16. Dezember

Ihm war immer noch übel. Seit er am Montag früh zu Bett gegangen war, hatte diese eiskalte Übelkeit von ihm Besitz ergriffen. Er wusste sehr genau, dass das nur sein Körper war, der ihm mitteilte, dass er mit seiner Angst und dem Stress überfordert war, und dennoch. Hier hing er über einer Kloschüssel in Myrtes Toilette und erbrach das Mittagessen, das er vor einer halben Stunde zu sich genommen hatte. Es war zum Kotzen. Wortwörtlich.

Draco hatte sich am Montag erst zum Abendessen in der Öffentlichkeit gezeigt, nachdem er sich bei seinen Lehrern für das Fehlen entschuldigt hatte. Er hätte besser weg bleiben sollen. Die Art, wie Granger auf ihre beiden Freunde eingeredet hatte, offensichtlich leise und verschwörerisch, die Blicke, die sie dabei immer wieder zu ihm geworfen hatte, sprachen Bände. Sie hatte Potter etwas erzählt. Nicht alles, sonst wäre er gewiss direkt bei Dumbledore gelandet, aber irgendetwas. Und seit er die Gewissheit hatte, dass sie nicht mehr lange schweigen würde, war ihm übel.

Wie sollte er nur ein Gespräch mit ihr anfangen, wenn sie so damit beschäftigt war, ihn zu hassen?

„Malfoy?“

Entsetzt schreckte Draco von der Kloschüssel hoch. Das war eindeutig die Stimme von Granger gewesen. Wie hatte sie ihn gefunden? Niemand wusste, dass diese Toilette existierte. Hatte sie ihm nachspioniert? Hastig wischte er sich den Mund ab und spülte. Sie musste ihn ja nicht unbedingt in seiner ganzen Jämmerlichkeit sehen. Als er sich umdrehte, sah er jedoch, dass es dazu schon zu spät war. Sie stand in der Tür zu der Kabine, in der er am Boden hockte, und schaute mehr als besorgt drein.

„Was willst du?“, schnauzte er sie an. Angriff war die beste Verteidigung. Er wollte nicht den Eindruck machen, als sei er ein Weichling, vor allem nicht vor ihr.

„Ehrlich gesagt…“, setzte sie an, doch dann schien sie es sich anders zu überlegen und wechselte das Thema: „Du weißt schon, dass das hier eine Mädchentoilette ist?“

Finster schaute er sie an: „Du weißt schon, dass es hier spukt?“

Ein trockenes Lachen entfuhr ihr: „Oh, bitte. Myrte ist nicht wie gewisse Poltergeister. Wenn man freundlich zu ihr ist, ist sie freundlich zu dir.“

Jetzt war Draco endgültig aus dem Konzept gebracht: „Du kennst Myrte?“

„Aber ja“, nickte Hermine, während sie sich ohne zu fragen vor ihn auf den kalten Boden setzte: „Wir brauchten im zweiten Jahr mal einen Ort, wo wir ungestört einen Trank brauen konnten. Myrtes Klo war dafür perfekt… und seitdem ist sie ein wenig in Harry verschossen. Lustige Angelegenheit, wenn ich ehrlich bin.“

Draco, der eh schon grau im Gesicht war, erbleichte noch mehr: „Was? Sie steht auf Potter?“

Hermine zuckte nur nachlässig mit den Schultern: „Unerwiderte Liebe. Harry war seit Ewigkeiten nicht mehr hier. Aber während des Trimagischen Turniers hat sie ihn im Vertrauensschülerbad hemmungslos angeflirtet.“

Für einen Moment blieb er stumm. Er fragte sich, ob das Schicksal ihm irgendetwas sagen wollte. Nicht nur, dass er in einem schwachen Moment Granger sein Mal gezeigt hatte. Nein, er hatte auch seinen Auftrag und all sein Leid ausgerechnet dem Geist erzählt, der in Potter verliebt war. Als wollten alle Mächte der Welt dafür sorgen, dass Potter von seinem Plan und seiner Zugehörigkeit zu den Todessern erfuhr.

„Ich bin übrigens ziemlich überrascht, dass ausgerechnet du von Myrte weißt“, nahm Hermine nach einigen Momenten den Gesprächsfaden wieder auf: „Ich wollte hier eigentlich in Ruhe nachdenken… ich hatte keine Lust, im Raum der Wünsche aus Versehen über dich zu stolpern, also bin ich extra hergekommen. Ironie des Schicksals, mh?“

„In der Tat“, erwiderte Draco trocken. Mühsam richtete er sich auf und fluchte unwillkürlich, als er merkte, wie schwach er auf den Beinen war. Böse blickte er auf Hermine hinab: „Ich würde mir gerne das Gesicht waschen… wenn du so freundlich wärst, mich aus der Kabine zu lassen?“

Stumm rückte sie beiseite und beobachtete dann, wie er sich ausführlich den Mund ausspülte, die Hände wusch und zuletzt sein Gesicht mit ein wenig Wasser bespritzte. Der abstoßende Geschmack auf der Zunge blieb, doch fühlte er sich zumindest ein wenig besser. Vielleicht sollte er diese Gelegenheit ergreifen und das Gespräch mit Granger führen, das er gestern geplant hatte. Bevor sie Potter noch mehr erzählte.

„Granger“, sagte er langsam, während er sich zu ihr umdrehte: „Ich würde gerne… irgendwie nochmal über die Feier bei Slughorn reden.“

Er sah, wie Hermine augenblicklich zusammenzuckte und ihn als Antwort voller Verachtung anstarrte. Hatte sie etwa für einen Moment vergessen, was passiert war? Er holte tief Luft: „Du scheinst ja noch nicht zu Dumbledore gegangen zu sein…“

„Verdammt richtig“, unterbrach sie ihn. Umständlich erhob sie sich vom Boden und baute sich mit verschränkten Armen vor ihm auf. Es war erstaunlich, wie sie den Eindruck erwecken konnte, auf ihn herabzuschauen, obwohl er mehr als einen Kopf größer war als sie. Ihre Augen blitzten, als sie fortfuhr: „Und weißt du, was der Grund dafür ist? Ich bin verflucht nochmal unendlich naiv. Ich habe den ganzen Tag gestern darauf gewartet, dass du zu mir kommst und mir erklärst, dass ich alles falsch verstanden habe. Verstehst du? Ein winziger Teil von mir kann immer noch nicht glauben, dass du mich so sehr belogen hast. Aber nichts. Du hast dich nicht mal im Unterricht blicken lassen. Weißt du, was das für einen Eindruck bei mir erweckt?“

„Granger“, unterbrach er sie, ehe sie sich noch mehr in Rage reden konnte: „Granger, stopp, hör mir zu, okay?“

Zu seiner Erleichterung verstummte sie tatsächlich, doch ihre Haltung blieb ablehnend. Seufzend fuhr er sich durch sein Haar. Wie sollte er anfangen?

„Du warst tatsächlich ziemlich naiv, dass du geglaubt hast, dass ich… naja, nur so zum Spaß Todesser bin. Das Dunkle Mal ist ein bindender, magischer Vertrag, ich habe mich dem Dunklen Lord unterworfen und er hat jetzt Macht über mich. Ob es mir gefällt oder nicht, ich muss ihm gehorchen. Deswegen habe ich es dir gezeigt, damit du verstehst, dass… dass ich wirklich, wirklich nicht auf derselben Seite stehe wie du.“

Ihre Lippen zitterten, als sie erwiderte: „Wenn du wirklich ein Todesser aus Überzeugung wärst, hättest du… hättest du mich nicht geküsst.“

„Ja, vielleicht“, murmelte er mehr zu sich als zu ihr, doch das war nicht der Punkt, den er vermitteln wollte. Er setzte neu an: „Ich habe an dem Abend von Slughorns Feier tatsächlich versucht, einen Auftrag auszuführen oder zumindest vorzubereiten. Aber… noch ist nichts passiert. Noch wäre Zeit, den Plan aufzuhalten.“

Ihre Augen wurden groß: „Aufzuhalten?“

„Ich habe eine Flasche mit ziemlich teuren Alkohol…“

Doch weiter kam er nicht. Ein lauter Gong verkündete das Ende der Mittagspause. Fluchend schaute er zu Hermine. Er wusste, sie würde um keinen Preis der Welt auch nur eine Unterrichtsstunde verpassen wollen. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu schließen, war sie ebenso frustriert über die unpassende Unterbrechung wie er, doch sie ließ sich nicht beirren. Eilig griff sie nach ihrer Schultasche.

„Ich habe keine Ahnung, was du von mir willst, Malfoy, und ganz ehrlich, du machst es mir unglaublich schwer, dir noch irgendetwas zu glauben. Aber wie gesagt, ich bin offenbar tatsächlich wahnsinnig naiv und dumm und blind. Ich gebe dir eine Chance“, sagte sie gehetzt, während sie mit ihm auf den Fersen auf den Ausgang zusteuerte: „Ich halte für heute noch einmal meine Klappe. Aber wenn du morgen Abend nicht zum Raum der Wünsche kommst und mir haarklein erzählst, was du bei Slughorns Party getan hast, bekommst du Donnerstag eine Einladung von Dumbledore, verstanden?“

„Ich werde da sein“, versicherte er ihr. Und schneller, als er schauen konnte, rannte sie den Gang entlang zum Unterricht. Kopfschüttelnd trottete er Richtung Kerker. Er hatte sich auf wundersame Weise einen weiteren Tag erkauft. Jetzt musste er sich nur überlegen, was er morgen Hermine erzählen wollte, damit sie ihm half, die Flasche Alkohol unschädlich zu machen, ohne dass sie dabei von seinem anderen Plan erfuhr oder überhaupt auf die Idee kam, dass er noch einen anderen Plan hatte.

Es war ein Spiel auf Zeit. Er eroberte sich ihr Vertrauen zurück, nur um es in gar nicht allzu ferner Zukunft wieder zu zerstören. Aber vielleicht hatte er bis dahin gelernt, sie nicht mehr zu mögen.

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