16. Dezember

"Wolltest du nett sein?"

Überrascht drehte Draco sich um. Er hatte nicht mitbekommen, dass Hermine ihn eingeholt hatte. Auch ihre Frage erschloss sich ihm nicht: "Bitte?"

"Ich spreche von der Klausur", erklärte Hermine, während sie ihren Schirm aufspannte, um dem Schnee zumindest ein Stück weit zu entkommen: "Die Aufgaben waren wirklich leicht. Ich glaube, selbst wenn ich nicht gelernt hätte, hätte ich sie alle beantworten können."

Draco klappte den Kragen seines kurzen Mantels hoch und vergrub seine Hände in den Taschen: "Wir haben Anweisungen. Und eine dieser Anweisungen lautet, dass wir alle Fragen so gestalten sollen, dass sie für jeden Schüler, der dem Unterricht aufmerksam folgt, lösbar sind. Entsprechend ist für jemanden wie dich Lernen gar nicht notwendig, weil du immer so aufmerksam bist, dass du dir alles direkt merkst."

"Aber ... dann kann man es ja gleich lassen. Keiner wird bei solchen Klausuren durchfallen!"

"Korrekt", nickte Draco: "Das ist der Sinn der Übung. Dieses Vorbereitungsjahr soll die Anwärter auf ihre Arbeit im Ministerium vorbereiten. Es geht nicht darum, irgendwen auszusortieren, sondern lediglich darum, alle so gut wie möglich in ihre künftigen Berufe einzuführen. Wer es ins Vorbereitungsjahr geschafft hat, ist bereits als Arbeitnehmer angenommen."

Hermine machte große Augen: "Dann wird auch eine hohle Frucht ... ich meine ... jemand wie Lydia Bennet so oder so akzeptiert?"

Draco seufzte: "Ebenfalls korrekt."

Schweigend überquerten sie gemeinsam die Straße. Auf der anderen Seite blieben sie stehen und Hermine bemerkte, dass Draco vermutlich wie gewohnt das Café, vor dem sie standen, besuchen würde. Unschlüssig, was sie sagen sollte, und plötzlich auch merkwürdig befangen, blickte sie ihn stumm an. Ganz offensichtlich war ihm dieser Moment ebenso unangenehm, denn er erwiderte ihren Blick nicht. Stattdessen wandte er sich zu seinem Stammcafé um und murmelte: "Ich nehme jetzt noch einen Kaffee ... falls du willst ... können wir drinnen noch ein bisschen weiter über die Arbeit im Ministerium reden."

Hermine erinnerte sich nur zu gut daran, was das letzte Mal geschehen war, als Draco sie eingeladen hatte, mit ihm zusammen noch einen Kaffee zu trinken: "Wirst du dann auch mit mir reden oder habe ich dann wieder nur einen stummen Fisch vor mir sitzen?"

Verärgert zog er die Brauen zusammen: "Natürlich rede ich mit dir. Also?"

Lächelnd klappte Hermine den Schirm zusammen und trat ohne weitere Aufforderung durch die Tür in das einladend warme Café. Dennoch entging ihr nicht, dass Draco sich noch einmal umdrehte und den Ausgang der Berufsschule intensiv musterte, eher er ihr folgte. Sie fragte sich, ob er nach Lydia Ausschau hielt, und wenn ja, ob er von ihr gesehen werden wollte oder nicht. Schnell rief sie sich jedoch zur Ordnung - Dracos Liebesleben und seine merkwürdige Beziehung zu Lydia gingen sie nichts an. Wenn sie darüber nachdachte, würde sie nur wieder den Elefanten herbei imaginieren, den sie gestern schon zwischen sich und ihm hatte stehen sehen.

Bereitwillig ließ sie sich von Draco zu seinem Stammplatz führen, doch als er ihr wie ein Gentleman den Mantel abnehmen wollte, schüttelte sie nur den Kopf: "Lass nur, danke. Ich käme mir komisch dabei vor, von dir so höflich behandelt zu werden. Das passt nicht."

Mit einem grimmigen Ausdruck auf dem Gesicht setzte er sich, während sie ihre Sachen auf einem benachbarten Stuhl ordnete: "Du kannst es nicht lassen, was, Granger? Du musst mich immer wieder damit aufziehen, wie ach so fies ich zu dir bin."

"Ich ziehe dich nicht damit auf", erwiderte sie, während sie sich endlich auf dem Stuhl ihm gegenüber nieder ließ: "Ich versuche lediglich dir klarzumachen, dass ich es dir nicht übel nehme, wenn du mich wie sonst auch behandelst. Wirklich, du musst dich nicht bemühen."

Statt ihr eine Antwort zu geben, wandte er sich an eine der Kellnerinnen, die ihm lächelnd die Bestellung "Dasselbe wie immer" abnahm, ehe sie sich Hermine widmete. Diese zeigte sich kurz überfordert, bestellte dann jedoch aus Gewohnheit eine große Schale Milchkaffee. Als sie ihre Aufmerksamkeit wieder Draco zuwandte, bemerkte sie, dass er ihren Blick noch immer nicht erwiderte. Und plötzlich war der Elefant doch wieder da.

Unsicher musterte sie ihn. Was war da nur? Sie hatten doch inzwischen beide mehr oder weniger akzeptiert, dass sie vielleicht nicht ganz so unausstehlich waren, wie sie zu Schulzeiten noch angenommen hatten. Sie war beeindruckt davon, dass er einen richtigen Beruf ergriffen hatte und auch noch gut darin war. Genauso wie er zumindest anerkannt hatte, dass sie gute Gründe für ihren verzögerten Start ins Berufsleben gehabt hatte. Warum war nur alles so unangenehm zwischen ihnen, wenn sie nicht gerade stritten oder sich gegenseitig beleidigten?

Als der Kaffee schließlich kam und Draco noch immer alles Mögliche, aber nicht sie angeschaut hatte, gab sich Hermine schließlich einen Ruck: "Genug jetzt. Wenn dir mein Anblick so zuwider ist, sag es nur. Aber mich anschweigen, obwohl du das Gegenteil versprochen hast, und mich nicht anzuschauen, das ist wirklich unhöflich, Malfoy!"

Draco zuckte zusammen. Er war sich nur zu bewusst, dass es lächerlich war, was er hier tat, aber er konnte einfach nicht aus seiner Haut. Im Rahmen des Unterrichts oder auch in der Kantine war ihm die Anwesenheit von Hermine nicht nur nicht unangenehm, sondern im Gegenteil er fand sogar Gefallen an den Unterhaltungen mit ihr. Deswegen hatter er sie ja erneut aus einem Bauchgefühl heraus auf einen Kaffee eingeladen. Aber sobald sie alleine waren, in privatem Rahmen, erinnerte er sich wieder daran, wie er schon eine Woche zuvor in die Versuchung gekommen war, sie zu küssen. Jedes Mal kroch dieses Verlangen in ihm hoch, einfach einmal auszuprobieren, wie es sich anfühlen würde, Hermine Granger zu küssen. Doch das ging natürlich nicht, immerhin war sie ... nunja, Hermine Granger eben. Und sie wäre entsetzt, wenn sie seine Gedanken kennen würde.

Er schloss die Augen, konzentrierte sich auf das, worüber sie zuvor gesprochen hatten, und als er sie wieder öffnete, blickte er Hermine endlich direkt an. Unter Aufbietung all seiner Selbstbeherrschung ignorierte er das Herzklopfen, das ihn beim Anblick ihrer fragend geöffneten Lippen und ihrer leicht verletzt dreinschauenden Augen ergriff, und knüpfte an ihre Unterhaltung an: "Tut mir leid, ich war kurz woanders. Ich glaube, wir haben über die Arbeit im Ministerium gesprochen ... und darüber, ob selbst jemand wie Miss Bennet dort arbeiten kann. Die traurige Wahrheit ist: Auf der Ebene der Sektretärinnen und Sachbearbeiter findest du nur solche Menschen."

Skeptisch blickte Hermine ihn an. Das war zu viel und zu schnell erzählt, auch sein plötzlicher übermäßig direkter Blickkontakt war nicht normal. Irgendetwas war hier nicht in Ordnung, doch offensichtlich war Draco nicht gewillt, sich dem Elefanten zu stellen. Schulternzuckend nahm Hermine einen ersten Schluck von ihrem Milchkaffee und ließ sich auf das interessante, aber im Grunde belanglose Gespräch ein.

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