16. Der Rat des Königs

Es sind die Herzöge von Tarea, Scheeru, Alak, Asea und Keriso, die dem Thron und Reich als Kurfürsten dienen. Sie entscheiden über Krieg und Frieden und der Thronerbe muss ihre Zustimmung einholen, um auf den Thron zu steigen.

Aus „Eine Abhandlung des politischem Systems des Königreichs Artherg“

 

 

 

„Hoheit.“. Davror schlug die Augen auf und betrachtete die Magd, die sich über ihn beugte und eilig zurücktrat, als sie bemerkte, dass ihr Herr erwacht war.

„Was ist?“, brummte der Herzog von Tarea und setzte sich in seinem Bett in seiner Burg von Mearis’ auf.

„Verzeiht, Hoheit.“, murmelte die Magd leise, „Es wurde eine eilige Zusammenkunft des Rates anberaumt.“.

Davror nickte und stand auf. Er scheuchte die Frau mit einer Handbewegung fort und zog sich rasch an. Ein Wams, eine Hose, ein Umhang aus dickem Stoff mit einem Kragen aus Hermelin und fellgefütterte Stiefel.

Seufzend sah er auf sein Bett zurück und stieg dann die Treppe hinab. Fackeln erleuchteten den steinernen Gang und warfen flackernde Bilder an die Steinwände. Am Fuß der Treppe erwarteten ihn zwei Wachen und beide begleiteten ihn auf den Hof, während ein Junge ihnen mit einer Fackel den Weg leuchtete. Leises Gelächter ertönte aus dem Torhaus und Wachen überquerten den dunklen Hof. Ein Knecht brachte Davror sein Lieblingspferd, einen Rappwallach, dessen Geschirr leise klirrte, als sein Herr sich den Sattel schwang. Insgesamt ein halbes Dutzend Wachen begleiteten ihn und geleiteten ihn sicher durch die Straßen Mearis’. Hier oben war es ruhig und bis auf einige Männer der Stadtwache, die patrouillierten, war niemand zu sehen. Hier waren die Viertel der Reichen mit großen und protzigen Bauten und allen möglichen Verzierungen, um ihren Reichtum zu beweisen. In den Armenvierteln würde mehr los sein, doch hier oben war es still und zudem war die Luft deutlich sauberer.

Nach einem minutenlangen Ritt durch die Dunkelheit der Nacht erreichten sie die Königsburg und wenig später glitt Davror vor der Ratshalle aus dem Sattel. Ein Junge eilte herbei und nahm ihm die Zügel aus der Hand, während der Herzog mit eiligen Schritten auf die Halle zuschritt. Sie alle waren schon versammelt, die drei Kurfürsten im Range eines Herzogs Alemet, Asriel und Beera, der Kronprinz, sowie König Jerimot.

Der König war ein unglaublich fetter Mann in prächtigen mit Gold und Silber durchwirkten Gewändern, der momentan allerdings nicht aß, sondern dem Bericht zweier jungen Männer im Alter von vierzehn bis fünfzehn lauschte.

Davror ließ sich auf seinem Platz nieder und betrachtete die beiden Berichtenden. Ihre Kleider waren alt, von Dreck und Blut verkrustet, rissig und ihre Rüstungen waren nicht mehr als gehärtetes Leder. Ihre Gesichter waren von Erschöpfung und Schmerzen gezeichnet, doch berichteten sie sorgfältig bemüht, ihren König zu beeindrucken.

Davror jedoch saß zu weit entfernt, um die leisen Worte zu verstehen, ebenso wie die anderen drei Kurfürsten. Allein Jasreel, der neben seinem Vater saß, konnte die Worte verstehen und an seiner Mine konnte Davror ablesen, dass die Nachrichten schlimm waren.

Als die beiden Soldaten ihren Bericht beendet hatten, schickte Jerimot sie fort.

Er blickte in die versammelte Runde und meinte: „Wir haben einen Kurfürsten weniger.“. Unmissverständlich blickte er zu dem leergebliebenen Stuhl, auf welchem sich der Hengst des Hauses Scheeru erhob.

Davror starrte den König an, obwohl seine Worte nicht missverstanden werden konnten, wollte er sie nicht verstehen. Herzog Havinon durfte nicht tot sein. Wie war denn das möglich? Zwar war Davror bekannt, dass der Herzog zu einer Reise aufgebrochen war, doch war dieser Tod…unmöglich? Was sollten sie denn ohne die Klugheit und Besonnenheit des Herzogs tun?

Es schien als ob der eher pragmatische Beera sich als erster fasste, denn er fragte: „Was ist mit seiner Tochter? Kurprinzessin Alsra? Wir sollten möglichst schnell dafür sorgen, dass sie in die Hände der Krone gerät, bevor irgendein voreiliger Vasall ihres Vaters sich mit ihr vermählt.“.

Jerimot rülpste. „Es scheint, als ob sie schon verheiratet ist. Die letzte Tat ihres Vaters war es, sie mit Prinz Elieser von den Zwillingsreichen zu vermählen. Auf dem Rückweg wurde er den Berichten von zweien überlebenden Soldaten des Schwadrons, das ihn beschützen sollte, zufolge, von Elben und Zwillingsreichlern angegriffen und getötet.“.

Jetzt schrieen sie wirklich alle durcheinander. „Die Zwillingsreiche?“. „Elben?“. „Eine Heirat der Erbin Scheerus mit Prinz Elieser?“.

„Meine Herren.“. Kronprinz Jasreel stand auf, neben seinem Vater wirkte er noch viel größer und mächtiger, wie die alten Könige aus den Geschichten.

„Wie der Überfall in Wahrheit abgelaufen ist, werden wir klären. Sobald diese Beratung beendet ist, werde ich einen Reiter zu den Zwillingsreichen finden und weitere zu der Unglücksstelle und sicherlich wird uns in den nächsten Tagen auf ein Reiter der Zwillingsreiche erreichen. Zunächst jedoch sollten wir uns um das Problem der Erbfolge im Herzogtum Scheeru kümmern.“.

Der Prinz klatschte einmal in die Hände und ein Diener eilte herbei, um eine Anweisung geflüstert zu bekommen. Wenig später geleitete eben dieser Diener einen alten Mann herein, dessen Haut sich wie altes Pergament über den Schädel spann und dessen Haar nur noch in wenigen weißen Strähnen vom Kopf hing.

„Darf ich Euch den Bibliothekar der Bibliothek von Mearis vorstellen? Meister Figoris. Er kennt sich bestens mit den bedeutenden Geschlechtern aus.“. Jasreel beugte sich zu dem alten Mann. „Mögt Ihr uns über die möglichen Nachfolger von Herzog Havinon von Scheeru und Kurfürst des Reiches aufklären?“.

„Sicherlich.“, antwortete der Greis. „Es waren drei Kinder, die Karelar von Noriom dem Havinon gebar. Seine beiden Söhne und seine Frau starben an einer Krankheit, einzig seine Tochter Alsra überlebte und da er keinen weiteren Sohn zeugte, ist Alsra seine Erbin.“.

Es hieß, dass Herzog Havinon durch dieselbe Krankheit unfruchtbar geworden war, die ihm seine Frau und seine Söhne gekostet hatte.

„Havinon hatte vier eheliche Geschwister, die das Erwachsenenalter erreichten. Drei Brüder und eine Schwester. Die beiden älteren Brüder fielen im Krieg und hinterließen keine ehelichen Söhne. Havinon ist der dritte und sein jüngerer Bruder starb mitsamt seiner Kinder an derselben Krankheit, der auch Havinons Familie zum Opfer fiel. Seine Schwester heiratete dagegen den Sohn des Grafen von Rorem aus dem Hause Tijoska und gebar ihm einen Sohn und eine Tochter, bevor sie bei der Geburt eines zweiten Sohnes mitsamt des Kindes starb.“.

Davror bemerkte wie die Herzöge anerkennend nickten, sie hatten ihren männlichen Erben gefunden.

Doch machte Figoris ihre Hoffnung zunichte, als er erklärte: „Der Sohn jedoch wurde schwachsinnig geboren und ist bekanntlich nicht fähig, selbstfähig zu denken.“.

„Was ist mit Havinons Vater? Hat er irgendwelche Geschwister?“.

„Nein, eure Hoheit, Herzog Gindayis war das einzige überlebende Kind seines Vaters, ebenso wie sein Vater zuvor.“.

Beera knurrte. „Dann ist der Anspruch von Alsra auf den Thron unumgänglich und wir haben noch nicht einmal die Möglichkeit, einen mit ihr verwandten Kastellan zu ernennen, der für sie regiert, bis sie aufgefunden wurde.“.

Doch war Alemet nicht bereit aufzugeben und so fragte er: „Wie sieht es mit illegitimen Kindern aus?“.

Davror war erstaunt, dass der Herzog diese Möglichkeit in Betracht zog, doch bezweifelte er, dass Havinon uneheliche Kinder gezeugt hatte.

„Havinon besitzt meinem Wissen nach keine unehelichen Kinder und nur von seinem älteren Bruder ist eine Tochter bekannt, die er mit einer Tochter des Grafen von Awisto zeugte. Sie wurde von ihm legitimiert und ist mit einem Baron ihres Vaters verheiratet.“.

„Eine Tochter.“. unwillig schüttelte Asriel den Kopf. „Gibt es denn keinen Sohn?“.

„Nicht von Havinons Brüdern, jedoch zeugte sein Vater mit der Schwester des Grafen von Nintoris einen Sohn, den er legitimierte. Dieser Sohn fiel jedoch in Tjarol und legitimierte zuvor jedoch noch seinen eigenen Bastardsohn, den er mit einer Gemeinen hatte. Dieser steht meines Wissens nach im Dienste eines der Vasallen des Grafen von Nintoris.“. Figoris verneigte sich vor dem König und seinem Sohn. „Mehr illegitime Söhne sind mir nicht bekannt.“.

„Der Bastard eines Bastardes.“. Alemet schnaubte. „Das können wir unmöglich machen. Wir würden unsere gesamte Glaubwürdigkeit verlieren und unsere eigene Position schwächen.“.

Asriel nickte. „Dem stimme ich zu. Der Thron muss an Alsra gehen, aber vielleicht könnte man den Enkel von Herzog Gindayis einstweilen zum Kastellan machen, bis man das Mädchen hat?“.

„Und ihm damit signalisieren, dass er den Thron haben kann, wenn das Mädchen tot ist? Wohl kaum.“, erklärte Beera.

„Vergesst nicht, dass Alsra mit Elieser von den Zwillingsreichen verheiratet ist.“, meinte Davror vorsichtig, „Wir können sie nicht an einen der Vasallen ihres Vaters weiterverheiraten, um ihre Position zu stärken.“.

„Was für eine Schande!“, klagte Asriel, „Ein Zwillingsreichler soll auf dem Thron der Herzöge von Scheeru setzen und eine Frau soll einen Platz als Kurfürstin in diesem Rat einnehmen?“.

Beera hob den Kopf und blickte in die Runde. Seine hellgrünen Augen musterten jeden einzelnen, ehe er erklärte: „Die Ehe könnte man ohne viel Probleme als unrechtmäßig erklären. Alsra wurde von den Zwillingsreichen entführt, ihr Vater von ihnen ermordet.“. Er umklammerte die Lehnen seines Sitzes mit weißen knochigen Händen und sein Gesichtsausdruck war unnachgiebig. „Die Zwillingsreiche sind nicht an einem Krieg interessiert, das Einzige, was wir tun müssen, ist es ihnen Frieden zu bieten, wenn sie Havinons Tochter herausgeben.“.

Davror sprang auf. „Das ist nicht rechtmäßig. Wir müssen die Wahrheit...“.

„Die Wahrheit zählt hier nicht.“, unterbrach Herzog Beera von Alak ihn, „Vergesst die Gerechtigkeit, Herzog Davror. Davon werdet Ihr in diesen Hallen nicht viel finden. Der Thron von Scheeru darf nicht in die Hände eines Ausländers gehen, sonst werden die Vasallen von Scheeru ihre Herzogin nicht anerkennen. Versteht Ihr, was ich meine? Es würde ein Bürgerkrieg ausbrechen. Sind Euch Tausende Tote lieber als eine Handlung in Wahrheit und Gerechtigkeit?“. Stumm starrten sich die beiden Herzöge an, bis König Jerimot ihnen mit einer Geste gebot, sich wieder zu setzen.

„Genug.“, erklärte er schlicht und wandte seinem Blick erneut der Schale mit Früchten zu, der neben ihm auf einem kleinen Tisch stand.

„Wie alt ist Alsra?“, fragte Alemet.

„Zwölf, denke ich.“, erwiderte Davror zögernd.

„Die Frage ist nur.“. Alemet lehnte sich in seinem Thron zurück. „Ob das Mädchen ihre Blutungen schon hatte und ob die Ehe dementsprechend vollzogen worden ist. Denn wenn sie noch Jungfrau ist, kann man die Ehe ohne Anfechtungen als unrechtmäßig erklären.“.

„Vor einem halben Jahr hatte sie noch nicht geblutet, sofern Havinon die Wahrheit gesagt hat.“, knurrte Beera, „Ich bot ihm meinen Enkel als Ehemann für seine Tochter an, doch er sagte, dass sie noch nicht reif für eine Ehe sei.“.

„Und wieso nutzen wir diesen Moment nicht?“, fragte Alemet nun. „In den Provinzen ist es ruhig, wir könnten die Chance nutzen, um die Zwillingsreiche endgültig niederzuwerfen. Ich würde sagen, dass ein toter Herzog und seine entführte Tochter Grund genug sind.“.

„Wenn es einen friedlichen Weg gibt, würde ich diesen vorziehen.“, stellte sich Asriel gegen den Vorschlag des Herzogs. „Und ich verstehe Eure Bedenken, Herzog Davror, sehr gut, doch würde die Wahrheit nur Leid bringen, in sofern schließe ich mich Beera an.“.

Davror fühlte sich hilflos. Niemand hatte ihn auf diese Welt der Politik vorbereiten können und nun wurde von ihm erwartet, eine Entscheidung zu treffen, die Tausende beeinflusste.

„Und was machen wir mit den angeblichen Elben?“, fragte Alemet nun, sichtlich wütend darüber, dass sein Vorschlag abgelehnt worden war.

„Ich bezweifle, dass es wahre Elben waren.“, mischte sich Jasreel milde ein.

„Und wenn sie es waren?“, entgegnete sein Schwiegervater Alemet herausfordernd. „Die Wahrheit ist eigentlich egal, wir sollten die Situation ausnutzen. Die Elben sind immer ein Dorn in unserem Auge, ein dunkler Schatten in der glorreichen Sonne unseres Landes. Wenn wir die Möglichkeit jetzt nutzen, können wir auch diese Gefahr endgültig bannen.“.

„Ihr sprecht von einer Gefahr, Alemet, doch sehen kann ich sie nicht.“. Asriel machte eine ausladende Bewegung mit den Händen und sah den Herzog fragend an. „Die Elben sind verstreut, machtlos und uns in der Zahl weit unterlegen. Diese Gefahr besteht nicht.“.

„So wie wir auch dachten, dass Servina unterjocht war? Habt Ihr vergessen, wohin uns dieser Fehler geführt hat? An den Rande des Unterganges dank eines winzigen Landes. Wenn wir diese Gefahr nicht sahen, sollten wir jetzt vorsichtig gegenüber anderen Völkern sein. Und die Elben haben allen Grund uns zu hassen.“.

Asriel zuckte nur mit den Schultern, als wären auch ihm die Argumente ausgegangen.

„Selbst wenn sie an diesem Untergang beteiligt waren, wissen wir immer noch nicht, wo sie leben.“, meinte Davror pragmatisch.

Alemet nickte ruckartig, als müsste er sich zu dieser Zustimmung erst überwinden und erklärte dann selbstsicher: „Solche Dinge kann man herausfinden.“.

„Das haben schon viele Menschen vor Euch versucht und alle sind daran gescheitert.“, entgegnete der Herzog von Tarea.

„Irgendwann ist immer das erste Mal.“, konterte Alemet.

Der Kronprinz unterbrach ihr Streitgespräch mit einer unmissverständlichen Handbewegung. „Ich werde Reiter ausschicken, die die Gegend um das Unfallgebiet nach Spuren von Elben durchsuchen. Genügt Euch das, Herzog Alemet?“.

Sein Schwiegervater nickte knapp.

Jasreel seufzte. „Damit wären die Elben geklärt, kommen wir zu einer Abstimmung. Wer spricht sich für eine sofortige Kriegserklärung in Richtung den Zwillingsreichen aus?“.

Herzog Alemet hob die Hand, das Gesicht verkniffen und in seinen Augen glühte der Zorn.

Jasreel registrierte es mit einem Nicken, während sein Vater sich voller Hingabe seinen gefüllten Pilzen widmete.

„Wem sagt die Forderung von Herzog Beera dagegen mehr zu, dass eine Kriegserklärung nur mit der Herausgabe von Herzogin Alsra zurückgezogen wird?“.

Asriels schlanke Hand und Beeras vom Alter zitternde Hand erhoben sich in die Luft und ihnen folgte Kronprinz Jasreel, der das Stimmrecht seines Vaters übernahm.

„Wer ist für eine vorige Untersuchung der Sachlage?“.

Davror hob seine rechte Hand zum Zeichen des Einverständnisses in die Luft.

„Damit wird eine Forderung in Richtung der Zwillingsreiche überbracht.“. Jasreel klatschte in die Hände und ein Schreiber erschien. Eilig hutschte der rattenartige Mann zu einem Pult in einer Ecke des Raumes, entrollte ein Pergament und tauchte die Feder in das Tintenfass.

Der Kronprinz schloss die Augen und begann zu diktieren:

„Hiermit fordert das Königreich Artherg durch das Wort von Jerimot, rechtmäßiger König von Artherg und Protektor von Servina, Tjarol, Oleon und Morliv die Herausgabe von Alsra, Tochter von Havinon, Herzog von Scheeru und Protektor von Servina, Kurfürst des Reiches, und erkennen ihre Ehe mit Elieser, Prinz von den Zwillingsreichen, als nichtig an, ebenfalls klagen wir die Zwillingsreiche den Tod von Herzog Havinon sowie der Entführung und gewaltsamer Aneignung seiner Tochter, Prinzessin Alsra, an. Sofern die Zwillingsreiche diese Bedingung nicht anerkennen sollten, erklärt das Königreich Artherg ihnen den Krieg aufgrund der Ermordung eines Herzogs und Kurfürsten, sowie der Entführung seiner Tochter.

Gezeichnet Jerimot, König von Artherg, Protektor von Servina, Tjarol, Oleon und Morliv.“.

 

Jerimot unterschrieb eifrig, bevor er zu seinem Essen zurückkehrte, dann setzten die Herzöge in ihrem Amt als Kurfürsten ihre Siegel darunter. So erhoben sich der Bär des Königshauses, der Drache und der Ritter des Herzogtums Tarea, der Luchs von Alak, die Askindis von Asea und die beiden Stiere von Keriso. Allein der steigende Hengst von Scheeru fehlte und erneut wurde Davror mit Schrecken gewahr, dass Herzog Havinon wahrhaftig tot war.

„Gibt es noch etwas, dem wir uns annehmen müssen?“, fragte Jasreel, als alle sich gesetzt hatten.

„Wem geben wir Alsra zum Weib, wenn wir sie gewonnen haben?“, fragte Asriel.

„Wir müssen sie einem mächtigen Vasallen ihres Vaters geben.“, setzte Jasreel fest.

„Haus Tijoska? Avindo?“, schlug Asriel vor.

„Nicht Tijoska.“, wehrte Alemet ab, „Der Erbe ist der Sohn von Havinons Schwester. Sie sind fest an den Thron von Scheeru gebunden. Und Avindo.“. Er verzog gequält das Gesicht, „Es mag sinnvoll für eine Tochter von Scheeru sich mit dem Hause Avindo zu verbinden, da der Schutz der Südgrenze nach Tjarol ihrer Verantwortung obliegt, doch wäre es nicht meine erste Wahl. Sie sind ein relativ junges Geschlecht und andere Grafen mögen sich beleidigt fühlen, wenn wir für Alsra einen Gemahl aus einem vergleichsweise jüngeren und damit niederen Geschlecht wählen und außerdem haben wir nur die eine Tochter.“.

„Was wäre mit Sivelik?“, unterbreitete Davror seinen Vorschlag.

„Sivelik?“, Alemet musterte ihn mit sichtbar neuem Interesse, „Das könnte klappen. Der Graf von Nintoris entspringt einem Nebenzweig von Alsras Familie, in sofern hätte er ein entferntes Anrecht auf den Thron. Zugleich ist seine Grafschaft eine der einflussreichsten von Scheeru und er geriet in jüngerer Zeit häufiger mit Herzog Havinon in Konflikt. Eine Hochzeit mit ihm wäre tatsächlich sinnvoll.“.

„Erst einmal müssen wir das Mädchen haben.“, knurrte Beera und unterbrach die Atmosphäre der Hoffnung, die sich eben ausgebreitet hatte.

„Richtig.“, bestätigte Jasreel, „Doch bin ich guter Hoffnung, dass die Zwillingsreiche auf unser Angebot eingehen werden.“.

Er sah in die Runde und erklärte dann: „Ich erkläre die heutige Sitzung für beendet.“.

Der König stand zuerst auf und ließ sich vor der Tür von Dienern in eine Sänfte helfen. Dann durften auch die Herzöge aufstehen und Davror legte sich seinen Umhang um. Er ging an Beera und Jasreel vorbei, die sich leise unterhielten und trat aus der Halle heraus.

„Davror, wartet.“.

Der junge Herzog wandte sich um und erblickte seinen Onkel Asriel, der ihm folgte.

„Auf ein Wort?“, fragte der junggebliebene Herzog von Asea.

Davror nickte und gemeinsam blieben sie in der Vorhalle stehen. Fackeln warfen Schatten an die Wände und zwei Soldaten standen am Eingang zur Ratshalle. Sie gingen zu einem Fenster und Davror erblickte den Himmel, der sich bereits grau verfärbt hatte. Bald würde die Sonne aufgehen und in der Stadt begann nun das Leben.

„Ich verstehe Eure Skrupel, Davror, die Zwillingsreichler vor solch eine Entscheidung zu stellen, doch lasst Euch von meiner Erfahrung sagen, dass sie notwendig war. Manchmal müssen Entscheidungen getroffen werden, die ein kleines Übel zulassen, um ein größeres zu verhindern.“.

Asriel seufzte und blickte Davror mit einem Lächeln im Gesicht an.

„Auch ich war einmal jung und unerfahren und kann somit sehr gut nachvollziehen, wie Ihr Euch fühlt. Als ich in Eurem Alter war, standen wir vor einer ähnlich schweren Entscheidung. Servina war niedergeworfen und nun galt es einen Frieden auszuarbeiten. Ich hatte damals Skrupel hart zu sein, doch heute sehe ich die Früchte unserer Arbeit: Es herrscht Frieden.“.

Er legte Davror die Hand auf die Schulter.

„Wenn Ihr Hilfe braucht, lasst es mich wissen.“.

Asriel stand auf und verneigte sich ein letztes Mal vor Davror, bevor er die Halle verließ und nach seinem Pferd rief.

Davror sah ihm nach und wollte ihm dann folgen, als sich Beera aus dem Schatten löste.

„Vertraut ihm nicht.“, knurrte er in seinem charakteristischen harschen Tonfall. „Vertraut niemandem hier. Es sind alles Lügner.“.

„Ihr auch?“, fragte Davror scherzhaft. Er war müde und sehnte sich nach seinem Bett.

Beera musterte ihn aus diesen hellgrünen unnachgiebigen Augen, bevor er meinte: „Natürlich. Seid ehrlich. Seid Ihr hier dieselbe Person, die Ihr seid, wenn Ihr mit Eurer Frau sprecht? Wir alle haben viele Gesichter und Ihr solltet niemandem außer Euch selbst trauen.“. Er deutete auf die Tür. „Und am allerwenigsten solltet Ihr dem Herzog von Asea trauen. Denn es war nicht unser hartes Vorgehen, das den Frieden brachte. Es war Havinon von Scheeru der die aufkeimende Revolte, hervorgerufen durch uns, wieder erstickte. Lasst die Finger von seinen Ratschlägen, dann werdet Ihr vielleicht ein besserer Herzog als es Eurer Vater war.“.

Dann wandte sich der Herzog von Alak um und ging für sein Alter erstaunlich schnell davon.

Davror wusste nicht, was er von der Begegnung halten sollte. Beera hasste Asriel, das war offen bekannt und so waren seine Worte wahrscheinlich davon geprägt, außerdem hatte Beera etwas an sich, das Davror erschaudern ließ.

„Davror!“. Es schien als hätte noch eine Person Gesprächsbedarf, doch dieses Mal lächelte Davror, als Jasreel auf ihn zukam.

„Du hast dich gut gemacht.“, erklärte der Kronprinz. „Es war ein guter Beginn für deine Stellung als Kurfürst.“.

Davror hatte nicht das Gefühl, das er etwas gut gemacht hatte. Er hatte den größten Teil der Zeit nicht gewusst, was er tun sollte und die Bereitschaft für Krieg und Tod – insbesondere die von Alemet aber auch von Beera – hatte ihn erschreckt. Einzig sein Onkel Asriel, den er jedoch kaum kannte, schien ihm annehmbar.

„Habt Ihr von Havinons Plänen gewusst?“, fragte er daraufhin seinen zukünftigen König, um von diesem Thema abzulenken.

„Nein.“, erklärte Jasreel, „Doch bezweifle ich, dass er irgendjemandem davon erzählt hat, dafür schien ihm die Heirat zu wichtig zu sein.“.

„Ich habe kein gutes Gefühl dabei, diese Ehe einfach aufzulösen.“, vertraute Davror sich ihm an.

„Ich auch nicht.“, antwortete der Bruder seiner Frau. „Doch hat Beera Recht, wenn er sagt, dass diese Hochzeit einen Bürgerkrieg in Scheeru hervorrufen könnte. Ich frage mich, was Havinon sich dabei gedacht hat, doch müssen wir das tun, was am besten für unser Land ist. Sag mal.“.

Er blickte Davror in die Augen. „Ich hatte vergessen, dich zu fragen, aber ist meine Schwester guter Hoffnung?“.

Überrascht über den Themawechsel sah der junge Herzog den Kronprinzen an.

„Ja.“, antwortete er schließlich.

Jasreel grinste. „Herzlichen Glückwunsch.“, meinte er, „Sie hat auf der Beerdigung deines Vaters Oliven gegessen, normalerweise hasst sie diese. Doch erinnerte ich mich, dass sie, als sie mit Turiwa schwanger war, ebenfalls Oliven in Massen verzehrte.“.

Auch er legte nun Davror die Hand auf die Schulter.

„Passt auf das Kind auf.“, erklärte der Kronprinz mit ernster Stimme, „Wird das Kind ein Sohn ist es mein Erbe.“.

„Ihr solltet selbst einen Erben zeugen.“, beratschlagte Davror ihn vorsichtig. Zwar hatte Syrela von Keriso ihm eine Tochter geboren, doch fehlte ein Erbe.

Jasreel verzog das Gesicht. „Würde ich mit einer Frau wie meiner Schwester verheiratet sein, wäre das Ganze kein Problem, aber meine Frau…Sie hat alle schlechten Eigenschaften ihres Vaters geerbt.“. Er deutete auf die offen stehende Tür zur Ratshalle und meinte mit gesenkter Stimme: „Und der bringt es in den Sitzungen ja schon zustande, mich fertig zu machen.“.

Alemet war wahrlich nicht einfach, doch brauchte Jasreel den einflussreichen Herzog und Kurfürsten.

„Majestät. Ihr müsst Eure Frau nicht lieben, aber Ihr braucht einen Erben. Das Reich benötigt einen Erben, einen Prinzen. Seht Euch Scheeru an, das Herzogtum fällt in sich zusammen, weil Havinon keinen Sohn hinterließ, der seine Stelle einnehmen kann. Bitte, Eure Majestät.“. Nun flehte Davror schon fast. „Tut es für das Reich.“.

Jasreel brachte ein ruckartiges Nicken zustande, doch war das Lächeln in seinem Gesicht verschwunden.

„Ich werde darüber nachdenken.“, versprach er schließlich.

Er neigte den Kopf und verabschiedete sich mit einem kurzen Gruß. Dann ging auch der Erbe des arthergischen Königthrons.

Davror blieb alleine zurück und starrte aus dem Fenster, wo sich die Sonne grade in ihrer ganzen Pracht erhob.

In diesem Moment stellte er fest, dass er nur noch nach Hause wollte. Zu seiner Frau und seinen Töchtern, zu seinem Herzogtum. Er hatte kein Interesse an der Macht, welche sich ihm hier darbot. Es war alles so kompliziert und ungewohnt.

Der Herzog ballte seine Hand zur Faust. Doch würde er lernen müssen, sich zurechtzufinden, ansonsten würde er fallen.

 

 

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beta
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