15. Siebzehn

Nach dem Spaziergang gingen sie alle noch mit zu Nadja, die Kaffee und Kuchen bereithielt, aber Toni hatte jetzt erst einmal genug von Familie und nutzte die erstbeste Gelegenheit sich zu verabschieden und im Gästezimmer zu verschwinden.

Er hatte zwar schon einen Großteil der Zeit herumbekommen, doch es war immer noch etwas davon übrig. Aber der Rest bekam gar nicht die Möglichkeit, sich wie Kaugummi zu ziehen, denn es gab noch ein paar Dinge, die Toni unbedingt erledigen musste. Zuerst einmal duschen gehen. Danach und nachdem er sich die beste Jeans, die er mitgenommen hatte, und das Hemd angezogen hatte, stand er eine ganze Weile vor dem Spiegel und kämmte seine Haare hin- und her, bis er endlich mit der Frisur zuf rieden war.

Auf dem Weg zurück ins Gästezimmer klingelte es und Toni erstarrte für einen Moment auf dem Flur. Es war zwar erst fünf nach sieben aber das konnte nur Gregor sein. Eigentlich hätte Toni sich lieber draußen mit ihm getroffen, damit seine Mutter nicht mitbekam, dass sie schon wieder was zusammen machten, aber dass er jetzt hier war und sie es mitbekam war jetzt auch nicht mehr so dramatisch. Wichtig war nur, dass Toni ihn gleich wiedersehen würde.

Mit klopfendem Herzen ging Toni ins Gästezimmer zurück, zog sich eilig seine Socken an und kam die Treppe herunter grade als Nadja Gregor die Tür geöffnet hatte. Und als sich ihre Blicke trafen, da war Toni seine Mutter mit einem Schlag völlig egal geworden.  

Gregor strahlte ihn an. "Hallo. Ich konnt mich heut n bisschen eher befreien und ich dachte, ich hol dich einfach jetzt schon ab. Wenn du Zeit hast."

"Ja klar!" beeilte Toni sich zu sagen und zog sich schnell seine Schuhe und seine Jacke an. Kurz bevor er hinter Gregor aus dem Haus trat, spürte er einen leichten Klaps auf der Schulter und als er sich umdrehte, zwinkerte Nadja ihm zu.

Natürlich wusste Toni genau, was dieses Zwinkern bedeutete und in jedem anderen Moment hätte es ihn ziemlich aufgeregt, aber jetzt nicht. Stattdessen zwinkerte er einfach zurück, ohne groß drüber nachzudenken.

Draußen war es bereits dunkel geworden, aber wenigstens hatte der Regen nicht wieder angefangen.

Ohne sich abgesprochen zu haben gingen Toni und Gregor über den beleuchtete Hof zum Tor und dann nach rechts über die Wiese. Sie schwiegen, aber es fühlte sich für Toni nicht mehr wie das an, das herrschte, wenn man nicht wusste, was man reden sollte. Es hatte mehr was von dem Schweigen, das sie damals in den Sommerferien geteilt hatten. Wo es einfach gereicht hatte, zusammen zu sein.

Aber dann, kurz bevor sie den Abhang erreichten, sagte Gregor doch etwas. "Ich dachte, wir gehen vielleicht mal zum See. Wenn du auch Lust hast. Wir können zwar nicht schwimmen gehen, aber es ist eigentlich trotzdem schön da. Auch, wenn wir davon jetzt nichts mehr sehen werden." Er lachte einmal leise.

"Sehr gerne," antwortete Toni, wobei es ihm aber ziemlich egal war, wo sie jetzt hingingen. Was ihn anging hätten sie auch einfach stur immer geradeaus laufen können und das stundenlang. Wichtig war nur, dass sie weiterhin so dicht nebeneinander gingen. Manchmal streiften sich ihre Hände ganz kurz und dann machte Tonis Herz jedes Mal einen Hüpfer. Wenn diese kurzen Berührungen sich schon so gut anfühlten, wie würde es dann erst sein, wenn er Gregors Hand ganz festhielt?

Toni bewegte die Finger als würde er nach seiner Hand greifen, aber mehr tat er nicht. Vielleicht wollte Gregors es gar nicht. Vielleicht war es wirklich von seiner Seite aus nur purer Zufall, wenn sich ihre Hände berührten. Und eigentlich war es doch auch sehr merkwürdig, dass er bis jetzt noch kein Wort über den Kuss verloren hatte. Vielleicht, weil er es einfach nur schnell wieder vergessen wollte. Vermutlich hatte er nur deswegen mit Toni reden wollen und dann nur Alltagskram erzählt, um ihm dadurch zu zeigen, wie egal es ihm war.

Als Tonis Gedanken soweit gekommen war und ihm alles absolut plausibel erschien, spürte er eine dumpfe Enttäuschung und versuchte sie wegzureden, in dem er sich klar machte, dass er absolut nichts davon hatte, seine Gefühle zu zeigen. Nicht nur, dass er bald wieder nach Hause fahren und hier sicher nie wieder herkommen würde, da gab es ja auch noch Lydia, die in dieser Situation wieder interessant war, weil sie, erneut, eine bequeme Ausflucht bot.

Als sie schließlich den Wald erreichten, in dem es natürlich schon stockdunkel war machte Gregor die Taschenlampe an seinem Handy an und legte dann für einen kurzen Augenblick die Hand auf Tonis Arm. "Keine Sorge," sagte er neckend. "Ich werde natürlich wieder auf dich aufpassen!"

Der Blick, mit dem er Toni bei diesen Worten ansah und den dieser mehr spürte als sah, und dazu seine Hand auf seinem Arm ließen Toni mit einem Mal daran zweifeln, dass die Theorie, die er sich grade zusammengebastelt hatte, wirklich richtig war. Und dann fiel ihm auch wieder ein, dass Gregor ihn gefragt hatte, ob er in den drei Jahren mal an ihn gedacht hatte. Und diese Frage passte auch nicht zu seiner Theorie. Aber da war ja auch noch Lydia, oder besser gesagt das, wofür sie stellvertretend stand und von dem Toni sich einfach nicht losmachen konnte.

Also zog er seinen Arm aus Gregors Griff, räusperte sich einmal und erwiderte dann gespielt wütend: "Ich hab dir doch schon gesagt, dass ich keine Angst hab. Das hatte ich damals auch nicht. Vorallem nicht vor deinen Baby-Gruselgeschichten!"

"Baby-Gruselgeschichten?!" erwiderte Gregor und bei ihm war die Empörung darüber nur halb gespielt. "Die sind absolut gruselig und du hattest auch Angst, egal was du sagst!"

Während sie in den Wald gingen und der zitternde Punkt der Taschenlampe auf dem Waldboden das einzige Licht weit und breit war, war Toni froh, dass sie sich erst einmal freundschaftlich weiterstritten. Diese absolute Dunkelheit und die Stille, die nur von den Geräuschen des Waldes gestört würde war etwas, an das er sich immer wieder gewöhnen musste.

Vom See sahen sie natürlich auch nicht viel aber sie hatten sowieso nicht mehr allzuviel Zeit dort zu bleiben. Also gingen sie bis ans Wasser, Gregor leuchtete einmal mit seiner Taschenlampe aufs Wasser und dann mussten sie auch schon wieder umdrehen. Aber der Weg zum See hatte ja sowieso einen ganz anderen Zweck erfüllt als dann wirklich dazustehen und sich die Landschaft anzusehen.

Sie trafen sich mit den anderen in einem Teil des Waldes, in dem Toni vorher noch nie gewesen war.  Auch, wenn Philip ein Dorf weiter wohnte war das natürlich kein Grund mit dem Bus zu fahren. Nein, es ging durch den Wald und bei dem halbstündigen strammen Fußmarsch, der folgte war Toni viel zu sehr damit beschäftigt, mit den anderen Schritt zu halten, um über irgendetwas nachzudenken.

Stattdessen hörte er nur den Gesprächen um ihn herum zu, an denen auch Gregor beteiligt war. Und obwohl der eigentlich viel schneller laufen konnte, blieb er trotzdem die ganze Zeit an Tonis Seite.
Der Wald hörte nach einer für Toni gefühlten Ewigkeit plötzlich abrupt auf und er wäre fast über einen der Pflastersteine gestolpert, aus denen die Straße bestand auf die er plötzlich getreten war.

Gregor konnte ihn grade noch festhalten bevor er hinfiel. Er stellte Toni zurück auf die Füße, ihre Blicke trafen sich und beide mussten lächeln. Toni fragte sich, ob Gregor auch grade dran dachte, wie er damals im Wald gestolpert und Gregor ihn festgehalten hatte.

Philip wohnte in einem kleinen zweistöckigen Haus und bevor sie klingelten unterschrieb jeder noch schnell eine Karte, auf denen drei Bierflaschen zum Geburtstag gratulierten und die zusammen mit dem Comicheft, das Simon auf Ebay ersteigert hatte, geschenkt werden sollte. Wie Toni von Kara erfuhr sammelte Philip Comichefte.

Toni hatte zwar kein Geld zum Geschenk dazugegeben, wurde aber trotzdem dazu aufgefordert, auch zu unterschreiben. Er tat es und dachte, dass, wenn Philip sich die Karte in ein paar Jahren noch einmal anguckte, er sicher keine Ahnung mehr haben würde, wer Toni war.

Philips Eltern waren nicht so Hause, sodass sie das Wohnzimmer mit Beschlag belegen konnten, das hauptsächlich aus einer riesigen u-förmigen Couch bestand auf die sie alle auch in doppelter Ausführung drauf gepasst hätten.

Aber trotzdem zogen Toni und Gregor es vor, möglichst nah nebeneinander zu sitzen. Toni dachte gar nicht groß drüber nach, es passierte einfach. Und das Schönste am ganzen Abend waren nicht die lustigen Spiele, die sie spielten, oder die witzigen Reden die Henrike und Jens auf das Geburtstagskind hielten. Nein, das Schönste war eindeutig die Blicke, die er und Gregor sich immer wieder zuwarfen. Es passierte, ohne, dass Toni es bewusst steuerte. Sie sahen sich an, lächelten sich kurz zu und wandten sich dann wieder den anderen zu. Bis zum nächsten Mal.

Angesichts der Gefühle, die diese Blicke in Toni auslösten war es ihm unmöglich, einigermaßen rational darüber nachzudenken und dass seine Tarnung eventuell dabei war, aufzufliegen. Er ging einfach davon aus, dass die anderen zu beschäftigt waren, als dass ihnen diese kurzen Blickaustausche auffielen. Und was Lydia anging war sie grade nur noch eine ferne Gestalt in Tonis alter Welt, die für ihn grade völlig unbedeutend war.

Als Toni nach dem dritten Bier vom Klo kam, traf er im Flur auf eine grinsende Kara, die einen Schritt zur Seite machte und ihm den Weg versperrte. "Wir haben uns ja heute noch gar nicht unterhalten und ich dachte, das sollten wir jetzt mal nachholen," meinte sie und die Art, wie sie es sagte, bewirkte, dass Toni sich mit einem Schlag unwohl fühlte.

Natürlich wusste er worüber sie reden wollte und in diesem Augenblick verfluchte er sich selbst dafür, dass er die ganze letzte Stunde so unvorsichtig gewesen war. Er merkte, dass Kara auf eine Reaktion wartet und räusperte sich einmal in der Hoffnung, dass seine Stimme nichts von dem Unwohlsein verriet, das grade in ihm hochgestiegen war.

"Okay..." fing er an und hätte danach noch gerne irgendetwas Unverfängliches gesagt, von dem er aber noch keine Ahnung hatte, was es sein würde, aber Kara ließ ihm dafür gar keine Chance. "Zwischen dir und Gregor da läuft doch was, ne?! Das hab ich doch schon damals auf meiner Party gleich gemerkt!"

Toni sah sie an und überlegte fieberhaft, was er jetzt erwidern sollte. Natürlich konnte er ihr sagen, dass sie absolut falsch lag, aber er wusste erstens, dass Gregor und er absolut nicht unauffällig gewesen waren und zweitens, dass Kara nicht doof war.

Und dann war er mit einem Schlag in der Situation, die er vor ein paar Stunden noch so gefürchtet hatte. Plötzlich hatte er ein flaues Gefühl im Magen und wäre jetzt am liebsten einfach gegangen. Aber auch dafür stand Kara ihm im Weg und wenn Toni noch einen letzten Rest seiner Würde behalten wollte, dann musste er jetzt absolut cool reagieren. "Wäre das ein Problem für dich?" war der erste Satz, der ihm da einfiel und der sich ihm dann auch gleich so auf die Zunge drängte, dass er nicht anders konnte, als ihn auszusprechen.

Kara lachte. "Ich hab überhaupt kein Problem damit, denn ich steh absolut nicht auf Rothaarige. Er gehört also dir ganz alleine."

"Ach... ach so?" erwiderte Toni, beinah komplett erschüttert von der Art, auf die sie ihn mißverstanden hatte.

Kara nickte. "Jap. Und ich wollte auch nur wissen ob ich richtig liege, aber das tue ich ja." Sie seufzte einmal. "Ach, das freut mich ja so für euch. Gregor hat es echt mal verdient." Sie tätschelte Toni einmal die Schulter und ging dann an ihm vorbei zum Badezimmer.

Toni starrte ihr nach, bis sie die Tür hinter geschlossen hatte und ihre Worte tanzten in seinem Kopf. Und dort blieben sie den ganzen Rest des Abends und er konnte einfach nicht aufhören, immer wieder über sie nachzudenken. Bis Gregor sich schließlich zu ihm rüberbeugte und besorgt "Ist alles in Ordnung?" fragte.

"Ja alles gut," antwortete Toni und er schaffte auch wirklich, sich wieder etwas zu fangen und an der nächsten Runde Kniffel teilzunehmen.

Da alle außer Toni am nächsten Tag Schule hatten blieben sie nicht allzu lange und um zehn Uhr verabschiedeten sie sich schließlich von Philip und traten den Heimweg durch den Wald an, in dem es jetzt noch dunkler war, als vorher. Da war Toni sich sicher.

Allerdings hatte das jetzt nicht den gleichen Effekt auf ihn wie sonst immer, weil er noch viel zu sehr an Karas Worte dachte und dieses Missverständnis, das ihn eiskalt erwischt hatte. Zwar hatte Gregor damals gesagt, dass seine Freunde kein Problem damit hatten, aber erst jetzt, wo Toni es am eigenen Leib erfahren hatte, glaubte er es auch wirklich. Und diese Erkenntnis fing an, hartnäckig an der letzten Schutzwand herumzuhämmern, mit der er sich umgab. Denn diese Schutzwand bestand nur aus der Furcht, von seinem Umfeld schief angesehen zu werden. Aber zumindest dieses Umfeld hier würde ihn nicht schief ansehen.

Und je länger er darüber nachdachte, desto mehr fragte er sich, was es ihm jetzt noch brachte, seine Gefühle zu verleugnen. Mehr als dass er sich schlecht fühlte, sich selbst immer wieder hinter die Wand zu zwingen absolut gar nichts.

Als er dann das letzte Stück durch den Wald mit Gregor alleine war, da beschloss er schliesslich, sich jetzt endlich mal ein Herz zu fassen.

"Ich... ich hab doch an dich gedacht," sagte er in die Stille hinein, die wieder zwischen ihnen herrschte, seitdem sie alleine waren.

Gregor blieb stehen und Toni tat es ihm gleich.

"Ich weiß," erwiderte Gregor leise.

"Wieso?" fragte Toni ebenso leise, obwohl die Antwort absolut offensichtlich war.

"Du hast mich geküsst," sagte Gregor trotzdem.

"Ja, das hab ich," erwiderte Toni und überbrückte den Abstand zwischen ihnen mit einem einzigen kleinen Schritt. "Und hast du was dagegen, wenn ich es jetzt wieder mache?"

"Absolut nicht!" flüsterte Gregor, Toni nahm sein Gesicht zärtlich in beide Hände und küsste ihn. Gregor schlang beide Arme um ihn und zog ihn dicht an sich.

Und Toni tauchte in eine andere Welt ab, die nur aus den Gefühlen bestand, die dieser Kuss in ihm auslöste und die ihn atemlos und mit weichen Knien zurück ließen.

Nachher umarmte Gregor ihn und legte den Kopf auf seine Schulter. Toni streichelte seinen Rücken und ihn festzuhalten fühlte sich auf einmal absolut selbstverständlich an. So, als würde er nur existieren, um es zu tun.

Eine Weile standen so da im Stockdunkeln, denn Gregor hatte die Taschenlampe ausgemacht; der Wind rauschte in den Baumkronen und irgendwo knackte es, aber jetzt machte Toni das nichts aus. Jetzt gehörte es zu der neuen kleinen Welt, die er grade betreten hatte.

"Ich hab dich so vermisst," murmelte Gregor an seinem Ohr. "Ich hab gedacht, ich werd verrückt deswegen. Ich hab immer wieder überlegt, Kamilla nach deiner Adresse oder deiner Nummer zu fragen. Aber dann konnte ich es nicht weil ich Angst hatte, dass du dann irgendwie nicht mehr der Gleiche bist. Und das wäre für mich schlimmer gewesen, als dich zu vermissen. Denn da hatte ich ja die ganzen Erinnerungen an dich."

Toni wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Die Wahrheit, für die er sich angesichts Gregors Worte plötzlich unglaublich schämte, konnte er ihm absolut nicht sagen, aber zu einer Lüge war er grade auch nicht fähig. Also drückte er ihn einfach fester an sich und schwieg.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media