher, wenn es mir nicht gut ging. Denn sie ertrug es nicht, mich weinend oder traurig zu sehen. Schon immer hatte sie sich damit schwergetan. Genau deswegen belastete ich sie selten mit meinen Problemen.
Sie hatte mich irgendwann auf einen Stuhl auf die Veranda verfrachtet. Ich saß eingekuschelt dort und blickte hinaus aufs Wasser. Es war alles so friedlich.
Mit einem großen Atemzug, sog ich die Luft ein. Langsam schien ich mich von dem Vorfall zu erholen, wieso es mich wohl so sehr mitnahm? Immerhin hatte Samuel schon vorher bewiesen, dass er an einer Störung leiden musste ...
„Muffin?“ Sie hielt mir ein ganzes Blech hin. Ich nahm einen und belohnte sie mit einem aufmunternden Lächeln. Sie strich mir über mein Haar und ging hinein.
Das Radio ertönte, mit leisen sanften Klängen. Sie fehlte mir fürstlicher, es war so weit bis zu ihr und da ich so viel arbeiten musste bleib nicht viel Zeit. Außerdem war sie ein Stadt Mensch, weshalb sie nie in meine Nähe ziehen würde. Die Leute und der Trubel würden ihr zu sehr fehlen. Man bemerkte es allein an dem lautstraken Radio, damit es die Stille vertrieb.
Ich kuschelte mich in den Stuhl und schloss die Augen. Samuel würde hoffentlich nicht so schnell wiederkommen, dazu hatte ich absolut keinen Nerv. Er sollte bleiben, wo er war! Am besten für immer, ein Schluchzen ertönte.
„Warst du das?“ Ich schnellte hoch.
„Nein“, log ich.
„Doch doch, wer sollte sonst hier sein?“ Sie sah ich besorgt um, dann kam sie um den Stuhl herum und kniete sich vor mich.
„Maus. Dieser Mann ist es vielleicht gar nicht wert, dass du so leidest. Schon mal darüber nachgedacht?“
„Ich weiß, dass er es nicht ist.“
„Was auch immer passiert ist. Bist du dir sicher, dass euer Zwischenfall kein Missverständnis war? Du weißt, dass du manchmal sehr temperamentvoll sein kannst. Vielleicht meine er es nicht so, wie du es aufgenommen hast?“ Ich musste leicht grinsen und fummelte am Muffin herum ohne ihn zu essen.
„Daran kann man nichts falsch verstehen, Mam.“
„Wie gesagt, wenn du so weit bist.“ Sie zwinkerte mir zu und tätschelte mir die angewinkelten Knie. Damit ging sie wieder hinein.
Temperamentvoll? Das war genau das Wort, womit ich mich nicht im geringsten identifizieren konnte.
Bis zum Abend hatte ich mich wieder gefangen. So sehr ich es liebte sie bei mir zu haben, so wichtig war es, sie am Abend zum Gehen zuüberzeugen. Es tat ihr nicht gut, zu lange hier draußen zu sein.
Als sie weg war, legte ich mir einen Plan für die Woche zurecht. Montag bis Freitag war definitiv für die Arbeit reserviert. Wir hatten am Montag viel zu tun seit dem Vertragsabschluss und ich würde einen kühlen Kopf bewahren müssen. Ein oder zwei Nachmittage dann musste ich mich um meine sozialen Kontakte kümmern. Sicherlich würden Kathy und co. Sehnlich auf Neuigkeiten warten.
Am Freitag nach Feierabend würde ich ein letztes Mal in die Fabrik fahren. Auch wenn ich geschworen hatte, dort nie wieder hinzugehen, würde ich aus nur einem Grund diesen Ort aufsuchen. Um das mit Samuel endlich zu beenden.

  Ich saß in meinem Auto. Würde ich wirklich aussteigen? Vor mir befand sich die gruselige Fabrik. Schon zehn Minuten stand ich hier, ohne mich zu rühren. Was sollte ich denn sagen? Der Mann machte doch eh, was er wollte.
Diesmal nicht!
Etwas in mir schloss eine Tür.
Diesmal nicht!
So einfach war es und wenn ich nach Timbuktu flüchten musste. Er musste aufgeben!
Wir waren nicht gut füreinander.
Aus und Ende.
Ich fesselte mein Rückrad um die Hüfte und ging erhobenen Hauptes hinein.
Diesmal nicht!
War wie eine Hymne, die ich immer und immer wieder innerlich sang. Die Metalltür war schnell hinter mir gelassen. Innen begegnete ich einigen verdutzten Gesichtern. Arschig wie ich war ignorierte ich sie vollkommen. Ich ging einfach zur Treppe, in einem Tempo, was keine eile hatte. Oben angekommen ging ich zur Tür und klopfte. Mit verschränkten Armen wartete ich auf eine Antwort. Sie öffnete sich, Ian stand vor mir.
„Hey Samuel ist sicherlich da. Außer du vögelst Mal wieder so eine Schlampe, auf meiner Ex-Matratze.“ Damit ging ich an ihm vorbei. Im Wohnzimmer erwartet mich Samuel und ... mir lief ein Schauer über den Rücken ... Eisengel. Letzterer bedeckte mich mit einem bösen Blick.
„Hey.“ Ich wendete mich Samuel zu. „Wir müssen reden.“ Ich verschränkte die Arme und legte das distanzierteste Gesicht auf, was ich hatte.
„Soll ich sie rausschmeißen?“ Ich warf Ian einen giftigen Blick zu. Hier würde mich niemand rausschmeißen! Nicht bevor ich es nicht klarstellen konnte.
Diesmal nicht!
„Wag es mich anzufassen Arschloch und ich kratz dir die Augen aus.“ Seine Kinnlade viel hinab. Ich blickte wieder nach vorn. „Ich hab nicht ewig Zeit.“ Eisengel sah erstaunt aus, noch nie eine Frau mit Rückrad gesehen!? Ich musste innerlich grinsen, äußerlich war ich hart wie Eis! Ähnlich dem Eisengel.
„Gideon, ich denke, wir setzen das später fort“, sagte Samuel zum Eisengel. Dieser nahm nicht einmal den Blick von mir. Ich hätte erfrieren müssen, als sein erstaunter Ausdruck schmolz und ein harter Eisstachel an Wut mir entgegenschoss.
Er ging an mir vorbei. Ich wendete mich nicht ein Mal um, als ich die Tür hörte.
„Du auch.“ Ich sah Ian an. Sein Hass wurde nur noch geschürt, er ballte die Fäuste.
„Ian.“ Fassungslos sah dieser seinen Bruder an, dieser nickte. Er ging mit einem Donnerwetter.
„Needy. Verrate mir, was das soll.“ Ich blickte ihn kalt an. Er steckte die Hände in die Hosentaschen. Er war nicht wütend, sein Blick drückte deutlich Verwirrung aus. Hatte er schon vergessen, wie er sich aufgeführt hatte?
„Was das soll? Das kann ich dir verraten. Es ist vorbei. Was da auch immer zwischen uns war, ist vorbei.“ Er wollte protestieren, doch bevor er es konnte, fiel ich ihm ins Wort. „Nein Samuel, was auch immer du sagen willst. Es ist unwichtig. Ich mache es nicht länger mit. Deine Gefühlausbrüche stehen mir bis hier.“ Ich ob die Hand über den Kopf. Lächerlich, es war mir egal. Ich befand mich in Rage. Die einzige Antwort, die ich von ihm bekam, war ein Lächeln. Eines, dass ich nie zuvor bekommen hatte. Ein aufrichtiges, wunderschönes Lächeln, was sein ganzes Gesicht erfüllte.
„Needy, so aufgebracht habe ich dich noch nie gesehen.“ Ich schüttelte mit dem Kopf und zog gleichzeitig die Augenbrauen hinab.
Nie wieder! Flehte mein Bauchgefühl.
Was sollte das nun bedeuten? Er kam näher. Ich schnappte nach Luft und wich zurück. Hatte er mich nicht verstanden?
„Ich gebe zu, es war nicht die feine Art, dich so zurückzulassen.“ Nicht die feine Art!? Was redete er da, ich wich weiter zurück, bis ich an der Tür ankam. Er drängte mich zurück, bis ich nicht mehr fliehen konnte. Genau so sollte es nicht laufen!
Nie wieder!
„Aber habe ich es deswegen verdient, dass du mich verstößt?“ Das Lächeln blieb. Mir war nicht danach. Er tat es schon wieder. Er spiele es herunter und überredete mich zu Schandtaten!
„Du fragst mich ernsthaft, ob du es verdient hast? Du hättest mehr als das verdient.“
„Wirklich?“
„Lass mich gehen.“ Seine Hände legten sich auf meine Hüfte. Mein Herz sprang fast aus meiner Brust, so wild schlug es.
„Dich gehen lassen Needy? Du bist nicht diejenige, die gefesselt wird.“ Er kam näher, eine Hand legte sich auf die Tür direkt neben meinem Gesicht. Seine Lippen schwebten vor Meinen.
Was genau meinte er damit? Dass ich ihn fesselte? Womit denn? „Seit unserer ersten Begegnung hörst du nicht auf. Immer wieder wenn ich mich von dir lösen will Liebes, kommst du und zerreißt mein Vorhaben im Wind.“ Sein Blick lag fest in meinem. Meine Wangen brannten. „Du manipulierst mich Needy. Seit der ersten Sekunde. Du lässt mich Dinge tun, die ich nie zuvor wollte. Doch mit dir ...“ Seine Lippen legten sich auf meine. Sein Kuss war liebevoll und leidenschaftlich. Ich drohte unter seinen Händen zu verglühen. Mein Körper stand in Flammen und je länger er mich berührte, um so schlimmer wurde es!
Er löste sich leicht von mir. „Du fesselst mich Needy auf jede Weise. Genau deswegen kann und werde ich dich niemals gehen oder loslasen. Du gehörst mir.“ Er küsste mich erneut. Ein Stöhnen drang meine Kehle hinauf, wie konnte er mich so schnell brechen? Er presste sich gegen mich und drückte mir auch die letzte Luft aus den Lungen.
„So wie ich dir gehöre“, hauchte er an meine Lippen. Damit war es vorbei.
Ich gehörte ihm.
Mein letzter Widerstand war gebrochen. Ich hasste ihn dafür! Mein Rückrad nahm mal wieder Reißaus.
Er hob mich hoch und ich legte die Beine um ihn. Ich brauchte ihn, ich würde ihn immer brauchen. Auch wenn er ein komischer Kauz mit einer Persönlichkeitsstörung war.Irgendwie musste ich versuchen, damit zu leben.
Meine Hände gruben sich wild in deine Haare und zogen ihn näher an mich. Ich wollte ihn, jetzt!
Er reagierte auf meinen Willen und trug mich zum Bett. Mit einem Schups fiel ich hinab. Ich sah zu ihm auf, mit geballten Fäusten stand der vor mir. Die Erregung in jeder Faser sichtbar.
„Wenn das so ist -“, begann ich und wendete mich kurz zum Nachttisch. Aus der Schublade nahm ich ein kleines Spielzeug und sah ihn wieder an. „- will ich sehen, wie sehr du mir gehörst“. Die Handschellen spiegelten sich funkelnd in seinen Augen. Ich wollte sehen, wie weit er gehen würde. Würde er seine ganze Macht abgeben, oder würde er mir beweisen, dass er mich nur benutze, wie ich es schon so oft vermutet hatte.

Mit einem Knurren sprang er mir entgegen. Er ließ sich keine Zeit und entkleidete uns beide. Sein Kuss war feurig und entzündete ein Feuer nach dem anderen, sodass ich mehr als einmal schluchzend unter ihm lag. Als er in mich dringen wollte, hielt ich ihn ab.
Ich rutschte hoch.
„So nicht!“ Ich hielt erneut die Handschellen hoch, er dachte wohl, ich hätte es bereits vergessen. Auch wenn er mich in den Wahnsinn trieb, er musste es mir beweisen. Auch wenn er sichtlich nicht begeistert war, würde ich es durchziehen.
Er atmete tief ein, es kostete ihn Überwindung, ich sah den Kampf in seinen Augen. Er ließ langsam von mir ab, es dauerte eine halbe Ewigkeit. Dann kniete er vor mir auf dem Bett, sah mir genau in die Augen, das Gesicht ausdruckslos. Er hielte mir eine Hand hin.
Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Ich beobachtete ihn genau, während die Handschelle klickte. Dann begab er sich unter mich und ich setzte mich auf ihn. Ich nahm nun auch seine andere Hand und befestigte sie wie die andere. Hätte ich es wirklich beenden wollen, hätte ich spätestens jetzt gehen können. Ich würde es nur nicht tun. Ich wollte diesen Mann, mehr als alles andere. Es konnte sogar sein, dass ich in ihn verliebt war. Ich wollte es mir nur noch nicht eingestehen.
Er sah angespannt aus, ich würde dafür sorgen, dass er alles Vergessen würde. Ich begann ihn zu küssen, er sollte spüren, wie sehr ich ihn wollte. Meine Hände fuhren jeden einzelnen Muskel nach, sein Atem ging schnell. Ich spürte die Anspannung in seinen unteren Regionen. Er war längst bereit. Doch war ich es noch nicht.
Ich küsste seine Brust, küsste die schmale Spur zu seinem Intimbereich entlang. Er schnaubte und litt süße Qualen. Er zog immer wieder an seinen Fesseln, sie klirrten bei jedem Aufprall mit dem Metall.
„Needy“, flehte er. Es war wie Musik in meinen Ohren.
Ich nahm es als Stichwort und hob mich auf ihn, langsam ließ ich ihn in mich hinein. Er stöhnte auf, wie Musik.
Ich begann mich auf ihm zu bewegen, ihm genüssliche Wonnen zu bereiten. Er stöhnte leise, trotz seiner Lust, lies er mir die ganz Macht. Als er begann an den Fesseln zu zerren, packte ich seine Hand. Er hielt still. Dieser Moment gehörte mir und ich würde ihn mir nicht nehmen lassen, bis es das Finale läutete.
Es war Fantastich. Ein Prickeln kämpfte sich durch meinen Körper, um es weiter zu entfachen, wurde ich schneller, bis ich ein Tempo erreichte, was ihn wahnsinnig zu machen schien.
„Needy“, flehte er. Ich würde die Fesseln nicht lösen. Den Teufel würde ich tun.
Mein Körper begann zu zittern, gleich wäre es so weit. Ich behielt das Tempo bei, stöhnte immer lauter. Dann war es so weit, die Welle überkam mich und ich schrie auf.
Ich vernahm am Rande, wie auch er unter mir bebte, dann ein krachen und Hände, die sich um mich legten. Als ich wieder zur Besinnung kam, musste ich herzhaft lachen. Der Kerl hatte die Handschellen und das Bett zerlegt! Durch mein Lachen sah er sich genötigt, nun mich unter ihn zu legen. Es fühlte sich verdammt richtig an, wie konnte er mich nur immer wieder daran zweifeln lassen?
Atemlos fuhr ich ihm mit den Fingern durch sein leicht feuchtes Gesicht. Es fühlte sich gut an, diese Nähe mit ihm zu teilen. Er sah mir tief in die Augen. Zu meinem Vergnügen erblickte ich nun mehr als nur Lust und Begierde in ihnen.
Ich sah liebe.

Ich atmete tief durch und kuschelte mich ins Kissen. Hatte ich erneut die Besinnung verloren? Ich fühlte das Bett entlang, kein warmer Körper lag neben mir. Nicht schon wieder! Ich schlug die Augen auf. Es war mitten in der Nacht, ich erinnerte mich an das dritte Mal, danach war ich in den Schlaf gefallen. Dieser Mann war unglaublich, abgesehen von seinem Talent mich zum Höhepunkt zu treiben, verschwand er einfach! Dieses blöde kaputte Bett war leer. Wo zum Teufel war er nun wieder hin? Das durfte nicht zur Gewohnheit werden!
Leise fluchend sah ich mich im dunklen Zimmer um. Kein Samuel. Ich musste wohl weiter suchen, also stand ich auf und zog mich an. Mit einem Blick auf die Uhr wusste ich, dass es genau zwei Uhr nachts schlug. Der Typ hatte doch einen am Rad! Wie sonst sollte ich mir den Mann erklären? Gut vorstellbar, dass unser hin und her weiter gehen würde, immerhin war er diesmal weg und ließ mich nicht spät abends gehen.
Ich schlich ins Wohnzimmer hinein. Als könnte ich jemanden überraschen. Konnte der Kerl es einfach nicht ertragen, neben mir zu liegen?
Wenn er schon wieder so ein Spiel spielen würde, würde ich umgehend umziehen! Diesmal ohne Vorwarnung.
Ich blickte um die Ecke, die Tür zum Bad stand offen. Auch leer.
Ich setzte mich auf das Sofa, sollte ich warten oder gehen? Was machte dieser Kerl nur mit mir? Im einen Moment dachte ich, dort wäre mehr, im folgenden nahm er mein Herz und schmiss es mit voller Wucht gegen die Wand! Ich schnaubte, gehen wäre angebracht!
Vor mich hin murmelnd ging ich zur Tür und packte die Klinke. Ein Geräusch ließ mich innehalten.
Ein dumpfes Klopfen ... tiefe Stimmen.
Alles gedämpft.
Sie standen draußen? Hatte das zufällig eine Hintertür? Ein Stöhnen, schmerzhaft. Was trieben die da!? Eine Orgie? Unbemerkt kam ich nicht fort, um es Samuel heimzuzahlen. Wenn er einfach verschwinden konnte, konnte ich das auch!
Ich stutzte, die Geräusche wurden lauter. Vielleicht waren sie abgelenkt genug und ich konnte mich unbemerkt hinausschleichen. Das war der Plan!
Ich öffnete die Tür so leise, wie ich konnte, doch durch den kleinen Spalt konnte ich nichts sehen. Dafür viel besser hören. Der Knall hallte immer wieder durch die große Halle. Was zur Hölle war das? Bauarbeiten? Dafür viel zu leise.
„Scheiß drauf“, hauchte ich und trat raus. Ich realisierte nicht recht, was ich sah. Wie angewurzelt starrte ich nun auf das Geschehen.
Es war abartiger als ich geglaubt hatte. Ian hielt einen Mann fest. Die Truppe stand verteilt drum herum. Eisengel Gideon schien Fragen zu stellen. Ich verstand ihn nicht, vielleicht wollte ich es nicht. Der Mann, der festgehalten wurde, blutete aus unzähligen Wunden, seine Augen waren blau und geschwollen. Er sabberte sein eigenes Blut. Er war erledigt, fast Tod. Doch Samuel prügelte weiter auf ihn ein.
Ich zitterte am ganzen Körper, mein Herz bebte. Angst hüllte mich ein. Er war ein Krimineller. Donna hatte recht! Was tat er nur? Sah er nicht, das der Mann am Ende war? Immer wieder war da dieser dumpfe Schlag, er ließ mich jedes Mal erneut zusammenzucken. Mit jedem Knall riss es mich weiter aus der Benommenheit. Lauf! Schrie mein Bauch, mein Herz jedoch weinte lautstark. Es zerbrach vollkommen. Meine Hand legte sich geistesabwesend auf meinen Mund um den lautlosen Schrei zu unterdrücken, der sich meine Kehle hinaufzwang. Tränen flossen hinab, so viele, wie ich sie noch nie geweint hatte. Eine Lache an Blut bildete sich, es brannte sich in mein Hirn. Der Mann jauchzte, kraftlos, am Ende. Nur durch Ian stand er noch. Ich bebte schließlich. Doch Samuel machte keinen Halt, auf jede Frage, bum!
Meine Beine drohten nachzugeben, ich packte das Gerüst. Es klirrte und sie bemerkten mich. Plötzlich sahen vierzehn mordlustige Blicke zu mir hoch. Als sich unsere Blicke trafen, veränderte sich Sams Blick.
Er wurde bleich.
Mir wurde schlecht, als hätte ich endlich die Situation bemerkt, zischte ich zurück in die Wohnung.
„Halt sie auf!“, hallte Gideon Stimme durch den Raum, ich schmiss die Tür zu. Mein Startschuss. Ich schloss sie ab, doch nicht nur das, mit dem Adrenalin und der Angst im Körper, schmiss ich das massive Regal an der Seite um. Es landete vor der Tür, versperrte den Weg.
„Nein nein nein!“, flehte ich. Die Tür bebte unter den Schlägen von Sam.
„Needy warte!“ Den Teufel würde ich tun! Ich lief zitternd zum Balkon und trat hinaus. Nur ein Ausweg.
So sehr ich bebte, so sehr stand ich unter Strom, ich sprang einfach hinab, landete hart auf dem Boden, rollte mich ab. Meine Knochen schrien, meine Herz raste. Doch fühlte ich keinen Schmerz, der würde sicherlich noch kommen.
Schwerfällig kam ich hoch, rannte los. Denn es ging um mein Leben! Ich wollte nicht wissen was sie mit mir tun würden, wenn ich dort an der Stelle des Mannes hing. Ein schmetterndes Geräusch, war neben dem donnern meines Herzens und meines Keuchens zu hören. Er musste bereits in der Wohnung sein, ich lief durch den Wald, verschwand hinter den Bäumen ohne halt zu machen. Mein Fuß schrie, ich hatte mir sicherlich etwas gebrochen. Meine Handflächen brannten. Ich blutete. Er würde sicherlich schnell bemerken, dass ich über den Balkon geflohen war.
Würde er mir nachlaufen? Sicherlich würde er das. Ich hörte ihn meinen Namen schreien, es war egal. Ich musste weg, so schnell wie möglich. Er war ein Mörder! Ich erreichte schnell den Friedhof der Stadt. Nicht mehr weit, sagte mir mein Verstand.
Ich konnte kaum etwas sehen, die Tränen nahmen mir die Sicht. Atmen ging nur schwer, die Luft blieb mir weg, ich röchelte und keuchte. Schwarze Punkte bildeten sich vor meinen Augen. Nicht jetzt! Die Kirche!
Ich rannte weiter, humpelnd, mein Bein war dick. Ich hörte ihre Stimmen, sie waren nah. Also rannte ich in die Kirche, ich hoffte, der Pfarrer wäre dort oder irgendjemand Großes. Damit man sie abhalten konnte. Die Türen waren schwerfällig, doch sie gingen auf.
Ich rannte hinein, ohne nachzudenken versteckte ich mich zwischen zwei Bänken. Die Tür war wieder zugefallen, vielleicht würden sie weiter laufen. Mich woanders suchen. Mit den Händen auf den Mund gepresst versuchte ich mich zu beruhigen. Es gelang mir nicht. Mein ganzer Körper bebte und ich schluchzte fürstlich. Ich konnte einfach nicht aufhören zu weinen. Ich vernahm ein kratzen und erstarrte. Er war hier. Das kratzen kam näher, es war hinter mir. Ein zischen ... Was? Ich sah hinter mich und schrie auf.
Nicht er hatte mich gefunden.
Das Wesen mit leuchtend-blutig-roten Augen hockte auf der Bank und sprang mich an. Es fälschte seine Reißzähne. Es sah aus wie ein Mann, war aber keiner! Als es mich packte, schlug ich nach ihm. Es riss mich hoch und knallte mich plötzlich gegen etwas Steiniges. Wir waren plötzlich an einer Säule, wie konnte das sein? Ich blickte es starr an, als es ausholte. Genau in dem Moment wusste ich, dass es vorbei war.

Nicht Samuel war mein Tod, es war das Ding. Ich schrie nicht, weinte nicht mehr, sah es nur an, als es mir mit voller Wucht seine Zähne in den Hals rammte. Auch wenn ich es versuchte fort zu drängen, war es zu mächtiger. Vielleicht war es nur ein Traum und ich war im Wald verunglückt?
Schnell erlosch meine Gegenwehr. Ich hatte Schwierigkeiten zu sehen, wurde müde und verlor die Kraft. Innerhalb von Sekunden. Meine Hand gilt hinab, mir wurde eiskalt, mein Kopf kippte. Die Welt wurde langsam schwarz. So fühlte es sich also an, wenn man ging. Ein Film, der gegen Ende einfach die Farbe verlor und sich schwarz färbte.
Das Donnern der aufspringenden Türen hörte ich nicht, ich sah es nur. Ich erblickte Sams Gesicht. Ich musste grinsen, wieso musste ich grinsen? Es war angsterfüllt. Meine Gedanken waren wie Vögel davongeflogen. Das Einzige klare war, wie furchtbar Müde ich war, ich wollte einfach schlafen.
Das Ding ließ mich fallen. Den Aufprall spürte ich nicht. Nicht mal Angst spürte ich mehr. Einfach nichts. Ich sah sie auf das Ding zurennen. Ian ging in eine glitzernde Wolke auf, übrig blieb ein Wolf mit gefletschten Zähnen und schwarzen Augen. Mein Grinsen wurde breiter. Wieso wusste ich nicht. Ich dachte an das Silbermesser. Wieso hatte ich es nicht mehr. Ein Schatten kam auf mich zu, schien mich zu bewegen, doch es war zu spät. Das Licht erlosch, bis nichts mehr blieb als Schwärze.

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beta
Fairy Dust

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