15

Ich erstarrte und Eiswasser flutete meinen Körper, als die vertraute Stimme in mein Ohr drang. Steif wie eine Statue wandte ich mich um und blickte in die lang vermissten, hellbraunen Augen.

Er war da. Er war es tatsächlich. Und er hatte sich kein Stück verändert. Er trug sogar noch immer die gleiche Jacke wie an dem Tag, als er abflog und mich hier zurückließ.

Tiger!

»I’ve missed you«, hauchte er und machte einen Schritt auf mich zu. Meine Gefühle waren die reinste Achterbahn, ich war kaum in der Lage, einen Gedanken zu fassen, bevor er auch schon wieder verschwand. Schwindelig und übel wären die ersten Gefühle, die ich nennen würde, um diesen Moment zu beschreiben.

Ich konnte es nicht fassen.

Er war da, stand vor mir, als wäre es gestern gewesen, lächelte leicht und schien zu erwarten, dass ich ihm in die Arme fallen würde. Einfach so, als wären die sechs Wochen meiner Qual nicht gewesen.

»I... I think we should talk, right? Baby, I have to explain...«, setzte er an, doch ich hob die Hand. Ein kaltes Gefühl der Wut verdrängte das aufsteigende, rasende Gefühl der Freude. Er wollte sich erklären? Was war denn die letzten Wochen? Hätte er es da nicht tun können?

»Bunny?«

»Geh weg«, presste ich raus und konnte das sprichwörtliche Fragezeichen aus seinem Gesicht fallen sehen.

»Aber...«

»GEH WEG!«, kreischte ich schon fast und spürte, wie meine Augen überliefen. Auch meine Eltern hatten den Besucher inzwischen bemerkt, hielten sich aber zurück. Tiger stand da wie bestellt und nicht abgeholt. Er war so unglaublich hübsch, dass ich ihn nur zu gern geküsst hätte, doch der Schmerz der letzten Wochen hinderte mich. Ich konnte es einfach nicht. Nicht einfach so, als wäre nichts gewesen.

»Bunny, please... I know I’m...« Tiger kam noch einen Schritt näher heran und war nur noch eine Armlänge von mir entfernt. Er streckte die Hand nach mir aus, was ich deutlich registrierte. Meine Familie stand wie stummes Publikum dabei und lauschte.

»Ich sagte, HAU AB!«, rief ich ihm entgegen und holte aus. Mit einem zufälligen, aber ziemlich gelungenen Schwenker schlug ich ihm ins Gesicht und merkte, wie seine Nase zu bluten begann.

Schnaufend vor Wut und taub gegenüber den entsetzten und schockierten Ausrufen meiner Familie machte ich auf dem Absatz kehrt und rannte einfach weg. Irgendwo hin. Nur weg von ihm, der mir so wehgetan hatte.

Es war mir egal, was sie alle von mir dachten und erst recht kümmerte mich Tiger nicht. Der Schlag hatte nicht annähernd so viel Schmerz verursacht, wie er mir angetan hatte. Es war noch viel zu wenig. Ich wollte, dass er ebenso weinte und seine Nächte in Düsternis verbrachte, mit aufgerissener Brust und einem Herzen, was zitternd im Dreck der kalten Erde lag.

Ich rannte und rannte und kam schlussendlich im Stadtpark zum Stehen, völlig K. O. und mit zitternden Beinen. Es hatte mich ganz instinktiv zu einem Ort geführt, an dem ich mich schon als Kind versteckt hatte, wenn ich traurig war. Das alte Klettergerüst war schon marode, als ich noch klein war, doch es bot einen guten Schutz vor Regen und man wurde nicht gesehen.

Zitternd und völlig am Ende kauerte ich mich auf die alte Bank, die in dem Unterstand unter der kleinen Holzfestung stand und zog die Beine an die Brust.

Dieser Idiot...

Ich spürte, wie die Erschöpfung die Anspannung löste und die ersten heißen Tränen über meine Wangen rannen. Dabei hatte es gerade begonnen, besser zu werden.

Doch hatte es das wirklich? Oder gewöhnte ich mich nur an den Schmerz?

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, doch es mussten Stunden sein. Als ich das nächste Mal aufblickte, hatte sich der Himmel verdunkelt und es begann, wie aus Eimern zu regnen.

Das Wetter passte zu meiner trüben Stimmung. Anstatt mich zu freuen, litt ich wie ein Hund und ich wusste irgendwann nicht mal mehr, warum.

Ich bereute es inzwischen, ihn so hart geschlagen zu haben, dass er verletzt wurde. Er hatte sich erklären wollen, doch ich wollte es nicht hören.

Und nun hockte ich hier in der Kälte, denn der erste warme Hauch des Frühlings hatte sich durch den Regen verzogen, ich zitterte und hatte nicht den Mut, nach Hause zurückzukehren.

Was, wenn er dort warten würde? Und sein Vater? Denn ich hatte anfangs zwar nicht richtig darauf geachtet, doch es war ein Mann bei ihm, der sicher sein Vater sein musste. Was sollte er denn nun von mir denken, dass ich seinen Sohn so begrüßte?

Zitternd kauerte ich mich weiter zusammen, um die Wärme zu halten und ergab mich meiner schmerzenden Kehle.

Ich war ein Idiot, der alles nur noch schlimmer machte. Ich konnte keinem von ihnen, auch meiner Familie, unter die Augen treten. Ich hatte mich wie die Axt im Walde benommen, wie ein Kind, das zuhaut, ohne zu fragen und dann auch noch vor der Konsequenz davon läuft.

Ich schluchzte und wischte mir mit dem inzwischen nassen Ärmel meiner Jacke über die Augen.


»Bunny? You’re here?«

Mein Herz machte einen schmerzhaften Satz, als ich Tigers Stimme hinter der Holzwand meines kleinen Verstecks hören konnte. Wie hatte er mich hier gefunden? Zufall konnte das nicht sein, oder?

Ich hörte Schritte im nassen Sand, vermischt mit dem noch immer lauten Rauschen des Regens auf den Blättern der umstehenden Bäume. Ich versuchte, mich klein zu machen. Ich schämte mich so für mein Verhalten und doch war ein großer Teil von mir noch immer sauer auf ihn, weil er mich so hatte hängen lassen.

Die Schritte kamen dem kleinen Eingang des Unterschlupfs näher und ich senkte den Kopf, weil ich ihm nicht ins Gesicht sehen wollte, wenn er eintrat. Ich presste meine Stirn gegen meine verschränkten Arme und wollte einfach unsichtbar werden, bis die Schritte schließlich stoppten und Stille herrschte.

Minuten schienen zu vergehen, bis ich warme Hände an meinen spürte.

»Look at me, you fool«, sagte Tiger leise und ging vor mir in die Knie.

Verheult, mit verstopfter Nase und sicher signalrot im Gesicht sah ich in sein sanftes, süßes, lächelndes Gesicht.

»I’m sorry«, brummte ich kratzig, meine Stimme wollte mir nicht gehorchen.

»For hitting me? No, I deserved it.« Er küsste meine Hände und ich ballte sie zu Fäusten.

»Wo warst du?«, presste ich hervor und spürte sofort wieder, wie sich mein Hals vor aufsteigenden Tränen zuzog.

»I’m so sorry... I... I lost my phone on the plane. Alles, was ich von dir hatte, Handynummer, Haustelefon, Email, war auf ihm. Und so, ich konnte mich nicht melden... I’m so sorry... I really hate myself for that... and you can hit me a thousand times, if it works. Believe me, I was nearly dying this past weeks... I guess, you need some social media, my love.« Tiger erhob sich und setzte sich neben mich auf die alte Bank. Er legte seinen Arm um mich und ich presste meine Nase so nah an seinen Hals, wie es möglich war, ohne ihm wehzutun. Am liebsten wäre ich in ihn hineingekrochen.

»Ich dachte...«, setzte ich an und brach ab, weil die Tränen wieder kamen. Ich schluchzte vor mich hin und kam mir vor wie ein Mädchen.

»Du dachtest, ich würde dich nicht lieben und hätte dich belogen? Deine Mum hat es zu mir erklärt. Und Lilli hat mir dieses Refuge verraten.«

Ich nickte und krallte meine Nägel in den Stoff seiner Jacke.

»Bunny... when will you start trusting me? I said I love you and I meant it. I keep saying this to you countless times.«

»Ich... ich... niemals hat mich jemand geliebt, warum solltest ausgerechnet du das tun?«

Tiger hob mein Kinn an und wischte mir sanft über das Gesicht. Es war total tränenverschmiert und ich sah bestimmt aus wie eine Flusskröte oder ein Troll. Doch er lächelte.

»Vielleicht bin ich der Eine für dich?!«


Als er sich anschließend hinabneigte, um mich zu küssen, stand die Erde still, alles wurde stumm, ich hörte nicht den Regen, spürte nicht die Kälte oder das schwankende Gefühl unter meinen Füßen, von der Erschöpfung herrührend, weil ich gerannt war und stundenlang geweint hatte. Ich hörte, fühlte nichts mehr außer meinem eigenen Herzschlag, der erst durch die Berührung von Tigers Lippen wieder Sinn machte. Sich erst dadurch wieder wie ein Zeichen des Lebens anfühlte und nicht wie eine gnadenlose Uhr, die mir meine restliche Lebenszeit anzeigte.

Ich klammerte meine Arme um seinen Nacken und er zog mich auf seinen Schoß.

All der Schmerz verblasste zu einer dunklen, grauen Erinnerung, an die ich niemals wieder denken wollte. Die ich einmauern wollte ganz tief in meinem Bewusstsein wie eine ungehorsame Nonne im Mittelalter.

»I’ll never miss that again«, flüsterte Tiger, als er die Verbindung zum Luftholen unterbrach.

»Aber... wenn du zurück musst?« Nackte, kalte Angst stieg in mir auf, dass ich ihn schon bald wieder verlieren würde.

Doch er grinste und schüttelte den Kopf.

»No... my dad took advantage on a few connections. I’ll finish High School here. With you. I’ll stay at the students dorm in town. Everything is fixed and will be fine.«

Ich riss die Augen auf und stemmte mich ein Stück von ihm weg.

Er würde seinen Abschluss hier machen? Wohnte im Studentenwohnheim? War das sein Ernst?

»You really...?«

»Ich wollte es dir sagen, bevor du mir halb die Nase gebrochen hast.«

Ich musste gucken wie ein Auto oder ein Kind in einem Süßigkeitenladen, denn er lachte nur und zog mich wieder an sich. Seine Wärme vertrieb die Kälte und die Einsamkeit aus meinen Knochen und ich sog sie auf wie ein Schwamm.

»I‘ve missed you so damn much, I nearly got insane and jumped into the canal to swim here, I swear«, murmelte er und stand schließlich auf.

»Komm. Deine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen.« Er zog mich auf die Beine und küsste meine Nasenspitze.

»And there’s my dad. He wants to get to know my boyfriend.«

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