14. Vierzehn

Auch in dieser Nacht brauchte Toni einige Zeit, um einzuschlafen. Aber diesmal nicht, weil seine Gefühle Achterbahn mit ihm fuhren. Oder er die Szene in der Hütte zwanghaft immer und immer wieder durchspielen musste.

Nein, diesmal fühlte es sich einfach nur gut und absolut nicht peinlich an. Denn das, was er in seinem Kopf immer und immer wieder abspielte, waren Gregors kleine scheue Lächeln und wie sie sich angefühlt hatten, überhaupt wie sich diese ganze Stunden angefühlt hatten. Jetzt, wo Toni darüber nachdachte, war das alles irgendwie total unwirklich gewesen.

Genau wie die Tatsache, dass Gregor den Kuss mit keinem Wort erwähnt hatte. Dabei war das doch eigentlich eine sehr große Sache, zumindest für Toni. Es war sein erster Kuss gewesen und er war sich ziemlich sicher, auch für Gregor. Er hätte irgendwie gerne gewusst, was er darüber dachte, aber nie im Leben hätte er ihn danach gefragt. Allein der Gedanke, mit irgendjemandem darüber zu sprechen, war unerträglich peinlich. Es reichte schon, es sich bloß vorzustellen, damit er wieder einmal rot wurde.

Aber damit hielt Toni sich nicht allzu lange auf. Lieber ließ er seine Gedanken wieder zurück zu der Zeit zwischen acht und neun Uhr wandern.

Als er am nächsten Morgen um kurz nach zehn aufwachte, nahm er ein Geräusch wahr, das er schon lange nicht mehr gehört hatte: Regen. Er stand auf und ging ans Fenster. Der Himmel war stahlgrau ohne irgendetwas Blaues dazwischen und es schüttete wie aus Kübeln.

Für einen Moment war Toni enttäuscht, denn Regen hieß, kein Schwimmen und kein ,Draußen-irgendwo-in-einer-versteckten-Ecke-herumlungern'. Aber dann dachte er daran, dass Gregor in einer halbe Stunde kommen würde und sein Herz fing erwartungsvoll an zu klopfen.

Die Klamotten von gestern, die er ausgezogen und dann auf den Stuhl geworfen hatte, wollte er heute nicht mehr anziehen, irgendwie waren sie auf einmal nicht mehr.... gut genug. Er öffnete den Schrank, in dem Nadja kommentarlos wieder Ordnung gemacht hatte und sah die wenigen Klamotten durch, die er mitgenommen hatte. Aber in seinen Augen war davon auch gar nichts gut genug und für einen Moment ärgerte er sich das erste Mal seitdem er hier war darüber, dass er nur so wenig Sachen eingepackt hatte.

Aber jetzt musste er mit dem klarkommen, was da war. Er griff sich die ausgewählten Sachen, ohne sich darum zu kümmern, dass im Schrank wieder alles durcheinander fiel, schloss die Tür und ging ins Badezimmer.

Vorher war ihm seine Frisur herzlich egal gewesen. Er war einmal mit der Bürste durch die Haare gegangen ohne auch nur in den Spiegel zu sehen. Aber auch das war jetzt nicht mehr gut genug und er verbrachte einige Zeit damit, vor dem Spiegel seine Haare hin- und her zu kämmen, bis er mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden war.

Er war so aufgeregt, dass er eigentlich keinen Hunger hatte und sein Frühstück nur aus einer Schüssel Müsli bestand. Wie immer in den letzten Tagen, an denen er so spät aufgewacht war, fiel das gemeinsame Frühstück aus. Meistens war es Nadja, die den Kaffee machte um ihn dann mit zur Gärtnerei rauszunehmen, aber diesmal stand Thorsten an der Maschine, als Toni die Treppe herunter kam. Thorsten nickte ihm einmal kurz zu und brummte ein ,Morgen'. Toni grüßte zurück und war ganz froh, dass er mit ihm nicht noch einmal den ganzen letzten Tag durchkauen musste, so, wie es mit Nadja gewesen wäre. Die es sich sicher auch nicht hätte nehmen lassen, ihn noch einmal zu fragen, ob mit ihm alles in Ordnung war.

Toni stürzte das Müsli hinunter, aber da Gregor beschlossen hatte, nicht um elf sondern zehn Minuten früher zu kommen, war er noch mittendrin, als es klopfte. Thorsten, der mit der Thermoskanne bereits an der Tür war, öffnete sie, nickte dem eintretenden Gregor einmal kurz zu und schloss die Tür hinter sich.

Mit einem Schlag hatte Toni jetzt überhaupt keinen Hunger mehr. Und auch, dass in der Schüssel noch Müsli und Milch war, war grade völlig unwichtig geworden. Er stand einfach auf und ging zu Gregor.

Gregor trug eine gelbe Regenjacke und sein schiefes Begrüßungslächeln war dem Lächeln von gestern gewichen. Hätte Toni allein von seinem Anblick nicht schon wieder ein Kribbeln im ganzen Körper gehabt, jetzt hätte er es bestimmt. Er konnte gar nicht anders, als Gregors Lächeln zu erwidern und dann räusperte er sich einmal so unauffällig wie möglich, damit seine Stimme ihm einigermaßen gehorchte, als er "Hallo", sagte.

"Hallo", erwiderte Gregor und dann standen sie sich einen Moment gegenüber und sahen sich wortlos an. Es war, als hielt Toni eine Macht fest, der er nichts entgegenzusetzen hatte und er wollte es eigentlich auch überhaupt nicht.

Schließlich wandte Gregor den Blick ab und damit wurde Toni auch aus seiner Erstarrung gerissen. Als ihm bewusst wurde, dass er Gregor für einen Moment einfach nur angeguckt hatte, spürte er, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Er sah er ebenfalls hastig weg und schluckte einmal. "Schwimmen ist wohl heute nicht", murmelte er.

"Ja", erwiderte Gregor ebenso leise. "Aber ich dachte, ich zeige dir einfach mal, wo ich bei Regen immer hingehe. Also... wenn du es sehen willst."

"Klar", erwiderte Toni, schaffte es aber immer noch nicht, ihn anzusehen.

Er zog sich eilig die Schuhe und seine Jacke an und nahm einen von den Schirmen, die an der Garderobe hingen.

Nachdem er ihn draußen aufgespannt hatte, gesellte Gregor sich wortlos zu ihm. Sie gingen dicht beieinander, sodass zufällige Berührungen nicht ausblieben, wobei sie von Tonis Seite aus nicht ganz so zufällig waren, weil es sich einfach nur großartig anfühlte, Gregors Arm zu streifen.

Sie hatten noch nie viel geredet, wenn sie zusammen waren, es sei denn, Gregor erzählte eine seiner Geschichten. Aber da das jetzt nicht der Fall war, schwiegen sie und das Trommeln des Regens auf dem Schirm war das einzige Geräusch. Es begleitete sie den Weg quer über den Hof zu dem Haus, hinter dem sich der kleine Garten befand.

Hintereinander stiegen sie die ziemlich durchgetretene Treppe bis zum Dachboden hoch. Es war ein riesiger Raum, der sich über die gesamte Breite des Hauses zog und vollgestellt war mit altem Krempel.

Durch die kleinen Fenster sickerte das graue Licht des Tages. Unter einem dieser Fenster stand in einer Ecke ein altes, aber frischbezogenes Bett, das ziemlich quietschte, als Gregor sich draufschmiss, nachdem er die Regenjacke und die Schuhe ausgezogen hatte. Toni stand etwas unschlüssig da und hielt den tropfenden Schirm in der Hand. Er wusste nicht, wie er sich diesen Ort vorgestellt hatte, aber so nicht.

"Na komm schon", sagte Gregor und lächelte ihn an und jetzt wäre Toni für ihn auch bis ans Ende der Welt gegangen. Er ließ den Schirm achtlos fallen, zog sich ebenfalls die Schuhe und die Jacke aus und gesellte sich zu Gregor aufs Bett. Sie lagen auf dem Rücken und sahen an die Decke, wieder so dicht nebeneinander, dass sie sich jedes Mal berührten, wenn sich einer von ihnen bewegte.

Gregor seufzte einmal tief. "Ich finde das echt schön, hier zu liegen, und dem Regen zuzuhören und einfach mal gar nichts zu machen."

Toni warf ihm einen Seitenblick zu. Gregor hatte die Augen geschlossen und sah friedlich und gelöst aus. Toni tat es ihm gleich und er musste feststellen, dass das Prasseln des Regens auf dem Dach wirklich eine unglaublich beruhigende und entspannende Wirkung hatte.

Eine Weile lagen sie so da und schwiegen, bis plötzlich ein grelles Licht den Dachboden für den Bruchteil einer Sekunde erhellte, gefolgt von einem heftigen Donner.

Dass Toni ein ziemlicher Schisser war, galt nicht nur für gruselige Geschichten oder Geister. Auch Gewitter fand er verdammt unangenehm und deswegen war es damit mit der Entspannung vorbei. Und direkt unterm Dach war es noch schlimmer, denn da war er ja viel näher am Gewitter. Natürlich hatte er nicht vor, darüber auch nur ein Wort zu verlieren, sondern zog nur unbehaglich die Schultern zusammen und verschränkte die Hände vor der Brust.

Gregor, der ihn beobachtet hatte, zog leider die richtigen Schlüsse aus seinem Verhalten und fragte: "Hast du Angst?" Und obwohl an der Art, wie er es sagte, nichts darauf hindeutete, dass er Toni aufziehen wollte, erwiderte der ziemlich brüsk: "Quatsch. Ich hab vor gar nichts Angst!"

Gregor gluckste einmal. "Ja und damals an der Treppe hattest du auch keine Angst."

"Hatte ich auch nicht, wie oft soll ich das denn noch sagen?!", rief Toni.

Gregor drehte sich auf die Seite und sah ihn an, aber Toni blieb stocksteif auf dem Rücken liegen. Die Situation gefiel ihm grade absolut nicht und er wollte zurück zu dem Moment, bevor das Gewitter richtig losgelegt hatte.

"Okay", meinte Gregor gedehnt. "Wenn du also vor nichts Angst hast, dann küss mich doch nochmal, ohne danach wegzurennen."

Toni war sich zuerst völlig sicher, sich verhört zu haben. Er richtete sich auf und starrte Gregor an, während sein Herz einen heftigen Salto machte.

Gregor erwiderte seinen Blick mit einem Lächeln, das deutlich machte, dass er es ernst meinte.

Toni schluckte einmal hart, aber bevor er jetzt anfing, nachzudenken beugte er sich vor, Gregor kam ihm entgegen und dann trafen sich ihre Lippen.

Und genau wie in der Kirche war das Gefühl unbeschreiblich. Es hüllte Toni von Kopf bis Fuß ein und er hätte kein Problem damit gehabt, wenn es nie wieder weggegangen wäre.

Diesmal war es auch Gregor, der den Kuss unterbrach und sich zurück aufs Bett fallen ließ. Er grinste zu Toni hoch. "So küsst man doch nicht," meinte er. "Du musst den Mund aufmachen. So, wie im Film. Komm, ich zeig's dir."

Seine Hand schloss sich um Tonis Schulter und zog ihn zu sich runter. Ihre Lippen fanden sich erneut und diesmal öffnete Toni den Mund, so, wie Gregor es gesagt hatte. Zuerst fühlte es sich noch etwas komich an, aber dann fanden sie ihren Rhythmus und es wurde perfekt . Und fast genau so perfekt wie der Kuss fühlte sich Gregors Hand an seiner Schulter an.

 Doch als draußen ein Donner so laut wie ein Paukenschlag ertönte, konnte Toni nicht anders, als zusammenzuzucken.

"Na komm", sagte Gregor, schlang beide Arme um ihn und zog ihn an sich, sodass Tonis Kopf auf seiner Brust lag. "Ich beschütz dich vor dem großen bösen Gewitter."

In der Welt, in die Toni jetzt eintauchte gab es dann kein Gewitter mehr. Nur Gregor und seine Wärme, die Toni einhüllte wie eine Decke. Und die Art, wie er roch, den Schlag seines Herzens, den er hören konnte und wie er sich anfühlte, als Toni etwas unbeholfen den Arm um ihn legte. Dann schloss er die Augen.

 

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