15. Das singende Tal

Wer weiß schon, was mit den Elben geschah? Sie sind seit dem Zusammenbruch Ciyens verschollen und werden es hoffentlich für immer bleiben.

Aussage von Kronprinz Ghadrael, Sohn von Jerimot I, dem Generationenkönig.

 

 

Finsternis und Licht wechselten sich ab. Stimmen riefen ihn und Hände griffen durch den Nebel nach ihm. Der Nebel, er war überall, ein undurchdringbares Gefängnis. Manchmal schien es, als ob er sich auflösen würde und Heled stolperte auf den vermeintlichen Ausgang zu, nur um festzustellen, dass er immer tiefer hineingeriet. Feuerwände jagten hinter ihm her, doch hatte er keine Waffen um sie zu vertreiben.

Er wusste nicht, was mit ihm geschah oder wo er war. Es gab keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur der gegenwärtige Schmerz.

Dann geschah etwas Seltsames. Der Nebel verschwand und er tauchte ein in einen Wirbel aus Farben. Er sah sich selbst als kleines Kind, während seine Mutter ihm lachend nachjagte. Der Nachtbarsjunge, der später sein bester Freund geworden war. Er traf erneut die Liebe seines Lebens und blickte erneut mit Stolz auf die beiden Neugeborenen, die sie ihm in die Arme legte. Erneut sah er die Männer, die er getötet hatte, all das Blut und das Leid, das durch seine Hand verbreitet worden war.

Doch ebenso schnell wie die Erinnerungen gekommen waren, verschwanden sie wieder und der Nebel kehrte mit voller Wucht zurück. Täuschte er sich oder war er heller geworden? Heled drehte sich einmal um seine eigene Achse, während der Nebel sich nach ihm ausstreckte. Auf einmal erschien vor ihm eine Hand, Heled ergriff sie – und kehrte zurück.

Das Erste, was er sah, war ein Paar blaue Augen. Er blinzelte, stöhnte und öffnete die Augen vorsichtig weiter, damit sie sich an die Sonne gewöhnten.

Es folgten weitere Einzelheiten von dem Gesicht, die sich über ihn beugte. Eine helle und reine Haut wie sie Heled noch nie gesehen hatte, spitze Ohren und langes silbernes Haar, welches der Frau wie ein Wasserfall über den Rücken fiel.

Heleds Hand fuhr zuerst zu seiner Hüfte, doch war sein Säbel mitsamt der Scheide verschwunden.

„Du benötigst keine Waffe, außerdem würdest du sie nicht benutzen können.“. Ihre Stimme war wie ein säuselnder Gebirgsbach, sanft und melodisch.

Doch hatte sie Recht. Seine Schulter schmerzte und brannte wie Feuer.

Er wollte fragen, was geschehen war und wo er sich befand, doch entkam seiner Kehle nicht mehr als einem heiseren Krächzen.

„Hier.“. Sie reichte ihm einen Wasserschlauch, an dem er roch, bevor er trank. Es war kaltes Quellwasser, das leicht nach Schwefel schmeckte.

Währenddessen sah er sich um. Heled befand sich alleine mit der Elbe – dass sie eine Elbe war, bestritt er längst nicht mehr – auf einer Lichtung. An einer Seite stand ein Pferd und der Rittmeister war erleichtert, als er seine Malèhlti erkannte.

Er schnalzte leise und war froh, dass seine Zunge ihm wieder gehorchte. Die Stute trottete langsam heran und beschnupperte sein Gesicht. Er tätschelte sie kurz, dann wandte er seinen Blick erneut der Elbe zu.

Sie trug enganliegende Kleidung aus dunklen Leinen, doch keine offensichtliche Rüstung. Den Schutz verbarg sie unter ihrem Umhang. Nur dem aufmerksamen Beobachter fiel das dunkle Fell auf, das hervor stach. Genau konnte Heled es nicht sagen, doch war er sich ziemlich sicher, dass es ein Wiswal-Pelz war. Nichts in dieser Welt schützte besser, als das Fell des gewaltigen Jägers des Schattengebirges. Doch war es schwer zu bekommen, weil Wiswale selten waren und viele Männer bei dem Kampf um den kostbaren Pelz ihr Leben verloren.

 Ihre Waffen waren zwei leichte Einhänder, die sie auf dem Rücken trug und die eine leichte Krümmung aufwiesen, soweit Heled es erkennen konnte. Aus den Klingen schloss Heled, dass sie zum Volk der Livorlé gehörte. Er kannte sich nicht besonders gut mit den Elben aus, doch hatte er sich das gemerkt, weil er es ebenfalls bevorzugte, mit zwei Einhändern zu kämpfen.

„Was ist passiert?“, fragte er und hoffte, dass sie seine Sprache verstand. Er vermochte zumindest die Grundzüge der Sprache der Zwillingsreiche, einige der wichtigsten Dialekte Tjarols, die Sprache Oleons und die von Servina neben seiner Muttersprache zu sprechen, eben die, in deren Ländern er gedient und gekämpft hatte. Doch von den elbischen Sprachen kannte er noch nicht einmal die Bezeichnung, geschweige denn, dass er sie sprechen konnte.

Doch antwortete sie im flüssigen artherg, wenn auch mit einem starken Akzent.

„Ich fand dich im Wald, du warst vom Pferd gestürzt und ein Pfeil ragte aus deiner Schulter Deine Stute stand bei dir und ich musste ihr erst begreiflich machen, dass ich dir nichts tun würde, bevor ich mich nähern durfte. Ich versorgte deine Wunde, so gut es mir möglich war, doch musst du noch ruhen, damit sie vollkommen verheilt.“.

„Wie sieht sie aus? Wo sind wir?“, fragte er.

Langsam kehrten die Erinnerungen zurück und er trauerte stumm um Hul, Togorma und die weiteren Männer seines Schwadrons, sowie Havinon. Havinon. Wie hatte es nur soweit kommen können? Was hatte er falsch gemacht? Er hatte viele Kämpfe gekämpft und dieses Mal hatte es keine Vorwarnung gegeben. Nur wieso? Er hatte Männer ausgeschickt gehabt, diese waren denselben Weg entlang geritten und hatten weder etwas gehört noch gesehen. Nun bekam die Elbe einen misstrauischen Blick zu spüren. Denn waren es nicht Elben gewesen, die die Soldaten begleitet hatten? Doch fiel ihm nach einer genaueren Betrachtung auf, dass sie nichts mit diesen anderen Elben gemein hatte. Sie hatte eine katzenhafte Eleganz und Gewandtheit an sich, die den anderen gefehlt hatte, auch wenn sie ohne Zweifel versucht hatten, sie zu imitieren.

Er lauschte den letzten Sätzen ihrer Ortsbeschreibung – sie befanden sich im nördlichen Wintergebirge -, um sie dann zu fragen: „Hast du andere Elben hier gesehen? Wir haben gegen welche gekämpft.“.

„Das, was ich sah, waren Leichen, viele Leichen. Doch sage ich dir, sie alle waren Menschen und die, welche versucht haben meinem Volk ähnlich zu werden, sind daran gescheitert. In ihren Adern floss nicht ein Tropfen elbischen Blutes.“.

Das erleichterte ihn und wenn man diese Elbe mit den Angreifern vergleichen könnte, würde man es wohl endgültig erkennen. Doch blieb die Frage, ob die Artherger dies auch so sehen würden. Sein Jahrhunderten hatte niemand mehr Elben gesehen und Heled konnte immer noch nicht begreifen, wieso ausgerechnet ihm dieses Privileg zuteil geworden war.

Da fiel ihm auf, dass er noch nicht einmal ihren Namen kannte.

„Linovèn.“, antwortete sie auf seine Frage hin, „Linovèn Lojesrim.“.

„Heled. Rittmeister des ersten Schwadrons des Eraliy-Regiments.“.

Sie lächelte.

„Hast du nicht gehört, dass Elben Lügen erkennen können?“.

Sein Gesichtsausruck wurde starr. Er hatte über die Jahre seine Lügen perfektioniert, ohne Lügen überlebte man in der Welt nicht lange. Es schmerzte, dass diese Frau ihn so leicht durchschauen konnte.

„Namen sind gefährlich.“, entgegnete er zögernd.

„Ich weiß.“, antwortete sie, „Aber ich kann dich ebenso gut Heled nennen, jeder trägt falsche Gesichter und vielleicht ist es gut, wenn dein wahrer Kern verhüllt bleibt.“.

„Warum hast du mich gerettet?“, sprach er die Frage aus, die ihm schon seit dem Beginn ihres Gesprächs auf der Zunge brannte. Sie war eine Elbe und hatte keinen Grund, ihn leben zu lassen, denn damit brachte sie ihre eigene Identität in Gefahr. Obwohl Elben nicht offen verfolgt wurden, waren sie in den menschlichen Reichen nicht gerne gesehen und lebten daher im Verborgenen.

„Diese Frage stellt nicht nur du dir. Ich besitze die Gabe der Wegverkürzung und kann mir bekannte Strecken von mehreren Wochenmärschen auf wenige Stunden verkürzen, doch zwang mich etwas dazu, hier abzubrechen. Es kam von außen und baute sich wie eine Mauer vor mir auf, so dass ich anhalten musste. Als ich schon wieder aufbrechen wolle, traf ich einen Mann. Ich hatte ihn nicht bemerkt und das besorgt mich, denn normalerweise habe ich scharfe Sinne. Er war ganz in grau gekleidet und meinte zu mir, dass hier in der Nähe jemand sei, der Hilfe von mir bräuchte. Dann verschwand er, doch ich ging und fand zuerst die Toten und dann dich. Du warst der einzige, für den ich noch etwas tun konnte und so bewahrte ich dich vor dem Tod. Doch wirst du Ruhe brauchen, sonst wird sich die Wunde entzünden, ebenfalls hast du das Fieber nicht vollends besiegt. So werden wir in meine Heimat zurückkehren.“.

Welche Sorge dies für sie bedeutete, konnte Heled nur annähernd nachvollziehen. Sie gab ihre Heimat – wo auch immer sich diese befinden mochte – seiner Gnade und seiner Fähigkeit, Geheimnisse für sich zu behalten, preis. Sie musste diesem grauen Wanderer doch sehr vertrauen, wenn sie diese Entscheidung allein aufgrund seiner Worte zu treffen wagte.

„Wie viel Zeit ist vergangen, seitdem du mich fandest?“, fragte er.

„Zwei.“, antwortete sie, „Doch lagest du vermutlich schon einen Tag hier.“.

„Du musst mich nicht mit in deine Heimat nehmen.“, entschloss er sich, „Ich muss weiter nach Varyny reisen.“. Das Mädchen Alsra sollte momentan sicher sein, selbst wenn Artherg tatsächlich den Zwillingsreichen einen Krieg erklären würde, würde es mindestens zwei Monate, eher noch drei, dauern, bis das arthergische Heer an der Grenze eintraf.

„Nein.“, bestürzt sah sie ihn an. „Du kannst unmöglich mit solch einer Wunde weiter reiten. Früher oder später wird sie dich umbringen.“.

„Ich habe schon viel Schlimmeres überstanden.“, knurrte er und setzte sich auf, auch wenn seine Schulter aufs Schärfste protestierte und ihm kurzzeitig schwarz vor Augen wurde.

Linovèn hockte sich vor ihn hin und drückte ihn sanft wieder zu Boden.

„Und ich sage dir, dass es dich dieses Mal umbringen wird. Und deine Pläne wirst du noch weniger durchführen können, wenn du tot bist“.

Heled seufzte. Natürlich hatte sie Recht, doch konnte er es sich nicht leisten, Zeit zu verlieren. Es geschahen zu viele bedeutende Dinge, als dass er im Krankenbett liegen konnte. Und dennoch…

„Also gut.“, stimmte er zu.

Linovèn nickte nur, sammelte ihre Sachen zusammen, band sie auf sie auf Malèhltis Rücken fest und führte die Stute an seine Seite. Mit der einen Hand nahm sie die Zügel mit der anderen seine Hand. Sie trug keine Handschuhe und ihre Finger waren kalt. Dann murmelte sie Worte, die er nicht verstand.

Erneut überkam sie die Dunkelheit, doch war sie anders. Weniger finster und nach wenigen Augenblicken verschwand auch sie. Ein Wirbel aus Farben umgab sie. Grau und Dunkelgrün, blau und braun. Sie verwischten ineinander und ließen sich nicht mehr auseinander halten. Der einzige Halt für Heled war die Hand der Elbe, die ihn sicher hielt und durch dieses Dickicht leitete.

Er wusste nicht wie lange sie unterwegs waren, doch musste er schon nach kurzer Zeit die Augen schließen, weil das Farbenspiel in seinen Augen schmerzte. In dieser Zeit vermochte er es nicht, einen klaren Gedanken zu fassen und so war er froh, als die Zeit wieder normal verging.

 

Als er die Augen öffnete, stand er und stützte sich auf die Elbe. Die Luft war dünn und die Sonne hell. Schnee knirschte unter seinen Füßen und weitere Flocken setzten sich auf seinen Mantel. Hier, in die Tiefen des Wintergebirges war der Frühling noch nicht gedrungen. Doch war Hiskijar im Schatten des Schattengebirges aufgewachsen, das noch viel größer war als dieses, und die Kälte dementsprechend gewohnt. Nur war er jetzt Heled, nicht länger Hiskijar, und das Schattengebirge war weit entfernt.

Dennoch konnte er nicht verleugnen, dass der Ausblick fantastisch war. Sie befanden sich unterhalb der Baumgrenze und unter ihnen breitete sich ein Tal aus. Das Grün der Tannen, die den Schnee abgeschüttelt hatten, drang dunkel durch den feinen Nebel, der feucht und klamm in die Kleidung eindrang. Ein Fluss hatte sich in die Felsen gegraben und donnerte gegen sein Gefängnis. Tannen krallten sich in den Fels, krumm und alt.

Einen Moment konnte ihn dieser Anblick von seinen Schmerzen ablenken, doch kehrte das Feuer wieder und wollte bedacht werden. Heled stöhnte auf. Fast hatte er vergessen wie sehr Pfeilwunden schmerzen konnten. Aus welchem Grund auch immer hatten es in den letzten Jahren eher die Klingen aus Eisen geschafft, ihn zu verletzen als Pfeile.

Ein kalter Windstoß jagte durch das Gebirge und entband die Tannen von ihrer Last aus Schnee.

Linovèn griff nach seiner Hand und lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich selbst. Sie deutete auf einige dunkle Löcher im Felsgestein, welche sich weiter östlich von ihnen erstreckten und schrie gegen den Wind: „Dahin.“.

Heled entnahm ihr Malèhltis Zügel und führte die Stute über Schneewehen und Baumwurzeln zu den Höhlen. Es waren große und verwinkelte Höhlen, es schien, als ob dieser Teil des Gebirges völlig davon durchzogen war. Linovèn führte ihn zielstrebig durch das Gebirge. In der Ferne plätscherte das Wasser eines unterirdischen Flusses, Fledermäuse hingen zu hunderten in den äußeren Höhlen, Stalagmiten und Stalaktiten erfüllten den Raum, manche Seitenhöhlen waren nicht mehr als dunkle Löcher und dann gab es gewaltige Höhlen, größer als der Thronsaal der arthergischen Könige.

Zwar war das Wintergebirge eines der kleinsten Gebirge Anthars, doch war dieses Höhlensystem einzigartig. Malèhlti schnaubte manchmal nervös, doch blieb sie trotz der Dunkelheit ruhig und stieg nur einmal kurz, als eine Fledermaus direkt vor ihr aufflatterte.

Dann nahm er ein weiteres Geräusch war, dunkle, hallende Geräusche, die immer lauter wurden, je weiter sie Linovèns Pfad folgten. Es wurde hell vor ihnen und dieses Mal wusste Heled, dass es das Tageslicht war, in das sie gleich treten würden. Die letzte Höhle war mittelgroß mit einem relativ ebenen Boden und Wasser, das von der Decke und den Wänden tropfte.

Das Licht war ungewohnt, nach den gefühlten Stunden in der Dunkelheit, doch der Anblick, der sich ihnen darauf bot, machte selbst die schmerzenden Augen wett. Es war ein kleines, längliches Tal, dessen Talsohle von einem kleinem Fluss geprägt war, der früher wohl einmal sehr viel größer gewesen war. An seinen Ufern erhob sich eine winzige Stadt und weiter entfernt erkannte man einige Felder, die jetzt jedoch noch nicht bewirtschaftet wurden. Es gab keine sichtbaren Verteidigungsmöglichkeiten, nur einen kleinen Wall um die Häuser, der mehr dazu diente, Tiere des Waldes davon abzuhalten, in die Siedlung zu gelangen, denn richtige Feinde abzuwehren. Und dennoch war dieses Tal ein perfektes Versteck. Die Berggipfel, die diese Zuflucht umgaben, waren hoch und es schien keine sichtbaren Pässe zu geben. Der Pfad durch die Höhlen dagegen war so gut wie unmöglich durch Zufall zu entdecken, zu komplex und verschachtelt waren die Wege dieses Systems. Der einzige Schwachpunkt schien der Fluss zu sein, der dieses Tal irgendwie auch wieder verlassen musste, doch vermutete der Rittmeister, dass er dieses unterirdisch tun würde.

„Willkommen in meiner Heimat.“. Linovèn machte eine ausschweifende Bewegung mit der Hand. Sie sagte noch etwas, doch wurden ihre Worte von dem Wind übertönt, der um die Berggipfel heulte und seine schaurige Musik ertönen ließ.

„Als die ersten meines Volkes sich hier niederließen, gaben sie diesem Tal nur den Namen eliȏhni Ihrindo.“, erklärte die Elbe als der Wind verstummt war, fügte dann jedoch hinzu: „In der Zwischenzeit wird es nur noch das Singende Tal genannt.“.

„Das Singende Tal.“. Heled grinste. „Das gefällt mir.“. Der ganze Ort gefiel ihm. Es bestand ein Frieden und eine Ruhe, die er schon seit langem nicht mehr wahrgenommen hatte, seit siebenundzwanzig Jahren nicht mehr. Seit dem Jahr, in dem er sich entschlossen hatte, die Stadt seiner glücklichen Kindheit hinter sich zu lassen. Ohne Zweifel war es ein schöner Ort, in dem es sich gut leben ließ, doch wusste Heled jetzt schon, dass er es hier nicht lange aushalten würde.

„Komm.“, meinte Linovèn leise und legte ihm die Hand auf die Schulter - woraufhin Heled vor Schmerz das Gesicht verzog – „ Jetzt versorgen wir deine Wunde und stellen dich meinem Volk vor.“.

Ihrem Volk. Was war nur mit ihm geschehen, dass er sich auf einmal unter Elben wieder fand? Das Lachen platzte aus ihm heraus, all die Anspannung der letzten Monate fiel von ihm ab und er hörte erst auf, als sich der Schmerz in seiner Schulter nicht mehr aushalten ließ. Sein Lachen jedoch hallte noch einige Zeit von den Berggipfeln hinweg.

 

 

 

 

Ihre Finger waren es, die sie verrieten. Alsras Gesicht mochte ruhig und nichts sagend sein, doch ihre Finger zitterten und zerrissen fast das dünne Papier der Seiten, wenn sie diese umblätterte. Assur bemerkte es sehr wohl, sagte aber nichts. Es war nicht seine Aufgabe zu reden oder zu trösten, er hatte auf dieses Mädchen, das höchstwahrscheinlich jetzt die Herzogin von Scheeru war, aufzupassen. Assur selbst trauerte nicht. Menschen starben und er hatte schon zu viele Freunde, Familie und Begleiter verloren, um noch wissen zu können, wie man trauerte. Sie waren Soldaten gewesen und sie waren als Soldaten mit dem Schwert in der Hand gestorben. Es gab schlimmere Tode und dies war ein ehrenhafter. Für sein Schwadron musste er nicht trauern und er wusste auch nicht, ob er um den Frieden, den Anthar grade verloren hatte, trauern sollte. In seinem Heimatland herrschte seit langem kein Frieden mehr, seit dem Moment, in dem Artherg beschlossen hatte, dass dieses Land der Weiten ihnen gehören sollte. Warum sollten die Artherger dann nicht ebenfalls lernen, was es bedeutete, wenn der Krieg ihr Land einnahm? Warum sollten ihre Mütter nicht ebenfalls weinen, wenn ihren ihre Säuglinge entrissen wurden und ihre Töchter verschleppt wurden?

Doch würde der Krieg nicht nach Artherg kommen, sondern die Zwillingsreiche bedrohen. Und es waren nicht die Zwillingsreiche, denen Assurs Hass galt. Zwischen Oleon und den Zwillingsreichen hatte immer ein recht gutes Verhältnis bestanden. Nie waren sie gegeneinander in den Krieg gezogen und wenn sie nicht miteinander verbündet gewesen waren, hatten sie sich mit Nichtachtung gestraft. Nein, der Krieg musste auf einem anderen Wege nach Artherg kommen. Vielleicht würde es Madruk sein, das diesen Schlag ausführte, doch eher würden Madruk Awith wie ein tollwütiger Hund an die Kehle springen. Wahrscheinlicher würde es Ikantjey sein, der Artherg niederreißen würde, so wie die Löwen es schon mit allzu vielen Menschenreichen getan hatten.

Alsra sah von ihrem Buch auf, welches ihr Gemahl ihr zur Hochzeit geschenkt hatte. Assur konnte die Buchstaben nicht lesen, doch wusste er, dass der Titel Volkslieder und Märchen der Zwillingsreiche lautete. Nun war es jedoch ihre Stimme, die den zuvor stillen Raum füllte.

Schatten huschten über die hölzernen Wände, hervorgerufen von dem flackernden Feuer im Kamin.

„Erzählt mir von Eurer Heimat.“, bat sie.

Hatte sie seine Gedanken gelesen? Hatte sie den über die Jahre sorgfältig verborgenen Hass bemerkt, der ihrem Volk galt? Oder hatte der Hund, der zu ihren Füßen lag, ihn gewittert?

Ihr Gesicht wirkte so klein in dem Raum, doch ihre Bedeutung für diese Welt war umso größer.

„Oleon? Es ist ein schönes Land. Ein kaltes Land, ja und im Winter geht die Sonne wochenlang nicht auf, doch es ist schön. Die gefrorenen Flüsse und Wasserfälle, in denen sich das Licht spiegelt, die Schneeflächen, allein berührt durch die Spuren der Araskal-Herden. Die Eisbären, die im brechenden Land nach Robben suchen. Und das Polarlicht, ein glänzendes Lichtspiel, das im Winter die Sonne ersetzt. Im Silwar-Gebirge gibt es Geysire, an deren Wärme die Königsstadt Kistil gebaut wurde. Dort ist der Mittelpunkt unseres Landes, obwohl die Artherger unsere Stadt nur als Dorf ansehen würden.“.

Alsra nickte nur und ihr Blick schweifte in die Ferne. Jetzt kehrte sie in ihr eigenes Land zurück, das wusste Assur. Obwohl sie die Zwillingsreiche nun ihre Heimat nannte, würde Artherg immer einen besonderen Platz in ihrem Herzen behalten. Für Assur war es dasselbe, nur das sie die Zwillingsreiche noch eher akzeptieren konnte als er Artherg. Doch eines Tages das wusste er, würde auch er in seine Heimat zurückkehren.

 

 

Es war der siebte Tag an dem Assur über Alsra wachte, als die Reiter zurückkehrten. Assur wusste es, sobald die Rufe durch den Königspalast hallten. In der letzten Woche hatte eine eigenartige Stille und Angespanntheit über diesem Ort gelegen und nun war sie zerbrochen. Alsra sprang auf, ebenso wie ihr Bewacher hatte sie verstanden, was es bedeutete. Das Buch, in dem sie gelesen hatte, fiel zu Boden und einige Seiten flogen hoch.

Assur folgte der Herzogstochter die hölzernen Treppen hinab, die in die große Halle mündeten. Dort hatten sich die Königsfamilie und ihre Berater, sowie weitere Bedienstete und Neugierige versammelt hatten. Einige von Assurs eigenen Soldaten standen unauffällig an den Wänden und betrachteten das Szenario.

Alsra war zu ihrem Mann gegangen und lauschte den Worten, die mehrere Soldaten der Zwillingsreiche ihnen berichteten, bei ihnen stand auch ein arthergischer Soldat, den Assur mitgeschickt hatte, damit er kontrollierte, ob das Schwadron vollständig war oder eventuell Männer entkommen waren.

Assur trat zu ihnen und der Artherger mit Namen Mirotki erklärte ihm: „Es fehlen zwei der neuen Rekruten, ich erinnere ihre Namen jedoch nicht, doch war es das Brüderpaar. Und weiterhin wurde Rittmeister Heled nicht gefunden.“.

„Heled? Bist du dir sicher? Was ist mit Togorma und Hul?“.

„Von Togorma und Hul wurden die Leichen gefunden, Heled fehlt jedoch sicher.“.

Togorma und Hul waren gute Männer gewesen und Assur hatte es genossen an ihrer Seite zu kämpfen, doch war es das Schicksal eines Kriegers zu fallen.

Dass Heled fehlte, war ohne Zweifel gut. Die Frage war nur, ob ihr Rittmeister entkommen war oder in Gefangenschaft geraten war.

„Seine Stute?“, fragte er. „Habt ihr Heleds Stute gefunden?“. Heleds Stute ritt Heled jetzt schon so lange, dass jeder Mann des Schwadrons sie kannte.

„Nein.“, berichtete Mirotki und Assur lächelte erleichtert. Zwar konnte es sein, dass die Stute in der Panik des Kampfes geflohen war, doch war es schon einmal ein guter Hinweis darauf, dass Heled tatsächlich entkommen war.

Die anderen hatten geduldig gelauscht, doch jetzt fragte der König: „Was ist mit dem Herzog?“.

Mirotki schüttelte schweigend den Kopf, doch war diese zögerliche Bewegung Zeugnis genug. Assur sah zu Alsra, das Mädchen stand erstarrt und mit stillem Gesicht dar, doch als Prinzessin Jiadrahm ihr sanft die Hand auf den Rücken legte, schluchzte sie auf. Tränen, die sie in den letzten Tagen nicht getraut hatte, zu weinen, flossen jetzt. Jiadrahm schloss sie in die Arme, das zwölfjährige Mädchen, das nun die Herzogin von Scheeru war.

Assur fragte sich, was nun geschehen würde. Es war ein Zeitpunkt der Schwäche, ein Moment, in dem man Artherg zu Fall bringen könnte, wenn man es denn richtig anstellte. Doch wenn man es falsch anstellte, könnte man durch einen Krieg, Artherg nur noch stärken und noch mehr vereinen. Assur jedoch war ein Krieger, kein Politiker und so verstand er nicht viel von diesem Spiel der Mächte, nur genug, um zu erkennen, wie bedeutsam dieser Moment war. Nicht nur für Artherg und die Zwillingsreiche, sondern für ganz Anthar und wer wusste es schon, aber vielleicht würden in wenigen Wochen erneut die Heere die Länder durchziehen.


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beta
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