16. Kapitel

Am nächsten Morgen bekam Victor wieder Besuch von Julia. Neben ihrer Handtasche hatte sie auch einen Blumenstrauß mitgebracht. Den stellte sie in die Vase, die auf dem Tisch stand, bevor sie sich auf den Stuhl setzte. „Hallo Victor,“ begann sie das Gespräch, „ich habe meinen Chef gefragt, ob ich etwas später anfangen kann, um dich besuchen zu können. Er hatte damit kein Problem. Und dann habe ich mir gedacht, dass ich dir ein paar Blumen mitbringe. Hier sieht es ja ziemlich kahl aus. Durch die Blumen wird es ein bisschen angenehmer.“ Sie machte eine Pause, als ob sie auf eine Bestätigung Victors wartete. Dann fuhr sie fort: „Ich bin froh, dass ich heute erst ein bisschen später auf Arbeit muss – nicht nur, weil ich dich dadurch besuchen kann. Es ist einfach – wie soll ich das sagen – nicht immer so toll auf Arbeit. Gut, es ist meine Arbeit. Trotzdem komme ich mit den meisten Kollegen nicht besonders gut klar. Marie ist da die Ausnahme. Und dann sollen wir immer freundlich sein, auch wenn wir gerade mal einen schlechten Tag haben. Manchmal habe ich dann das Gefühl, dass ich das gar nicht mehr aushalte. Wie eine Maschine fühlt man sich da. Und wenn ich dann nach der Arbeit nach Hause komme, passiert auch nicht mehr viel. Ein bisschen was im Haushalt machen, etwas essen, und dann lege ich mich meist schon schlafen. Am nächsten Morgen muss ich ja wieder zeitig raus.“ Ohne nachzudenken fragte Julia: „Als was arbeitest du denn eigentlich?“ „Ach, wie blöd von mir“, stellte sie gleich darauf fest, „du kannst mir ja nicht antworten. Das hatte ich ganz vergessen“ sagte sie lächelnd. Gleich darauf wurde sie aber wieder ernst. „Weißt du, manchmal fühle ich mich im Alltag gefangen. Früh aufstehen, etwas essen. Danach auf Arbeit gehen und spät nach Hause kommen. Noch ein Happen zu essen, bevor man dann schließlich erschöpft ins Bett fällt. Wo bleibt da die Abwechslung? Mit der Zeit wird das alles träge und langweilig – zur Routine eben. Dir geht es sicherlich ähnlich. Jedem geht es so. Aber gibt es da einen Ausweg?“ Julia vertiefte sich in ihre Gedanken, ohne weiter mit Victor zu sprechen. Als plötzlich der Alarm ihres Handys losging, schrak sie hoch. Sie holte es aus ihrer Handtasche und sagte zu Victor gewandt: „Ach du Schreck. Schon so spät? Ich habe mir einen Wecker gestellt, damit ich nicht vergesse, auf Arbeit zu gehen. Leider muss ich jetzt los.“ Sie sprang auf und lief zur Tür. Im Hinausgehen rief sie noch: „Bis später, Victor!“

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