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„Warum sollten wir uns davon aus dem Konzept bringen lassen?“, fragte Hermine sanft. Sollte Theodore doch Kuppler spielen, soviel er wollte, sie würde immer noch selbst entscheiden, auf wen sie sich einließ.

„Ja, du hast Recht“, erwiderte Blaise leise. Hermine war sich sicher, dass er seinem Freund gleichzeitig unendlich dankbar und auch sehr wütend auf ihn war. Lächelnd griff sie nach seiner Hand.

„Weißt du, was ich nicht verstehe?“, setzte sie an: „Ich kenne dich ja nicht erst seit gestern. All die Jahre zuvor warst du nie dieser sanfte, freundliche Mann, der jetzt hier sitzt. Merlin, vor ein paar Wochen noch hast du mich beleidigt und mir Blicke zugeworfen, als ob du mich töten wolltest. Was ist daraus geworden?“

„Gegenfrage!“, gab Blaise unbehaglich zurück: „Du warst doch immer ganz vorne mit dabei, uns Slytherins zu verurteilen. Und jetzt zählen gleich vier zu deinem Freundeskreis, falls man Draco mitrechnet. Was ist da passiert?“

„Wirf mich nicht mit Ron und Harry in einen Topf!“, protestierte sie: „Die beiden halten den Häuserzwist für eine ehrwürdige Tradition, ich nicht. Ich … konnte nur nie viel mit Malfoy anfangen, was man mir aber sicher nicht verübeln kann. Und du bist halt einer seiner besten Freunde, da ist es schwer, dich nicht ebenso zu behandeln wie ihm.“

„Na, meinetwegen. Wenn du es genau wissen willst … ich war meistens einfach nur völlig frustriert davon, dass ich niemals irgendwo bessere Noten haben konnte als du. Das hatte gar nicht mal so viel mit deiner Person zu tun, ich kannte dich ja schließlich gar nicht.“

„Neid also?“, hakte sie spöttisch nach, was ihr einen gespielt verärgerten Blick einbrachte.

„Wenn du darauf bestehst, es so zu nennen“, murmelte er abfällig, ehe er sich ein wenig aufrechter hinsetzte: „Wirklich unausstehlich fand ich dich erst, als diese ganze Sache mit Pansy anfing.“

„Was? Wieso?“

„Weil du ziemlich herablassend zu ihr gewesen bist!“, erklärte Blaise etwas heftiger als beabsichtigt. Entschuldigend hob er die Schultern: „Ich wollte nicht so laut werden, sorry. Ich meine nur, anfangs hatte ich das Gefühl, dass du nicht helfen willst, sondern uns allen und insbesondere Pansy unter die Nase reiben möchtest, wie viel besser du bist.“

Errötend blickte Hermine auf ihre Fingerspitzen: „Sowas ähnliches hat Theo auch gesagt. Das tut mir Leid, ehrlich. Ich weiß auch nicht, wieso ich immer so bin.“

„Ist schon gut“, beruhte Blaise sie rasch: „Ich weiß es ja inzwischen auch besser. Und weißt du, wenn ich wen mag, dann kann ich auch wirklich ein anständiger Kerl sein. Glaub mir.“

„Ja, das hast du mir oft genug bewiesen.“

Schweigen breitete sich aus, während beide ihren Gedanken nachhingen. Plötzlich fiel Hermine etwas ein: „Was ist eigentlich mit unserem Mittagessen? Wir haben noch gar nicht bestellt.“

„Du hast Recht! Dann lass uns das direkt einmal nachholen!“

Mit einem geübten Wink gewann er die Aufmerksamkeit von Madam Rosmerta, beide bestellten ihr Steak und warteten dann hungrig darauf, dass es fertig wurde.

oOoOoOo

 

„Das war wirklich ein schöner Tag soweit!“

Gegen ihren Willen musste Hermine grinsen. Dass Theodore sie einfach alleine gelassen hatte, dass Draco aus einer merkwürdigen Laune heraus eine andere Schülerin in ein Zimmer mitgenommen hatte, all das war im Verlauf des Mittagessens aus ihrem Gedächtnis entschwunden. Sie hatte ganz einfach die Zweisamkeit mit Blaise genossen, die Wärme, die seine Gegenwart ausstrahlte, die Ruhe, die sie bei ihm verspürte. So wohl hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Und als er auf dem Weg zurück ins Schloss ihre Hand ergriffen hatte, hatte sie sich nicht gewehrt. Jetzt waren sie im Schloss angekommen, die Korridore waren leer, da die meisten anderen Schüler noch in Hogsmeade waren, und die innere Zufriedenheit, die Hermine gespürt hatte, wich langsam einer leichten Unruhe.

„Hermine“, flüsterte Blaise, als sie um eine Ecke in den Gang abbogen, der zu den Stufen hinunter in den Kerker führte: „Warte bitte kurz.“

Mit angehaltenem Atem ließ sie sich von Blaise zu einem der Fenster führen, vor denen sehr breite Fensterbänke waren, die dazu einluden, auf ihnen zu sitzen. Als wäre sie nicht schwerer als eine Feder, schlang Blaise seine Arme um ihre Taille, hob sie hoch und setzte sie auf der Fensterbank ab. Hitze schoss Hermine in die Wangen, als er mit seinen Händen ihre Knie auseinanderschob und sich zwischen ihre Beine stellte, seine Arme wieder um sie schlang und seinen Kopf auf ihrer Brust ablegte.

„Dein Herz schlägt so schnell“, murmelte er leise: „Aber meines schlägt sicher noch schneller.“

Dann löste er sich ein Stück von ihr, um eine Hand auf ihrer Wange ablegen zu können, und schaute ihr direkt in die Augen. Da war ein Glitzern, als würde er gerade den größten Goldschatz der Welt betrachten. Nervös wurde Hermine bewusst, dass dieser dunkle Junge vor ihr tatsächlich in sie verliebt war. Sie spürte, wie der Daumen seiner rechten Hand über ihre Wange streichelte, wie seine linke Hand unter ihren Umhang wanderte und wie zufällig direkt über dem Bund ihres Rockes hängen blieb. Errötend schloss sie die Augen und lehnte ihre Stirn an seine Schulter. Sie konnte ihm jetzt nicht in die Augen schauen, sie wusste, sie würde vor Angst weglaufen, wenn sie die Menge an Zuneigung, die in seinem Blick lag, noch länger sehen würde. Stattdessen lehnte sie sich an ihn und zog ihn mit beiden Armen fest an sich.

Langsam fuhr seine linke Hand weiter runter, bis sie schließlich direkt auf ihrem Hintern zum Liegen kam. Wieder schoss Hitze durch Hermine, doch diesmal beschränkte sie sich nicht auf ihr Gesicht. Eine wohlige Wärme sammelte sich zwischen ihren Beinen, während sie unbewusst ihre Schenkel enger um Blaises Hüfte schloss.

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte er sich ein Stück zur Seite gedreht und sie in einen Kuss gezogen. Begierig öffnete Hermine ihr Lippen, ließ ihre Zunge über seine gleiten, doch ihre Augen blieben fest geschlossen. Seine Hand wanderte von ihrer Wange über ihre Kehle weiter hinunter und kam schließlich auf ihrer rechten Brust zum Liegen. Ein tiefes Stöhnen entwich ihr, als er plötzlich fest zupackte und sich gleichzeitig mit seinem Becken noch enger an ihres presste. Überrascht und schockiert von ihrem eigenen Laut riss Hermine die Augen auf.

„Blaise“, keuchte sie zwischen zwei Küssen: „Blaise, stopp. Das geht zu weit. Warte.“

„Dir gefällt es doch auch, oder nicht?“, war die einzige Antwort, die sie bekam. Statt von ihr abzulassen, küsste er sich sachte einen Weg von ihrem Mund hinunter bis zu ihrem Hals.

„Ja“, presste sie hinaus: „Aber … das ist nicht richtig. Nicht so schnell.“

Mit dem letzten Rest an Selbstkontrolle, den sie hatte, schob Hermine ihn von sich weg. Sie konnte sehen, dass er verwirrt und erregt war, und es tat ihr beinahe Leid, den heißen Kuss unterbrochen zu haben, doch sie wusste, sie würde es am Ende bereuen.

„Blaise, das geht nicht. Wir stehen an unterschiedlichen Punkten. Es wäre unfair von mir, dich auszunutzen, obwohl ich immer noch nicht weiß, ob ich eine Beziehung mit dir will.“

„Unfair von dir?“, fragte er verblüfft den Kopf schüttelnd nach: „Du willst mich nicht ausnutzen?“

„Ich weiß, ich weiß“, sagte sie schnell und hob abwehrend die Hände: „Es ist spät, das zu sagen. Ich hätte es gar nicht zu dem Kuss kommen lassen sollen, das war nicht okay, ich weiß. Es tut mir leid, wirklich.“

„Du … du denkst wirklich, dass du einen Fehler gemacht hast?“, kam es immer noch verständnislos von Blaise. Hermine nickte nur, inzwischen etwas verwundert über seine Reaktion. Mit einem freudlosen Lachen trat Blaise weiter von ihr zurück, bis er mit dem Rücken an die gegenüber liegende Wand stieß.

„Hermine Granger“, sagte er schließlich und sein Tonfall klang ungläubig, aber aufrichtig: „Du bist die beeindruckendeste Frau, die ich jemals kennen lernen durfte. Ich habe dich gar nicht verdient.“

Ohne ihr die Möglichkeit zu geben, auf seine rätselhafte Aussage zu reagieren, stieß Blaise sich von der Wand ab und verschwand Richtung Kerker. Völlig verwirrt blieb Hermine zurück. Sie hatte sich Blaise gegenüber nicht korrekt verhalten, sie hätte seine Annäherungsversuche deutlicher abblocken müssen, um keine falschen Signale zu senden. Stattdessen hatte sie seine Aufmerksamkeit und Zuneigung genossen, bis es schließlich zu diesem Kuss gekommen war. Und das, obwohl sie nicht einmal wusste, ob sie ihn genug mochte, um mit ihm zusammen zu sein. Warum also sagte er nun, dass sie zu gut für ihn war? Wenn überhaupt war er zu gut für sie!

oOoOoOo

 

„Du kannst aufgeben, Draco.“

Überrascht schaute der so Angesprochene zu seinem Freund auf: „Bitte?“

„Die Wette. Ich habe so gut wie gewonnen.“

„Aha“, knurrte Draco: „Und wie kommst du zu dem Schluss?“

Blaise grinste überheblich: „Och, einerseits, weil es Hermine offensichtlich nicht geschmeckt hat, dass du heute Mittag mit einer wildfremden Schülerin auf ein Zimmer verschwunden bist. Und andererseits, weil wir heute Nachmittag schon sehr kurz davor standen.“

„Mach dich nicht lächerlich!“, schnappte Draco: „Granger macht so schnell für niemanden die Beine breit. Sie flirtet vielleicht gerne mit allen möglichen Männern, sie lässt sich auch bereitwillig küssen, aber mehr läuft da nicht.“

Ein Stich fuhr Blaise durch die Brust. Sie ließ sich bereitwillig küssen? Er war sich sicher gewesen, dass ihr Moment auf der Fensterbank etwas Besonderes gewesen war, auch ihre Worte danach hatten so geklungen, als meine sie es wirklich ernst mit ihm und habe nur aus falscher Rücksichtnahme abgebrochen. War das nur vorgeschoben gewesen und in Wirklichkeit ließ sie sich liebend gerne küssen, ohne sich auf weitere Folgen einlassen zu wollen? Verkrampft verschränkte Blaise die Arme vor der Brust. Nein. Das würde nicht zu dem Mädchen passen, das er die letzten Tage kennen gelernt hatte. Er hatte sich nicht ohne Grund in Hermine verliebt. Sie war anders.

Bemüht, sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen, gab er zurück: „Achso. Na, du musst es ja wissen. Dann habe ich mir eben nur eingebildet, dass sie ihre Beine gerne für mich breit gemacht hat, dass sie mich mit ihren Schenkeln beinahe zerquetscht hätte, dass sie beinahe in Seufzen und Stöhnen zerflossen wäre alleine von einem Kuss von mir.“

Er wusste, dass das übertrieben war, aber was Draco gesagt hatte, nagte an ihm. Er würde alles daran setzen, Hermine für sich zu gewinnen. Für Draco mochte das alles ein Spiel sein, eine sinnlose Wette mit einem Freund, aber für ihn war es längst viel mehr als das. Er würde nicht zulassen, dass ausgerechnet sein bester Freund ihm das Mädchen vor der Nase wegschnappte. Noch dazu, wenn besagter Freund es nicht einmal ernst mit ihr meinte.

„Schön, bilde dir nur ein, was du gerne glauben willst“, presste Draco wütend hervor. Ehe Blaise genauer darüber nachdenken konnte, warum sein Freund so gereizt reagierte, war jener aufgesprungen und hatte den Gemeinschaftsraum verlassen.

Mit eiligen Schritten lief Draco Richtung Bibliothek. Falls es stimmte, was Blaise erzählt hatte, falls da wirklich eine heiße Nummer zwischen Hermine und ihm gelaufen war, würde sie sich sicher so schnell nicht im Gryffindor-Gemeinschaftsraum zeigen. Sie würde sich einen Ort zum Abkühlen suchen – und er kannte sie gut genug, um genau zu wissen, wo das war.

oOoOoOo

 

„Na, hatten wir Spaß heute Nachmittag?“

Erschrocken wirbelte Hermine herum. Sie war so vertieft darin gewesen, die Sektion der Bücher über die Geschichte Europas zu durchstöbern, dass sie nicht bemerkt hatte, dass ein anderer Schüler die Bibliothek betreten hatte. Warum nur traf sie hier ständig auf Malfoy?

„Ich weiß nicht, was du meinst“, gab sie unwillig zurück: „Du jedenfalls sahst so aus, als ob du Spaß hattest.“

„Ja, den hatte ich!“, kam es ebenso kühl von Draco: „Aber mir kam zu Ohren, dass du dich auch gut vergnügt hast? Sieht so deine Vorstellung von der großen Liebe, die für’s erste Mal nötig ist, aus?“

„Bitte was? Wovon sprichst du?“, fuhr Hermine ihn an, obwohl sie eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatte, worauf er hinaus wollte. Offensichtlich hatte Blaise geredet.

„Ach, tu doch nicht so!“, zischte Draco wütend, während er langsam auf sie zukam: „Du schwingst hier große Reden, dass du nicht mit mir schlafen willst, weil die Vertrauen und Liebe und Geborgenheit fehlt, und dann wirfst du dich Blaise an den Hals? Machst die Beine für ihn breit? Warum hast du’s nicht durchgezogen, wo ihr schon dabei wart, mh? Was hat dich abgehalten?“

„Draco Malfoy!“, schrie sie verärgert: „Wie kannst du es wagen, dich so in meine Sachen einzumischen?“

„Deine Sachen?“, schleuderte er ihr entgegen: „Deine Sachen? Du hast mich abgewiesen, obwohl ich es ernst meinte. Du hast mich angelogen, um mich loszuwerden. Wenn du nichts von mir willst, sag es mir halt direkt. Wo ist der Mut von euch Gryffindor jetzt, hm? Wovor hattest du Angst? Hast du dich nicht getraut, mir zu sagen, dass du nicht mich, sondern meinen besten Freund ficken willst?“

Hermine erbleichte. Was um alles in der Welt hatte Blaise erzählt, dass Draco jetzt so reagierte? Sie zitterte vor Wut, doch sie versuchte, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen: „Pass auf, was du sagst, Malfoy. Ich lasse mich nicht gerne beleidigen. Wenn du meinst, dass ich dich belogen habe, bitte, glaub, was du willst. Ich jedenfalls war immer aufrichtig zu dir. Und ich meine, was ich gesagt habe! Ich mache nicht einfach so meine Beine breit, wie du es ausdrückst.“

„Da habe ich was anderes gehört.“

„Was weiß ich, was Blaise erzählt hat!“, platzte es zornig aus Hermine heraus: „Vielleicht war er nur sauer auf mich, weil ich ihn abgewiesen habe. Fakt ist, da war gar nichts zwischen ihm und mir, was im Widerspruch zu meinen Worten stand!“

Draco stand inzwischen so dicht vor ihr, dass sie seinen Atem auf ihrer Wange spüren konnte. Es war verrückt, doch trotz all dem Hass, den sie auf ihn in diesem Moment verspürte, ergriff sie plötzlich das unbändige Verlangen, ihn zu küssen. Oder ihm eine Ohrfeige zu verpassen, die jene aus dem dritten Schuljahr noch in den Schatten stellen würde. Heftig atmend und noch immer aufgebracht starrte sie ihm direkt in die Augen. Er erwiderte ihren Blick und sie konnte sehen, dass die Flammen der Wut in ihm ebenso hoch loderten wie in ihr.

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