15. September 1926

Es waren erst neun Tage, seit dem Beginn meiner Intensivstudie vergangen und ich konnte bereits von ersten Erfolgen sprechen, da sich eine Spur bildete, die meine Unterlagen und Dantes Leben miteinander verknüpfen konnte.

Ich war stark davon überzeugt, dass die Wutanfälle und sein krankhafter geistiger Zustand, mit einer zweiwöchigen Reise nach Damaskus zusammenhängen mussten, welche er im Jahr 1915 im Alter von 23 Jahren beging.

Jedoch konnte ich bisher keinen Fakt aus meiner Überzeugung formen. Ich konnte nichts über den Inhalt der Reise finden. Ich hatte genug Material angehäuft, um die vermeintlichen Auswirkungen und eventuelle Gründe für seinen Verbleib in Damaskus nachzuvollziehen, jedoch fehlte es mir an Aufzeichnungen oder zumindest Bildern zu dieser zweiwöchigen Grauzone seines Lebens.

Im Grübeln versunken, hörte ich das Klingeln und Klopfen der Haustür nicht, weswegen sich meine Schwester die Freiheit nahm um diese zu öffnen und ein Paket für mich entgegen zu nehmen. Weil sie mich nicht bei meiner Arbeit stören wollte, da sie wusste, dass ich mich nach einer Ablenkung nur sehr schwer in einen Zustand des intensiven Nachdenkens zurückversetzen konnte.

Aus ihrer eigenen Neugierde heraus, öffnete sie das Paket und riss mich kurz darauf nun doch aus meinem beinahe Trance-artigen Zustand. Darin waren Zettel, Bilder und eine alte Landkarte. Sie nahm an, dass es sich wohl um neues Arbeitsmaterial der Universität handelte. Doch ich wusste, dass dies die Hinterlassenschaften Dantes waren. Denn es waren genau diese Stücke, die mir für mein Ziel, nämlich die korrekte Zusammensetzung meines Forschungspuzzles fehlten.

Dies war ein viel zu bequemer und beinahe unheimlicher Zufall. Dante wollte, dass ich seiner Spur folgte. Dies war mir nun klar. Dennoch war das Timing, indem ich seine letzten Dokumente erhielt, viel zu perfekt. Es war doch nicht möglich, dass ich einen Schlüssel zu einer Tür erhalten konnte, welche ich gerade erst entdeckt hatte. Als hätte er alles genau durchgeplant.

Mir schien die Angst vor Paige nun berechtigt. Ich glaubte zwar nicht ans Hellsehen oder sonstigen Zauberei Humbug, jedoch kam mir eine Person von solch einem Scharfsinn nicht minder gefährlich vor, wie jemand dem sich die Zukunft offenbarte.

Es war, als stände ich kurz davor mit einem Teufel zu paktieren. Ich konnte all mein gesammeltes Wissen über ihn und das Al-Azif einfach verbrennen und nie wieder darüber sprechen. Die Angst davor den nächsten Schritt zu wagen und einen Vertrag zu unterschreiben, welcher mich auf den Weg eines vermeintlich genialen Psychopathen, der sich das Leben genommen hatte, brachte, wäre Abschreckung genug gewesen.

'Aber was würde geschehen, wenn ich seiner Spur nicht folgen würde?', es war diese eine Frage, welche ich mir stellte, die erneut meine Neugierde zum Vorschein brachte – mit dem Unterschied, dass sie dieses Mal mit einem Gefühl der Niederlage und der Angst der Unwissenheit gestärkt wurde.

Ich wollte dieses Projekt nicht so kurz vor dem Ziel abbrechen, nur um dann einer verlorenen Chance hinterher zu trauern. Eine Chance, etwas Fantastisches oder gar Weltveränderndes zu entdecken.

Ich war nicht allzu angetan von einer Zukunft voller Fragen und entschied mich zu einer Zukunft der Antworten.

Meine Schwester, welche mir meinen inneren Kampf wohl ansehen konnte, brachte mir einen Beruhigungstee. Sie kannte mich und wusste, dass ich anfangen würde zu zittern, wenn sich meinem Geist etwas Bedeutsames öffnete. So erkannte sie den Moment der Bedeutung natürlich auch, als ich das Paket sah und stellte es unter meinen Schreibtisch. Sie konnte mich von einer Pause überzeugen und führte mich zu meinem Zimmer. Daraufhin bestand sie, aus ihrer geschwisterlichen Liebe und Sorge heraus, darauf, dass ich mich auszuruhen und einschlafen solle. Selbst wenn ich wollte, hätte ich mich ihr nicht widersetzen können, da sie genug Erfahrung mit vergangenen „bedeutungsvollen Momenten“ hatte und wusste, was das Beste für mich war.

Ich schlief ein.


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Fairy Dust

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