15. Wie sieht die Zukunft aus?- Samuel

„Ich hab es dir gesagt“, drückte mir Ian rein.
„Schon klar.“
„Wenn sie es ihr gesagt hätte ...“
„Hat sie nicht.“ Ich stand ungeduldig am See und wartete darauf, dass ihre Mutter endlich fortging. Zu lange hatte sie sich schon von mir ferngehalten. Ihr Gefühlschaos hatte mich in den letzten Stunden fast zerrissen, mein Wolf heulte seit ihrer Flucht, doch besser wie er wusste ich, dass ich ihr Zeit geben musste. Sie war noch ein Mensch. Sie würde es nicht verstehen. Ich presste die Kiefer zusammen.
Ihr Blick. Die aufgerissenen Augen. Das bleiche Gesicht. Es fröstelte mich bei der Erinnerung. Nie hätte ich geglaubt, dass die so reagieren würde, geschweige denn das sie uns bei der Arbeit erwischte.
Ich knackte mit den Fäusten. Sie hatte reagiert, wie jedes andere Tier, das aus Panik vor einem Wolf floh. Schmiss die Tür hinter sich zu und brachte es sogar fertig den tonnenschweren Schrank im Flur vor die Tür zu verfrachten. Es hatte gedauert, bis ich ihn zerteilt hatte, hätte gedacht sie würde sich in der Wohnung verschanzen, doch das tat sie nicht. Sie war vom Balkon gesprungen. Wie hatte sie das nur geschafft, aus dem zweiten Stock sich nicht die Beine zu brechen? Sie hätte viel lädierter aussehen müssen, als sie es tat.
Diese Frau war mir ein Rätsel. Erst offenbarte ich ihr meine Gefühle und schon floh sie Hals über Kopf, als würde ich sie umbringen wollen. Hatte sie sich keine Sekunde gefragt, wieso wir das taten? Hatte ich so sehr wie ein Monster ausgesehen? Was zur Hölle hatte sie so sehr erschreckt, dass sie sich in ein Vampirversteck flüchtete? Zugegeben, sie konnte nicht wissen das nachts die alte Kirche als Vampirnest diente. Andererseits hätte sie sich auch einfach hinter einen Grabstein stellen können und uns so eine menge ersparrt.
Mein Magen krampfte sich zusammen. Der Anblick, wie er sie fallen ließ. Der Anblick hatte mich gelähmt. Ian hatte es übernehmen müssen diesen dreckigen Blutsauger aus dem Weg zu räumen. Ich hatte nur Augen für sie, blass, leblos.
Sie starb.
Verließ mich.
Ich konnte es nicht zulassen, ohne nachzudenken hatte ich sie gebissen, gab ihrem Körper die Chance zu überleben. Danach war alles sehr schnell gegangen. Wir brachten sie zurück, Dante hatte bereits Blutkonserven vorbereitet, die wir ihr gleich bei Ankunft gaben.
Es dauerte quälend lange Minuten, bis die ersten Heilungsanzeichen auftraten. Doch sie hatte es geschafft. Hatte überlebt. Mein Wolf wäre, nein, ist durchgedreht.
Nun Stunden später ging es ihm immer noch nicht besser. Noch immer hielt sie mich auf Distanz. Hatte mich nach ihrem Erwachen verstoßen, war geflohen und sogar gedroht mich nie wieder sehen zu wollen. Ein Wunsch, den ich ihr nicht erfüllen konnte. Nicht nach meinem Biss. Dafür war es zu spät. Sie gehörte bereits zu mir. Wie wusste ich nicht.#
Durch den Wirbel der Gefühle hatte ich sie bereits beansprucht und sie hatte dieser während ihrer Bewusstlosigkeit zugestimmt.
Nun waren wir verbunden. Sie jedoch nicht mit den übrigen Mitgliedern des Rudels. Eine Situation, von der ich so noch nicht gehört hatte.
„Wie lange sollen wir noch warten?“
„Solange wie sie braucht.“
„Super.“ Ian wendete sich gelangweilt zum See um. Er hatte keine Wahl, er musste dabei bleiben. Ein Befehl von oben. Man vertraute mir wohl nicht, ihr alle Informationen zukommen zu lassen.
„Das ist es nicht, das weißt du genau.“ Ich musste grinsen. „Könntest du die Finger von ihr lassen, wären wir gar nicht erst hier.“ Ich zuckte leicht mit den Schultern. Ich glaube nicht, dass ich sie hätte je gehen lassen können. Und das alles nur wegen einer Matratze.

Ich steckte die Hände in die Hosentaschen, versuchte den Stromfluss in meinem Körper zu minimieren. Es grillte in meiner Brust. Die Frau war unmöglich. Gab sich mir hin und rannte dann um ihr Leben. Ob sie etwas wie Bindungsangst in sich trug? Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass sie solche Angst vor dem Bekommen hatte, was sie gesehen hatte. Nicht so panisch.
Innerlich vernahm ich wie gut es ihr tat, mit ihrer Mutter zu reden, sie schien die Person zu sein, die ihre zerbrochenes Inneres langsam wieder zusammensetzte. Dabei hatte es eben noch ganz anders ausgesehen. Als Wolf und besonders als Wächter konnte ich meinen Mitgliedern verbieten über bestimmte dinge zu reden. Bei Nida war dies etwas anders. Sie hatte es als Metalle sperre wahrgenommen, die sie beinah Zerissen hatte. Ich hätte es ihr zum Schutz uns aller nicht nicht nehmen dürfen doch hätte ich dann mein Weib verloren. Innerlich hatte ich gewusst das sie den Vampir verdrängte und auch Ians Wandlung, doch was wäre gewesen, wenn sie es dieser Frau doch erzählt hätte. Einem Menschen. Ein Risiko was ich eingegangen war und wohl noch rechtfertigen musste. Ich konnte Gideon Wut deutlich spüren, weshalb ich mich von ihnen distanziert hatte. Bei meinem Bruder sah dies anders aus. Er war wütend und genervt aber er würde keinen Meter von mir rücken, egal ob sie nun bei mir war oder nicht. So hatten wir es immer getan, wenn die Situation es erforderte.
„Versuch ruhig zu bleiben.“ Ich blickte ihn an. Gab er mir ernsthaft einen Rat, wie ich mich verhalten sollte gegenüber einer Frau?
„Was meinst du, was ich mache.“
„Du tobst innerlich. In dir herrscht ein Chaos. Das spürt sie.“ Er hatte recht, sie hatte genug mit ihren eigenen Gefühlen zu tun, musste nicht auch noch meine mittragen.
Ich atmete tief durch und zog die meisten meiner Gefühle von ihr zurück. So würde nicht all meine Gefühle auf sie übergehen. Meinem Wolf gefiel das gar nicht, er unterschied nicht zwischen Mensch und Tier. Er wollte sie und es war sein Weib, mehr musste er nicht wissen. Meine Menschliche Seite hingegen wusste es besser. Sie wusste, dass sie Abstand brauchte, um sich wieder öffnen zu können.
„Und du glaubst, die greift uns nicht gleich mit einem Messer an?“
„Sie beruhigt sich.“
„Wer es glaubt. Wenn ich eins gelernt habe dann das es eine hysterische Ziege ist.“ Ich sah ihn an. Ian hob beschwichtigend die Hände. Ich wusste das er sie am liebsten schlimmer beleidigt hätte, ihr sogar vielleicht den Kopf umgedreht, doch das tat er nicht. Mir zuliebe.
„Wenn das so weitergeht, übernachten wir hier.“
„Du kannst ja gehen.“
„Natürlich und Gideons Faust fressen. Vergiss es.“ Ich grinste bei der Vorstellung. Ein Anblick, der meinen Wolf wohl um einiges entspannen würde.
„Arschloch“, brummte er.
„Trottel.“
„Willst du dich mit mir anlegen?“ Mein Bruder grinste und ging auf Abstand. Eine Prügelei wäre ebenfalls eine Möglichkeit um Spannung abzubauen, doch vor Nidas Haus und vor der zukünftigen Schwiegermutter? Wohl eher nicht.
„Komm schon, zeig deiner süßen, wie haarig du bist“, stichelte er.
„Ich zeige dir gleich, wie Nass du dich machen kannst.“ Ian trat vom See fort.
Ich bemerkte im Augenwinkel einen schatten, Ian folgte meinem Blick. Eine ältere aber schöne Frau stand vor der Fensterwand, das Gesicht, das ich auf so vielen Bildern schon erblickt hatte und sah hinaus. Die Ähnlichkeit war Beispiellos.

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